Wie Des­in­for­ma­tion das Ver­trauen der Öffent­lich­keit unter­gra­ben hat

Das Inter­net ist vol­ler Irr­tü­mer. Des­in­for­ma­tion wirkt im Inter­net manch­mal wie ein unsicht­ba­res Netz, das sich durch alle Ecken und dunk­len Win­kel des Inter­nets zieht. Sie ist oft sim­pel, manch­mal jedoch auch kom­plex, fes­selnd und im schlimms­ten Fall gefähr­lich. Sie ver­brei­tet sich auf viel­fäl­tige Weise rund um den Glo­bus und über­schrei­tet dabei Themen‑, Bevölkerungs‑, Sprach- und Platt­form­gren­zen. Sie passt sich den Nut­zern an und fin­det den rich­ti­gen Ton, um deren Leicht­gläu­big­keit opti­mal aus­zu­nut­zen.

Die Ver­brei­ter von Des­in­for­ma­tio­nen sind zahl­reich und stüt­zen ein Sys­tem, das unse­ren Dis­kurs beein­flusst und prägt. Des­in­for­ma­tion ist in vie­len digi­ta­len Ange­bo­ten all­ge­gen­wär­tig – sei es als Dienst­leis­tung von Mar­ke­ting­fir­men, als poli­ti­sches Instru­ment zur Steue­rung der öffent­li­chen Debatte oder als Stra­te­gie in Krie­gen, um Recht­fer­ti­gun­gen für Gewalt vor­zu­täu­schen. Ebenso wie ihr Gegen­stand ist auch das Geschäft mit der Des­in­for­ma­tion weit­rei­chend und hat sich bran­chen- und regie­rungs­über­grei­fend eta­bliert – wenn auch still­schwei­gend.

Dies hat nega­tive Aus­wir­kun­gen auf unsere gemein­sa­men Infor­ma­ti­ons­räume. Bei Ereig­nis­sen von gro­ßer Trag­weite wie Wah­len, Krie­gen und Mas­sen­de­mons­tra­tio­nen nimmt die Gefahr noch zu. Des­in­for­ma­tion unter­gräbt die Fähig­keit der Öffent­lich­keit, sich im Inter­net zurecht­zu­fin­den.

Der Zugang zu veri­fi­zier­ten, fak­ten­ba­sier­ten Infor­ma­tio­nen ist uner­läss­lich, um fun­dierte Ent­schei­dun­gen zu tref­fen oder sich eine eigene Mei­nung zu bil­den. Bei aktu­el­len Ereig­nis­sen wie Unwet­tern oder Kon­flik­ten kann der Zugang zu ver­läss­li­chen Infor­ma­tio­nen lebens­ret­tend sein. Lei­der ver­brei­ten sich in sol­chen Situa­tio­nen, die als berüch­tigte Infor­ma­ti­ons­lö­cher gel­ten, oft schon wenige Minu­ten nach einem Vor­fall fal­sche Dar­stel­lun­gen. Bös­wil­lige Akteure ver­su­chen dann, schnell eine Ver­sion der Rea­li­tät zu ent­wer­fen, die ihren Inter­es­sen – poli­ti­schen oder ande­ren – ent­spricht. Sie ver­stär­ken diese Ver­sion mit betrü­ge­ri­schen Metho­den wie unech­ten Kon­ten, erfun­de­nen Aus­sa­gen, gefälsch­ten Doku­men­ten oder durch KI gene­rier­ten syn­the­ti­schen Medien. Dies führt zu einer Infor­ma­ti­ons­ver­wir­rung, durch die die Wahr­heit in eine miss­li­che Lage gerät: Sie kommt oft zu spät und muss sich gegen eine Viel­zahl weit ver­brei­te­ter Nar­ra­tive behaup­ten, die dar­auf abzie­len, eine alter­na­tive Geschichte zu kon­stru­ie­ren. Des­halb kön­nen soziale Medien manch­mal wie eine Land­schaft kon­kur­rie­ren­der Rea­li­tä­ten wir­ken.

Die Wah­rung demo­kra­ti­scher Nor­men und Insti­tu­tio­nen wird durch funk­tio­nie­rende Infor­ma­ti­ons­sys­teme erheb­lich geför­dert. Dies unter­streicht die Not­wen­dig­keit, unsere Online-Räume zu schüt­zen. Wenn Des­in­for­ma­tio­nen sich unge­hin­dert aus­brei­ten kön­nen, gefähr­det dies die Inte­gri­tät unse­rer Infor­ma­tio­nen, Insti­tu­tio­nen und Demo­kra­tien.

