Du hast nur ein Gehirn

Vor rund zwei­tau­send Jah­ren berich­tete der grie­chi­sche Phi­lo­soph Pla­ton von einem Krieg. Es war kein Krieg zwi­schen Städ­ten oder Natio­nen, son­dern ein Krieg im Inne­ren jedes Men­schen. Der mensch­li­che Geist, so schrieb Pla­ton, sei ein unauf­hör­li­cher Kampf zwi­schen drei inne­ren Kräf­ten um die Kon­trolle über das eigene Ver­hal­ten.

  • Die Kraft grund­le­gen­der Über­le­bens­in­stinkte wie Hun­ger, Sexua­li­tät und Trieb
  • Die Kraft von Emo­tio­nen wie Freude, Wut und Angst

Zusam­men sind Instinkte und Emo­tio­nen wie wilde Tiere, die Ihr Ver­hal­ten in unter­schied­li­che, womög­lich unkluge Rich­tun­gen len­ken kön­nen. Um die­sem Chaos ent­ge­gen­zu­wir­ken, ver­fügst du über eine dritte Kraft.

  • Die Kraft des ratio­na­len Den­kens hilft dir, beide Bes­tien im Zaum zu hal­ten und lenkt dich auf einen zivi­li­sier­te­ren und recht­schaf­fe­ne­ren Pfad.

Pla­tons ein­dring­li­che mora­li­sche Erzäh­lung vom inne­ren Kon­flikt zählt nach wie vor zu den belieb­tes­ten Geschich­ten der west­li­chen Kul­tur. Wer von uns hat nicht schon ein­mal das innere Rin­gen zwi­schen Begeh­ren und Ver­nunft ver­spürt?

Es über­rascht daher viel­leicht nicht, dass Wis­sen­schaft­ler Pla­tons Kampf spä­ter auf das Gehirn über­tru­gen, um zu erklä­ren, wie sich das mensch­li­che Gehirn ent­wi­ckelt hat. Vor lan­ger Zeit, so heißt es, waren wir Ech­sen. Vor drei­hun­dert Mil­lio­nen Jah­ren war die­ses Rep­ti­li­en­ge­hirn auf grund­le­gende Triebe wie Fres­sen, Kämp­fen und Fort­pflan­zen pro­gram­miert. Etwa hun­dert Mil­lio­nen Jahre spä­ter ent­wi­ckelte sich ein neuer Teil des Gehirns, der uns Emo­tio­nen ver­lieh. Zu die­sem Zeit­punkt waren wir Säu­ge­tiere. Schließ­lich ent­wi­ckelte das Gehirn einen ratio­na­len Teil, um unsere inne­ren Bes­tien zu zügeln. Wir wur­den zu Men­schen und leb­ten fortan ein ver­nunft­ge­steu­er­tes Leben.

Diese evo­lu­tio­näre Theo­rie besagt, dass sich im mensch­li­chen Gehirn drei Schich­ten ent­wi­ckelt haben: eine für das Über­le­ben, eine für das Emp­fin­den und eine für das Den­ken. Diese Anord­nung ist als „Tri­une Brain“ (Drei-Ein­hei­ten-Gehirn) bekannt.

  • In der tiefs­ten Schicht, dem soge­nann­ten Rep­ti­li­en­ge­hirn, das wir von urzeit­li­chen Rep­ti­lien geerbt haben sol­len, sind unsere Über­le­bens­in­stinkte ver­an­kert.
  • Die mitt­lere Schicht, das lim­bi­sche Sys­tem, beher­bergt mut­maß­lich jene alten, für Emo­tio­nen zustän­di­gen Berei­che, die wir von prä­his­to­ri­schen Säu­ge­tie­ren geerbt haben.
  • Die äußerste Schicht, der Neo­kor­tex, gilt als spe­zi­fisch mensch­lich und als Ursprung ratio­na­len Den­kens. Ein Teil des Neo­kor­tex, der prä­fron­tale Kor­tex, regu­liert angeb­lich das emo­tio­nale Gehirn sowie das Rep­ti­li­en­ge­hirn und hält so das irra­tio­nale Ich in Schach.

Befür­wor­ter des Modells vom „Tri­une Brain“ ver­wei­sen dar­auf, dass der Mensch über eine sehr große Groß­hirn­rinde ver­fügt. Dies wer­ten sie als Beleg für unsere aus­ge­prägt ratio­nale Natur.

