Vor rund zweitausend Jahren berichtete der griechische Philosoph Platon von einem Krieg. Es war kein Krieg zwischen Städten oder Nationen, sondern ein Krieg im Inneren jedes Menschen. Der menschliche Geist, so schrieb Platon, sei ein unaufhörlicher Kampf zwischen drei inneren Kräften um die Kontrolle über das eigene Verhalten.
- Die Kraft grundlegender Überlebensinstinkte wie Hunger, Sexualität und Trieb
- Die Kraft von Emotionen wie Freude, Wut und Angst
Zusammen sind Instinkte und Emotionen wie wilde Tiere, die Ihr Verhalten in unterschiedliche, womöglich unkluge Richtungen lenken können. Um diesem Chaos entgegenzuwirken, verfügst du über eine dritte Kraft.
- Die Kraft des rationalen Denkens hilft dir, beide Bestien im Zaum zu halten und lenkt dich auf einen zivilisierteren und rechtschaffeneren Pfad.
Platons eindringliche moralische Erzählung vom inneren Konflikt zählt nach wie vor zu den beliebtesten Geschichten der westlichen Kultur. Wer von uns hat nicht schon einmal das innere Ringen zwischen Begehren und Vernunft verspürt?
Es überrascht daher vielleicht nicht, dass Wissenschaftler Platons Kampf später auf das Gehirn übertrugen, um zu erklären, wie sich das menschliche Gehirn entwickelt hat. Vor langer Zeit, so heißt es, waren wir Echsen. Vor dreihundert Millionen Jahren war dieses Reptiliengehirn auf grundlegende Triebe wie Fressen, Kämpfen und Fortpflanzen programmiert. Etwa hundert Millionen Jahre später entwickelte sich ein neuer Teil des Gehirns, der uns Emotionen verlieh. Zu diesem Zeitpunkt waren wir Säugetiere. Schließlich entwickelte das Gehirn einen rationalen Teil, um unsere inneren Bestien zu zügeln. Wir wurden zu Menschen und lebten fortan ein vernunftgesteuertes Leben.
Diese evolutionäre Theorie besagt, dass sich im menschlichen Gehirn drei Schichten entwickelt haben: eine für das Überleben, eine für das Empfinden und eine für das Denken. Diese Anordnung ist als „Triune Brain“ (Drei-Einheiten-Gehirn) bekannt.
- In der tiefsten Schicht, dem sogenannten Reptiliengehirn, das wir von urzeitlichen Reptilien geerbt haben sollen, sind unsere Überlebensinstinkte verankert.
- Die mittlere Schicht, das limbische System, beherbergt mutmaßlich jene alten, für Emotionen zuständigen Bereiche, die wir von prähistorischen Säugetieren geerbt haben.
- Die äußerste Schicht, der Neokortex, gilt als spezifisch menschlich und als Ursprung rationalen Denkens. Ein Teil des Neokortex, der präfrontale Kortex, reguliert angeblich das emotionale Gehirn sowie das Reptiliengehirn und hält so das irrationale Ich in Schach.
Befürworter des Modells vom „Triune Brain“ verweisen darauf, dass der Mensch über eine sehr große Großhirnrinde verfügt. Dies werten sie als Beleg für unsere ausgeprägt rationale Natur.
Das Konzept des dreieinigen Gehirns
Die Theorie des „dreieinigen Gehirns“ zählt zu den erfolgreichsten und weitverbreitetsten Irrtümern der Wissenschaft. Zweifellos ist sie eine fesselnde Geschichte, die bisweilen genau widerspiegelt, wie wir uns im Alltag fühlen. Wenn wir uns beispielsweise von dem Geschmack eines köstlichen Stücks Schokoladenkuchen verführen lassen, ihn aber dankend ablehnen, weil wir gerade erst gefrühstückt haben, dann liegt die Vermutung nahe, dass unsere impulsive „Echse“ und unser emotionales limbisches System uns in Richtung Kuchen drängen, während unser rationaler Neokortex die beiden in die Schranken weist.
Doch so funktioniert das menschliche Gehirn nicht.