Aus­län­di­sche Ein­fluss­nahme

Noch vor eini­gen Jah­ren hätte es unsin­nig gewirkt, eine Unter­su­chung anzu­re­gen, in der unter­sucht wird, wie aus­län­di­sche Akteure gefälschte Social-Media-Kon­ten erstel­len, um sich als Per­so­nen in ande­ren Län­dern aus­zu­ge­ben, lokale Dis­kus­sio­nen zu unter­wan­dern und die Poli­tik zu beein­flus­sen. Heute ist dies eine welt­weit ver­brei­tete Pra­xis und ein gän­gi­ger Ermitt­lungs­an­satz.

Zu den am bes­ten doku­men­tier­ten Akteu­ren, die aus­län­di­sche Ein­fluss­ope­ra­tio­nen nut­zen, um poli­ti­sche und stra­te­gi­sche Vor­teile zu erzie­len, gehö­ren Russ­land, der Iran und China. Im Laufe der Jahre wurde beob­ach­tet, dass diese Bedro­hungs­ak­teure bei ihren Online-Des­in­for­ma­ti­ons­kam­pa­gnen unter­schied­lich aus­ge­feilte und wirk­same Metho­den anwen­den. In auto­ri­tä­ren Staa­ten sind Regie­run­gen oft die größ­ten und res­sour­cen­stärks­ten bös­wil­li­gen Akteure in den sozia­len Medien. Sie set­zen sowohl innen­po­li­ti­sche als auch aus­län­di­sche Ein­fluss­ope­ra­tio­nen ein, um Men­schen­rechts­ver­tei­di­ger, Oppo­si­tio­nelle und Jour­na­lis­ten ins Visier zu neh­men und poli­ti­sche Ziele zu errei­chen.

Es kann schwie­rig sein, die Motive der­je­ni­gen zu ermit­teln, die Des­in­for­ma­ti­ons­kam­pa­gnen initi­ie­ren. Man­che Kam­pa­gnen sind sehr direkt und ver­fol­gen ein kla­res, kon­kre­tes Ziel, bei­spiels­weise die Ver­leum­dung eines Geg­ners wäh­rend einer Wahl. In ande­ren Fäl­len fol­gen diese Ope­ra­tio­nen kei­ner bestimm­ten Agenda, son­dern set­zen kon­kur­rie­rende Nar­ra­tive ein. Dabei über­schwem­men bös­wil­lige Akteure Dis­kus­sio­nen zu einem bestimm­ten Thema mit gegen­sätz­li­chen Per­spek­ti­ven, die oft von mode­rat bis extrem rei­chen. Mit die­ser Tak­tik sol­len authen­ti­sche Stim­men über­tönt, der Zugang zu ech­ten Infor­ma­tio­nen erschwert und letzt­lich Ver­wir­rung in die Dis­kus­sion gebracht wer­den – ganz nach dem Motto: „Wenn du sie nicht über­zeu­gen kannst, ver­wirre sie.“

So rich­tete bei­spiels­weise im Vor­feld der US-Wah­len 2016 eine Troll­fa­brik mit Sitz in St. Peters­burg, Russ­land, Social-Media-Kon­ten ein, die sich als Ame­ri­ka­ner aus­ga­ben, um ras­sis­ti­sche Spal­tun­gen inner­halb der Black-Lives-Mat­ter-Bewe­gung zu schü­ren. Eine Stu­die der Uni­ver­sity of Washing­ton aus dem Jahr 2017 unter­suchte Online-Dis­kus­sio­nen rund um Schie­ße­reien in den USA im Jahr 2016 und kon­zen­trierte sich dabei auf Grup­pen, die sich für oder gegen Black Lives Mat­ter aus­spra­chen. Dabei zeigte sich, dass rus­si­sche Trolle auf bei­den Sei­ten der Debatte spal­tende Inhalte ver­brei­te­ten, indem sie über gefälschte Kon­ten äußerst pro­vo­ka­tive Bei­träge teil­ten, die dar­auf abziel­ten, Ste­reo­ty­pen zu ver­stär­ken. So ver­wen­de­ten die fik­ti­ven Pro-Black-Lives-Mat­ter-Kon­ten bei­spiels­weise Fotos von bren­nen­den Poli­zei­au­tos und Black-Power-Flag­gen in ihren Pro­fi­len, wäh­rend die fik­ti­ven Anti-Black-Lives-Mat­ter-Kon­ten Fotos von Cow­boy­hü­ten und Waf­fen nutz­ten.