Das Kon­zept des drei­ei­ni­gen Gehirns

Die Theo­rie des „drei­ei­ni­gen Gehirns“ zählt zu den erfolg­reichs­ten und weit­ver­brei­tets­ten Irr­tü­mern der Wis­sen­schaft. Zwei­fel­los ist sie eine fes­selnde Geschichte, die bis­wei­len genau wider­spie­gelt, wie wir uns im All­tag füh­len. Wenn wir uns bei­spiels­weise von dem Geschmack eines köst­li­chen Stücks Scho­ko­la­den­ku­chen ver­füh­ren las­sen, ihn aber dan­kend ableh­nen, weil wir gerade erst gefrüh­stückt haben, dann liegt die Ver­mu­tung nahe, dass unsere impul­sive „Echse“ und unser emo­tio­na­les lim­bi­sches Sys­tem uns in Rich­tung Kuchen drän­gen, wäh­rend unser ratio­na­ler Neo­kor­tex die bei­den in die Schran­ken weist.

Schlech­tes Ver­hal­ten ent­springt nicht irgend­wel­chen urtüm­li­chen, unge­zü­gel­ten inne­ren Bes­tien. Gutes Ver­hal­ten ist nicht das Ergeb­nis von Ratio­na­li­tät. Und Ratio­na­li­tät und Emo­tio­nen befin­den sich nicht im Krieg mit­ein­an­der. Sie sind nicht ein­mal in getrenn­ten Berei­chen des Gehirns ange­sie­delt.

Das Kon­zept des drei­schich­ti­gen Gehirns wurde im Laufe der Jahre von ver­schie­de­nen Wis­sen­schaft­lern vor­ge­schla­gen und Mitte des 20. Jahr­hun­derts von dem Medi­zi­ner Paul MacLean for­mal defi­niert. MacLean stellte sich ein Gehirn vor, das ähn­lich struk­tu­riert war wie Pla­tons Streit­wa­gen-Gleich­nis. Er unter­mau­erte seine Hypo­these mit der damals bes­ten ver­füg­ba­ren Tech­no­lo­gie, der visu­el­len Unter­su­chung. Das bedeu­tete, die Gehirne ver­schie­de­ner toter Ech­sen und Säu­ge­tiere – ein­schließ­lich des Men­schen – unter dem Mikro­skop zu betrach­ten und allein durch Inau­gen­schein­nahme Gemein­sam­kei­ten und Unter­schiede zu iden­ti­fi­zie­ren. MacLean stellte fest, dass das mensch­li­che Gehirn über eine Reihe neuer Struk­tu­ren ver­fügte, die bei ande­ren Säu­ge­tier­ge­hir­nen fehl­ten. Er bezeich­nete die­sen Bereich als Neo­kor­tex. Zudem kam er zu dem Schluss, dass Säu­ge­tier­ge­hirne über Struk­tu­ren ver­füg­ten, die Rep­ti­li­en­ge­hir­nen fehl­ten: das soge­nannte lim­bi­sche Sys­tem. Und voilà: Eine Ent­ste­hungs­ge­schichte des Men­schen war gebo­ren.

MacLe­ans Theo­rie vom drei­ei­ni­gen Gehirn fand in bestimm­ten Krei­sen der wis­sen­schaft­li­chen Gemein­schaft Anklang. Seine Spe­ku­la­tio­nen waren ein­fach, ele­gant und schie­nen mit Charles Dar­wins Vor­stel­lun­gen über die Evo­lu­tion der mensch­li­chen Kogni­tion im Ein­klang zu ste­hen. In sei­nem Werk „Die Abstam­mung des Men­schen” ver­trat Dar­win die Ansicht, dass sich der mensch­li­che Geist gemein­sam mit dem Kör­per ent­wi­ckelt habe und jeder von uns daher ein uraltes, inne­res Tier in sich trage, das wir durch ratio­na­les Den­ken bän­di­gen.

Der Astro­nom Carl Sagan machte die Idee des „drei­ei­ni­gen Gehirns“ 1977 mit sei­nem mit dem Pulit­zer-Preis aus­ge­zeich­ne­ten Buch „The Dra­gons of Eden“ einem brei­ten Publi­kum bekannt. Heute sind Begriffe wie „Ech­sen­hirn“ und „lim­bi­sches Sys­tem“ all­ge­gen­wär­tig in popu­lär­wis­sen­schaft­li­chen Büchern sowie in Zei­tungs- und Zeit­schrif­ten­ar­ti­keln.

Wäh­rend ich an die­sem Lear­ning arbei­tete, stieß ich in mei­nem ört­li­chen Super­markt tat­säch­lich auf eine Son­der­aus­gabe der Har­vard Busi­ness Review, in der erklärt wurde, wie man „das Ech­sen­hirn der Kun­din­nen und Kun­den sti­mu­lie­ren kann, um einen Ver­kauf zu erzie­len“. Dane­ben lag eine Son­der­aus­gabe von Natio­nal Geo­gra­phic, die jene Hirn­re­gio­nen auf­lis­tete, aus denen sich das soge­nannte „emo­tio­nale Gehirn“ zusam­men­setzt.

