Was ist das Gedächt­nis?

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Da mir mein Gedächt­nis meist nur dann bewusst wird, wenn ich mich nur schwer an etwas erin­nern kann, ist meine Vor­stel­lung davon, wie es funk­tio­niert, mög­li­cher­weise etwas ver­zerrt.

Neh­men wir zum Bei­spiel an, ich ver­bringe unend­lich viel Zeit damit, nach mei­nem Handy, mei­ner Was­ser­fla­sche und mei­nen Schlüs­seln zu suchen. Das Ver­las­sen des Hau­ses wird so zu einer gro­ßen Her­aus­for­de­rung – beson­ders, wenn ich meine eige­nen Schritte noch mit denen mei­nes Klein­kin­des koor­di­nie­ren muss. Meis­tens habe ich meh­rere Fehl­starts, bei denen mir plötz­lich auf­fällt, dass die Was­ser­fla­sche mei­nes Kin­des oder ein Gegen­stand, der mir emo­tio­nal wich­tig ist, noch auf der Arbeits­platte liegt. Also muss ich wie­der umkeh­ren, um die Sachen zu holen.

Iro­ni­scher­weise scheint das Ganze schwie­ri­ger statt ein­fa­cher zu wer­den, wenn ich das Haus zusam­men mit mei­nem Part­ner ver­lasse. Es kommt eine zusätz­li­che Ebene der Kom­mu­ni­ka­tion hinzu: Wenn wir beide nicht ganz bei der Sache sind, gehen wir fälsch­li­cher­weise davon aus, dass der jeweils andere die Was­ser­fla­sche, den Snack oder das Kuschel­tier schon ein­ge­packt hat.

Als For­sche­rin weiß ich natür­lich, dass dies daran liegt, dass die Erzie­hung eines klei­nen Kin­des einen stän­di­gen Wech­sel zwi­schen ver­schie­de­nen Auf­ga­ben erfor­dert und oft mit unter­bro­che­nem Schlaf ein­her­geht. Aber wenn ich mor­gens ein­fach nur pünkt­lich zur Arbeit kom­men will, habe ich im All­tag trotz­dem das Gefühl, dass mein Gedächt­nis deut­lich bes­ser sein könnte.

Es dürfte dich nicht über­ra­schen, dass unser Gedächt­nis nicht dafür aus­ge­legt ist, sich daran zu erin­nern, wo wir unser Handy hin­ge­legt haben. Oder unsere Schlüs­sel. Oder unsere Was­ser­fla­schen. Wir wür­den jedoch ver­mu­ten, dass wir uns in einer Über­le­bens­si­tua­tion, in der Dehy­drie­rung droht, viel stär­ker auf Was­ser­quel­len kon­zen­trie­ren wür­den. Tat­säch­lich kön­nen sich Men­schen Infor­ma­tio­nen bes­ser mer­ken, wenn sie diese in einem über­le­bens­re­le­van­ten Sze­na­rio ver­ar­bei­ten, bei­spiels­weise wenn sie in der Steppe eines frem­den Lan­des gestran­det sind.

Und da wir gerade beim Thema mensch­li­ches Gedächt­nis sind: Es ist auch inter­es­sant zu wis­sen, dass man­che Vögel, wie Krä­hen, Eichel­hä­her und Els­tern, ein unglaub­li­ches Gedächt­nis dafür haben, wo sie ihr Fut­ter ver­steckt haben. Sie kön­nen sich die Orte von Hun­der­ten von Fut­ter­vor­rä­ten mer­ken und keh­ren je nach Ver­derb­lich­keit zum Fut­ter zurück, um sicher­zu­stel­len, dass sie es ver­zeh­ren, bevor es schlecht wird.

Ich hin­ge­gen habe selbst bei den gut sicht­ba­ren Bana­nen auf der Arbeits­platte kaum den Über­blick und bin regel­mä­ßig ent­täuscht von mei­nem Gedächt­nis, wenn es darum geht, wel­che Essens­reste sich im Kühl­schrank befin­den. Viel­leicht wäre mein Gedächt­nis in die­ser Hin­sicht bes­ser, wenn ich ein Vogel wäre.

Es mag ver­lo­ckend sein, zu glau­ben, dass das mensch­li­che Gedächt­nis dem der Tiere über­le­gen ist. Wenn wir jedoch unter Gedächt­nis die Fähig­keit ver­ste­hen, die Ver­gan­gen­heit im Dienste der Gegen­wart zu nut­zen, dann erken­nen wir eine große Band­breite an Fähig­kei­ten bei ver­schie­de­nen Arten. Diese hängt von den spe­zi­fi­schen Bedürf­nis­sen der Tiere ab.

Der Zweck und die Defi­ni­tion von Erin­ne­rung besteht darin, die Ver­gan­gen­heit, unsere Erfah­run­gen und Infor­ma­tio­nen im Dienste der Gegen­wart und Zukunft zu nut­zen. Erin­ne­run­gen sind keine sta­ti­schen Auf­zeich­nun­gen, die in einem Akten­schrank auf­be­wahrt wer­den. Sie sind form­bar, dyna­misch und aktiv. Das Gedächt­nis dient nicht dazu, das eigene Leben wie ein unvor­ein­ge­nom­me­ner Beob­ach­ter zu kata­lo­gi­sie­ren. Wir betrach­ten unsere Defi­ni­tion von Erin­ne­rung als funk­tio­nal und sehr nütz­lich. Aus die­ser Per­spek­tive betrach­ten wir ver­meint­li­che Gedächt­nis­aus­fälle und fra­gen uns, ob sie uns etwas dar­über ver­ra­ten kön­nen, wie das Gedächt­nis funk­tio­niert, anstatt uns dar­über zu ent­täu­schen, dass es nicht so funk­tio­niert, wie wir es uns vor­stel­len.

Das Gedächt­nis ist ein Sys­tem im Gehirn, mit dem Infor­ma­tio­nen auf­ge­nom­men, über einen län­ge­ren Zeit­raum gespei­chert und bei Bedarf abge­ru­fen wer­den. So wer­den das aktu­elle Ver­hal­ten, das Ler­nen und die Ent­schei­dungs­fin­dung gesteu­ert.

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