Acht Jahre spä­ter, im Vor­feld der US-Wah­len 2024, wurde diese Tak­tik fort­ge­setzt. Im Novem­ber 2023 gab Meta bekannt, dass fast 5.000 Kon­ten mit Sitz in China gelöscht wur­den, die sich als Ame­ri­ka­ner aus­ge­ge­ben hat­ten, um poli­ti­sche The­men zu dis­ku­tie­ren. Die Kon­ten äußer­ten Kri­tik an bei­den Sei­ten des poli­ti­schen Spek­trums, ohne eine Par­tei gegen­über der ande­ren zu bevor­zu­gen.

Mit die­ser Tak­tik wer­den Online-Dis­kus­sio­nen durch einen maxi­ma­lis­ti­schen Ansatz ver­zerrt. Durch die Flut kon­kur­rie­ren­der Dar­stel­lun­gen in den sozia­len Medien wird die Infor­ma­ti­ons­land­schaft ver­zerrt und die Inte­gri­tät von Online-Dis­kus­sio­nen unter­gra­ben. Infol­ge­des­sen wird es für die Öffent­lich­keit schwie­rig, Infor­ma­tio­nen zu fin­den oder sich eine Mei­nung zu einem Thema zu bil­den.

Ein wei­te­res gemein­sa­mes Merk­mal vie­ler aus­län­di­scher Ein­fluss­kam­pa­gnen ist die Iden­ti­fi­zie­rung und Aus­nut­zung von innen­po­li­ti­schen The­men, die in der Bevöl­ke­rung tat­säch­lich zu Spal­tun­gen füh­ren. So gaben sich ira­ni­sche Akteure wäh­rend der US-Wah­len 2020 als Mit­glie­der der US-ame­ri­ka­ni­schen White-Supre­macy-Gruppe „Proud Boys“ aus, um im Rah­men einer Ein­fluss­kam­pa­gne US-Beamte ins Visier zu neh­men. Zwei im Iran ansäs­sige Akteure hack­ten die Wahl­web­site min­des­tens eines US-Bun­des­staa­tes, um an ver­trau­li­che Wäh­ler­da­ten zu gelan­gen. Diese wur­den dazu ver­wen­det, von Kon­ten, die sich als „Proud Boys“ aus­ga­ben, dro­hende, pro-Donald-Trump-E-Mails an ver­schie­dene US-Poli­ti­ker und Wahl­kampf­mit­ar­bei­ter zu ver­sen­den. Als Reak­tion dar­auf erhob die US-Jus­tiz Anklage gegen zwei Män­ner, die mit der ira­ni­schen Cyber­gruppe „Emen­net Pas­argad” in Ver­bin­dung ste­hen.

Russ­land setzt diese Pola­ri­sie­rungs­tak­tik beson­ders geschickt ein und wen­det sie häu­fig bei Ein­fluss­ope­ra­tio­nen auf der gan­zen Welt an. Russ­lands glo­bale Ein­fluss­stra­te­gie besteht darin, sich als Alter­na­tive zu den west­li­chen Mäch­ten zu posi­tio­nie­ren. Es scheint, als gewänne es Ver­bün­dete und Unter­stüt­zung in der Bevöl­ke­rung, indem es kom­plexe his­to­ri­sche Zusam­men­hänge und geo­po­li­ti­sche Dyna­mi­ken aus­nutzt.

Russ­land för­dert bei­spiels­weise im Nahen Osten anti-ame­ri­ka­ni­sche Nar­ra­tive in der Hoff­nung, die Kluft zwi­schen den ara­bi­schen Staa­ten und den USA zu ver­grö­ßern und sich die­sen Natio­nen als vor­teil­haf­te­rer Ver­bün­de­ter zu posi­tio­nie­ren – ins­be­son­dere im aktu­el­len Kon­flikt zwi­schen den USA, Israel und dem Iran. Um sein Vor­ge­hen in der Ukraine zu recht­fer­ti­gen, beruft sich Russ­land auf den Irak­krieg und ver­brei­tet Nar­ra­tive über die Heu­che­lei des Wes­tens. In West­afrika ver­hält es sich ähn­lich: Russ­land arbei­tet dort daran, anti-fran­zö­si­sche Nar­ra­tive zu ver­stär­ken, um sich selbst als alter­na­ti­ven Sicher­heits­ga­ran­ten zu prä­sen­tie­ren.

