Erschwert Hitze das Den­ken?

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Wer schon ein­mal ver­sucht hat, sich wäh­rend einer som­mer­li­chen Hit­ze­welle in einem sti­cki­gen Büro oder in einem über­füll­ten Zug ohne Kli­ma­an­lage zu kon­zen­trie­ren, kennt das wahr­schein­lich: Die Gedan­ken wer­den träge, kleine Feh­ler schlei­chen sich ein und selbst ein­fa­che Auf­ga­ben füh­len sich plötz­lich an, als würde man durch Schlamm waten. Diese all­täg­li­che Erfah­rung ist wis­sen­schaft­lich gut belegt.

Zahl­rei­che Stu­dien aus den Berei­chen Phy­sio­lo­gie, Arbeits­me­di­zin und kogni­tive Neu­ro­wis­sen­schaf­ten zei­gen, dass Hit­ze­ein­wir­kung – ob kurz­zei­tig oder über län­gere Zeit – das Denk­ver­mö­gen mess­bar beein­träch­tigt. Doch die Zusam­men­hänge sind dif­fe­ren­zier­ter als die ein­fa­che Glei­chung „Hitze macht dumm“. Die Aus­wir­kun­gen hän­gen davon ab, wie heiß es ist, wie lange die Hitze anhält, um wel­che Art von geis­ti­ger Auf­gabe es sich han­delt und wer sie aus­führt.

Der Balan­ce­akt des Kör­pers

Die mensch­li­che Kogni­tion ist von einem Gehirn abhän­gig, das inner­halb eines engen Tem­pe­ra­tur­be­reichs arbei­tet und dabei meist nahe bei 37 °C liegt – unab­hän­gig von der Umge­bung. Um diese Sta­bi­li­tät zu wah­ren, nutzt der Kör­per Mecha­nis­men der Ther­mo­re­gu­la­tion, wie etwa Schwit­zen, eine ver­stärkte Haut­durch­blu­tung und Ver­hal­tens­an­pas­sun­gen, um über­schüs­sige Wärme abzu­füh­ren.

Wenn die Umge­bungs­tem­pe­ra­tur und die Luft­feuch­tig­keit jedoch schnel­ler anstei­gen, als der Kör­per Wärme abge­ben kann, beginnt die Kör­per­kern­tem­pe­ra­tur zu stei­gen. Unter­su­chun­gen haben gezeigt, dass nicht allein die abso­lute Tem­pe­ra­tur, son­dern die Geschwin­dig­keit, mit der die Kör­per­kern­tem­pe­ra­tur ansteigt, ent­schei­dend ist. Selbst eine gering­fü­gige Erhö­hung der Kör­per­kern­tem­pe­ra­tur um etwa 1 °C geht mit mess­ba­ren Ein­bu­ßen bei Auf­merk­sam­keit, Gedächt­nis­leis­tung und Ent­schei­dungs­fä­hig­keit ein­her.

Was bremst eigent­lich?

Nicht alle kogni­ti­ven Fähig­kei­ten sind glei­cher­ma­ßen von Hit­zestress betrof­fen. Die For­schung zeigt über­ein­stim­mend einige bestän­dige Mus­ter.

