Erst die Peit­sche, dann der Die­sel

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Am Frei­tag­abend des 9. Okto­bers 2026 tele­fo­nierte US-Prä­si­dent Donald Trump mit Wla­di­mir Putin. Kurz dar­auf ver­kün­dete er auf sei­ner Platt­form Truth Social, dass Russ­land „umge­hend“ mehr als 300.000 Ton­nen Die­sel für die USA und den Welt­markt bereit­stel­len werde. Laut Berich­ten sol­len wei­tere Men­gen von meh­re­ren Mil­lio­nen Ton­nen fol­gen. Das US-Finanz­mi­nis­te­rium stellte eine befris­tete Aus­nah­me­ge­neh­mi­gung von den Russ­land-Sank­tio­nen aus, wie die Wirt­schafts­Wo­che berich­tet, bis April 2027. Trump bedankte sich öffent­lich bei Putin.

Am Sams­tag legte er nach. Die Ukraine brau­che einen neuen Prä­si­den­ten, der ein Abkom­men mit Russ­land schlie­ßen könne. Zugleich machte er Wolo­dymyr Selen­skyj für die Die­sel­knapp­heit mit­ver­ant­wort­lich, da ukrai­ni­sche Angriffe auf den rus­si­schen Ener­gie­sek­tor die Lage ver­schärft hät­ten. Selen­skyj hatte den Deal zuvor als „unwür­dig“ und „schwach“ bezeich­net. Die EU-Außen­be­auf­tragte Kaja Kal­las warnte, die Locke­rung ver­schaffe Mos­kau zusätz­li­che Ein­nah­men für den Krieg.

Das wirkt auf viele wie ein Bruch. Im Okto­ber 2025 ver­hängte Trump erst­mals in sei­ner zwei­ten Amts­zeit Ukraine-bezo­gene Straf­maß­nah­men gegen Russ­land, indem er Sank­tio­nen gegen die Ölkon­zerne Ros­neft und Lukoil ver­hängte. Dies geschah, nach­dem ein geplan­tes Tref­fen mit Putin in Buda­pest geplatzt war. Im Sep­tem­ber 2026 unter­zeich­nete er außer­dem ein vom Kon­gress ver­ab­schie­de­tes Gesetz, das ihm weit­rei­chende Befug­nisse für neue Russ­land-Sank­tio­nen gab. Nur wenige Wochen spä­ter lockerte er die Sank­tio­nen jedoch selbst. Die Frage, die sich viele stel­len, lau­tet: Wie passt das zusam­men? Und was geht dabei im Kopf eines Men­schen vor, der so han­delt?

Der schein­bare Wider­spruch ist viel­leicht gar kei­ner

Der erste Schritt zur Erklä­rung ist ein Per­spek­tiv­wech­sel. Wir sehen Sank­tio­nen und Die­sel-Deal als Wider­spruch, weil wir davon aus­ge­hen, dass Sank­tio­nen für Trump ein Prin­zip sind: Russ­land ist der Aggres­sor, also muss es bestraft wer­den. Trump ver­steht Sank­tio­nen jedoch nicht als Prin­zip, son­dern als Werk­zeug.

Bereits 1976 zeigte der Poli­tik­wis­sen­schaft­ler Robert Jer­vis in sei­nem Klas­si­ker „Per­cep­tion and Mis­per­cep­tion in Inter­na­tio­nal Poli­tics“, dass Staats­len­ker das Ver­hal­ten ande­rer durch die Brille ihrer Grund­an­nah­men deu­ten. Trumps seit Jahr­zehn­ten öffent­lich ver­tre­tene Grund­an­nahme ist trans­ak­tio­nal: Bezie­hun­gen sind Geschäfte, jede Seite will etwas und wer den stär­ke­ren Hebel hat, gewinnt. In die­ser Logik sind Sank­tio­nen Druck­mit­tel, die man anwen­det, solange sie nüt­zen, und zurück­nimmt, wenn ein bes­se­res Ange­bot auf dem Tisch liegt. Wer so denkt, emp­fin­det eine Locke­rung der Sank­tio­nen nicht als Ver­rat, son­dern als nor­ma­len Zug im Ver­hand­lungs­spiel.