Zu den wirk­sams­ten Des­in­for­ma­ti­ons­kam­pa­gnen zäh­len jene, die emo­tio­nale Reak­tio­nen her­vor­ru­fen. Denn es ist oft schwie­rig, diese emo­tio­na­len Reak­tio­nen im Rah­men von Maß­nah­men zur Bekämp­fung von Des­in­for­ma­tion zu durch­bre­chen. Um die­sen Ope­ra­tio­nen ent­ge­gen­zu­wir­ken, muss man sich in kom­ple­xen loka­len Dyna­mi­ken zurecht­fin­den und berech­tigte Miss­stände aner­ken­nen.

Ein­fluss­nah­me­ope­ra­tio­nen von­sei­ten der Alli­ier­ten (Ver­bün­de­ten)

Wäh­rend des Krie­ges zwi­schen Israel und der Hamas im Früh­jahr 2024 deckte das Digi­tal Foren­sic Rese­arch Lab (DFRLab) eine Online-Ein­fluss­kam­pa­gne auf, die sich gegen US-Poli­ti­ker und kana­di­sche Medien rich­tete. Die New York Times schrieb diese spä­ter der israe­li­schen Regie­rung zu. Dies ist von Bedeu­tung, da es ein Bei­spiel dafür ist, wie ein Land eine aus­län­di­sche Ein­fluss­kam­pa­gne gegen seine eige­nen Ver­bün­de­ten star­tet – eine wei­tere Ver­fes­ti­gung und Nor­ma­li­sie­rung staat­lich geför­der­ter Des­in­for­ma­tion.

Im Februar 2024 berich­tete der unab­hän­gige For­scher Marc Owen Jones erst­mals über ein Netz­werk gefälsch­ter X‑Konten. Die­ses ver­brei­tete Bot­schaf­ten zur Unter­stüt­zung Isra­els und zur Kri­tik am Hilfs­werk der Ver­ein­ten Natio­nen für paläs­ti­nen­si­sche Flücht­linge (UNRWA). Dies geschah zu einem Zeit­punkt, als meh­rere Län­der ihre Finanz­hil­fen für die UNRWA ein­stell­ten, da Israel behaup­tet hatte, dass Mit­ar­bei­ter der Orga­ni­sa­tion an dem Ter­ror­an­schlag vom 7. Okto­ber 2023 betei­ligt gewe­sen seien.

Wei­tere Unter­su­chun­gen des DFRLab deck­ten auf, dass sich die­ses Netz­werk als Ame­ri­ka­ner aus­gab und US-Poli­ti­ker ins Visier nahm, dar­un­ter den dama­li­gen Prä­si­den­ten Joe Biden, Vize­prä­si­den­tin Kamala Har­ris und ver­schie­dene Kon­gress­ab­ge­ord­nete, um die Poli­tik zu beein­flus­sen. Das Netz­werk war in sei­ner Auf­ma­chung recht pri­mi­tiv. So berich­tete das DFRLab bei­spiels­weise, dass ein Konto fälsch­li­cher­weise als „afro­ame­ri­ka­ni­sche Frau mitt­le­ren Alters“ iden­ti­fi­ziert wurde, obwohl es einen männ­li­chen Namen und den Ava­tar eines schwar­zen Man­nes ver­wen­dete. Ein ande­res Konto wurde fälsch­li­cher­weise als „jüdi­scher Mann“ iden­ti­fi­ziert, obwohl es einen weib­li­chen Anzei­ge­na­men und einen weib­li­chen Ava­tar ver­wen­dete. Ein wei­te­res Konto wurde fälsch­li­cher­weise als „wei­ßer ame­ri­ka­ni­scher Mann“ iden­ti­fi­ziert, hatte jedoch den Ava­tar eines schwar­zen Man­nes.