Weni­ger bekannt ist, dass „The Dra­gons of Eden” erschien, als Exper­ten für die Evo­lu­tion des Gehirns bereits über stich­hal­tige Belege dafür ver­füg­ten, dass die Theo­rie des „drei­tei­li­gen Gehirns” (Tri­une Brain) falsch war. Diese Belege waren dem blo­ßen Auge ver­bor­gen und lagen in der mole­ku­la­ren Beschaf­fen­heit von Gehirn­zel­len, den soge­nann­ten Neu­ro­nen. Bis in die 1990er-Jahre hat­ten Fach­leute die Vor­stel­lung eines drei­schich­ti­gen Gehirns gänz­lich ver­wor­fen, da sie schlicht­weg nicht stand­hielt, sobald Neu­ro­nen mit aus­ge­feil­te­ren Metho­den unter­sucht wur­den.

Zu MacLe­ans Zei­ten ver­gli­chen Wis­sen­schaft­ler die Gehirne ver­schie­de­ner Tier­ar­ten, indem sie diese mit Farb­stof­fen inji­zier­ten, hauch­dünn wie Auf­schnitt in Schei­ben schnit­ten und die gefärb­ten Schnitte unter dem Mikro­skop betrach­te­ten. Neu­ro­wis­sen­schaft­ler, die heute die Evo­lu­tion des Gehirns erfor­schen, wen­den die­ses Ver­fah­ren zwar wei­ter­hin an, nut­zen aber auch neuere Metho­den. Diese ermög­li­chen es ihnen, in das Innere von Neu­ro­nen zu bli­cken und die darin ent­hal­te­nen Gene zu unter­su­chen. Sie haben her­aus­ge­fun­den, dass Neu­ro­nen zweier Tier­ar­ten zwar sehr unter­schied­lich aus­se­hen kön­nen, aber den­noch die­sel­ben Gene ent­hal­ten.

Dies deu­tet dar­auf hin, dass diese Neu­ro­nen einen gemein­sa­men evo­lu­tio­nä­ren Ursprung haben. Wenn wir bei­spiels­weise die­sel­ben Gene in bestimm­ten Neu­ro­nen von Men­schen und Rat­ten fin­den, waren ent­spre­chende Neu­ro­nen mit die­sen Genen höchst­wahr­schein­lich bereits bei unse­rem letz­ten gemein­sa­men Vor­fah­ren vor­han­den.

Mit­hilfe die­ser Metho­den haben Wissenschaftler:innen erkannt, dass die Evo­lu­tion der Ana­to­mie des Gehirns keine Schich­ten hin­zu­fügt, wie es bei geo­lo­gi­schen Schich­ten aus Sedi­ment­ge­stein der Fall ist. Da sich das mensch­li­che Gehirn jedoch offen­sicht­lich von dem einer Ratte unter­schei­det, stellt sich die Frage: Wie genau kam es zu die­sen Unter­schie­den, wenn nicht durch das Hin­zu­fü­gen von Schich­ten?

Lasse es mich an einem Bei­spiel erläu­tern. Unser Gehirn ver­fügt über vier Neu­ro­nen­grup­pen, auch Hirn­re­gio­nen genannt, die es uns ermög­li­chen, unsere Kör­per­be­we­gun­gen wahr­zu­neh­men und zu unse­rem Tast­sinn bei­tra­gen. Diese Hirn­re­gio­nen wer­den zusam­men­fas­send als pri­mä­rer soma­to­sen­so­ri­scher Kor­tex bezeich­net. Im Gehirn einer Ratte hin­ge­gen besteht der pri­märe soma­to­sen­so­ri­sche Kor­tex ledig­lich aus einer ein­zi­gen Region, die die­sel­ben Auf­ga­ben erfüllt. Betrach­tet man die Gehirne von Men­schen und Rat­ten – wie MacLean es tat – ledig­lich mit blo­ßem Auge, könnte man zu dem Schluss kom­men, dass Rat­ten drei soma­to­sen­so­ri­sche Regio­nen feh­len, die im mensch­li­chen Gehirn vor­han­den sind. Man könnte fol­gern, dass sich diese drei Regio­nen erst beim Men­schen ent­wi­ckelt haben und über neue, spe­zi­fisch mensch­li­che Funk­tio­nen ver­fü­gen müs­sen.