Schlechtes Verhalten entspringt nicht irgendwelchen urtümlichen, ungezügelten inneren Bestien. Gutes Verhalten ist nicht das Ergebnis von Rationalität. Und Rationalität und Emotionen befinden sich nicht im Krieg miteinander. Sie sind nicht einmal in getrennten Bereichen des Gehirns angesiedelt.
Das Konzept des dreischichtigen Gehirns wurde im Laufe der Jahre von verschiedenen Wissenschaftlern vorgeschlagen und Mitte des 20. Jahrhunderts von dem Mediziner Paul MacLean formal definiert. MacLean stellte sich ein Gehirn vor, das ähnlich strukturiert war wie Platons Streitwagen-Gleichnis. Er untermauerte seine Hypothese mit der damals besten verfügbaren Technologie, der visuellen Untersuchung. Das bedeutete, die Gehirne verschiedener toter Echsen und Säugetiere – einschließlich des Menschen – unter dem Mikroskop zu betrachten und allein durch Inaugenscheinnahme Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu identifizieren. MacLean stellte fest, dass das menschliche Gehirn über eine Reihe neuer Strukturen verfügte, die bei anderen Säugetiergehirnen fehlten. Er bezeichnete diesen Bereich als Neokortex. Zudem kam er zu dem Schluss, dass Säugetiergehirne über Strukturen verfügten, die Reptiliengehirnen fehlten: das sogenannte limbische System. Und voilà: Eine Entstehungsgeschichte des Menschen war geboren.
MacLeans Theorie vom dreieinigen Gehirn fand in bestimmten Kreisen der wissenschaftlichen Gemeinschaft Anklang. Seine Spekulationen waren einfach, elegant und schienen mit Charles Darwins Vorstellungen über die Evolution der menschlichen Kognition im Einklang zu stehen. In seinem Werk „Die Abstammung des Menschen” vertrat Darwin die Ansicht, dass sich der menschliche Geist gemeinsam mit dem Körper entwickelt habe und jeder von uns daher ein uraltes, inneres Tier in sich trage, das wir durch rationales Denken bändigen.
Der Astronom Carl Sagan machte die Idee des „dreieinigen Gehirns“ 1977 mit seinem mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten Buch „The Dragons of Eden“ einem breiten Publikum bekannt. Heute sind Begriffe wie „Echsenhirn“ und „limbisches System“ allgegenwärtig in populärwissenschaftlichen Büchern sowie in Zeitungs- und Zeitschriftenartikeln.
Während ich an diesem Learning arbeitete, stieß ich in meinem örtlichen Supermarkt tatsächlich auf eine Sonderausgabe der Harvard Business Review, in der erklärt wurde, wie man „das Echsenhirn der Kundinnen und Kunden stimulieren kann, um einen Verkauf zu erzielen“. Daneben lag eine Sonderausgabe von National Geographic, die jene Hirnregionen auflistete, aus denen sich das sogenannte „emotionale Gehirn“ zusammensetzt.
Weniger bekannt ist, dass „The Dragons of Eden” erschien, als Experten für die Evolution des Gehirns bereits über stichhaltige Belege dafür verfügten, dass die Theorie des „dreiteiligen Gehirns” (Triune Brain) falsch war. Diese Belege waren dem bloßen Auge verborgen und lagen in der molekularen Beschaffenheit von Gehirnzellen, den sogenannten Neuronen. Bis in die 1990er-Jahre hatten Fachleute die Vorstellung eines dreischichtigen Gehirns gänzlich verworfen, da sie schlichtweg nicht standhielt, sobald Neuronen mit ausgefeilteren Methoden untersucht wurden.
Zu MacLeans Zeiten verglichen Wissenschaftler die Gehirne verschiedener Tierarten, indem sie diese mit Farbstoffen injizierten, hauchdünn wie Aufschnitt in Scheiben schnitten und die gefärbten Schnitte unter dem Mikroskop betrachteten. Neurowissenschaftler, die heute die Evolution des Gehirns erforschen, wenden dieses Verfahren zwar weiterhin an, nutzen aber auch neuere Methoden. Diese ermöglichen es ihnen, in das Innere von Neuronen zu blicken und die darin enthaltenen Gene zu untersuchen. Sie haben herausgefunden, dass Neuronen zweier Tierarten zwar sehr unterschiedlich aussehen können, aber dennoch dieselben Gene enthalten.
