Die wirtschaftliche Lage eines Landes wirkt sich unmittelbar auf die psychische Gesundheit junger Menschen aus und begünstigt angstbesetzten Perfektionismus. Zu diesem Ergebnis kommt ein britisches Forscherteam in einer umfassenden Übersichtsstudie. Die Wissenschaftler werteten dafür 307 Untersuchungen mit insgesamt mehr als 82.900 Studierenden aus den USA, Kanada und England aus den Jahren 1989 bis 2024 aus.
Die Studie zeigt, dass sich die verschiedenen Facetten des Perfektionismus seit den frühen 2000er-Jahren unterschiedlich entwickelt haben. Vor allem perfektionistische Bedenken, wie die Angst vor dem Scheitern, Unentschlossenheit oder die Furcht vor der Bewertung durch andere, nahmen deutlich zu. Perfektionistische Ambitionen, also das Streben nach hohen Zielen und die entsprechende Leistung, stiegen hingegen weniger stark an.
Diese beiden Formen stehen in engem Zusammenhang mit makroökonomischen Entwicklungen.
- Wirtschaftliche Ungleichheit verstärkt vor allem perfektionistische Sorgen. Wenn die Ungleichheit steigt, nimmt der Konkurrenzdruck zu und verstärkt das Unsicherheitsgefühl sowie die Angst vor Fehlern und Verurteilung.
- Ein sich verlangsamendes BIP-Wachstum treibt hingegen perfektionistische Ambitionen an. In Zeiten von Wirtschaftskrisen versuchen junge Menschen, den Mangel an echten Chancen durch ein noch intensiveres Streben nach Perfektion auszugleichen.
Da der über Selbstauskunftsfragebögen gemessene Perfektionismus stetig zunimmt und eng mit Depressionen sowie Angstzuständen zusammenhängt, ziehen die Autoren ein deutliches Fazit: Wirtschaftliche Schwankungen erklären den Anstieg mentaler Probleme bei jungen Menschen weitaus besser als die oft kritisierte Nutzung von Smartphones und sozialen Medien. Um diese Krise zu bewältigen, sind daher strukturelle Antworten erforderlich – reine Handyverbote oder Kritik an der Erziehung greifen zu kurz.