Wis­sen­schaft­ler haben jedoch fest­ge­stellt, dass die vier Regio­nen des Men­schen und die ein­zelne Region der Ratte viele der glei­chen Gene ent­hal­ten. Diese wis­sen­schaft­li­che Erkennt­nis erlaubt Rück­schlüsse auf die Evo­lu­tion: Der letzte gemein­same Vor­fahre von Mensch und Nage­tier, der vor etwa 66 Mil­lio­nen Jah­ren lebte, besaß wahr­schein­lich eine ein­zige soma­to­sen­so­ri­sche Region. Diese über­nahm einige jener Funk­tio­nen, die heute von unse­ren vier Regio­nen erfüllt wer­den. Höchst­wahr­schein­lich ver­grö­ßerte und unter­teilte sich diese ein­zelne Region, um ihre Auf­ga­ben neu zu ver­tei­len, wäh­rend sich bei unse­ren Vor­fah­ren grö­ßere Gehirne und Kör­per ent­wi­ckel­ten. Durch diese Anord­nung der Hirn­re­gio­nen – zunächst Tren­nung und anschlie­ßend Inte­gra­tion – ent­steht ein kom­ple­xe­res Gehirn, das einen grö­ße­ren und kom­ple­xe­ren Kör­per steu­ern kann.

Der Ver­gleich der Gehirne ver­schie­de­ner Arten, um Gemein­sam­kei­ten auf­zu­de­cken, ist kniff­lig, da der Ver­lauf der Evo­lu­tion ver­schlun­gen und unvor­her­seh­bar ist. Der äußere Ein­druck täuscht oft. So kön­nen Struk­tu­ren, die für das bloße Auge unter­schied­lich erschei­nen, gene­tisch ähn­lich sein, wäh­rend gene­tisch unter­schied­li­che Berei­che sehr ähn­lich aus­se­hen kön­nen. Selbst wenn man in den Gehir­nen zweier ver­schie­de­ner Tiere die­sel­ben Gene fin­det, kön­nen diese unter­schied­li­che Funk­tio­nen erfül­len.

Dank neuer mole­ku­lar­ge­ne­ti­scher For­schungs­er­geb­nisse wis­sen wir heute, dass Rep­ti­lien und nicht­mensch­li­che Säu­ge­tiere über die­sel­ben Arten von Neu­ro­nen ver­fü­gen wie der Mensch, ein­schließ­lich jener, die den viel­ge­rühm­ten mensch­li­chen Neo­kor­tex bil­den. Das mensch­li­che Gehirn ist jedoch nicht aus dem Rep­ti­li­en­ge­hirn her­vor­ge­gan­gen, indem zusätz­li­che Berei­che für Emo­tio­nen und Ratio­na­li­tät ent­stan­den sind. Viel­mehr geschah etwas Inter­es­san­te­res.

Kürz­lich haben Wis­sen­schaft­ler ent­deckt, dass die Gehirne aller Säu­ge­tiere nach dem­sel­ben Bau­plan ange­legt sind. Höchst­wahr­schein­lich fol­gen auch die Gehirne von Rep­ti­lien und ande­ren Wir­bel­tie­ren die­sem Plan. Diese Erkennt­nisse sind vie­len Men­schen – dar­un­ter auch zahl­rei­chen Neu­ro­wis­sen­schaft­lern – nicht bekannt. Die­je­ni­gen, die davon wis­sen, begin­nen erst all­mäh­lich, deren Trag­weite zu erfas­sen.

Der all­ge­meine Bau­plan für das Gehirn kommt kurz nach der Emp­fäng­nis zum Tra­gen, wenn ein Embryo mit der Pro­duk­tion von Neu­ro­nen beginnt. Die Neu­ro­nen, aus denen sich das Gehirn eines Säu­ge­tiers zusam­men­setzt, ent­ste­hen in einer erstaun­lich vor­her­seh­ba­ren Rei­hen­folge. Diese Abfolge gilt für Mäuse, Rat­ten, Hunde, Kat­zen, Pferde, Amei­sen­bä­ren, Men­schen und alle ande­ren bis­lang unter­such­ten Säu­ge­tier­ar­ten. Zudem deu­ten gene­ti­sche Belege stark dar­auf hin, dass sie auch bei Rep­ti­lien, Vögeln und eini­gen Fisch­ar­ten zutrifft. Nach unse­rem der­zei­ti­gen wis­sen­schaft­li­chen Kennt­nis­stand tei­len wir uns somit den­sel­ben Gehirn-Bau­plan wie ein blut­saugen­des Neun­auge.