Dies deutet darauf hin, dass diese Neuronen einen gemeinsamen evolutionären Ursprung haben. Wenn wir beispielsweise dieselben Gene in bestimmten Neuronen von Menschen und Ratten finden, waren entsprechende Neuronen mit diesen Genen höchstwahrscheinlich bereits bei unserem letzten gemeinsamen Vorfahren vorhanden.
Mithilfe dieser Methoden haben Wissenschaftler:innen erkannt, dass die Evolution der Anatomie des Gehirns keine Schichten hinzufügt, wie es bei geologischen Schichten aus Sedimentgestein der Fall ist. Da sich das menschliche Gehirn jedoch offensichtlich von dem einer Ratte unterscheidet, stellt sich die Frage: Wie genau kam es zu diesen Unterschieden, wenn nicht durch das Hinzufügen von Schichten?
Die Forschung hat gezeigt, dass sich das Gehirn im Laufe der Evolution umorganisiert, während es an Größe zunimmt.
Lasse es mich an einem Beispiel erläutern. Unser Gehirn verfügt über vier Neuronengruppen, auch Hirnregionen genannt, die es uns ermöglichen, unsere Körperbewegungen wahrzunehmen und zu unserem Tastsinn beitragen. Diese Hirnregionen werden zusammenfassend als primärer somatosensorischer Kortex bezeichnet. Im Gehirn einer Ratte hingegen besteht der primäre somatosensorische Kortex lediglich aus einer einzigen Region, die dieselben Aufgaben erfüllt. Betrachtet man die Gehirne von Menschen und Ratten – wie MacLean es tat – lediglich mit bloßem Auge, könnte man zu dem Schluss kommen, dass Ratten drei somatosensorische Regionen fehlen, die im menschlichen Gehirn vorhanden sind. Man könnte folgern, dass sich diese drei Regionen erst beim Menschen entwickelt haben und über neue, spezifisch menschliche Funktionen verfügen müssen.
Wissenschaftler haben jedoch festgestellt, dass die vier Regionen des Menschen und die einzelne Region der Ratte viele der gleichen Gene enthalten. Diese wissenschaftliche Erkenntnis erlaubt Rückschlüsse auf die Evolution: Der letzte gemeinsame Vorfahre von Mensch und Nagetier, der vor etwa 66 Millionen Jahren lebte, besaß wahrscheinlich eine einzige somatosensorische Region. Diese übernahm einige jener Funktionen, die heute von unseren vier Regionen erfüllt werden. Höchstwahrscheinlich vergrößerte und unterteilte sich diese einzelne Region, um ihre Aufgaben neu zu verteilen, während sich bei unseren Vorfahren größere Gehirne und Körper entwickelten. Durch diese Anordnung der Hirnregionen – zunächst Trennung und anschließend Integration – entsteht ein komplexeres Gehirn, das einen größeren und komplexeren Körper steuern kann.
Der Vergleich der Gehirne verschiedener Arten, um Gemeinsamkeiten aufzudecken, ist knifflig, da der Verlauf der Evolution verschlungen und unvorhersehbar ist. Der äußere Eindruck täuscht oft. So können Strukturen, die für das bloße Auge unterschiedlich erscheinen, genetisch ähnlich sein, während genetisch unterschiedliche Bereiche sehr ähnlich aussehen können. Selbst wenn man in den Gehirnen zweier verschiedener Tiere dieselben Gene findet, können diese unterschiedliche Funktionen erfüllen.
Dank neuer molekulargenetischer Forschungsergebnisse wissen wir heute, dass Reptilien und nichtmenschliche Säugetiere über dieselben Arten von Neuronen verfügen wie der Mensch, einschließlich jener, die den vielgerühmten menschlichen Neokortex bilden. Das menschliche Gehirn ist jedoch nicht aus dem Reptiliengehirn hervorgegangen, indem zusätzliche Bereiche für Emotionen und Rationalität entstanden sind. Vielmehr geschah etwas Interessanteres.
