Wie eine zweite Schwan­ger­schaft das Gehirn ver­än­dert

Viele wer­dende Müt­ter berich­ten von einem „Baby-Hirn“, da sie Ver­än­de­run­gen in der Funk­ti­ons­weise ihres Gehirns bemer­ken – im Guten wie im Schlech­ten. Seit Jah­ren bele­gen For­schungs­er­geb­nisse, dass das Gehirn wäh­rend der Schwan­ger­schaft tat­säch­lich tief­grei­fende Ver­än­de­run­gen durch­läuft. Ins­be­son­dere ist bekannt, dass eine erste Schwan­ger­schaft das Gehirn ver­än­dert. Man nimmt an, dass diese Ver­än­de­run­gen Müt­tern dabei hel­fen, eine Bin­dung zu ihren Babys auf­zu­bauen und sich um sie zu küm­mern. Doch kürz­lich stell­ten For­scher eine wich­tige Frage: Was pas­siert mit dem Gehirn, wenn eine Mut­ter erneut schwan­ger wird?

Im Rah­men einer neuen Stu­die wur­den 110 Frauen vor und nach der Schwan­ger­schaft beglei­tet: 40 Erst­ge­bä­rende, 30 Zweit­ge­bä­rende und 40 Frauen, die nicht schwan­ger wur­den (Kon­troll­gruppe). Mit­hilfe von MRT-Auf­nah­men des Gehirns und Fra­ge­bö­gen ver­folg­ten die For­scher die Ver­än­de­run­gen des Gehirns wäh­rend der Schwan­ger­schaft und nach der Geburt sowie deren Aus­wir­kun­gen auf das Ver­hal­ten und die psy­chi­sche Gesund­heit der Müt­ter.

Die Ergeb­nisse die­ser Stu­die zei­gen, dass die Ver­än­de­run­gen im Gehirn nicht mit der ers­ten Schwan­ger­schaft enden, son­dern dass eine zweite Schwan­ger­schaft das Gehirn einer Frau auf ein­zig­ar­tige Weise ver­än­dert.

Ver­än­de­run­gen bei der ers­ten Schwan­ger­schaft

Bei Erst­ge­bä­ren­den tra­ten adap­tive Ver­än­de­run­gen der neu­ro­na­len Netz­werke im Gehirn auf. Diese sind an fol­gen­den Pro­zes­sen betei­ligt:

  • Selbst­re­fle­xion
  • sozia­les Ver­ständ­nis
  • Per­spek­ti­ven­über­nahme
  • Iden­ti­täts­ver­ar­bei­tung

Dies stützt die Annahme, dass die erste Mut­ter­schaft eine tief­grei­fende Umstruk­tu­rie­rung der Selbst­wahr­neh­mung und der Bezie­hungs­ge­stal­tung im Gehirn mit sich bringt. Mit ande­ren Wor­ten: Die erste Mut­ter­schaft erfor­dert mög­li­cher­weise eine grund­le­gende Neu­aus­rich­tung der Iden­ti­tät.

Ver­än­de­run­gen bei der zwei­ten Schwan­ger­schaft

Wäh­rend einer ers­ten Schwan­ger­schaft tra­gen die Ver­än­de­run­gen stär­ker zur Ent­wick­lung müt­ter­li­cher Ver­hal­tens­wei­sen bei. Bei einer zwei­ten Schwan­ger­schaft spie­len sie eine gerin­gere Rolle. Die Stu­die zeigte daher über­lap­pende Hirn­areale, die bereits bei der ers­ten Schwan­ger­schaft betrof­fen waren und sich wäh­rend der zwei­ten auf ähn­li­che, aber sub­ti­lere Weise wei­ter ver­fei­nern.

Wäh­rend sich einige Hirn­re­gio­nen glei­cher­ma­ßen ver­än­der­ten, tra­ten stär­kere Ver­än­de­run­gen in den Hirn­netz­wer­ken auf, die an den fol­gen­den Pro­zes­sen betei­ligt sind:

  • Auf­merk­sam­keit für externe Anfor­de­run­gen
  • ziel­ge­rich­te­ter Fokus
  • sen­so­mo­to­ri­sche Ver­ar­bei­tung
  • Bewe­gung und Koor­di­na­tion

Diese neu­ro­na­len Netz­werke könn­ten Müt­tern, die bereits ein Kind haben, dabei hel­fen, die höhe­ren Anfor­de­run­gen der Betreu­ung meh­re­rer Kin­der zu bewäl­ti­gen. Mit ande­ren Wor­ten: Die Ver­än­de­run­gen im Gehirn wäh­rend der ers­ten Schwan­ger­schaft könn­ten das Mut­ter­wer­den erleich­tern, wäh­rend die Ver­än­de­run­gen wäh­rend wei­te­rer Schwan­ger­schaf­ten dazu bei­tra­gen, dass sich das Gehirn an die Eltern­schaft meh­re­rer Kin­der anpasst.

Wie sieht es mit der psy­chi­schen Gesund­heit aus?

All­ge­mein aner­kannt ist, dass Schwan­ger­schaft und Wochen­bett Risi­ko­pha­sen für das Auf­tre­ten psy­chi­scher Erkran­kun­gen dar­stel­len. Diese kön­nen die Mut­ter-Kind-Bin­dung erheb­lich beein­träch­ti­gen. Etwa jede fünfte Frau ist von peri­na­ta­len Stim­mungs- und Angst­stö­run­gen betrof­fen. Daher unter­suchte die vor­lie­gende Stu­die den Zusam­men­hang zwi­schen Hirn­ver­än­de­run­gen in der ers­ten und zwei­ten Schwan­ger­schaft und der psy­chi­schen Gesund­heit.

Die Stu­di­en­ergeb­nisse zei­gen, dass schwan­ger­schafts­be­dingte Ver­än­de­run­gen im Gehirn sowohl bei Erst- als auch bei Zweit­ge­bä­ren­den eine Rolle bei der Ent­ste­hung psy­chi­scher Erkran­kun­gen sowie bei der Ent­wick­lung der Mut­ter-Kind-Bin­dung spie­len. Bei Erst­ge­bä­ren­den kor­re­lier­ten diese Ver­än­de­run­gen stär­ker mit postpar­ta­len Stim­mungs­schwan­kun­gen. Bei Zweit­ge­bä­ren­den stan­den die Ver­än­de­run­gen im Gehirn hin­ge­gen in Zusam­men­hang mit dem psy­chi­schen Gesund­heits­zu­stand wäh­rend der Schwan­ger­schaft. Dies könnte dar­auf zurück­zu­füh­ren sein, dass nach der ers­ten Geburt eine tief­grei­fende Iden­ti­täts­än­de­rung ein­tritt, wäh­rend die zweite Schwan­ger­schaft auf­grund der zusätz­li­chen Betreu­ungs­pflich­ten mög­li­cher­weise mit einem höhe­ren Stress­ni­veau ein­her­geht.

Wich­tig ist, dass die Ergeb­nisse dar­auf hin­deu­ten, dass sich die emo­tio­nale Land­schaft der ers­ten und zwei­ten Schwan­ger­schaft auf neu­ro­na­ler Ebene unter­schied­lich ent­wi­ckeln kann. Dies hat erheb­li­che Aus­wir­kun­gen auf die Bezie­hun­gen inner­halb der Fami­lie.

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