Das DFRLab deckte zudem ein Schwes­ter­netz­werk auf, das KI-gene­rierte Bil­der nutzte, um islam­feind­li­che Inhalte zu ver­brei­ten. Das Netz­werk bewarb eine gefälschte, angeb­lich von Bür­gern gegrün­dete kana­di­sche gemein­nüt­zige Orga­ni­sa­tion namens United Citi­zens for Canada (UCC). Diese Orga­ni­sa­tion behaup­tete, sich gegen „gewalt­tä­tige isla­mi­sche Bewe­gun­gen und Orga­ni­sa­tio­nen in Kanada“ zu enga­gie­ren. Das gefälschte Netz­werk ver­brei­tete die Inhalte von UCC und lei­tete sie an kana­di­sche Medi­en­ver­tre­ter wei­ter – ver­mut­lich in der Hoff­nung auf eine wei­tere Ver­brei­tung. Kom­men­tare deu­te­ten dar­auf hin, dass die Gefahr bestehe, dass in Kanada die Scha­ria ange­wen­det werde. Zudem fälschte das Netz­werk die Inter­ak­tio­nen der Orga­ni­sa­tion in den sozia­len Medien, um ihr Glaub­wür­dig­keit zu ver­lei­hen.

Meta und Ope­nAI führ­ten diese Des­in­for­ma­ti­ons­kam­pa­gnen auf die israe­li­sche Poli­tik­be­ra­tungs­firma STOIC zurück. Meta unter­nahm zudem den bei­spiel­lo­sen Schritt, dem Unter­neh­men eine Unter­las­sungs­auf­for­de­rung zuzu­stel­len, um Akti­vi­tä­ten zu unter­bin­den, die gegen die Richt­li­nien der Platt­form ver­sto­ßen. Die „New York Times“ fand her­aus, dass das israe­li­sche Minis­te­rium für Dia­spora-Ange­le­gen­hei­ten die in Tel Aviv ansäs­sige Firma STOIC beauf­tragt hatte, um online Unter­stüt­zung für den Krieg in Gaza zu gewin­nen. Das Minis­te­rium stellte für diese Aktion ein Bud­get von zwei Mil­lio­nen Dol­lar bereit.

Besorg­nis­er­re­gen­der­weise deu­ten jüngste Bei­spiele jedoch dar­auf hin, dass sich die Ent­wick­lung in die ent­ge­gen­ge­setzte Rich­tung bewegt. So berich­tete Reu­ters im Juni 2024, dass das US-Mili­tär auf dem Höhe­punkt der Corona-Pan­de­mie eine Ein­fluss­kam­pa­gne star­tete, die dar­auf abzielte, in China her­ge­stellte Impf­stoffe zu dis­kre­di­tie­ren. Die Kam­pa­gne nutzte gefälschte Kon­ten, um sich als Per­so­nen auf den Phil­ip­pi­nen aus­zu­ge­ben und wäh­rend der glo­ba­len Pan­de­mie impf­kri­ti­sche Inhalte zu verbreiten.⁵ Wäh­rend die Ver­ei­nig­ten Staa­ten öffent­lich für Impf­stoffe ein­tra­ten, führ­ten sie gleich­zei­tig eine ver­deckte Ein­fluss­kam­pa­gne durch, die impf­kri­ti­sche Inhalte ver­brei­tete.

KI-beschleu­nigte Des­in­for­ma­tion

KI wirkt als Kata­ly­sa­tor für Des­in­for­ma­tio­nen in Form von Deepf­ake-Videos, auto­ma­ti­sier­ten Audio­bot­schaf­ten oder ori­gi­nal­ge­treu nach­ge­bil­de­ten gefälsch­ten Bil­dern. KI wird immer häu­fi­ger genutzt, um Infor­ma­tio­nen zu ver­brei­ten und deren Ver­brei­tung zu beschleu­ni­gen. Die zuneh­mende Ver­füg­bar­keit von KI-Tools und Gene­ra­to­ren für syn­the­ti­sche Bil­der macht es mög­lich, Des­in­for­ma­tio­nen in gro­ßem Umfang zu pro­du­zie­ren.