Kürzlich haben Wissenschaftler entdeckt, dass die Gehirne aller Säugetiere nach demselben Bauplan angelegt sind. Höchstwahrscheinlich folgen auch die Gehirne von Reptilien und anderen Wirbeltieren diesem Plan. Diese Erkenntnisse sind vielen Menschen – darunter auch zahlreichen Neurowissenschaftlern – nicht bekannt. Diejenigen, die davon wissen, beginnen erst allmählich, deren Tragweite zu erfassen.
Der allgemeine Bauplan für das Gehirn kommt kurz nach der Empfängnis zum Tragen, wenn ein Embryo mit der Produktion von Neuronen beginnt. Die Neuronen, aus denen sich das Gehirn eines Säugetiers zusammensetzt, entstehen in einer erstaunlich vorhersehbaren Reihenfolge. Diese Abfolge gilt für Mäuse, Ratten, Hunde, Katzen, Pferde, Ameisenbären, Menschen und alle anderen bislang untersuchten Säugetierarten. Zudem deuten genetische Belege stark darauf hin, dass sie auch bei Reptilien, Vögeln und einigen Fischarten zutrifft. Nach unserem derzeitigen wissenschaftlichen Kenntnisstand teilen wir uns somit denselben Gehirn-Bauplan wie ein blutsaugendes Neunauge.
Wenn sich die Gehirne so vieler Wirbeltiere in derselben Reihenfolge entwickeln, warum sehen sie dann so unterschiedlich aus? Weil der Herstellungsprozess in Phasen abläuft, die bei verschiedenen Arten unterschiedlich lange dauern. Die biologischen Bausteine sind dieselben, variierend ist lediglich der zeitliche Ablauf. So dauert beispielsweise die Phase, in der die Neuronen für die Großhirnrinde gebildet werden, bei Nagetieren kürzer und bei Echsen sogar noch wesentlich kürzer als beim Menschen. Folglich ist die menschliche Großhirnrinde groß, die einer Maus kleiner und die eines Leguans winzig. Würde man auf magische Weise in einen Echsenembryo eingreifen und erzwingen, dass diese Phase genauso lange andauert wie beim Menschen, würde sich etwas Ähnliches wie eine menschliche Großhirnrinde entwickeln.
Das menschliche Gehirn verfügt also über keine neuen Bestandteile. Die Neuronen in deinem Gehirn finden sich auch in den Gehirnen anderer Säugetiere – und höchstwahrscheinlich auch in denen anderer Wirbeltiere. Diese Entdeckung untergräbt die evolutionären Grundlagen der Theorie vom „dreieinigen Gehirn“.
Wie steht es um den Rest der Geschichte, dass das menschliche Gehirn über eine ungewöhnlich große Großhirnrinde verfügt und uns somit zum rationalsten aller Tiere macht? Zwar ist unsere Großhirnrinde groß und hat sich im Laufe der Evolution vergrößert, was uns befähigt, bestimmte Dinge etwas besser zu beherrschen als andere Tiere. Doch die eigentliche Frage lautet: Ist die menschliche Großhirnrinde im Verhältnis zum übrigen Gehirn tatsächlich größer geworden? Aus wissenschaftlicher Sicht ist es daher aussagekräftiger, die Frage zu stellen, ob unsere Großhirnrinde im Vergleich zu unserer gesamten Gehirngröße ungewöhnlich groß ist.
Um zu verstehen, warum diese Frage besser ist, betrachten wir eine Analogie. Denke für einen Moment an die unterschiedlichsten Küchen, die du schon in Privathaushalten gesehen hast. Manche sind groß, andere klein. Stelle dir vor, du befändest dich in einer riesigen Küche. Vielleicht denkst du: „Wow, diese Leute kochen bestimmt für ihr Leben gern.“ Ist das ein plausibler Schluss?