  • Auf­merk­sam­keit und Wach­sam­keit. Offen­sicht­lich zählt anhal­tende, selek­tive Auf­merk­sam­keit zu den hit­ze­emp­find­lichs­ten kogni­ti­ven Funk­tio­nen. Stu­dien, in denen Auf­ga­ben wie der Stroop-Test ver­wen­det wer­den – bei dem eine auto­ma­ti­sche Reak­tion zuguns­ten einer weni­ger intui­ti­ven unter­drückt wer­den muss –, haben unter Hit­zestress wie­der­holt lang­sa­mere Reak­ti­ons­zei­ten und eine höhere Feh­ler­quote gezeigt.
  • Reak­ti­ons­zeit und Ver­ar­bei­tungs­ge­schwin­dig­keit. Beschäf­tigte, die unter hei­ßen indus­tri­el­len Bedin­gun­gen arbei­ten, benö­ti­gen für die Auf­ga­ben­be­wäl­ti­gung im Ver­gleich zu Beschäf­tig­ten in ther­misch ange­neh­men Umge­bun­gen mehr Zeit und haben eine län­gere Reak­ti­ons­zeit – selbst wenn die Auf­ga­ben an sich unver­än­dert blei­ben.
  • Arbeits­ge­dächt­nis und exe­ku­tive Funk­tio­nen. Kom­ple­xere Auf­ga­ben, bei denen Infor­ma­tio­nen im Gedächt­nis behal­ten und gleich­zei­tig bear­bei­tet wer­den müs­sen – eine Art „geis­ti­ges Jon­glie­ren“, wie es bei der Pla­nung oder Pro­blem­lö­sung erfor­der­lich ist –, lei­den zuneh­mend unter star­ker oder anhal­ten­der Hit­ze­ein­wir­kung. Stu­dien mit bild­ge­ben­den Ver­fah­ren haben unter Hit­ze­be­din­gun­gen ver­än­derte Mus­ter der mit exe­ku­ti­ven Funk­tio­nen zusam­men­hän­gen­den Gehirn­ak­ti­vi­tät sowie Ver­än­de­run­gen der Durch­blu­tung mit sau­er­stoff­rei­chem Blut fest­ge­stellt.
  • Feh­ler­ra­ten. Zahl­rei­che Stu­dien zei­gen, dass die Feh­ler­zahl bei einer bestimm­ten Auf­gabe mit zuneh­men­der Hit­ze­ex­po­si­tion steigt, selbst wenn die Gesamt­ge­schwin­dig­keit bei­be­hal­ten wird. Dies deu­tet auf einen tat­säch­li­chen Kon­flikt bei der Nut­zung kogni­ti­ver Res­sour­cen hin und nicht ledig­lich auf eine all­ge­meine Träg­heit.

Ein­fa­che, gut ein­ge­übte Auf­ga­ben erwei­sen sich in der Regel als deut­lich hit­ze­re­sis­ten­ter als kom­plexe, kogni­tiv anspruchs­volle Tätig­kei­ten. Die­ses Mus­ter hat einige For­scher dazu ver­an­lasst, soge­nannte „Iso­de­cre­ment-Kur­ven“ zu model­lie­ren. Diese ver­an­schau­li­chen, wie rasch die Leis­tung in Abhän­gig­keit von Tem­pe­ra­tur und Auf­ga­ben­schwie­rig­keit abnimmt.

Warum Hitze das Den­ken beein­träch­tigt

Die Wis­sen­schaft hat ver­schie­dene, sich ergän­zende Erklä­run­gen dafür, warum Hitze die kogni­tive Leis­tungs­fä­hig­keit beein­träch­tigt.

  • Kampf um die phy­sio­lo­gi­schen Res­sour­cen. Die Ther­mo­re­gu­la­tion an sich ist stoff­wech­sel­in­ten­siv. Wenn der Kör­per den Blut­fluss zur Haut hin ver­la­gert, um die Abküh­lung zu för­dern, kann dies die zere­brale Durch­blu­tung ver­än­dern. Dabei han­delt es sich um das Sys­tem, das das Gehirn mit Sau­er­stoff und Glu­kose ver­sorgt und das für seine ener­gie­hung­ri­gen neu­ro­na­len Pro­zesse uner­läss­lich ist. Da die zere­brale Durch­blu­tung für die Auf­recht­erhal­tung des neu­ro­na­len Stoff­wech­sels uner­läss­lich ist, sind Ver­än­de­run­gen der Durch­blu­tung bei Hit­zestress mit­ver­ant­wort­lich für eine kogni­tive Ver­lang­sa­mung, wenn­gleich der genaue Zusam­men­hang zwi­schen ver­än­der­ter Durch­blu­tung und spe­zi­fi­schen kogni­ti­ven Defi­zi­ten noch erforscht wird.
  • Theo­rie zu Erre­gung und Auf­merk­sam­keits­res­sour­cen. Hitze stellt einen phy­sio­lo­gi­schen Stres­sor dar und Stress erhöht die psy­chi­sche Erre­gung. Laut res­sour­cen­ba­sier­ten Auf­merk­sam­keits­mo­del­len kann ein mode­ra­tes Erre­gungs­ni­veau die Leis­tung bei ein­fa­chen Auf­ga­ben bis­wei­len stei­gern. Über­mä­ßige Erre­gung schränkt hin­ge­gen die für kom­plexe Auf­ga­ben erfor­der­li­chen Auf­merk­sam­keits­res­sour­cen ein und beein­träch­tigt deren Ver­füg­bar­keit. Die­ses Mus­ter steht im Ein­klang mit der Erkennt­nis, dass anspruchs­volle kogni­tive Tätig­kei­ten unter Hit­ze­ein­wir­kung stär­ker beein­träch­tigt sind als ein­fa­che, auto­ma­ti­sierte Auf­ga­ben.
  • Erschöp­fung, Dehy­drie­rung und Schlaf­stö­run­gen. Hit­ze­ein­wir­kung löst häu­fig eine Dehy­drie­rung aus, die unab­hän­gig davon Kon­zen­tra­tion und Stim­mung beein­träch­tigt. Eine anhal­tende Hit­ze­be­las­tung, wie sie etwa wäh­rend mehr­tä­gi­ger Hit­ze­wel­len auf­tritt, ver­schlech­tert zudem die Schlaf­qua­li­tät. Schlech­ter Schlaf ist eine der am bes­ten beleg­ten Ursa­chen für Beein­träch­ti­gun­gen der Auf­merk­sam­keit, der Gedächt­nis­kon­so­li­die­rung und der Ent­schei­dungs­fin­dung. Unter rea­len Bedin­gun­gen ver­stär­ken diese sich gegen­sei­tig, was es erschwert, die direk­ten ther­mi­schen Aus­wir­kun­gen auf das Gehirn ein­deu­tig von die­sen sekun­dä­ren, hit­ze­be­ding­ten Beein­träch­ti­gun­gen zu tren­nen.