Wenn sich die Gehirne so vie­ler Wir­bel­tiere in der­sel­ben Rei­hen­folge ent­wi­ckeln, warum sehen sie dann so unter­schied­lich aus? Weil der Her­stel­lungs­pro­zess in Pha­sen abläuft, die bei ver­schie­de­nen Arten unter­schied­lich lange dau­ern. Die bio­lo­gi­schen Bau­steine sind die­sel­ben, vari­ie­rend ist ledig­lich der zeit­li­che Ablauf. So dau­ert bei­spiels­weise die Phase, in der die Neu­ro­nen für die Groß­hirn­rinde gebil­det wer­den, bei Nage­tie­ren kür­zer und bei Ech­sen sogar noch wesent­lich kür­zer als beim Men­schen. Folg­lich ist die mensch­li­che Groß­hirn­rinde groß, die einer Maus klei­ner und die eines Legu­ans win­zig. Würde man auf magi­sche Weise in einen Ech­sen­em­bryo ein­grei­fen und erzwin­gen, dass diese Phase genauso lange andau­ert wie beim Men­schen, würde sich etwas Ähn­li­ches wie eine mensch­li­che Groß­hirn­rinde ent­wi­ckeln.

Wie steht es um den Rest der Geschichte, dass das mensch­li­che Gehirn über eine unge­wöhn­lich große Groß­hirn­rinde ver­fügt und uns somit zum ratio­nals­ten aller Tiere macht? Zwar ist unsere Groß­hirn­rinde groß und hat sich im Laufe der Evo­lu­tion ver­grö­ßert, was uns befä­higt, bestimmte Dinge etwas bes­ser zu beherr­schen als andere Tiere. Doch die eigent­li­che Frage lau­tet: Ist die mensch­li­che Groß­hirn­rinde im Ver­hält­nis zum übri­gen Gehirn tat­säch­lich grö­ßer gewor­den? Aus wis­sen­schaft­li­cher Sicht ist es daher aus­sa­ge­kräf­ti­ger, die Frage zu stel­len, ob unsere Groß­hirn­rinde im Ver­gleich zu unse­rer gesam­ten Gehirn­größe unge­wöhn­lich groß ist.

Um zu ver­ste­hen, warum diese Frage bes­ser ist, betrach­ten wir eine Ana­lo­gie. Denke für einen Moment an die unter­schied­lichs­ten Küchen, die du schon in Pri­vat­haus­hal­ten gese­hen hast. Man­che sind groß, andere klein. Stelle dir vor, du befän­dest dich in einer rie­si­gen Küche. Viel­leicht denkst du: „Wow, diese Leute kochen bestimmt für ihr Leben gern.“ Ist das ein plau­si­bler Schluss?

Nein, zumin­dest nicht allein auf­grund der Größe der Küche. Man muss die Küche auch im Ver­hält­nis zum rest­li­chen Haus betrach­ten. Eine große Küche in einem gro­ßen Haus ist nichts Unge­wöhn­li­ches, son­dern ledig­lich eine ver­grö­ßerte Vari­ante eines typi­schen Haus­grund­ris­ses. Eine rie­sige Küche in einem klei­nen Haus hin­ge­gen deu­tet weit­aus eher auf einen beson­de­ren Grund für diese Größe hin, bei­spiels­weise, dass die Bewoh­ner Spit­zen­kö­che sind.

Das­selbe Prin­zip gilt für Gehirne. Ein gro­ßes Gehirn mit einer pro­por­tio­nal gro­ßen Groß­hirn­rinde wäre nichts Beson­de­res – und genau das besit­zen wir Men­schen. Alle Säu­ge­tiere ver­fü­gen über eine ver­gleichs­weise große Groß­hirn­rinde in einem ver­gleichs­weise gro­ßen Gehirn. Unsere Groß­hirn­rinde ist ledig­lich eine ver­grö­ßerte Ver­sion der ver­gleichs­weise klei­ne­ren Rinde, wie sie bei Affen, Schim­pan­sen und vie­len Raub­tie­ren mit klei­ne­ren Gehir­nen vor­kommt. Zugleich ist sie eine ver­klei­nerte Ver­sion der grö­ße­ren Rinde, die in den noch grö­ße­ren Gehir­nen von Ele­fan­ten und Walen zu fin­den ist.

Würde das Gehirn eines Affen auf die Größe eines mensch­li­chen Gehirns anwach­sen, hätte es eine Groß­hirn­rinde von der­sel­ben Größe wie unsere. Ele­fan­ten besit­zen eine weit­aus grö­ßere Groß­hirn­rinde als wir, doch auch ein mensch­li­ches Gehirn von der Größe eines Ele­fan­ten­ge­hirns würde über eine sol­che ver­fü­gen.

