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Wir verbinden Beleidigungen oft mit jugendlicher Aggressivität, die normalerweise auf dem Spielplatz bleibt und mit zunehmendem Alter abnimmt. Doch wenn wir uns die aktuelle politische und kulturelle Landschaft ansehen, könnte diese Annahme nicht falscher sein.
Da die Gesellschaft immer stärker gespalten ist und die Technologie es uns ermöglicht, uns gegenseitig zu beschimpfen, ohne dabei unser Gesicht zu zeigen, ist es wichtiger denn je, den Schaden zu erkennen, den ein solches Verhalten anderen zufügen kann. Beschimpfungen sind schließlich nicht nur eine Praxis, die Narzissten und Tyrannen vorbehalten ist – sie können in die Dynamik all unserer zwischenmenschlichen Beziehungen einsickern, sei es in der Familie, in der Partnerschaft oder im Beruf.
Beleidigungen werden oft als belanglose Worte oder harmloses Necken abgetan, obwohl sie eine Form von verbaler Gewalt sind, die tiefe psychische Wunden hinterlassen kann. Die zahlreichen Mobbing-Selbstmorde unter Jugendlichen sowie der tragische Tod der britischen Fernsehmoderatorin Caroline Flack zeigen, welche Macht Worte haben.
Verbale Gewalt ist definiert als der Gebrauch von Sprache, der eine andere Person verletzt, herabsetzt, bedroht oder manipuliert. Dabei kann es sich um offene, offensichtliche Beschimpfungen handeln, die direkte Beleidigungen, Verunglimpfungen oder abwertende Bezeichnungen beinhalten. Diese beziehen sich auf die persönlichen Eigenschaften oder Schwachstellen einer Person, zum Beispiel ihr Aussehen oder ihre Intelligenz. Es kann sich aber auch um subtilere, heimtückischere Formen der Beschimpfung handeln. Diese untergraben im Laufe der Zeit langsam das Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen einer Person. Beispiele hierfür sind leise Sticheleien, die als Humor getarnt sind, die Verwendung eines herablassenden Kosenamens oder wiederholte Herabsetzungen durch passiv-aggressive Kommentare. In jedem Fall ist es das Ziel des Täters, die andere Person zu verletzen, in Verlegenheit zu bringen oder zu kontrollieren.
Manchmal ist es schwer, zwischen Beleidigungen und harmlosem Geplänkel zu unterscheiden – vor allem, wenn persönliche Beleidigungen unter dem Deckmantel eines Witzes versteckt sind. Betroffene haben dann oft das Gefühl, zu empfindlich zu sein oder zu überreagieren, wenn sie sich daran stören. Der entscheidende Unterschied liegt in der Absicht. Freundliches Geplänkel soll allen Beteiligten Spaß machen, während Beleidigungen dazu dienen, Macht oder Überlegenheit gegenüber anderen zu demonstrieren.
Die psychologischen Auswirkungen von Beschimpfungen
Zwar kann jeder Opfer von Beschimpfungen werden, doch manche sind stärker betroffen als andere. Besonders anfällig für soziale Aggressionen sind Menschen, die schüchtern sind, wenig Selbstvertrauen haben oder dazu neigen, Konfrontationen aus dem Weg zu gehen. Wie sich das beleidigende Verhalten langfristig auf das Opfer auswirkt, hängt einerseits von den Unterstützungsstrukturen in anderen Lebensbereichen und andererseits von der genetisch bedingten Veranlagung hinsichtlich Temperament und Stimmung ab.
Eine der schädlichsten Auswirkungen anhaltender Beschimpfungen ist, dass sie das Selbstbild einer Person verzerren können. Werden negative Bezeichnungen oft genug wiederholt, können sie verinnerlicht werden. Mit der Zeit kann es passieren, dass die Person diese Bezeichnungen als Teil ihres Selbstbildes übernimmt. Ein Kind, das in der Schule oder zu Hause häufig als „Unruhestifter” bezeichnet wird, könnte irgendwann glauben, von Natur aus schlecht zu sein. Es würde sich entsprechend verhalten, wodurch eine sich selbst erfüllende Prophezeiung entstünde. Ein Teenager, der ständig wegen seines Gewichts verspottet wird, kann unterdessen eine Körperdysmorphie entwickeln. Und einem Erwachsenen, dem häufig das Gefühl vermittelt wird, inkompetent zu sein, fällt es möglicherweise schwer, sich in Besprechungen zu Wort zu melden, und er meidet weitere Möglichkeiten zur beruflichen Weiterentwicklung.
