Wie uns das Gedächt­nis durch unser Leben hin­durch Kon­ti­nui­tät schenkt

Bis wir das Erwach­se­nen­al­ter errei­chen, haben wir ver­schie­dene Berufe aus­ge­übt, viel­fäl­tige Freund­schaf­ten geknüpft, unter­schied­li­che Inter­es­sen ver­folgt, ver­schie­dene Bezie­hun­gen geführt und mög­li­cher­weise an ganz ande­ren Orten gelebt. Wir wis­sen, dass wir uns ver­än­dert haben – kör­per­lich, emo­tio­nal, kogni­tiv und zwi­schen­mensch­lich –, aber wir sind im Kern die­selbe Per­son geblie­ben.

Man neigt leicht dazu, die Kon­ti­nui­tät des Gedächt­nis­ses über ver­schie­dene Lebens­ab­schnitte hin­weg als selbst­ver­ständ­lich anzu­se­hen. Doch tat­säch­lich ist das gewöhn­li­che Gedächt­nis außer­ge­wöhn­lich darin, dra­ma­ti­sche Ent­wick­lungs­ver­än­de­run­gen zu ver­ar­bei­ten und gleich­zei­tig unser Gefühl, die­selbe Per­son zu sein, auf­recht­zu­er­hal­ten. Wel­che Leis­tung muss das Gedächt­nis also erbrin­gen, um diese Kon­ti­nui­tät trotz all die­ser Ver­än­de­run­gen zu gewähr­leis­ten? Was geschieht, wenn diese Kon­ti­nui­tät unter­bro­chen wird?

Her­stel­lung von Kon­ti­nui­tät

Die Erfah­rung einer kon­ti­nu­ier­li­chen Selbst­iden­ti­tät hängt von fol­gen­den Fak­to­ren ab:

  • Pri­märe per­sön­li­che Erin­ne­run­gen, die aus leb­haf­ten Bil­dern, phy­sio­lo­gi­schen Emp­fin­dun­gen und Emo­tio­nen bestehen
  • Ein Selbst, an das unsere per­sön­li­chen Erin­ne­run­gen gebun­den sind
  • Das Gefühl, die per­sön­li­chen Ereig­nisse, an die wir uns erin­nern, selbst mit­er­lebt zu haben
Pri­märe per­sön­li­che Erin­ne­run­gen

Diese exis­tie­ren auf zwei Ebe­nen: dem Pri­mär­ge­dächt­nis und dem inte­grier­ten Gedächt­nis. Das Pri­mär­ge­dächt­nis reprä­sen­tiert unsere ursprüng­li­che phä­no­me­nale Erfah­rung in Form von visu­el­len Bil­dern, Geräu­schen, Gerü­chen, Geschmä­ckern, Emo­tio­nen und Kör­per­emp­fin­dun­gen. Das inte­grierte Gedächt­nis wird aus den Bil­dern des Pri­mär­ge­dächt­nis­ses kon­stru­iert und durch All­ge­mein­wis­sen sowie ähn­li­che per­sön­li­che Erin­ne­run­gen ergänzt.

Beim all­täg­li­chen Erin­nern sowie beim Wei­ter­ge­ben unse­rer Erin­ne­run­gen an andere grei­fen wir typi­scher­weise auf inte­grierte Erin­ne­run­gen zurück. Pri­märe Erin­ne­run­gen hel­fen uns dabei, uns in die Zeit und den Ort der erin­ner­ten Ereig­nisse zurück­zu­ver­set­zen.

Das sich erin­nernde Selbst

Die nor­male Funk­tion des per­sön­li­chen Gedächt­nis­ses besteht darin, inte­grierte Reprä­sen­ta­tio­nen, oft in Form von Erzäh­lun­gen, zu bil­den. Diese inte­grier­ten Erin­ne­run­gen ord­nen wir anein­an­der, um eine form­bare Lebens­er­zäh­lung zu erschaf­fen. Durch das Sam­meln neuer Erfah­run­gen bil­den wir zunächst pri­märe Erin­ne­run­gen, die wir anschlie­ßend zu inte­grier­ten Erin­ne­run­gen zusam­men­fü­gen. Diese tra­gen dann zu unse­rem erin­nern­den Selbst bei.

Das Gefühl, die erin­ner­ten Ereig­nisse noch ein­mal zu erle­ben

Die­ses Wis­sen, ein Ereig­nis selbst erlebt zu haben, ist zwar not­wen­dig, aber schwer zu beschrei­ben. Es ist kein Bild. Es ist keine Schluss­fol­ge­rung. Es ist ein Gefühl des unmit­tel­ba­ren Wis­sens. Manch­mal ist die­ses Wis­sen vage, ins­be­son­dere bei frü­hen Erin­ne­run­gen.

Dis­kon­ti­nui­tä­ten

Frühe Kind­heit

Den­ken wir nur an unsere eigene Unfä­hig­keit, uns an unsere frühe Kind­heit zu erin­nern. Wir erin­nern uns weder an unse­ren ers­ten noch an unse­ren zwei­ten Geburts­tag. Wir erin­nern uns nicht an unsere ers­ten Worte, unsere ers­ten Schritte, unser Lieb­lings­es­sen oder die Urlaube, die wir als Säug­linge und Klein­kin­der unter­nom­men haben. Warum fehlt uns die Erin­ne­rung an diese so prä­gende Zeit?