Prak­ti­sche Evi­denz

Wäh­rend sich die klas­si­sche For­schung über­wie­gend auf kon­trol­lierte Labor­be­din­gun­gen oder arbeits­me­di­zi­ni­sche Stu­dien mit Indus­trie­ar­bei­tern und Mili­tär­per­so­nal stützt, kon­zen­trie­ren sich neuere Unter­su­chun­gen auf umfang­rei­che Daten aus dem ech­ten Leben.

In meh­re­ren Stu­dien wurde ana­ly­siert, wel­chen Ein­fluss extreme Hitze auf mess­bare Grö­ßen wie die Test­ergeb­nisse von Schü­lern, die Leis­tun­gen in stan­dar­di­sier­ten Prü­fun­gen und die Pro­duk­ti­vi­tät am Arbeits­platz hat – und zwar städte- und län­der­über­grei­fend. Dabei zeigte sich durch­weg, dass hei­ßere Tage mit – wenn auch mode­ra­ten, so doch bestän­di­gen – schlech­te­ren kogni­ti­ven und schu­li­schen Leis­tun­gen ein­her­ge­hen.

Dies ist eine Erkennt­nis von erheb­li­cher Bedeu­tung, da der Kli­ma­wan­del die Häu­fig­keit und Inten­si­tät von Hit­ze­wel­len erhöht. Einige die­ser Stu­dien heben zudem her­vor, dass ein­kom­mens­schwa­che Bevöl­ke­rungs­grup­pen sowie Men­schen mit begrenz­ten Res­sour­cen, die oft über weni­ger Mög­lich­kei­ten zur Küh­lung ver­fü­gen, über­pro­por­tio­nal stark betrof­fen sein kön­nen.

Wer ist betrof­fen und in wel­chem Aus­maß?

Das Aus­maß der durch Hitze ver­ur­sach­ten kogni­ti­ven Beein­träch­ti­gung ist nicht bei allen Men­schen oder unter allen Bedin­gun­gen gleich.

  • Akkli­ma­ti­sie­rung. Men­schen, die phy­sio­lo­gisch oder ver­hal­tens­be­zo­gen an heiße Kli­ma­zo­nen ange­passt sind, bei­spiels­weise durch wie­der­holte Hit­ze­ex­po­si­tion, kör­per­li­che Fit­ness oder kul­tu­relle Gepflo­gen­hei­ten, wei­sen ten­den­zi­ell gerin­gere kogni­tive Ein­bu­ßen auf als Per­so­nen, die nicht an Hitze gewöhnt sind.
  • Alter. Inter­es­san­ter­weise sind die dies­be­züg­li­chen Befunde nicht ein­heit­lich. Einige kon­trol­lierte Stu­dien mit gesun­den älte­ren Erwach­se­nen erga­ben kei­nen gene­rel­len Unter­schied in der kogni­ti­ven Leis­tungs­fä­hig­keit zwi­schen ange­neh­men und war­men Raum­tem­pe­ra­tu­ren. Aller­dings beein­flusste die Luft­feuch­tig­keit die­sen Zusam­men­hang. Dies deu­tet dar­auf hin, dass die alters­be­dingte Hit­ze­emp­find­lich­keit kom­ple­xer sein könnte als ange­nom­men und ebenso stark von der Luft­feuch­tig­keit wie von der Tem­pe­ra­tur selbst abhängt.
  • Art und Dauer der Auf­gabe. Wie bereits erwähnt, sind kurze, ein­fa­che Auf­ga­ben hit­ze­re­sis­ten­ter als lang­wie­rige, kom­plexe oder stark durch Mul­ti­tas­king geprägte Tätig­kei­ten. Das ist einer der Gründe, warum arbeits­wis­sen­schaft­li­che Stu­dien an Fließ­band- oder Indus­trie­ar­bei­tern ten­den­zi­ell stär­kere Aus­wir­kun­gen zei­gen als kurze Labor­ex­pe­ri­mente.
  • Stö­rende Umwelt­st­res­so­ren. Lärm, schlechte Luft­qua­li­tät und Arbeits­be­las­tung inter­agie­ren auf eine noch nicht voll­stän­dig geklärte Weise mit Hitze. Die unter­schied­li­chen metho­di­schen Ansätze der ver­schie­de­nen Stu­dien erschwe­ren zudem einen direk­ten Ver­gleich der Ergeb­nisse.