Wäh­rend Täu­schungs­ver­su­che frü­her auf manu­el­len Metho­den wie der Bild­be­ar­bei­tung in Pho­to­shop beruh­ten, senkt KI die tech­ni­schen Ein­stiegs­hür­den und ermög­licht die Auto­ma­ti­sie­rung ver­schie­de­ner Ele­mente von Täu­schungs­kam­pa­gnen. Zwar spielt KI eine ent­schei­dende Rolle bei der Ver­schär­fung der mit Des­in­for­ma­tion ver­bun­de­nen Bedro­hun­gen, doch ihre Inte­gra­tion in das Des­in­for­ma­ti­ons-Öko­sys­tem hat sich nicht so rasch voll­zo­gen, wie ursprüng­lich pro­gnos­ti­ziert.

Die Ana­lyse von Deepf­ake-Videos, die im Laufe des Krie­ges in der Ukraine ver­öf­fent­licht wur­den, ermög­licht Rück­schlüsse auf die Ent­wick­lung die­ser Tech­no­lo­gie. Einen Monat nach dem Ein­marsch Russ­lands in die Ukraine ver­brei­te­ten pro­rus­si­sche Quel­len ein schlecht gemach­tes Deepf­ake-Video, in dem der ukrai­ni­sche Prä­si­dent Wolo­dymyr Selen­skyj angeb­lich zurück­ge­tre­ten und aus der Ukraine geflo­hen sein soll. Auf­grund sei­ner schlech­ten Qua­li­tät wurde das Video damals ver­spot­tet. Seit­dem hat die Deepf­ake-Tech­no­lo­gie jedoch erheb­li­che Fort­schritte gemacht, sodass spä­tere Ver­öf­fent­li­chun­gen zuneh­mend rea­lis­ti­scher wir­ken.

KI bringt Risi­ken und Fort­schritte mit sich. Da sie sich immer wei­ter in unsere Sys­teme inte­griert, müs­sen Erken­nungs- und Trans­pa­renz­funk­tio­nen bei der Ent­wick­lung und dem Ein­satz von Tools wie Bild­ge­ne­ra­to­ren Prio­ri­tät haben. Der­zeit sind KI-Erken­nungs­tools noch unvoll­kom­men, sodass die manu­elle Über­prü­fung wei­ter­hin der effek­tivste Mecha­nis­mus zur Iden­ti­fi­zie­rung ist.

Der „Uncanny-Valley“-Effekt syn­the­ti­scher Medien macht es nor­ma­ler­weise mög­lich, zu erken­nen, ob ein Bild KI-basiert ist. Doch mit der Wei­ter­ent­wick­lung der Tech­no­lo­gie wird diese Methode immer unzu­ver­läs­si­ger. Sam Gre­gory, Geschäfts­füh­rer der Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­tion WIT­NESS, stellt fest, dass die Offen­le­gung und die Her­kunft von KI-gene­rier­ten Medien Vor­rang haben müs­sen. Dabei muss eine Ver­ant­wor­tungs­kette geschaf­fen wer­den, die Ent­wick­ler und Platt­for­men in die Lösun­gen ein­bin­det, anstatt die Ver­ant­wor­tung für die Erken­nung auf die Nut­zer abzu­wäl­zen.

Wah­rung der Daten­in­te­gri­tät

Es gibt keine ein­fa­chen Ant­wor­ten, wenn es darum geht, der Gefahr von Des­in­for­ma­tio­nen zu begeg­nen. Der erste Schritt besteht darin, ein gewis­ses Maß an Unvoll­kom­men­heit zu akzep­tie­ren. Viele haben sich das Inter­net als digi­ta­len öffent­li­chen Raum vor­ge­stellt. Wenn wir unsere Online-Räume wie unsere Off­line-Räume betrach­ten, soll­ten wir uns um Prä­ven­tion und Kon­trolle bemü­hen – in dem Bewusst­sein, dass Per­fek­tion unmög­lich ist. Genauso wie es unmög­lich ist, öffent­li­che Ver­ge­hen voll­stän­dig aus dem öffent­li­chen Raum zu ver­ban­nen, ist es viel­leicht unmög­lich, Des­in­for­ma­tio­nen aus dem Online-Raum zu ver­ban­nen. Das Set­zen von Erwar­tun­gen ist ein hilf­rei­cher Aus­gangs­punkt.