Da wir als Klein­kin­der noch kein eigen­stän­di­ges Selbst ent­wi­ckelt hat­ten, kön­nen wir uns nicht an unsere eigene Anwe­sen­heit wäh­rend die­ser früh­kind­li­chen Ereig­nisse erin­nern. Wir erin­nern uns nicht daran, diese Ereig­nisse erlebt zu haben, weil es noch kein Selbst gab, das sie hätte erle­ben kön­nen.

Ohne ein auto­no­mes Selbst strö­men wahr­ge­nom­mene Ereig­nisse in unser kogni­ti­ves Sys­tem hin­ein und wie­der hin­aus, ohne sich im Gedächt­nis zu ver­an­kern. Wir sehen Fotos von uns als Klein­kind und erken­nen uns dar­auf, kön­nen uns aber nicht daran erin­nern, was die­ses Klein­kind erlebt hat. Sobald wir jedoch ein Selbst­kon­zept ent­wi­ckeln, begin­nen wir, unser Leben als Abfolge von Abschnit­ten, Orten und Mei­len­stei­nen zu erin­nern, die wir durch­lebt haben.

Retro­grade Amne­sie

Wir erle­ben retro­grade Amne­sie, wenn wir den Zugriff auf bereits gebil­dete per­sön­li­che Erin­ne­run­gen ver­lie­ren. Die­ser Ver­lust des per­sön­li­chen epi­so­dischen Gedächt­nis­ses trennt uns von unse­rem frü­he­ren Selbst.

Wir besit­zen nach wie vor ein Lang­zeit­ge­dächt­nis für Wör­ter und Kon­zepte. Auch unser pro­ze­du­ra­les Gedächt­nis ist noch vor­han­den, also das Gedächt­nis dafür, wie man etwas tut. Wir wis­sen, was ein Fahr­rad ist (seman­tisch), und wir wis­sen, wie man Fahr­rad fährt (pro­ze­du­ral). Aber wir kön­nen uns nicht mehr an die kon­kre­ten Erleb­nisse beim Erler­nen des Fahr­rad­fah­rens erin­nern (epi­so­disch).

Der Glaube, dass wir alle unter­schied­lich sind

Tat­säch­lich kön­nen Men­schen glau­ben, dass sie andere Per­so­nen sind als die­je­ni­gen, die in der Ver­gan­gen­heit Gewalt ver­übt haben. Sie erle­ben, wie prä­gende Eigen­schaf­ten aus der Ver­gan­gen­heit durch neue, prä­gende Eigen­schaf­ten in der Gegen­wart ersetzt wer­den. Zwar wis­sen wir, dass wir mit sie­ben ande­ren Eigen­schaf­ten hat­ten als mit fünf­und­drei­ßig, glau­ben aber den­noch, dass wir mit sie­ben und mit fünf­und­drei­ßig die­selbe Per­son sind. Wenn wir jedoch nicht mehr an eine unun­ter­bro­chene Per­sön­lich­keit glau­ben, kön­nen wir uns als unter­schied­li­che Men­schen wahr­neh­men.

Die Spal­tung unse­res Selbst vor und nach einem Trauma

Men­schen, die ein Trauma oder eine schwere, dau­er­hafte Ver­let­zung erlebt haben, neh­men sich vor und nach dem Ereig­nis oft als unter­schied­li­che Per­so­nen wahr. Zwar wis­sen sie, dass sie das Trauma durch­ge­macht haben, doch hat das Ereig­nis ihre Lebens­ge­schichte grund­le­gend ver­än­dert. Nun haben sie zwei unter­schied­li­che Lebens­ge­schich­ten – eine davor und eine danach – ohne erkenn­ba­ren Zusam­men­hang zwi­schen bei­den.

Erin­ne­rung an frü­here Leben

Betrach­ten wir das Phä­no­men des Erle­bens ver­gan­ge­ner Leben: das starke Gefühl, Ereig­nisse vor dem jet­zi­gen Leben durch­lebt zu haben. Eine Erklä­rung beruht auf der Idee, dass wir die­ses Gefühl falsch ein­ord­nen. Wenn wir bei­spiels­weise eine leb­hafte Erin­ne­rung an einen Film oder einen Traum haben und das Gefühl, die erin­ner­ten Ereig­nisse selbst erlebt zu haben, dann könn­ten wir uns daran erin­nern, in einer ande­ren Zeit und an einem ande­ren Ort gelebt zu haben.

Die Fehl­zu­ord­nung könnte auf einen Feh­ler bei der Quel­len­über­wa­chung, also unse­rer Beur­tei­lung des Ursprungs einer Erin­ne­rung, zurück­zu­füh­ren sein. Wenn wir fest davon über­zeugt sind, dass die Bil­der aus einem Traum oder einem Film aus unse­rem eige­nen Leben stam­men, besteht die Mög­lich­keit, dass wir uns fälsch­li­cher­weise an ein Leben erin­nern, das nicht das unsere ist.

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