Wird das Gehirn beim Erle­di­gen der Haus­auf­ga­ben mit ChatGPT „auf­ge­weicht”?

Ange­sichts der seit eini­ger Zeit unter Eltern, Leh­rern, in den Medien und in der brei­ten Öffent­lich­keit geführ­ten Debatte könnte man sagen: „End­lich!“ End­lich kommt Licht ins Dun­kel. End­lich wird die Frage beleuch­tet, wel­che Aus­wir­kun­gen die Nut­zung von künst­li­chen Sys­te­men wie ChatGPT auf das Ler­nen und das Erle­di­gen von Haus­auf­ga­ben bei Schü­lern hat. Auf ihr Gehirn. An einer ers­ten Stu­die haben knapp 500 Schü­le­rin­nen und Schü­ler aus ganz Europa teil­ge­nom­men. Das Ergeb­nis:

Schü­ler, die ChatGPT häu­fi­ger nutz­ten…

  • waren am stärks­ten von Zeit­druck betrof­fen
  • neig­ten am stärks­ten zur Pro­kras­ti­na­tion, also dem Auf­schie­ben von Haus­auf­ga­ben und Prü­fun­gen

Gedächt­nis­stö­run­gen und Pro­kras­ti­na­tion

Hin­sicht­lich der Fol­gen wird die Nut­zung der Soft­ware mit kogni­ti­ven Stö­run­gen (Gedächt­nis­ver­lust) sowie mit schlech­te­ren Prü­fungs­er­geb­nis­sen in Ver­bin­dung gebracht. Die Daten zei­gen, dass eher weni­ger gut orga­ni­sierte Stu­die­rende oder sol­che, die die Erwar­tun­gen ihrer Leh­ren­den nicht erfül­len, auf die Hilfe der KI zurück­grei­fen, um Zeit zu spa­ren. Für diese Stu­die­ren­den ist diese tech­no­lo­gi­sche „Krü­cke” jedoch eher nach­tei­lig, ins­be­son­dere in Bezug auf das Gedächt­nis.

Lei­der erlaubte die ange­wandte Metho­dik nicht, über die bloße Fest­stel­lung die­ses Zusam­men­hangs hin­aus­zu­ge­hen und echte Ursa­che-Wir­kungs-Bezie­hun­gen zwi­schen den ver­schie­de­nen Aspek­ten auf­zu­zei­gen. Benutzt man ChatGPT, weil man ein schlech­te­rer Schü­ler ist und mehr Schwie­rig­kei­ten hat? Oder ist man schlech­ter in Prü­fun­gen, weil man ChatGPT benutzt? Neigt man eher zur Pro­kras­ti­na­tion, weil man weiß, dass die KI bei den Haus­auf­ga­ben hel­fen kann? Oder ist sie ein Ret­tungs­an­ker für Schü­le­rin­nen und Schü­ler, die gene­rell dazu nei­gen, alles auf den letz­ten Drü­cker zu erle­di­gen? 

Diese Stu­die allein wird uns keine Ant­wor­ten lie­fern, sie hat jedoch den gro­ßen Vor­teil, dass sie über die Ein­drü­cke und Ansich­ten hin­aus­geht, die die meis­ten Dis­kus­sio­nen über die ver­meint­li­chen Nach­teile von KI im Bil­dungs­be­reich prä­gen. Offen­sicht­lich muss die Ver­wen­dung von ChatGPT in einen Rah­men ein­ge­bet­tet wer­den.

Ich per­sön­lich erin­nere mich aber vor allem an den Zusam­men­hang mit Gedächt­nis­ver­lust und weni­ger an die nahe­lie­gende Annahme, dass man ver­sucht sein könnte, ChatGPT zu nut­zen, um Zeit bei den Haus­auf­ga­ben zu spa­ren. Diese Schü­ler befin­den sich in einem Alter, das einen kogni­ti­ven Höhe­punkt im Leben eines Men­schen dar­stellt. Zu die­sem Zeit­punkt ist der prä­fron­tale Cor­tex reif und erreicht seine volle Leis­tungs­fä­hig­keit für Gedächt­nis­auf­ga­ben. Warum berich­ten KI-Enthu­si­as­ten also von Schwie­rig­kei­ten in die­sem Bereich? Beein­träch­tigt ChatGPT tat­säch­lich das Gedächt­nis? Diese eine Stu­die reicht nicht aus, um eine Schluss­fol­ge­rung zu zie­hen. Denn die Qua­li­tät der Gedächt­nis­ko­die­rung und des Gedächt­nis­a­brufs hängt von meh­re­ren Fak­to­ren ab, bei­spiels­weise von der Kon­zen­tra­ti­ons­fä­hig­keit oder der Qua­li­tät und Quan­ti­tät des Schlafs.