Diese Stigmata können zu inneren Programmen werden, die sich als Grundüberzeugungen über sich selbst festsetzen und die verletzenden Kommentare noch lange nach ihrem Aussprechen weiterleben lassen. Das führt zu einem zerrütteten Selbstbild, bei dem es den Betroffenen schwerfällt, sich selbst realistisch zu sehen – vor allem, wenn ihre Identität durch Grausamkeit geprägt wurde. Dieser Verinnerlichungsprozess kann lebenslange Schwierigkeiten bei der Selbstakzeptanz nach sich ziehen, die sich auf alle Lebensbereiche auswirken, von der Berufswahl bis hin zu persönlichen Beziehungen. Eine verzerrte Selbstwahrnehmung in Verbindung mit einem angeschlagenen Selbstwertgefühl kann einen Menschen daran hindern, sein volles Potenzial auszuschöpfen, weil er Schwierigkeiten hat, seinen Selbstwert von der Art und Weise zu trennen, wie andere ihn definiert haben.
Wenn Kinder und Jugendliche über einen längeren Zeitraum hinweg beschimpft werden, kann das besonders schädlich sein, da sich ihr Selbstverständnis und ihr Selbstbild noch in der Entwicklung befinden. Harte Worte von Gleichaltrigen, Autoritätspersonen oder Eltern können sich als dauerhafte Überzeugungen festsetzen, die bestimmen, wer das Kind glaubt zu sein und wie es erwartet, von anderen behandelt zu werden.
Wenn das Selbstwertgefühl eines Kindes infrage gestellt wird, indem ihm seine Einzigartigkeit abgesprochen wird, ist das sehr schmerzhaft. Als Erwachsene haben die meisten von uns etwa 20 bis 30 verschiedene Identitäten und Eigenschaften, auf die wir zurückgreifen können. Als Kinder sind wir jedoch noch auf der Suche nach unseren Eigenschaften.
Wiederholte Beleidigungen können zu Gefühlen von Traurigkeit, Hoffnungslosigkeit und emotionaler Taubheit führen. Dies sind klassische Anzeichen einer Depression. Diese Gefühle entwickeln sich oft schleichend im Laufe der Zeit, insbesondere, wenn das Opfer das Gefühl hat, keinen Ausweg zu haben und keine Unterstützung zu erhalten.
Betroffene nehmen die gegen sie gerichtete Negativität möglicherweise in sich auf, tragen ein tiefsitzendes Schamgefühl mit sich herum und grübeln immer wieder über das Gesagte nach. Sie reagieren überempfindlich auf jede vermeintliche Zurückweisung oder Kritik und ziehen sich aus Aktivitäten zurück, die ihnen einst Freude bereitet haben.
Die Auswirkungen von Beschimpfungen auf das Verhalten
Beleidigungen hinterlassen nicht nur tiefe emotionale Narben, sondern können auch der Auslöser für verschiedene Verhaltensweisen sein, mit denen Menschen versuchen, mit solchen Verletzungen fertigzuwerden.
Betroffene von Beschimpfungen haben möglicherweise Angst, in sozialen Situationen verurteilt oder negativ behandelt zu werden. Um weiteren Missbrauch zu vermeiden, ziehen sie sich deshalb zurück. Sie entwickeln Misstrauen gegenüber anderen und zweifeln an ihrem Gefühl von Sicherheit und Zugehörigkeit in sozialen Kontexten. Dieser Rückzug kann zu einem Verlust des sozialen Selbstvertrauens führen. Dadurch wird die Entwicklung gesunder Kommunikationsfähigkeiten behindert und es wird schwieriger, Beziehungen aufzubauen und aufrechtzuerhalten. Zudem kann sich das Gefühl verstärken, unsympathisch zu sein oder der Liebe nicht würdig zu sein. Wenn du soziale Situationen meidest, kann sich dein Zustand noch verschlechtern, denn Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe, Freunde und eine soziale Identität sind entscheidend für das psychische Wohlbefinden.