Nein, zumindest nicht allein aufgrund der Größe der Küche. Man muss die Küche auch im Verhältnis zum restlichen Haus betrachten. Eine große Küche in einem großen Haus ist nichts Ungewöhnliches, sondern lediglich eine vergrößerte Variante eines typischen Hausgrundrisses. Eine riesige Küche in einem kleinen Haus hingegen deutet weitaus eher auf einen besonderen Grund für diese Größe hin, beispielsweise, dass die Bewohner Spitzenköche sind.
Dasselbe Prinzip gilt für Gehirne. Ein großes Gehirn mit einer proportional großen Großhirnrinde wäre nichts Besonderes – und genau das besitzen wir Menschen. Alle Säugetiere verfügen über eine vergleichsweise große Großhirnrinde in einem vergleichsweise großen Gehirn. Unsere Großhirnrinde ist lediglich eine vergrößerte Version der vergleichsweise kleineren Rinde, wie sie bei Affen, Schimpansen und vielen Raubtieren mit kleineren Gehirnen vorkommt. Zugleich ist sie eine verkleinerte Version der größeren Rinde, die in den noch größeren Gehirnen von Elefanten und Walen zu finden ist.
Würde das Gehirn eines Affen auf die Größe eines menschlichen Gehirns anwachsen, hätte es eine Großhirnrinde von derselben Größe wie unsere. Elefanten besitzen eine weitaus größere Großhirnrinde als wir, doch auch ein menschliches Gehirn von der Größe eines Elefantengehirns würde über eine solche verfügen.
Die Größe unserer Großhirnrinde ist demnach keine evolutionäre Neuheit und bedarf keiner besonderen Erklärung. Zudem lässt sie keinerlei Rückschlüsse darauf zu, wie rational eine Spezies ist. Die Vorstellung von der großen, rationalen Großhirnrinde wurde von westlichen Wissenschaftlern und Intellektuellen in die Welt gesetzt und über viele Jahre hinweg aufrechterhalten. Tatsächlich verhielt es sich jedoch so, dass im Laufe der Evolution bestimmte Gene mutierten, wodurch sich einzelne Phasen der Gehirnentwicklung über längere oder kürzere Zeiträume erstreckten. Auf diese Weise entstand ein Gehirn, dessen einzelne Bereiche im Verhältnis zueinander größer oder kleiner ausfielen.
Du hast also weder eine „innere Echse“ noch ein emotionales „Bestienhirn“. Es gibt kein limbisches System, das speziell für Emotionen zuständig wäre. Auch der Neokortex, der irreführenderweise als „neu“ bezeichnet wird, ist kein neuer Bestandteil. Bei vielen anderen Wirbeltieren entstehen dieselben Neuronen, die sich bei manchen Tieren zu einer Großhirnrinde organisieren, sofern bestimmte Entwicklungsphasen lange genug andauern. Alles, was du darüber liest oder hörst – etwa, dass der menschliche Neokortex, die Großhirnrinde oder der präfrontale Kortex der Ursprung der Rationalität seien, oder dass der Frontallappen sogenannte emotionale Hirnareale reguliere, um irrationales Verhalten in Schach zu halten –, ist schlicht veraltet oder höchst unvollständig.
Die Theorie des „dreieinigen Gehirns“ und der darin beschriebene epische Kampf zwischen Emotion, Instinkt und Rationalität sind ein moderner Mythos.
Um es klarzustellen: Ich behaupte nicht, dass unser großes Gehirn keine Vorteile bietet. Zwar sind wir die einzigen Lebewesen, die Wolkenkratzer bauen und Pommes frites erfinden können, doch verdanken wir diese Fähigkeiten nicht allein unserem großen Gehirn. Darüber hinaus haben andere Tiere Fähigkeiten entwickelt, die unsere in vielerlei Hinsicht übertreffen. Wir haben beispielsweise keine Flügel zum Fliegen. Wir können nicht das Fünfzigfache unseres eigenen Gewichts heben. Wir können keine amputierten Körperteile nachwachsen lassen. Solche Fähigkeiten sind für uns Superkräfte, für vermeintlich schwächere Lebewesen aber Alltag. Selbst Bakterien sind uns in manchen Bereichen überlegen, beispielsweise wenn es darum geht, in rauen, ungewohnten Umgebungen wie dem Weltraum oder dem Inneren unseres Darms zu überleben.