Hinzu kommt ein ver­wand­ter Denk­stil, den die Psy­cho­lo­gie als Null­sum­men-Den­ken bezeich­net. Der Gewinn des einen ist der Ver­lust des ande­ren. Wer die Welt so sieht, neigt dazu, Bünd­nisse nach ihrem momen­ta­nen Nut­zen zu bewer­ten. Ein Part­ner, der aus die­ser Sicht „nicht lie­fert“, ver­liert an Wert, wäh­rend ein Geg­ner, der etwas anbie­tet, an Inter­esse gewinnt. Das erklärt noch nicht, warum gerade jetzt und gerade so gehan­delt wurde. Es erklärt jedoch, warum der Wech­sel von der Peit­sche zum Ange­bot für Trump selbst ver­mut­lich weni­ger dra­ma­tisch ist als für seine Beob­ach­ter.

Das Gehirn lebt in der Gegen­wart: Sprit­preise und Zwi­schen­wah­len

Der zweite Schlüs­sel liegt im Kalen­der. Die US-Zwi­schen­wah­len fin­den Anfang Novem­ber, also in weni­ger als einem Monat, statt. Die stark gestie­ge­nen Sprit­preise in den USA set­zen Trump und die Repu­bli­ka­ner unter Druck. Meh­rere Beob­ach­ter – dar­un­ter das ZDF – deu­ten den Die­sel-Deal des­halb als Reak­tion auf diese innen­po­li­ti­sche Lage. Bemer­kens­wert ist dabei, dass bis zur Wahl kaum rele­vante Men­gen rus­si­schen Die­sels den Markt errei­chen dürf­ten. Es geht also weni­ger um den tat­säch­li­chen Preis als um das Signal, dass der Prä­si­dent etwas gegen hohe Preise unter­nimmt.

Die­ses Mus­ter ist der Ver­hal­tens­wis­sen­schaft gut bekannt. Es wird Gegen­warts­ver­zer­rung genannt: Men­schen bewer­ten Beloh­nun­gen und Kos­ten in der Nähe viel stär­ker als sol­che in der Ferne. Der Nobel­preis­trä­ger Daniel Kah­ne­man beschreibt in „Schnel­les Den­ken, lang­sa­mes Den­ken“, wie das schnelle, intui­tive Sys­tem 1 unsere Ent­schei­dun­gen domi­niert, wenn Druck herrscht, wäh­rend das lang­same, abwä­gende Sys­tem 2 Zeit und Ener­gie benö­tigt. Die Neu­ro­wis­sen­schaft stützt diese Theo­rie: In einer viel­zi­tier­ten Stu­die der For­scher­gruppe um Samuel McClure (Sci­ence, 2004) zeigte sich, dass bei Ent­schei­dun­gen über sofor­tige Beloh­nun­gen Areale des lim­bi­schen Sys­tems, also der emo­tio­na­len Hirn­re­gio­nen, beson­ders aktiv sind. Bei Abwä­gun­gen über län­gere Zeit­räume sind dage­gen stär­ker die Netz­werke des prä­fron­ta­len Kor­tex, des soge­nann­ten Pla­nungs­hirns, betei­ligt.

Im poli­ti­schen All­tag ver­stärkt sich die­ser Effekt, denn Wahl­zy­klen beloh­nen Kurz­fris­tig­keit. Die Poli­tik­wis­sen­schaft­ler Andrew Healy und Neil Mal­ho­tra haben bereits im Jahr 2009 nach­ge­wie­sen, dass Wäh­le­rin­nen und Wäh­ler Poli­ti­ker eher für sicht­bare, aktu­elle Ergeb­nisse beloh­nen als für vor­beu­gen­des Han­deln. Wer vier Wochen vor einer Wahl steht, hat also einen star­ken Anreiz, die nächste Tank­stel­len­an­zeige im Blick zu haben und nicht den lang­fris­ti­gen Kurs gegen­über Mos­kau. Der Die­sel­preis ist zudem ein idea­les Bei­spiel für „Sali­enz“, also Auf­fäl­lig­keit: Er steht in gro­ßen Zif­fern an jeder Stra­ßen­ecke. Die Finan­zie­rung eines Krie­ges in tau­send Kilo­me­tern Ent­fer­nung ist dage­gen abs­trakt.