Alternativ können manche Menschen überkompensierende Verhaltensweisen entwickeln. Sie suchen dann ständig nach äußerer Bestätigung, in dem vergeblichen Versuch, weiteren Spott oder Kritik zu vermeiden. Dies kann sich in dem Wunsch äußern, es allen recht zu machen, sowie in perfektionistischen Tendenzen. Den Betroffenen fällt es schwer, Nein zu sagen oder Grenzen zu setzen. Diese Verhaltensweisen haben ihren Ursprung in einer tiefen Unsicherheit, die auf einer extremen Angst vor negativer Beurteilung beruht, oder sie dienen dazu, anderen den eigenen Wert zu „beweisen“.
Andere lernen möglicherweise, sich gegen weitere Beschimpfungen zu wehren, indem sie zurückschlagen oder eine aggressive Haltung einnehmen. Sie werden unter Umständen sogar selbst zu Mobbern, um Kontrolle oder soziale Dominanz zurückzugewinnen. Wenn wir verletzt sind, versuchen wir, so zu sein wie derjenige, der uns verletzt hat, weil wir uns dann sicherer fühlen. Wenn wir andere beschimpfen, versuchen wir, unsere eigenen Unsicherheiten loszuwerden – doch das funktioniert nie. Es mag eine Weile funktionieren, aber irgendwann muss man es wieder tun, da es keine dauerhafte Lösung ist.
Um mit emotionalen Belastungen fertig zu werden, greifen Betroffene von Beschimpfungen möglicherweise zu selbstzerstörerischen Verhaltensweisen. Mögliche Folgen sind Selbstverletzung, Drogenmissbrauch, Essstörungen, impulsives Handeln oder sogar Selbstmordgedanken. Betroffene versuchen auf diese Weise, zu fliehen, sich zu betäuben oder sich selbst zu bestrafen. Dies kommt besonders häufig bei Teenagern und jungen Erwachsenen vor, da ihnen möglicherweise wirksame Bewältigungsstrategien fehlen, um schmerzhafte Emotionen wie Wut oder Frustration auf gesunde Weise zu verarbeiten.
Die körperlichen Auswirkungen von Beschimpfungen
Der Schmerz, den man durch Beschimpfungen empfindet, verschwindet nicht einfach so. Er bleibt im Körper zurück und kann ihn mit der Zeit zermürben.
Körper und Geist sind eng miteinander verbunden. Wenn eine Person leidet, reagiert der Körper entsprechend. Wird jemand wiederholt beschimpft, nimmt der Körper dies als Bedrohung wahr. Das löst die Kampf-oder-Flucht-Reaktion aus, den körpereigenen Überlebensmechanismus. Der Körper schüttet dann Stresshormone wie Cortisol und Adrenalin aus. Diese erhöhen die Herzfrequenz, spannen die Muskeln an und bereiten den Körper darauf vor, sich zu verteidigen. Auch wenn dies in bestimmten Situationen nützlich ist, kann ein zu häufiger Aufenthalt in diesem Zustand zu langfristigen körperlichen Belastungen führen.
Werden Menschen beschimpft, kann das zu psychosomatischen Symptomen wie Schlaf- und Essstörungen, Kopfschmerzen, Verdauungsproblemen, Muskelverspannungen und Müdigkeit führen. Lang anhaltender Stress durch Erfahrungen wie verbale Gewalt kann das Immunsystem schwächen. Dadurch wird der Körper anfälliger für Infektionen und Krankheiten und erholt sich langsamer. Zudem kann sich das Risiko für chronische Erkrankungen wie Herzkrankheiten und Autoimmunerkrankungen erhöhen. Diese Erkrankungen treten möglicherweise erst Jahre nach dem Ende der Misshandlung auf, sind aber häufig die Folge jahrelanger Stressbelastung und verinnerlichter Traumata.