Ein schlech­ter Lebens­stil mit zu wenig Schlaf könnte sich bei­spiels­weise sowohl auf das Gedächt­nis als auch auf die Nut­zung von ChatGPT aus­wir­ken: Die Schü­ler wür­den sich auf­grund von Müdig­keit und Zeit­man­gel auf die KI ver­las­sen, um ihre Auf­ga­ben zu erle­di­gen. Das Ergeb­nis wäre ein offen­sicht­li­cher Zusam­men­hang zwi­schen der Nut­zung von ChatGPT und Gedächt­nis­pro­ble­men, wobei ein schlech­ter Lebens­stil beide Fak­to­ren beein­flus­sen würde. Es gibt jedoch einige neu­ro­wis­sen­schaft­li­che Belege, die auf eine mög­li­che Aus­wir­kung die­ser Art von Tools auf die kogni­tive Funk­tion hin­deu­ten.

Wie „denkt” ChatGPT?

Wenn ChatGPT einen Denk­pro­zess ersetzt und einen Text als Ant­wort auf eine Frage pro­du­ziert, wird ver­hin­dert, dass der Ler­nende seine „kogni­tive Land­karte“ mani­pu­liert. Die kogni­tive Land­karte ist ein Gewebe aus Ursa­che-Wir­kungs-Bezie­hun­gen und seman­ti­scher Nähe zwi­schen Zustän­den und Kon­zep­ten. Um das Prin­zip des Drei­ecks­han­dels zwi­schen Europa, Afrika und Ame­rika zu erklä­ren, müs­sen ver­schie­dene mit­ein­an­der ver­bun­dene Kon­zepte (Skla­ve­rei, Kolo­nien usw.) und Ursa­che-Wir­kungs-Bezie­hun­gen (die aus Afrika mit­ge­brach­ten Skla­ven ermög­lich­ten den Anbau von Res­sour­cen in Ame­rika) im Gedächt­nis abge­ru­fen wer­den.

Diese men­tale Erkun­dung der für die­sen spe­zi­el­len Lern­be­reich typi­schen kogni­ti­ven Land­karte durch Auf­merk­sam­keit stärkt die syn­ap­ti­schen Ver­bin­dun­gen zwi­schen den neu­ro­na­len Popu­la­tio­nen, die mit den jewei­li­gen Kon­zep­ten und Bezie­hun­gen ver­bun­den sind. Die kogni­tive Land­karte wird haupt­säch­lich im unte­ren Teil des Fron­tal­lap­pens und im Schlä­fen­lap­pen „gespei­chert”. Diese syn­ap­ti­schen Ver­bin­dun­gen bil­den die Grund­lage für die logi­schen Ver­knüp­fun­gen, die die­sen Wis­sens­be­reich cha­rak­te­ri­sie­ren. Ein Bei­spiel: Da Baum­wolle nicht in Europa ange­baut wird, muss sie woan­ders ange­baut wer­den. Wo? Wie? Von wem? Was bedeu­tet das?

Die meis­ten Auf­ga­ben in Schule und Uni­ver­si­tät zie­len daher dar­auf ab, dass Schü­le­rin­nen und Schü­ler sol­che Kar­ten benut­zen, um das Gelernte im Gedächt­nis zu ver­an­kern. So sind alle Kon­zepte eines Bereichs inner­halb die­ser Kar­ten gut mit­ein­an­der ver­bun­den und wer­den nicht als Liste iso­lier­ter, aus­wen­dig gelern­ter Infor­ma­tio­nen gespei­chert. Auf diese Weise kön­nen die Schü­le­rin­nen und Schü­ler kon­struk­ti­ves und logi­sches Den­ken ent­wi­ckeln.

Ver­dammt, ich habe meine „kogni­tive Karte” ver­lo­ren

Diese rela­tio­na­len Struk­tu­ren zwi­schen Kon­zep­ten (Baum­wolle wird in Europa wei­ter­ver­kauft usw.) erzwin­gen jedoch eine bestimmte Struk­tur in den Tex­ten, die über das betref­fende Gebiet geschrie­ben wur­den und im Inter­net ver­füg­bar sind. Dies ist die Grund­lage, auf der KI-Tools ler­nen. Eine rein ver­bale und sta­tis­ti­sche Ana­lyse die­ses Text­kor­pus – der Satz „Baum­wolle wird in Afrika wei­ter­ver­kauft” wird bei­spiels­weise so gut wie nie vor­kom­men – ermög­licht es einem Werk­zeug wie ChatGPT, Ant­wor­ten zu gene­rie­ren, die diese Struk­tu­ren respek­tie­ren und im Gro­ßen und Gan­zen mit dem über­ein­stim­men, was über das betref­fende Gebiet bekannt ist. Der Benut­zer muss dafür weder diese Struk­tu­ren mani­pu­lie­ren noch eine kogni­tive Karte ver­wen­den.

