Innerhalb weniger Tage brach Bayern-Star Jamal Musiala gleich zweimal während Testspielen zusammen: Zunächst geschah dies im Spiel gegen RB Leipzig, dann im Spiel gegen den 1. FC Heidenheim. Beide Male sackte er ohne gegnerische Einwirkung zu Boden, konnte das Feld aber kurz darauf selbstständig verlassen. Am Abend nach dem zweiten Vorfall meldete sich der 23-Jährige selbst auf Instagram zu Wort: Bei ihm seien „temporär kurz auftretende, aber gut behandelbare Absencen” diagnostiziert worden, die durch eine neurologische Dysfunktion ausgelöst würden. Die Ärzte ordneten die Symptome als möglicherweise epileptischen Anfall im Sinne einer sogenannten Absence-Epilepsie ein, wofür die kurzzeitige Abwesenheit spreche.
Doch was passiert dabei eigentlich im Gehirn und warum wirkt es von außen manchmal wie ein Kollaps?
Was ist eine Absence?
Der Begriff „Absence” stammt aus dem Französischen und bedeutet so viel wie „Abwesenheit”. Damit ist eine besondere Form des epileptischen Anfalls gemeint: eine plötzliche, sehr kurze Bewusstseinsunterbrechung, die meist nur wenige Sekunden bis maximal eine halbe Minute dauert. Typisch hierfür ist ein starrer, leerer Blick, der manchmal von leichtem Blinzeln oder kleinen Bewegungen der Lippen begleitet wird. Die betroffene Person reagiert währenddessen nicht auf Ansprache, fällt aber – anders als bei einem großen („tonisch-klonischen”) Krampfanfall – in der Regel nicht mit Muskelzuckungen oder einem Sturz auf. Danach setzt das Bewusstsein oft nahtlos ein, viele Betroffene bemerken die Lücke selbst kaum.
Dass Musiala tatsächlich zu Boden ging, ist dabei kein Widerspruch: Wenn eine Absence während körperlicher Anstrengung auftritt, kann der kurzzeitige Kontrollverlust über Haltung und Gleichgewicht durchaus zum Umkippen führen – auch ohne klassischen Krampf.
Was passiert dabei im Gehirn?
Absencen entstehen durch ein gestörtes Zusammenspiel der beiden Hirnregionen Thalamus und Großhirnrinde (Cortex), das eigentlich sehr genau abgestimmt ist. Der Thalamus fungiert normalerweise wie eine Schaltzentrale, die Sinnesreize filtert und an die Großhirnrinde weiterleitet. Zwischen Thalamus und Cortex gibt es ständige Rückkopplungsschleifen, die für Wachheit und Aufmerksamkeit wichtig sind.
Bei einer Absence gerät dieser Regelkreis kurzzeitig aus dem Takt: Nervenzellen im Thalamus und im Cortex beginnen synchron und rhythmisch zu feuern, was im EEG als charakteristisches „Spike-Wave-Muster” mit etwa drei Wellen pro Sekunde messbar ist. Auf zellulärer Ebene spielen dabei sogenannte T‑Typ-Kalziumkanäle in bestimmten Thalamuszellen eine Schlüsselrolle. Sie ermöglichen rhythmische elektrische Entladungen, die normalerweise für den Übergang in den Schlaf benötigt werden.
Kommt es tagsüber zu einer Übererregbarkeit dieser Schaltkreise – oft im Zusammenspiel mit dem hemmenden Botenstoff GABA –, kippt das Gehirn für einige Sekunden in einen schlafähnlichen, hochsynchronisierten Zustand. Dabei werden Bewusstsein und Reaktionsfähigkeit kurzzeitig „abgeschaltet”, während grundlegende Körperfunktionen wie die Haltungskontrolle beeinträchtigt sein können.
Mehr als ein einzelner Vorfall
Treten Absencen wiederholt auf, spricht man von einer Absence-Epilepsie. Sie zählt zu den generalisierten Epilepsieformen, das heißt, die elektrische Fehlfunktion betrifft von Anfang an beide Hirnhälften gleichzeitig – im Gegensatz zu fokalen Epilepsien, die von einem einzelnen Herd ausgehen. Am bekanntesten ist die kindliche Absence-Epilepsie, die meist im Grundschulalter beginnt und sich häufig bis zur Pubertät wieder auslöschen kann. Absencen können aber auch bei Jugendlichen und Erwachsenen erstmals auftreten oder bestehen bleiben.
Einzelne Anfälle werden durch bestimmte Auslöser begünstigt. Im Fall Musiala nannten Mediziner emotionalen Stress, körperliche Anstrengung und Hitze als typische Trigger – alles Faktoren, die während eines intensiven Fußballspiels naturgemäß zusammenkommen.
Diagnose und Behandlung
Eine Absence-Epilepsie wird vor allem mittels EEG (Elektroenzephalografie) diagnostiziert, da diese Methode die typischen synchronen Entladungsmuster sichtbar macht. Oft wird dabei gezielt Hyperventilation eingesetzt, um Anfälle zu provozieren und sie unter kontrollierten Bedingungen zu erfassen. Ergänzend werden bildgebende Verfahren wie die MRT eingesetzt, um andere Ursachen auszuschließen.
Im Vergleich zu anderen Epilepsieformen gilt die Absence-Epilepsie als vergleichsweise gut behandelbar. Es werden Antiepileptika wie Ethosuximid, Valproat oder Lamotrigin eingesetzt, die gezielt an den beteiligten Kalziumkanälen bzw. an der neuronalen Erregbarkeit ansetzen. Bei korrekter Einstellung lässt sich die Anfallsfrequenz bei vielen Betroffenen deutlich reduzieren oder sogar vollständig unterdrücken.
Die von den Medien befragten Ärzte sahen im Fall Musiala für die sportliche Zukunft keinen Grund zur grundsätzlichen Sorge: Für die Fußballkarriere bestehe keine Einschränkung. Anders wäre die Lage etwa bei Formel-1-Fahrern oder Bergsteigern, wo eine plötzliche Bewusstseinsstörung deutlich größere Gefahren berge.
Einordnung
Absencen sehen von außen oft dramatischer aus, als sie tatsächlich sind. Es handelt sich nicht um einen Herzstillstand oder eine akut lebensbedrohliche Situation, sondern um eine spezifische, meist gut kontrollierbare Form epileptischer Aktivität im Gehirn. Genau das macht die öffentliche Kommunikation, für die sich Musiala entschieden hat, so wertvoll: Sie hilft, Ängste abzubauen und das Krankheitsbild zu enttabuisieren, von dem keineswegs nur Kinder betroffen sind.
