Das hängt davon ab, wie du „Gedanken“ definierst. Wenn ein Gedanke eine Wahrnehmung oder eine Handlung ist, derer du dir zu einem bestimmten Zeitpunkt bewusst bist, dann scheint es so, als könnten wir uns immer nur einem mentalen Prozess widmen. In der Psychologie wird dieser Vorgang oft mit einem Scheinwerfer verglichen, der über eine Bühne wandert und jeweils einen (und nur einen) Schauspieler beleuchtet. Erweitert man jedoch die Definition von „Gedanke“ und bezieht die vielen anderen mentalen Prozesse mit ein, die parallel zu dem Gedanken ablaufen, auf den wir unsere Aufmerksamkeit richten, dann folgt daraus, dass wir mehr als einen Gedanken gleichzeitig denken können.
Wer schon einmal Auto gefahren ist, weiß, dass das Gehirn eine Vielzahl von Reizen gleichzeitig verarbeiten kann. Bei einem geübten Autofahrer laufen viele dieser Prozesse unbewusst ab: Er nimmt Verkehrszeichen, andere Autos und Hindernisse auf der Straße wahr, während er sich mit seinen Mitfahrern unterhält, Radio hört, die Landschaft beobachtet oder telefoniert. Das Gehirn reagiert zwar auf jeden einzelnen Reiz, doch die Aufmerksamkeit kann immer nur auf eine Aktivität gerichtet werden. Dieses kleine Aufmerksamkeitsfenster, das wir „Bewusstsein“ nennen, erfasst nur einen kleinen Teil der vielen Prozesse, die gleichzeitig in unserem Gehirn ablaufen.
In den Neurowissenschaften wird das Gehirn als eine Ansammlung vieler spezialisierter, teilautonomer Module betrachtet, die parallel arbeiten. Jedes Modul erledigt seine spezielle Aufgabe unbemerkt im Hintergrund. Hat ein Modul seine Aufgabe erfüllt, tritt es für einen kurzen Moment ins Rampenlicht, übernimmt den sogenannten exekutiven Teil des Bewusstseins und präsentiert die Ergebnisse seiner unbeaufsichtigten Arbeit in unserem subjektiven Bewusstseinsfenster.