Ein Feld, das noch kar­tiert wird

Es ist rat­sam, sich der Gren­zen des der­zei­ti­gen Wis­sens­stands bewusst zu sein. Trotz jahr­zehn­te­lan­ger For­schung und Hun­der­ter ver­öf­fent­lich­ter Stu­dien bezeich­nen Wis­sen­schaft­ler den Zusam­men­hang zwi­schen Hitze und kogni­ti­ver Leis­tungs­fä­hig­keit in wesent­li­chen Punk­ten wei­ter­hin als „unein­deu­tig“. Unter­schiede bei der Defi­ni­tion und Mes­sung von „Hit­zestress“, bei den ein­ge­setz­ten kogni­ti­ven Tests, der Expo­si­ti­ons­dauer sowie den Merk­ma­len der Teil­neh­men­den erschwe­ren es erheb­lich, eine all­ge­mein­gül­tige Regel auf­zu­stel­len, etwa nach dem Mus­ter „Jedes Grad über X führt zu einem Ver­lust von Y % der kogni­ti­ven Leis­tungs­fä­hig­keit“.

Als gesi­chert gilt hin­ge­gen die all­ge­meine Wir­kungs­rich­tung: Mäßi­ger bis star­ker Hit­zestress beein­träch­tigt ten­den­zi­ell kom­plexe kogni­tive Pro­zesse, ins­be­son­dere die Auf­merk­sam­keit und die exe­ku­ti­ven Funk­tio­nen. Die genauen Schwel­len­werte, die zugrun­de­lie­gen­den Mecha­nis­men und die Frage, wer am stärks­ten gefähr­det ist, sind hin­ge­gen wei­ter­hin Gegen­stand inten­si­ver For­schung. Dabei wer­den zuneh­mend Metho­den wie EEG und Nahin­fra­rot-Bild­ge­bung des Gehirns ein­ge­setzt, um die Aus­wir­kun­gen in Echt­zeit zu erfas­sen.

Fazit

Erschwert Hitze also das Den­ken? Die Belege deu­ten dar­auf hin, aller­dings mit wich­ti­gen Ein­schrän­kun­gen.

Hitze legt das Gehirn nicht pau­schal lahm, son­dern beein­träch­tigt gezielt jene kogni­ti­ven Pro­zesse, die beson­ders viel Anstren­gung und Res­sour­cen erfor­dern, wie etwa anhal­tende Auf­merk­sam­keit, das Arbeits­ge­dächt­nis und kom­plexe Ent­schei­dungs­pro­zesse. Ein­fa­che, auto­ma­ti­sierte Auf­ga­ben blei­ben dage­gen weit­ge­hend unbe­ein­träch­tigt. Die Ursa­chen hier­für lie­gen vor allem in einer ver­än­der­ten Hirn­durch­blu­tung, einem erhöh­ten phy­sio­lo­gi­schen Stress, einer gestei­ger­ten Erre­gung sowie Sekun­där­ef­fek­ten wie Dehy­drie­rung und Schlaf­stö­run­gen.

Ange­sichts stei­gen­der glo­ba­ler Tem­pe­ra­tu­ren und häu­fi­ge­rer Hit­ze­wel­len wird das Ver­ständ­nis und die Abmil­de­rung die­ser hit­ze­be­ding­ten kogni­ti­ven Beein­träch­ti­gung nicht nur zu einer Frage wis­sen­schaft­li­chen Inter­es­ses, son­dern auch zu einem prak­ti­schen Anlie­gen für Schu­len, Arbeits­plätze und die öffent­li­che Gesund­heit.

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