Die Größe unse­rer Groß­hirn­rinde ist dem­nach keine evo­lu­tio­näre Neu­heit und bedarf kei­ner beson­de­ren Erklä­rung. Zudem lässt sie kei­ner­lei Rück­schlüsse dar­auf zu, wie ratio­nal eine Spe­zies ist. Die Vor­stel­lung von der gro­ßen, ratio­na­len Groß­hirn­rinde wurde von west­li­chen Wis­sen­schaft­lern und Intel­lek­tu­el­len in die Welt gesetzt und über viele Jahre hin­weg auf­recht­erhal­ten. Tat­säch­lich ver­hielt es sich jedoch so, dass im Laufe der Evo­lu­tion bestimmte Gene mutier­ten, wodurch sich ein­zelne Pha­sen der Gehirn­ent­wick­lung über län­gere oder kür­zere Zeit­räume erstreck­ten. Auf diese Weise ent­stand ein Gehirn, des­sen ein­zelne Berei­che im Ver­hält­nis zuein­an­der grö­ßer oder klei­ner aus­fie­len.

Du hast also weder eine „innere Echse“ noch ein emo­tio­na­les „Bes­ti­en­hirn“. Es gibt kein lim­bi­sches Sys­tem, das spe­zi­ell für Emo­tio­nen zustän­dig wäre. Auch der Neo­kor­tex, der irre­füh­ren­der­weise als „neu“ bezeich­net wird, ist kein neuer Bestand­teil. Bei vie­len ande­ren Wir­bel­tie­ren ent­ste­hen die­sel­ben Neu­ro­nen, die sich bei man­chen Tie­ren zu einer Groß­hirn­rinde orga­ni­sie­ren, sofern bestimmte Ent­wick­lungs­pha­sen lange genug andau­ern. Alles, was du dar­über liest oder hörst – etwa, dass der mensch­li­che Neo­kor­tex, die Groß­hirn­rinde oder der prä­fron­tale Kor­tex der Ursprung der Ratio­na­li­tät seien, oder dass der Fron­tal­lap­pen soge­nannte emo­tio­nale Hirn­areale regu­liere, um irra­tio­na­les Ver­hal­ten in Schach zu hal­ten –, ist schlicht ver­al­tet oder höchst unvoll­stän­dig.

Um es klar­zu­stel­len: Ich behaupte nicht, dass unser gro­ßes Gehirn keine Vor­teile bie­tet. Zwar sind wir die ein­zi­gen Lebe­we­sen, die Wol­ken­krat­zer bauen und Pom­mes fri­tes erfin­den kön­nen, doch ver­dan­ken wir diese Fähig­kei­ten nicht allein unse­rem gro­ßen Gehirn. Dar­über hin­aus haben andere Tiere Fähig­kei­ten ent­wi­ckelt, die unsere in vie­ler­lei Hin­sicht über­tref­fen. Wir haben bei­spiels­weise keine Flü­gel zum Flie­gen. Wir kön­nen nicht das Fünf­zig­fa­che unse­res eige­nen Gewichts heben. Wir kön­nen keine ampu­tier­ten Kör­per­teile nach­wach­sen las­sen. Sol­che Fähig­kei­ten sind für uns Super­kräfte, für ver­meint­lich schwä­chere Lebe­we­sen aber All­tag. Selbst Bak­te­rien sind uns in man­chen Berei­chen über­le­gen, bei­spiels­weise wenn es darum geht, in rauen, unge­wohn­ten Umge­bun­gen wie dem Welt­raum oder dem Inne­ren unse­res Darms zu über­le­ben.

Die natür­li­che Selek­tion war nicht auf uns Men­schen aus­ge­rich­tet. Wir sind ledig­lich eine inter­es­sante Tier­art mit spe­zi­fi­schen Anpas­sun­gen, die es uns ermög­li­chen, in bestimm­ten Umge­bun­gen zu über­le­ben und uns fort­zu­pflan­zen. Andere Tiere sind dem Men­schen nicht unter­le­gen, son­dern auf ein­zig­ar­tige und effek­tive Weise an ihre jewei­lige Umwelt ange­passt. Das mensch­li­che Gehirn ist nicht wei­ter, son­dern ledig­lich anders ent­wi­ckelt als das einer Ratte oder Eidechse.

Wenn das der Fall ist, warum ist der Mythos vom „drei­ei­ni­gen Gehirn“ dann immer noch so popu­lär? Warum stel­len Lehr­bü­cher an Hoch­schu­len nach wie vor ein lim­bi­sches Sys­tem im mensch­li­chen Gehirn dar und behaup­ten, es werde von der Groß­hirn­rinde regu­liert? Warum ler­nen CEOs in teu­ren Füh­rungs­kräf­te­trai­nings, ihr „Eidech­sen­ge­hirn“ in den Griff zu bekom­men, obwohl Exper­ten für Gehir­n­evo­lu­tion sol­che Vor­stel­lun­gen schon vor Jahr­zehn­ten ver­wor­fen haben?