Das Tele­fo­nat: Wie Nähe Ent­schei­dun­gen ver­schiebt

Doch warum fin­det der Wech­sel erst nach einem Gespräch mit Putin statt? Hier hilft die Sozi­al­psy­cho­lo­gie des Ein­flus­ses wei­ter. Der Psy­cho­loge Robert Cial­dini hat sechs Prin­zi­pien beschrie­ben, nach denen Men­schen auf andere reagie­ren. Dazu gehö­ren Sym­pa­thie und Gegen­sei­tig­keit. Wir sind eher bereit, jeman­dem ent­ge­gen­zu­kom­men, den wir mögen oder von dem wir bereits etwas erhal­ten haben. Trump hat wie­der­holt betont, dass er per­sön­li­che Bezie­hun­gen zu Staats­chefs für zen­tral hält und dass er mit Putin gut aus­komme. Ein per­sön­li­ches Gespräch bie­tet genau das: Auf­merk­sam­keit, Aner­ken­nung, ein kon­kre­tes Ange­bot und die Mög­lich­keit, sich als Deal­ma­ker zu prä­sen­tie­ren.

Ein Rück­blick zeigt, dass die­ses Mus­ter nicht neu ist. So wollte Selen­skyj im Okto­ber 2025 in Washing­ton über Toma­hawk-Marsch­flug­kör­per spre­chen. Putin kam dem Tref­fen jedoch zuvor, indem er am Vor­tag ein etwa zwei­ein­halb­stün­di­ges Tele­fo­nat mit Trump führte, und so wurde aus dem Waf­fen­ge­schäft nichts. Die Wir­kung eines direk­ten Gesprächs auf Trumps Hal­tung scheint sich also zu wie­der­ho­len.

Hinzu kommt ein Lern­me­cha­nis­mus, den der Ver­hal­tens­for­scher B. F. Skin­ner als „inter­mit­tie­rende Ver­stär­kung” bezeich­net hat. Wird ein Ver­hal­ten nur manch­mal und unvor­her­seh­bar belohnt, dann hält es sich beson­ders hart­nä­ckig – wie bei einem Spiel­au­to­ma­ten. Über­tra­gen auf die Diplo­ma­tie bedeu­tet das: Hat ein Gespräch mit Putin ab und zu zu einem Erfolgs­er­leb­nis geführt, bei­spiels­weise zu einer Zusage, einem Gip­fel­ver­spre­chen oder einem Ange­bot, dann bleibt die Hoff­nung dar­auf stark, selbst wenn viele Zusa­gen spä­ter nicht ein­ge­hal­ten wur­den. Die Hirn­for­schung erklärt, warum: Das Dopa­min­sys­tem reagiert beson­ders auf uner­war­tete Beloh­nun­gen. Die Arbei­ten von Wolf­ram Schultz und Kol­le­gen zeig­ten, dass Dopa­min­neu­rone nicht Beloh­nun­gen als sol­che, son­dern Abwei­chun­gen von der Erwar­tung – soge­nannte Vor­her­sa­ge­feh­ler – signa­li­sie­ren. Ein über­ra­schen­des Ent­ge­gen­kom­men wirkt dadurch stär­ker als ein erwart­ba­res.

Auf der Gegen­seite steht ein Ver­hand­ler, der diese Mecha­nis­men ver­mut­lich kennt. Putin wurde in einem Geheim­dienst sozia­li­siert und gilt als geübt darin, Gesprächs­part­ner ein­zu­schät­zen. Dafür muss er keine über­mensch­li­chen Fähig­kei­ten haben. Es genügt, im rich­ti­gen Moment ein Ange­bot zu machen, das genau den Druck­punkt des ande­ren trifft. Hier ist es der Sprit­preis vor der Wahl.

Macht ver­engt den Blick: Warum Selen­skyj zum Pro­blem wird

Die här­teste Wen­dung des Wochen­en­des war jedoch nicht der Die­sel, son­dern die For­de­rung nach einem neuen ukrai­ni­schen Prä­si­den­ten. Auch hier­für gibt es Erklä­rungs­an­sätze, die nicht auf Bös­wil­lig­keit hin­deu­ten müs­sen.

Macht und Per­spek­tiv­über­nahme. In einer bekann­ten Stu­die aus dem Jahr 2006 zeig­ten der Psy­cho­loge Adam Galin­sky und sein Team, dass Men­schen, die sich mäch­tig füh­len, schlech­ter ein­schät­zen kön­nen, wie andere die Welt sehen und was sie füh­len. Eine Stu­die von Jeremy Hoge­veen und Kol­le­gen aus dem Jahr 2014 fand zudem her­aus, dass Macht die spon­tane „Spie­ge­lung“ frem­der Hand­lun­gen im Gehirn dämpft, also jene Reso­nanz, die uns dabei hilft, uns in andere hin­ein­zu­ver­set­zen. Die­ser Befund gilt für Men­schen all­ge­mein und besagt nicht, dass jeder Mäch­tige gefühl­los wäre. Er zeigt jedoch ein Risiko auf: Je grö­ßer die eigene Macht, desto leich­ter fällt es, die Lage der Abhän­gi­gen aus­zu­blen­den. Für einen Prä­si­den­ten, der Selen­skyj als Bitt­stel­ler erlebt, ist die Wir­kung eines Deals auf die Ukraine eine Rand­größe.

