Wenn führende Köpfe der Unionsparteien eine teilweise rechtsextreme Partei wie die Alternative für Deutschland (AfD) mit linken Kräften gleichsetzen, dann geschieht dies selten aus reiner Affekthandlung. Auf dem Deutschlandtag der Jungen Union forderte CSU-Chef Markus Söder eine „Brandmauer nach links“ und mahnte, man dürfe das Land keinesfalls radikalen Kräften überlassen. In dieselbe Kerbe schlug CDU-Chef Friedrich Merz mit seiner scharfen Warnung: „Hört auf damit, was ihr da in Berlin auf dem Wege seid, anzuzetteln!“ – ein gezielter Vorstoß, um politische Annäherungen an die Linkspartei moralisch wie strategisch zu ächten. Diese Rhetorik wird von parlamentarischen Initiativen wie der Bundestagsentschließung „Nie wieder ist jetzt – Jüdisches Leben in Deutschland schützen, bewahren und stärken“ flankiert, in der antisemitische sowie verfassungsfeindliche Tendenzen pauschal an den jeweiligen Rändern des Spektrums verortet werden.
Doch welche Auswirkungen hat diese strategische Äquivalenz auf die Bürgerinnen und Bürger? Aus neurobiologischer Sicht trifft die rhetorische Gleichschaltung auf ein menschliches Gehirn, dessen vorrangiges Prinzip die Ersparnis kognitiver Energie ist. Um die Komplexität moderner Politik zu bewältigen, greift das Denken bevorzugt auf vereinfachende Schemata zurück. Wenn die konservative Führung eine absolute Symmetrie zwischen dem linken und dem rechten Rand beschwört, bedient sie genau dieses tief sitzende Verlangen nach visueller und gedanklicher Ordnung. In den Köpfen ordnet sich das politische Feld zu einer ausbalancierten Waagschale: Hier der eine Abgrund, dort der andere und dazwischen die einzig verbliebene Insel der Vernunft.
Diese verfestigte Metaphorik verändert die neuronalen Wissensstrukturen nachhaltig. Durch die permanente begriffliche Kopplung verweben sich im Gehirn ehemals getrennte semantische Netzwerke. Der Begriff des „Extremismus“ verschwimmt so zu einer diffusen Sammelkategorie für jegliche Systemkritik. Gleichzeitig führt das Dauerfeuer doppelter Bedrohungsszenarien im neuronalen Alarmsystem – allen voran in der Amygdala – zu einer klassischen Habituation: Wer ununterbrochen vor Gefahren von links und rechts gleichermaßen gewarnt wird, stumpft gegenüber dem spezifischen Warnsignal vor rechtsextremen Tendenzen schrittweise ab. Die alarmierende Wirkung verpufft im Hintergrundrauschen einer Allgegenwart des Gefährlichen.
Neurobiologie der Äquivalenz: Das Gehirn auf dem Weg der kognitiven Abkürzung
Das menschliche Gehirn interpretiert politische Sprache nicht primär über juristische Feinjustierungen, sondern über tiefe emotionale und assoziative Grundmuster. Durch die stetige Wiederholung rhetorischer Formeln, in denen die Linke und die AfD in einem Atemzug genannt werden, verankert sich im Langzeitgedächtnis eine unbewusste Gleichwertigkeit beider Phänomene. Diese Verschiebung in den kognitiven Netzwerken entfaltet eine spürbare Eigendynamik in der Wahrnehmung der Wählerschaft.
- Kognitive Entlastung durch Symmetrie: Das Gehirn bevorzugt einfache Binaritäten und nutzt das Hufeisen-Modell als mühelose Heuristik, um die Welt einzuteilen.
- Habituation des Bedrohungssystems: Durch ständige Warnung vor allen Rändern reagiert die Amygdala mit reduzierter Sensitivität gegenüber echten rechtsextremen Gefahren.
- Semantische Rekonstruktion: In den Assoziationsnetzen verschmelzen demokratisch-linke Positionen und völkischer Nationalismus zu einer einzigen Kategorie des „Gefährlichen“.
- Verstärkung von Framing-Effekten: Sprache aktiviert vorgefertigte Denkrahmen, welche komplexe Differenzierungen zwischen Verfassungsfeindlichkeit und Systemkritik ausblenden.