Zum Teil liegt das daran, dass diese Exper­ten eine bes­sere Öffent­lich­keits­ar­beit betrei­ben müss­ten. Vor allem aber liegt es daran, dass die Geschichte vom „drei­ei­ni­gen Gehirn“ ihre eige­nen Anhän­ger hat. Dank unse­rer ein­zig­ar­ti­gen Fähig­keit zu ratio­na­lem Den­ken, so die Erzäh­lung, haben wir über unsere tie­ri­sche Natur tri­um­phiert und beherr­schen nun den Pla­ne­ten. Wer an das drei­ei­nige Gehirn glaubt, ver­leiht sich gewis­ser­ma­ßen selbst den ers­ten Preis in der Kate­go­rie „Beste Spe­zies“.

Die Vor­stel­lung von Pla­tons „Krieg“ – dem Kon­flikt zwi­schen Ratio­na­li­tät einer­seits und Emo­tio­nen sowie Instink­ten ande­rer­seits – ist in der west­li­chen Kul­tur seit Lan­gem die gän­gigste Erklä­rung für unser Ver­hal­ten. Wer seine Instinkte und Emo­tio­nen ange­mes­sen im Zaum hält, des­sen Ver­hal­ten gilt als ratio­nal und ver­ant­wor­tungs­be­wusst. Ent­schei­det man sich dage­gen, nicht ratio­nal zu han­deln, kann das Ver­hal­ten als unmo­ra­lisch bezeich­net wer­den. Ist man hin­ge­gen unfä­hig dazu, gilt man als psy­chisch krank.

Doch was genau ist eigent­lich ratio­na­les Ver­hal­ten? Tra­di­tio­nell gilt es als das Feh­len von Emo­tio­nen. Wäh­rend Den­ken als ratio­nal betrach­tet wird, gel­ten Emo­tio­nen als irra­tio­nal. Das muss jedoch nicht unbe­dingt so sein. Manch­mal sind Emo­tio­nen ratio­nal, bei­spiels­weise wenn man Angst ver­spürt, weil man sich in unmit­tel­ba­rer Gefahr befin­det. Und manch­mal ist Den­ken nicht ratio­nal, bei­spiels­weise wenn man stun­den­lang durch soziale Medien scrollt und sich ein­re­det, dabei sicher auf etwas Wich­ti­ges zu sto­ßen.

Viel­leicht lässt sich Ratio­na­li­tät am bes­ten über die wich­tigste Auf­gabe des Gehirns defi­nie­ren: das Body-Bud­ge­ting, also die Ver­wal­tung der Res­sour­cen, die wir täg­lich ver­brau­chen, wie etwa Was­ser, Salz und Glu­kose. In die­sem Sinne bedeu­tet Ratio­na­li­tät, Res­sour­cen so ein­zu­set­zen oder zu spa­ren, dass man in sei­ner unmit­tel­ba­ren Umge­bung erfolg­reich ist.

Stelle dir vor, du befin­dest dich in einer kör­per­lich gefähr­li­chen Situa­tion und dein Gehirn berei­tet dich auf die Flucht vor. Es ver­an­lasst deine Neben­nie­ren, die auf den Nie­ren sit­zen, dich mit Cor­ti­sol zu flu­ten. Die­ses Hor­mon sorgt für einen schnel­len Ener­gie­schub. Betrach­tet man das Gehirn als „drei­tei­li­ges“ Organ (Tri­une-Brain-Modell), so erscheint die­ser Cor­ti­sol-Schub instink­tiv, aber nicht ratio­nal. Betrach­tet man die Sache jedoch aus der Per­spek­tive des Body-Bud­ge­ting, so ist die­ser Schub durch­aus ratio­nal, da das Gehirn eine sinn­volle Inves­ti­tion in das Über­le­ben von dir und poten­zi­el­len Nach­kom­men tätigt.

Wenn keine Gefahr bestünde, dein Kör­per sich aber den­noch auf die Flucht vor­be­rei­ten würde, wäre das dann ein irra­tio­na­les Ver­hal­ten? Das hängt vom Kon­text ab. Stell dir vor, du wärst Sol­dat in einem Kriegs­ge­biet, in dem stän­dig Bedro­hun­gen auf­tre­ten. Es ist durch­aus ange­mes­sen, dass dein Gehirn häu­fig mit einer Bedro­hung rech­net. Zwar mag es sich bis­wei­len irren und dich mit Cor­ti­sol über­flu­ten, obwohl gar keine Gefahr besteht. Einer­seits könnte man die­sen Fehl­alarm als unnö­tige Ver­schwen­dung von Res­sour­cen betrach­ten, die du spä­ter viel­leicht noch brauchst, und ihn somit als irra­tio­nal ein­stu­fen.