Die natürliche Selektion war nicht auf uns Menschen ausgerichtet. Wir sind lediglich eine interessante Tierart mit spezifischen Anpassungen, die es uns ermöglichen, in bestimmten Umgebungen zu überleben und uns fortzupflanzen. Andere Tiere sind dem Menschen nicht unterlegen, sondern auf einzigartige und effektive Weise an ihre jeweilige Umwelt angepasst. Das menschliche Gehirn ist nicht weiter, sondern lediglich anders entwickelt als das einer Ratte oder Eidechse.
Wenn das der Fall ist, warum ist der Mythos vom „dreieinigen Gehirn“ dann immer noch so populär? Warum stellen Lehrbücher an Hochschulen nach wie vor ein limbisches System im menschlichen Gehirn dar und behaupten, es werde von der Großhirnrinde reguliert? Warum lernen CEOs in teuren Führungskräftetrainings, ihr „Eidechsengehirn“ in den Griff zu bekommen, obwohl Experten für Gehirnevolution solche Vorstellungen schon vor Jahrzehnten verworfen haben?
Zum Teil liegt das daran, dass diese Experten eine bessere Öffentlichkeitsarbeit betreiben müssten. Vor allem aber liegt es daran, dass die Geschichte vom „dreieinigen Gehirn“ ihre eigenen Anhänger hat. Dank unserer einzigartigen Fähigkeit zu rationalem Denken, so die Erzählung, haben wir über unsere tierische Natur triumphiert und beherrschen nun den Planeten. Wer an das dreieinige Gehirn glaubt, verleiht sich gewissermaßen selbst den ersten Preis in der Kategorie „Beste Spezies“.
Die Vorstellung von Platons „Krieg“ – dem Konflikt zwischen Rationalität einerseits und Emotionen sowie Instinkten andererseits – ist in der westlichen Kultur seit Langem die gängigste Erklärung für unser Verhalten. Wer seine Instinkte und Emotionen angemessen im Zaum hält, dessen Verhalten gilt als rational und verantwortungsbewusst. Entscheidet man sich dagegen, nicht rational zu handeln, kann das Verhalten als unmoralisch bezeichnet werden. Ist man hingegen unfähig dazu, gilt man als psychisch krank.
Doch was genau ist eigentlich rationales Verhalten? Traditionell gilt es als das Fehlen von Emotionen. Während Denken als rational betrachtet wird, gelten Emotionen als irrational. Das muss jedoch nicht unbedingt so sein. Manchmal sind Emotionen rational, beispielsweise wenn man Angst verspürt, weil man sich in unmittelbarer Gefahr befindet. Und manchmal ist Denken nicht rational, beispielsweise wenn man stundenlang durch soziale Medien scrollt und sich einredet, dabei sicher auf etwas Wichtiges zu stoßen.
Vielleicht lässt sich Rationalität am besten über die wichtigste Aufgabe des Gehirns definieren: das Body-Budgeting, also die Verwaltung der Ressourcen, die wir täglich verbrauchen, wie etwa Wasser, Salz und Glukose. In diesem Sinne bedeutet Rationalität, Ressourcen so einzusetzen oder zu sparen, dass man in seiner unmittelbaren Umgebung erfolgreich ist.
Stelle dir vor, du befindest dich in einer körperlich gefährlichen Situation und dein Gehirn bereitet dich auf die Flucht vor. Es veranlasst deine Nebennieren, die auf den Nieren sitzen, dich mit Cortisol zu fluten. Dieses Hormon sorgt für einen schnellen Energieschub. Betrachtet man das Gehirn als „dreiteiliges“ Organ (Triune-Brain-Modell), so erscheint dieser Cortisol-Schub instinktiv, aber nicht rational. Betrachtet man die Sache jedoch aus der Perspektive des Body-Budgeting, so ist dieser Schub durchaus rational, da das Gehirn eine sinnvolle Investition in das Überleben von dir und potenziellen Nachkommen tätigt.