- Affektive Verunsicherung: Die ständige Rhetorik der doppelten Bedrohung erzeugt ein diffuses Unsicherheitsgefühl und verstärkt den Wunsch nach starker Führung.
Verhaltenspsychologie der Gleichsetzung: Normalisierung und Overton-Fenster
Durch die rhetorische Gleichstellung zweier grundverschiedener politischer Kräfte verschiebt sich das gesellschaftliche Koordinatensystem unweigerlich. Das Overton-Fenster, also der Korridor, der den Rahmen des gesellschaftlich Sagbaren und Akzeptierten absteckt, wandert merklich nach rechts. Da linke Parteien seit Jahrzehnten als selbstverständlicher Teil der parlamentarischen Praxis auf kommunaler, Landes- und Bundesebene fungieren, färbt deren institutionelle Normalität durch den Prozess der Gleichsetzung unbewusst auf das Erscheinungsbild der AfD ab.
Parallel dazu greift ein verhaltenspsychologischer Kernmechanismus: das Streben nach Vermeidung kognitiver Dissonanz. Wer mit Teilen des AfD-Programms sympathisiert, sich jedoch vor dem Stigma der Verfassungsfeindlichkeit scheut, findet in den Ausführungen von Merz und Söder eine willkommene mentale Entlastung. Wenn das politische Establishment erklärt, die Linke sei von gleicher Brisanz wie die AfD, löst sich der innere Konflikt auf. Die Entscheidung für den rechten Rand wird somit aus der Zone des gesellschaftlichen Tabus herausgeholt und zu einer alltäglichen, legitimen Protestoption umgedeutet.
Die psychologischen Folgen für die AfD: Der Weg im Aufwind
Entgegen dem Ziel konservativer Strategen, die eigene Position als einzig verlässlichen Anker der Mitte zu inszenieren, zieht vor allem eine Akteurin Nutzen aus dieser Rhetorik: die AfD. Das gesellschaftliche Stigma gegen völkisches Gedankengut – historisch einer der wirksamsten Schutzwälle der Demokratie – verliert zunehmend seine abschreckende Wirkung. Sobald die wahrgenommenen sozialen Kosten einer AfD-Unterstützung sinken, weil die Partei mit den etablierten Parteien gleichgesetzt wird, sinkt in breiten Bevölkerungsschichten die Hemmschwelle, sie zu wählen.
Gleichzeitig nutzt die AfD die Angriffe der politischen Mitte mühelos als Treibstoff für ihre eigene Erzählung. Sie bedient sich der Rhetorik der doppelten Abgrenzung, um sich als Opfer darzustellen und sich als einziger echter Gegenpol zu einem angeblichen Kartell der Altparteien zu inszenieren. Wenn zudem Beschlüsse wie „Nie wieder ist jetzt“ überdehnt ausgelegt werden, verwässert das die spezifische Natur der völkischen Ideologie – sie geht im allgemeinen Grundrauschen einer polarisierten Parteienlandschaft unter.
- Abbau sozialer Stigmatisierungskosten: Die Wählerschaft empfindet das Risiko gesellschaftlicher Ächtung als deutlich geringer.
- Banalisierung der Verfassungsfeindlichkeit: Durch die Überdehnung des Begriffs des Extremismus verliert dieser seine spezifische Abschreckungswirkung.
- Validierung des Protest-Narrativs: Die AfD kann sich als einzige echte Alternative zu einem „Kartell der Mitte” inszenieren.
- Übertragung von Systemlegitimität: Der etablierte Status der Linken färbt unbewusst auf die Akzeptanz der AfD ab.
- Reduktion kognitiver Dissonanz: Wähler können ihre Unterstützung der AfD vor sich selbst als ganz normalen Akt des Protests rechtfertigen.
Die Rechtsverschiebung der CDU: Strategie der Asymmetrie
Bei genauerer Betrachtung zeigt sich in der strategischen Ausrichtung der Unionsführung ein tiefgreifender Widerspruch. Während die Parteispitze rhetorisch das Bild zweier gleich hoher, unüberwindbarer Brandmauern aufrechterhält, offenbart die inhaltliche Programmatik eine deutliche Asymmetrie. Sei es in der Migrationsdebatte, der Ausgestaltung des Sozialstaates, der Ablehnung progressiver Gesellschaftspolitik oder der Skepsis gegenüber ökologischen Transformationsprozessen: Die Sprache und die Themenauswahl der Union rücken schrittweise an jene Positionen heran, die bisher vor allem von der AfD vertreten wurden.