Der Zuschrei­bungs­feh­ler. Der Sozi­al­psy­cho­loge Lee Ross prägte 1977 den Begriff des „fun­da­men­ta­len Attri­bu­ti­ons­feh­lers“: Wir erklä­ren das Ver­hal­ten ande­rer eher mit deren Eigen­schaf­ten als mit den Umstän­den, bei uns selbst ist es umge­kehrt. Wenn Trump Selen­skyj dafür ver­ant­wort­lich macht, dass es kei­nen Frie­den gibt, und ihm sogar die Die­sel­knapp­heit anlas­tet, ent­spricht das die­sem Mus­ter: Die Ursa­che liegt bei der Per­son und nicht in der Struk­tur des von Russ­land begon­ne­nen Krie­ges. Dazu passt der eigen­nüt­zige Zuschrei­bungs­feh­ler: Erfolge wer­den mir selbst zuge­rech­net, Miss­erfolge hin­ge­gen dem ande­ren.

Kogni­tive Dis­so­nanz. Leon Fest­in­ger beschrieb bereits 1957, wie unan­ge­nehm es ist, wenn Hand­lun­gen und Über­zeu­gun­gen aus­ein­an­der­klaf­fen. Wer erst ein schar­fes Sank­ti­ons­ge­setz unter­schreibt und kurz dar­auf Sank­tio­nen lockert, erzeugt Span­nung. Der Mensch löst diese meist nicht durch ein Ein­ge­ständ­nis, son­dern durch eine Umdeu­tung. In die­sem Fall lau­tet die Umdeu­tung: Nicht ich habe mei­nen Kurs geän­dert, son­dern die Ukraine hat durch ihre Angriffe die Knapp­heit ver­ur­sacht und den Frie­den ver­hin­dert. Ein Füh­rungs­wech­sel in Kiew wäre dem­nach die logi­sche Kon­se­quenz. So wird aus einem Wider­spruch eine in sich stim­mige Geschichte.

Sta­tus­be­dro­hung. Selen­skyj bezeich­nete den Deal als „schwach“. Für Men­schen, denen Stärke wich­tig ist, ist ein sol­cher Vor­wurf mehr als nur eine Kri­tik. Die For­schung zu sozia­ler Zurück­wei­sung, etwa von Naomi Eisen­ber­ger, legt nahe, dass soziale Krän­kung Netz­werke akti­viert, die sich mit der Ver­ar­bei­tung von kör­per­li­chem Schmerz über­schnei­den. Die Deu­tung die­ser Befunde ist unter Fach­leu­ten umstrit­ten, doch der All­tags­be­fund ist robust: Wer sich öffent­lich ange­grif­fen fühlt, schlägt häu­fig gegen die Per­son zurück, nicht gegen das Argu­ment. Die zeit­li­che Nähe von Selen­skyjs Kri­tik und Trumps For­de­rung nach sei­ner Ablö­sung passt zu die­sem Mus­ter.

Die Gegen­per­spek­tive: Stra­te­gie statt Impuls?

Trumps Ver­tei­di­ger sowie einige außen­po­li­ti­sche Beob­ach­ter inter­pre­tie­ren das Gesche­hen anders. Aus ihrer Sicht han­delt er nicht erra­tisch, son­dern bewusst unvor­her­seh­bar. Diese Stra­te­gie hat einen Namen: die „Mad­man Theory“. Sie wird dem frü­he­ren Prä­si­den­ten Richard Nixon zuge­schrie­ben. Der Geg­ner soll glau­ben, man sei zu allem fähig. Durch den Wech­sel zwi­schen Druck und Ent­ge­gen­kom­men wer­den Ver­hand­lungs­part­ner im Unkla­ren gehal­ten und zu Zuge­ständ­nis­sen bewegt.

Außer­dem lässt sich argu­men­tie­ren, dass die Locke­rung befris­tet ist und jeder­zeit zurück­ge­nom­men wer­den kann. Nied­ri­gere Ener­gie­preise wür­den den Ver­brau­chern nut­zen und die Aus­sicht auf Gesprä­che könnte Mos­kau zu einem Waf­fen­still­stand bewe­gen. Dass Trump seit Lan­gem auf ein schnel­les Ende des Krie­ges drängt, ist unstrit­tig. Dass er die Ukraine an den Ver­hand­lungs­tisch brin­gen will, eben­falls. Offen bleibt jedoch, ob das gewählte Mit­tel die­ses Ziel erreicht.

