Wie schäd­lich ist Doom­scrol­ling?

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Es kann früh am Mor­gen sein, viel­leicht noch vor dem Auf­ste­hen, oder zu jeder ande­ren Tages­zeit. Es beginnt mit einer Nach­richt. Eigent­lich will man nur auf diese eine Text­nach­richt ant­wor­ten. Da man aber bereits am Smart­phone sitzt, beschließt man, auch seine E‑Mails zu über­prü­fen. Dann wen­det man sich den sozia­len Medien zu, die ihren eige­nen Reiz haben. Eine Nach­richt, ein Post oder ein Kom­men­tar führt zum nächs­ten, zum über­nächs­ten usw. Bevor du dich ver­siehst, ist eine halbe Stunde ver­gan­gen und du fühlst dich gestresst, ängst­lich, über­reizt, erschöpft und emo­tio­nal auf­ge­wühlt.

Kürz­lich tauchte ein neuer Begriff auf, der das Phä­no­men des end­lo­sen, auf­merk­sam­keits­rau­ben­den Scrol­lens in den sozia­len Medien prä­gnant zusam­men­fasst: Doom­scrol­ling. Doom­scrol­ling bezieht sich spe­zi­ell auf das Kon­su­mie­ren von beun­ru­hi­gen­den Nach­rich­ten in den sozia­len Medien, dar­un­ter Ver­schwö­rungs­theo­rien, inten­sive poli­ti­sche Kon­flikte oder gewalt­tä­tige Ereig­nisse, oft bis zu einem zwang­haf­ten Punkt. Auch wenn es zunächst wie eine im Wesent­li­chen harm­lose Gewohn­heit zur Zeit­ver­schwen­dung erschei­nen mag, zei­gen neue For­schungs­er­geb­nisse, dass es sich erheb­lich auf die psy­chi­sche Gesund­heit und das Wohl­be­fin­den aus­wir­ken und sogar die Wahr­neh­mung der Rea­li­tät ver­än­dern kann.

In einer Stu­die wurde unter­sucht, wel­che Aus­wir­kun­gen der über­mä­ßige Kon­sum nega­ti­ver Nach­rich­ten in den sozia­len Medien auf die Gedan­ken und Gefühle bezüg­lich des eige­nen Lebens haben kann. Die Befrag­ten wur­den gebe­ten, anzu­ge­ben, wie oft sie in den sozia­len Medien sur­fen, wie sehr sie sich um ihr eige­nes Leben sor­gen, ob sie glau­ben, dass die Welt ein gerech­ter Ort ist, und wie sie über die Mensch­heit im All­ge­mei­nen den­ken.

Die Stu­die zeigt: Das regel­mä­ßige Scrol­len in den sozia­len Medien – ins­be­son­dere, wenn dabei nega­tive, beun­ru­hi­gende oder trau­ma­ti­sche Geschich­ten kon­su­miert wer­den – ist mit Ver­än­de­run­gen in der Art und Weise ver­bun­den, wie wir andere Men­schen wahr­neh­men. Zudem wirkt es sich auf unser all­ge­mei­nes Sicher­heits- und Lebens­ge­fühl aus. „Doom­scrol­ling” führt dazu, dass Men­schen ande­ren gegen­über miss­traui­scher und arg­wöh­ni­scher wer­den. Es kann sogar ein Gefühl exis­ten­zi­el­ler Ver­zweif­lung aus­lö­sen, dass das Leben kei­nen wirk­li­chen Sinn hat.

Es zeigt sich, dass Doom­scrol­ling alles andere als eine harm­lose Akti­vi­tät ist. Viel­mehr kann es sich nega­tiv auf unsere Sicht der Men­schen und der Welt um uns herum aus­wir­ken. Doom­scrol­ling wird mit exis­ten­zi­el­len Ängs­ten in Ver­bin­dung gebracht, bei­spiels­weise mit Sor­gen um die eigene Exis­tenz, um Leben und Tod.

Die For­schung bestä­tigt, was die gelebte Erfah­rung bereits seit eini­ger Zeit nahe­legt. Das Betrach­ten ver­stö­ren­der Nach­rich­ten in den sozia­len Medien kann eine Quelle für ver­schie­dene Trau­mata sein, wäh­rend eine Per­son psy­chisch belas­tet wird, ohne selbst ein Trauma erlebt zu haben. Der inten­sive Kon­takt mit Infor­ma­tio­nen und Bil­dern, die mit trau­ma­ti­schen Ereig­nis­sen in Ver­bin­dung ste­hen, kann zu Sym­pto­men füh­ren, die einer post­trau­ma­ti­schen Belas­tungs­stö­rung (PTBS) ähneln. Dazu zäh­len Angst, Depres­sio­nen, Wut, Miss­trauen und Ver­zweif­lung. Wenn man diese Dyna­mik aus­dehnt, scheint es sehr wahr­schein­lich, dass Men­schen, die bereits ein Trauma erlebt haben, durch das „Doom­scrol­ling“ erneut trau­ma­ti­siert wer­den und ihr trau­ma­be­ding­ter Lei­dens­druck sich ver­schlim­mert – unab­hän­gig davon, ob sie an einer PTBS lei­den oder nicht.

Phy­sio­lo­gisch gese­hen ver­än­dert „Doom­scrol­ling“ die Akti­vi­tät des Ner­ven­sys­tems, indem es die stress­be­ding­ten Kampf-Flucht-Reak­tio­nen des sym­pa­thi­schen Teils des auto­no­men Ner­ven­sys­tems akti­viert. Diese Reak­tio­nen tre­ten auf, wenn wir uns unsi­cher füh­len. Dabei han­delt es sich um eine Reihe von Reak­tio­nen, die als Ant­wort auf Bedro­hun­gen auf­tre­ten – unab­hän­gig davon, ob diese real und gegen­wär­tig sind (z. B. wenn jemand eine Waffe auf uns rich­tet), nur in unse­rer Gedan­ken­welt exis­tie­ren oder wir nur das vage Gefühl haben, dass etwas Schreck­li­ches bevor­steht.

Die Atmung wird schnell und flach, die Herz­fre­quenz und der Blut­druck stei­gen, die Mus­kel­span­nung nimmt zu und es wer­den Cor­ti­sol und Adre­na­lin aus­ge­schüt­tet. Auf­grund der engen Ver­bin­dung zwi­schen Kör­per und Geist führt dies zu Angst, Furcht, Depres­sio­nen, Miss­trauen und sogar Ver­zweif­lung.

All dies unter­streicht, wie wich­tig es ist, dass Men­schen ihre Online-Gewohn­hei­ten bewusst gestal­ten. Unsere geis­tige und see­li­sche Gesund­heit sowie unser Wohl­be­fin­den erfor­dern, dass wir bewusst dar­auf ach­ten, wie viel Zeit wir in den sozia­len Medien ver­brin­gen und wel­che Aus­wir­kun­gen dies auf unsere Gedan­ken, Emo­tio­nen und Bezie­hun­gen hat – ins­be­son­dere im Zusam­men­hang mit nega­ti­ven Nach­rich­ten und Ereig­nis­sen. Jeder Tag bie­tet uns die Mög­lich­keit, Ver­än­de­run­gen vor­zu­neh­men: Wir kön­nen die Zeit, die wir in den sozia­len Medien ver­brin­gen, redu­zie­ren und regel­mä­ßige Pau­sen ein­le­gen, in denen wir uns nicht mit beun­ru­hi­gen­den Inhal­ten beschäf­ti­gen.

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