Aus verhaltenspsychologischer Sicht löst dieses Manöver einen Effekt der Validierung durch Nachahmung aus. Indem die bürgerliche Mitte die Problemdefinitionen des rechten Spektrums übernimmt, signalisiert sie den Wählern unbewusst, dass deren Diagnosen von Beginn an zutreffend waren. Der Versuch, der AfD durch Themenübernahme den Wind aus den Segeln zu nehmen, schlägt somit ins Gegenteil um: Er verstärkt die Glaubwürdigkeit des Akteurs aus dem rechten Spektrum und lässt dessen Position als die einzig konsequente erscheinen.
Ist die CDU der AfD somit näher als der SPD?
Um diese Frage fundiert zu beantworten, muss man die Ebene der demokratischen Institutionenordnung von der Achse inhaltlicher Streitfragen trennen.
Wenn es um das fundamentale Staatsverständnis, die Prinzipien der parlamentarischen Demokratie, die Westbindung sowie die europäische Integration geht, verbindet CDU und SPD eine tief verwurzelte Konsensstruktur. Auf dieser verfassungsrechtlichen Ebene trennt die Union eine unüberwindbare Kluft von der AfD, die wesentliche Pfeiler dieses Systems infrage stellt.
Betrachtet man jedoch die konkrete Tagespolitik und die programmatischen Grundhaltungen, so verschieben sich die Koordinaten spürbar. In Fragen der Migrationssteuerung, der Ressourcenverteilung, der Steuerpolitik und der gesellschaftlichen Werteordnung gibt es im konservativen Spektrum oft mehr Schnittmengen mit der AfD als mit den sozialdemokratischen oder progressiven Entwürfen der SPD. Daraus erwächst für die Union ein permanentes Dilemma: Jeder Versuch, das eigene Profil zu schärfen und sich von der SPD abzugrenzen, verringert ungewollt den wahrgenommenen Abstand zum rechten Rand.
- Institutionelle Loyalität: Während CDU und SPD die parlamentarische Ordnung uneingeschränkt bejahen, lehnt die AfD sie in Teilen ab.
- Programmatische Schnittmengen: In der Migrations- und Sozialpolitik liegt die CDU inhaltlich oft näher an der AfD als an der SPD.
- Bündnisfähigkeit: Während mit der SPD realisierbare Koalitionsoptionen bestehen, schließt die Union formelle Bündnisse mit der AfD aus.
- Wertfundament: Das christlich-demokratische Menschenbild der CDU unterscheidet sich grundlegend vom völkischen Ansatz der AfD.
- Rhetorische Feindbildpflege: Die CDU schärft ihre rhetorischen Angriffe oft stärker gegen die SPD und die Grünen als gegen die AfD.
Die ungewollte Katalysatorfunktion der Gleichsetzung
Aus verhaltenspsychologischer und neurobiologischer Sicht wird deutlich, dass die Strategie der doppelten Brandmauer und die rhetorische Gleichsetzung von Linken und AfD unbeabsichtigte Nebenwirkungen entfalten. Anstatt die politische Mitte zu stärken und den extremen Rand zu isolieren, führt die Einebnung der Unterschiede zu einer Entschärfung des rechtsextremen Bedrohungspotenzials im öffentlichen Bewusstsein.
Das Gehirn verarbeitet die Signale politischer Führungspersönlichkeiten als Erlaubnis zur Banalisierung. Die ständige Betonung einer angeblichen Gefahr von links entzieht der notwendigen Abgrenzung gegenüber völkischem Gedankengut die Schärfe. Wenn die CDU gleichzeitig programmatisch nach rechts rückt, um Wählergruppen zurückzugewinnen, fungiert sie unabsichtlich als Katalysator für die Normalisierung der AfD.
Der Versuch, die Demokratie zu schützen, schlägt durch die Psychologie der Gleichsetzung ins Gegenteil um: Er ebnet dem rechten Rand den Weg in die Mitte der Gesellschaft.