Es ist also denk­bar, dass die Fähig­keit, kogni­tive Land­kar­ten zu mobi­li­sie­ren, um Bezie­hun­gen zwi­schen Kon­zep­ten zu erken­nen und zu ver­än­dern, mit der Zeit nach­lässt. Ein Bei­spiel hier­für ist die Fähig­keit, sich daran zu erin­nern, dass die Erfin­dung des Motor­boots nach der Zeit des Drei­ecks­han­dels statt­fand. Erin­nern wir uns an das bekannte Sprich­wort, das die Plas­ti­zi­tät des Gehirns gut zusam­men­fasst: „Use it or lose it“. Das heißt, neu­ro­nale Netze, die nicht genutzt wer­den, ver­lie­ren an Effi­zi­enz. Ein Schü­ler, der sich regel­mä­ßig bemüht, Infor­ma­tio­nen zu suchen und zu ver­ar­bei­ten, um Fra­gen zu beant­wor­ten, setzt den Dia­log zwi­schen dem prä­fron­ta­len Cor­tex und den Struk­tu­ren des Schlä­fen­lap­pens in Gang. Die­ser Dia­log bil­det die Grund­lage für den Pro­zess der Gedächt­nis­kon­so­li­die­rung.

Es ist daher plau­si­bel, dass die Nut­zung von ChatGPT die Gedächt­nis­leis­tung und die Fähig­keit zum logi­schen Den­ken beein­träch­tigt – zumin­dest, wenn das Tool dazu ver­wen­det wird, um schnell Ant­wor­ten zu gene­rie­ren. Wenn wir einen Text schrei­ben, um eine Frage zu beant­wor­ten, grei­fen wir auf kogni­tive Kar­ten zu, die in unse­rem Gehirn gespei­chert sind. ChatGPT ver­fügt über ähn­li­che kogni­tive Kar­ten. Wenn wir uns auf diese ver­las­sen, besteht die Gefahr, dass unsere eige­nen Kar­ten sich zurück­ent­wi­ckeln und bei Haus­auf­ga­ben nicht mehr funk­tio­nie­ren. 

Der Bei­trag, den diese Art von Werk­zeu­gen zum Ler­nen leis­ten kann, wird eher durch einen intel­li­gen­ten und geziel­ten Ein­satz von KI erfol­gen. Dafür gibt es bereits einige Bei­spiele. Ein Bei­spiel ist, einen Schü­ler dazu zu ermu­ti­gen, ChatGPT zu nut­zen, um einen von ihm geschrie­be­nen Text umzu­for­mu­lie­ren. So kann er sehen, wel­che For­mu­lie­run­gen geschick­ter sind als seine eige­nen, und sich davon inspi­rie­ren las­sen, um sei­nen eige­nen Stil zu ver­bes­sern.

Eine andere Mög­lich­keit besteht darin, Werk­zeuge zur Bild­ge­ne­rie­rung wie Dall‑E zu ver­wen­den, um die men­tale Vor­stel­lungs­kraft der Schü­le­rin­nen und Schü­ler anzu­re­gen. Dazu müs­sen sie zunächst das Bild vor­her­sa­gen und visua­li­sie­ren, das die Soft­ware aus einer bestimm­ten Anwei­sung, wie bei­spiels­weise „eine Katze auf der Fens­ter­bank in der Sonne neben einem Topf Gera­nien“, erzeugt. Anschlie­ßend ver­glei­chen sie diese Visua­li­sie­rung mit dem vom Com­pu­ter erzeug­ten Bild. Das setzt natür­lich vor­aus, dass man sich ein men­ta­les Bild des Tex­tes machen kann (eine wert­volle Fähig­keit in vie­len Fächern). Ich über­lasse es dir, wei­tere Bei­spiele zu fin­den, denn die Band­breite intel­li­gen­ter KI-Anwen­dun­gen zur Ver­bes­se­rung des Ler­nens ist nur durch deine eigene Intel­li­genz begrenzt.

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