Dage­gen spre­chen jedoch die bis­he­ri­gen Reak­tio­nen. Kri­ti­ker ver­wei­sen dar­auf, dass die erste große Locke­rung seit Kriegs­be­ginn dem Kreml als Erfolg dient und Mos­kau Ein­nah­men bringt, ohne dass die rus­si­sche Regie­rung Gegen­leis­tun­gen bei einem Waf­fen­still­stand zuge­sagt hätte. Die Bun­des­re­gie­rung hält aus­drück­lich an den Sank­tio­nen fest.

Die Psy­cho­lo­gie warnt hier vor bei­den Sei­ten. In sei­ner Lang­zeit­stu­die „Expert Poli­ti­cal Judgment“ hat der Psy­cho­loge Philip Tet­lock gezeigt, dass Exper­ten poli­ti­sche Ent­wick­lun­gen kaum bes­ser vor­her­sa­gen kön­nen als der Zufall. Zudem nei­gen wir im Nach­hin­ein dazu, eine stim­mige Geschichte zu kon­stru­ie­ren. Wer jede Wen­dung als Teil eines gro­ßen Plans deu­tet, über­schätzt die Bedeu­tung von Pla­nung. Wer hin­ge­gen jede Wen­dung als Impuls abtut, unter­schätzt, dass auch Gewohn­hei­ten, Bera­ter und Inter­es­sen eine Rolle spie­len. Wahr­schein­lich ist, wie so oft, eine Mischung aus bei­dem.

Drei Kräfte, ein Mus­ter

Was geht also im Kopf vor, wenn auf ein star­kes Sank­ti­ons­re­gime ein Tele­fo­nat, ein Die­sel-Deal und ein Angriff auf Selen­skyj fol­gen? Die For­schung legt drei zusam­men­wir­kende Kräfte nahe.

  • Ers­tens gibt es ein trans­ak­tio­na­les Welt­bild, in dem Sank­tio­nen ein Werk­zeug und kein Prin­zip sind.
  • Zwei­tens eine Gegen­warts­ver­zer­rung unter Wahl­druck, durch die der Sprit­preis in der Hei­mat grö­ßer erscheint als die Kriegs­fi­nan­zie­rung in der Ferne.
  • Drit­tens wir­ken soziale und kogni­tive Mecha­nis­men: die Wir­kung per­sön­li­cher Gesprä­che, die Ver­en­gung des Blicks durch Macht, das Bedürf­nis, Wider­sprü­che umzu­deu­ten, sowie die Schuld­zu­wei­sung an den­je­ni­gen, der Kri­tik übt.

Das ist weder eine Ent­schul­di­gung noch ein Urteil. Es ist ein Erklä­rungs­mo­dell, das sich über­prü­fen lässt. Würde Trump auch nach der Wahl an der Locke­rung fest­hal­ten? Würde er Sank­tio­nen zurück­neh­men, wenn Putin keine Gegen­leis­tung erbringt? Und wie würde er reagie­ren, wenn die Sprit­preise sin­ken? Die Ant­wor­ten wer­den zei­gen, wie viel Stra­te­gie und wie viel Reflex im Spiel waren.

Für Europa und die Ukraine ergibt sich eine nüch­terne Schluss­fol­ge­rung. Wer mit einem Ent­schei­der ver­han­delt, des­sen Han­deln stark von Nähe, Gegen­warts­druck und per­sön­li­cher Aner­ken­nung geprägt ist, muss mit Wen­dun­gen rech­nen und sollte Ver­läss­lich­keit nicht von ein­zel­nen Zusa­gen abhän­gig machen. Wer die Ereig­nisse ein­ord­nen will, sollte der Ver­su­chung wider­ste­hen, aus einem ein­zel­nen Wochen­ende einen Cha­rak­ter abzu­lei­ten. Die Psy­cho­lo­gie kann erklä­ren, warum Men­schen so han­deln. Sie kann jedoch nicht erset­zen, dass Ent­schei­dun­gen Fol­gen haben – für die Men­schen in der Ukraine, die den Krieg erlei­den, sowie für eine Welt­ord­nung, in der Sank­tio­nen nur wir­ken, solange sie glaub­wür­dig durch­ge­hal­ten wer­den.

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