Wenn keine Gefahr bestünde, dein Körper sich aber dennoch auf die Flucht vorbereiten würde, wäre das dann ein irrationales Verhalten? Das hängt vom Kontext ab. Stell dir vor, du wärst Soldat in einem Kriegsgebiet, in dem ständig Bedrohungen auftreten. Es ist durchaus angemessen, dass dein Gehirn häufig mit einer Bedrohung rechnet. Zwar mag es sich bisweilen irren und dich mit Cortisol überfluten, obwohl gar keine Gefahr besteht. Einerseits könnte man diesen Fehlalarm als unnötige Verschwendung von Ressourcen betrachten, die du später vielleicht noch brauchst, und ihn somit als irrational einstufen.
In einem Kriegsgebiet kann ein solcher Fehlalarm jedoch aus der Perspektive der „Körperhaushalt-Ökonomie“ rational sein. Zwar vergeudest du in diesem Moment etwas Glukose oder andere Ressourcen, doch langfristig gesehen steigen dadurch deine Überlebenschancen.
Wenn du aus dem Krieg in eine sicherere Umgebung zurückkehrst, dein Gehirn aber weiterhin – wie bei einer posttraumatischen Belastungsstörung – fälschlicherweise Alarm schlägt, lässt sich dieses Verhalten dennoch als rational betrachten. Das Gehirn schützt dich vor Bedrohungen, die es für real hält, auch wenn die häufigen Reaktionen darauf deine Energiereserven („Body Budget“) aufzehren.
Das Problem liegt in den Annahmen deines Gehirns: Sie passen nicht zu deiner neuen Umgebung und dein Gehirn hat sich noch nicht darauf eingestellt. Was wir als psychische Erkrankungen bezeichnen, könnte also eine kurzfristig rationale Form des Umgangs mit den Energiereserven sein. Diese steht jedoch nicht im Einklang mit der aktuellen Umgebung, den Bedürfnissen anderer Menschen oder Ihrem eigenen langfristigen Wohl.
Rationales Verhalten bedeutet demnach, in einer gegebenen Situation eine Investition zu tätigen, von der der eigene Körper profitiert. Wenn du dich intensiv körperlich betätigst, kann es zu einem Cortisolanstieg im Blut kommen und du fühlst dich womöglich unwohl. Dennoch würden wir das Training als rational einstufen, da es deiner künftigen Gesundheit dient. Auch der Cortisolanstieg, wenn man Kritik von einem Kollegen erhält, kann rational sein, da er mehr Glukose bereitstellt und einen so in die Lage versetzt, etwas Neues zu lernen.
Würde man diese Ideen ernst nehmen, könnten sie die Grundfesten unterschiedlichster, als unantastbar geltender Institutionen unserer Gesellschaft erschüttern. Im Rechtswesen argumentieren Anwälte beispielsweise, dass die Emotionen ihrer Mandanten im Affekt die Vernunft übermannt hätten und diese daher nicht die volle Verantwortung für ihr Handeln trügen. Doch emotionaler Stress ist kein Beweis für Irrationalität oder dafür, dass das sogenannte emotionale Gehirn die Kontrolle über das rationale Gehirn übernommen hat. Vielmehr kann Stress ein Indiz dafür sein, dass das gesamte Gehirn Ressourcen für einen erwarteten Nutzen aufwendet.
Viele andere gesellschaftliche Institutionen sind von der Vorstellung eines mit sich selbst im Krieg befindlichen Geistes durchdrungen. In der Wirtschaftswissenschaft gehen Modelle zum Anlegerverhalten beispielsweise von einer scharfen Trennung zwischen Rationalität und Emotionalität aus. In der Politik gibt es Führungskräfte mit offensichtlichen Interessenkonflikten – etwa durch frühere Lobbyarbeit in Branchen, die sie nun beaufsichtigen –, die glauben, sie könnten ihre Emotionen mühelos beiseiteschieben und rationale Entscheidungen zum Wohle der Allgemeinheit treffen. Hinter diesen hehren Vorstellungen verbirgt sich der Mythos vom dreieinigen Gehirn.