Die Bemü­hun­gen, Des­in­for­ma­tio­nen im Inter­net auf­zu­de­cken und zu besei­ti­gen, sind eine Sisy­phus­ar­beit. Eine Gemein­schaft aus Open-Source-For­schern, Fak­ten­prü­fern, Jour­na­lis­ten, Wis­sen­schaft­lern, Pro­gram­mie­rern und vie­len ande­ren unter­nimmt enorme Anstren­gun­gen, um die Aus­brei­tung von Online-Schä­den ein­zu­däm­men. Die­ses Ziel kann sich jedoch oft wie ein sich stän­dig ver­än­dern­des Ziel anfüh­len. Wir sehen nur die halbe Wahr­heit, und auch andere Inter­es­sen­grup­pen müs­sen in die Ent­wick­lung von Lösun­gen ein­be­zo­gen wer­den.

Soziale Medien spie­len eine ent­schei­dende Rolle bei der Ein­däm­mung der Ver­brei­tung von Des­in­for­ma­tio­nen. Durch Trans­pa­renz­be­richte – sei es auf­grund gesetz­li­cher Vor­ga­ben oder auf frei­wil­li­ger Basis – kön­nen Platt­for­men Ein­bli­cke in ihre Arbeits­weise und Ent­schei­dungs­struk­tu­ren gewäh­ren. Diese Ein­bli­cke kön­nen wie­derum als Grund­lage für künf­tige Emp­feh­lun­gen die­nen. Durch die gemein­same Ent­wick­lung von Lösun­gen mit zivil­ge­sell­schaft­li­chen Orga­ni­sa­tio­nen kön­nen zudem lokale Beson­der­hei­ten berück­sich­tigt wer­den.

Um jedoch wei­ter­hin Online-Schä­den unter­su­chen zu kön­nen, benö­ti­gen Forscher:innen Zugang zu Daten. Lei­der stel­len die Platt­for­men zuneh­mend weni­ger Daten und Zugangs­mög­lich­kei­ten zur Ver­fü­gung als frü­her. Von der uner­schwing­lich teu­ren Anwen­dungs­pro­gram­mier­schnitt­stelle (API) von X bis hin zur Ein­stel­lung des Crowd­Tangle-Tools durch Meta ist die For­schungs­ge­mein­schaft gezwun­gen, mit weni­ger mehr zu errei­chen. Dies ist vor allem des­halb besorg­nis­er­re­gend, weil die Bedro­hung durch KI-gestützte Des­in­for­ma­tion zunimmt und der Ver­lust von For­schungs­werk­zeu­gen unsere Bemü­hun­gen, Unwahr­hei­ten zu iden­ti­fi­zie­ren und auf­zu­de­cken, beein­träch­tigt.

Das Pen­del muss sich von der Nor­ma­li­sie­rung von Des­in­for­ma­tion und Ein­fluss­nahme-Tak­ti­ken weg­be­we­gen. Die Eta­blie­rung von Online-Des­in­for­ma­tion als Stra­te­gie, die von Staa­ten in geo­po­li­ti­schen Kon­flik­ten ein­ge­setzt wird, beschleu­nigt ein Phä­no­men, das als „Dis­kurs­zu­sam­men­bruch“ bezeich­net wird. Dies geschieht, wenn unsere Inter­pre­ta­tion der Rea­li­tät nicht nur form­bar ist, son­dern auch für Täu­schungs­ma­nö­ver aus­ge­nutzt wird, wenn bös­wil­lige Akteure ver­su­chen, unsere Rea­li­tät zu for­men, bevor sie sich ent­fal­tet, wenn Insti­tu­tio­nen, an die höhere Maß­stäbe ange­legt wer­den, genau jene bös­wil­li­gen Ver­hal­tens­wei­sen an den Tag legen, die sie öffent­lich ver­ur­tei­len, wenn Infor­ma­tio­nen kaum noch an die Rea­li­tät gebun­den sind, wenn sie form­bar sind, sich in jede Rich­tung bie­gen las­sen, sich gegen ihre eigene beab­sich­tigte Bot­schaft rich­ten und je nach Spre­cher eine neue Bedeu­tung anneh­men kön­nen.

Der Zusam­men­bruch des Dis­kur­ses ent­steht aus den Ris­sen im Ver­trauen der Öffent­lich­keit. Die Gefahr eines sol­chen Zusam­men­bruchs macht deut­lich, wie wich­tig es ist, unsere demo­kra­ti­schen Insti­tu­tio­nen und Nor­men vor denen zu schüt­zen, die den Online-Raum nut­zen wol­len, um sie zu unter­gra­ben.

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