In einem Kriegs­ge­biet kann ein sol­cher Fehl­alarm jedoch aus der Per­spek­tive der „Kör­per­haus­halt-Öko­no­mie“ ratio­nal sein. Zwar ver­geu­dest du in die­sem Moment etwas Glu­kose oder andere Res­sour­cen, doch lang­fris­tig gese­hen stei­gen dadurch deine Über­le­bens­chan­cen.

Wenn du aus dem Krieg in eine siche­rere Umge­bung zurück­kehrst, dein Gehirn aber wei­ter­hin – wie bei einer post­trau­ma­ti­schen Belas­tungs­stö­rung – fälsch­li­cher­weise Alarm schlägt, lässt sich die­ses Ver­hal­ten den­noch als ratio­nal betrach­ten. Das Gehirn schützt dich vor Bedro­hun­gen, die es für real hält, auch wenn die häu­fi­gen Reak­tio­nen dar­auf deine Ener­gie­re­ser­ven („Body Bud­get“) auf­zeh­ren.

Das Pro­blem liegt in den Annah­men dei­nes Gehirns: Sie pas­sen nicht zu dei­ner neuen Umge­bung und dein Gehirn hat sich noch nicht dar­auf ein­ge­stellt. Was wir als psy­chi­sche Erkran­kun­gen bezeich­nen, könnte also eine kurz­fris­tig ratio­nale Form des Umgangs mit den Ener­gie­re­ser­ven sein. Diese steht jedoch nicht im Ein­klang mit der aktu­el­len Umge­bung, den Bedürf­nis­sen ande­rer Men­schen oder Ihrem eige­nen lang­fris­ti­gen Wohl.

Ratio­na­les Ver­hal­ten bedeu­tet dem­nach, in einer gege­be­nen Situa­tion eine Inves­ti­tion zu täti­gen, von der der eigene Kör­per pro­fi­tiert. Wenn du dich inten­siv kör­per­lich betä­tigst, kann es zu einem Cor­ti­so­lan­stieg im Blut kom­men und du fühlst dich womög­lich unwohl. Den­noch wür­den wir das Trai­ning als ratio­nal ein­stu­fen, da es dei­ner künf­ti­gen Gesund­heit dient. Auch der Cor­ti­so­lan­stieg, wenn man Kri­tik von einem Kol­le­gen erhält, kann ratio­nal sein, da er mehr Glu­kose bereit­stellt und einen so in die Lage ver­setzt, etwas Neues zu ler­nen.

Würde man diese Ideen ernst neh­men, könn­ten sie die Grund­fes­ten unter­schied­lichs­ter, als unan­tast­bar gel­ten­der Insti­tu­tio­nen unse­rer Gesell­schaft erschüt­tern. Im Rechts­we­sen argu­men­tie­ren Anwälte bei­spiels­weise, dass die Emo­tio­nen ihrer Man­dan­ten im Affekt die Ver­nunft über­mannt hät­ten und diese daher nicht die volle Ver­ant­wor­tung für ihr Han­deln trü­gen. Doch emo­tio­na­ler Stress ist kein Beweis für Irra­tio­na­li­tät oder dafür, dass das soge­nannte emo­tio­nale Gehirn die Kon­trolle über das ratio­nale Gehirn über­nom­men hat. Viel­mehr kann Stress ein Indiz dafür sein, dass das gesamte Gehirn Res­sour­cen für einen erwar­te­ten Nut­zen auf­wen­det.

Viele andere gesell­schaft­li­che Insti­tu­tio­nen sind von der Vor­stel­lung eines mit sich selbst im Krieg befind­li­chen Geis­tes durch­drun­gen. In der Wirt­schafts­wis­sen­schaft gehen Modelle zum Anle­ger­ver­hal­ten bei­spiels­weise von einer schar­fen Tren­nung zwi­schen Ratio­na­li­tät und Emo­tio­na­li­tät aus. In der Poli­tik gibt es Füh­rungs­kräfte mit offen­sicht­li­chen Inter­es­sen­kon­flik­ten – etwa durch frü­here Lob­by­ar­beit in Bran­chen, die sie nun beauf­sich­ti­gen –, die glau­ben, sie könn­ten ihre Emo­tio­nen mühe­los bei­sei­te­schie­ben und ratio­nale Ent­schei­dun­gen zum Wohle der All­ge­mein­heit tref­fen. Hin­ter die­sen heh­ren Vor­stel­lun­gen ver­birgt sich der Mythos vom drei­ei­ni­gen Gehirn.

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