Wenn ein neues Virus wie eine alte Angst wirkt

Man sollte mei­nen, dass wir inzwi­schen gelernt haben, mit der Glo­ba­li­sie­rung umzu­ge­hen. Waren, Dienst­leis­tun­gen, Men­schen und Geld – und gele­gent­lich auch Krank­hei­ten – strö­men mit atem­be­rau­ben­der Geschwin­dig­keit über die Gren­zen hin­weg. Kaum etwas kann diese Ströme auf­hal­ten. Keine Mau­ern. Keine Prä­si­den­ten. Keine Gesund­heits­be­hör­den.

Das wis­sen wir spä­tes­tens seit dem Corona-Aus­bruch. Damals wurde deut­lich, dass sich Krank­heit nicht nur im Kör­per aus­brei­tet. Sie brei­tet sich auch in Insti­tu­tio­nen, Gerä­ten, Über­sichts­da­sh­boards, Erin­ne­run­gen und im Ver­trauen aus. Eine gesund­heit­li­che Bedro­hung wird zu einer psy­chi­schen Belas­tung, wenn Men­schen nicht mehr ein­schät­zen kön­nen, ob das Sys­tem um sie herum ihnen dabei hel­fen kann, damit umzu­ge­hen.

Das nennt man kogni­tive Bewer­tung: den Pro­zess, in dem wir ein­schät­zen, was eine Situa­tion bedeu­tet und ob wir damit umge­hen kön­nen. Zunächst stellt sich oft ganz ohne Worte die Frage: „Ist das gefähr­lich für mich?” Dann folgt die zweite Frage: Was kann ich tun? Wenn noch Ener­gie vor­han­den ist, stellt man sich unter Umstän­den auch die Frage: Warum ist das pas­siert?

Im letz­te­ren Fall gibt es viele mög­li­che Ant­wor­ten. Zwar trägt die Regie­rung der Demo­kra­ti­schen Repu­blik Kongo die Ver­ant­wor­tung, doch wird das Land weit­hin als geschei­ter­ter Staat ein­ge­stuft. Eine rasch wach­sende Bevöl­ke­rung, Land­raub durch die Elite, um sich reich­hal­tige Boden­schätze anzu­eig­nen, seit Jahr­zehn­ten andau­ernde bewaff­nete Kon­flikte, mas­sive Bin­nen­ver­trei­bun­gen, Krank­heits­aus­brü­che und tiefe Armut haben ihren Tri­but gefor­dert. Die „Bewe­gung des 23. März“, eine schwer bewaff­nete Rebel­len­gruppe, die von Ruanda unter­stützt wird und der weit­rei­chende Kriegs­ver­bre­chen vor­ge­wor­fen wer­den, kon­trol­liert weite Teile des Lan­des. Ruanda sei­ner­seits betrach­tet die M23-Rebel­len als ent­schei­den­den Puf­fer, um sein Ter­ri­to­rium vor Gewalt und Dis­kri­mi­nie­rung durch lokale Mili­zen zu schüt­zen. Das Land hat den Völ­ker­mord an den Tutsi im Jahr 1994 noch nicht ver­ar­bei­tet.

Melody Schrei­ber, Gesund­heits­kor­re­spon­den­tin des Guar­dian in den USA, ver­fasste einen Arti­kel, in dem sie behaup­tete, die Ver­ei­nig­ten Staa­ten hät­ten sich „ein­fach dafür ent­schie­den, den Ebola-Aus­bruch nicht zu stop­pen“, nach­dem die USAID ihre Mit­tel für das öffent­li­che Gesund­heits­we­sen in den fra­gi­len Gesund­heits­sys­te­men der Demo­kra­ti­schen Repu­blik Kongo und Ugan­das mas­siv gekürzt hatte. Die Euro­päi­sche Union ist ein wei­te­rer mög­li­cher Schul­di­ger. Zwar inves­tiert sie nach wie vor stark in das öffent­li­che Gesund­heits­we­sen Afri­kas, hat es jedoch ver­säumt, die Lücke in der US-Gesund­heits­fi­nan­zie­rung zu schlie­ßen.

Wenn es zu einem neuen Aus­bruch kommt, wer­den wir diese Fra­gen nicht von Grund auf neu ange­hen. Wir beant­wor­ten sie anhand der Erfah­run­gen aus dem letz­ten Aus­bruch. Hinzu kom­men wei­tere Erin­ne­run­gen aus der Ver­gan­gen­heit sowie selek­tive Ver­gess­lich­keit in Bezug auf Dinge, an die man sich nur schwer erin­nern kann. Kol­lek­tive Erin­ne­run­gen sind gemein­schafts­spe­zi­fisch.

Unter­su­chun­gen haben erge­ben, dass sich die Erin­ne­run­gen der Men­schen an die Corona-Pan­de­mie nicht nur nach den tat­säch­li­chen Ereig­nis­sen rich­ten, son­dern auch von ihrer aktu­el­len Iden­ti­tät und ihren Über­zeu­gun­gen beein­flusst wer­den. So erin­ner­ten sich geimpfte Per­so­nen fälsch­li­cher­weise daran, dass ihre frü­here Risi­ko­ein­schät­zung höher gewe­sen sei als tat­säch­lich, wäh­rend sich Unge­impfte, die sich stark mit die­ser Ent­schei­dung iden­ti­fi­zier­ten, fälsch­li­cher­weise daran erin­ner­ten, dass sie nied­ri­ger gewe­sen sei. Beide Grup­pen waren sich ihrer Sache sicher. Sie rekon­stru­ier­ten die Ver­gan­gen­heit teil­weise aus der Per­spek­tive der Gegen­wart.

Die Gefahr besteht nicht darin, dass dies unsere Erin­ne­rung an die Zeit von Corona ver­än­dert. Viel­mehr besteht die Gefahr, dass sich dadurch unsere Ein­schät­zung des­sen, was danach kommt, ver­än­dert.

Der aktu­elle Aus­bruch

Mitte Mai stufte die Welt­ge­sund­heits­or­ga­ni­sa­tion (WHO) den Ebola-Aus­bruch in Bun­di­bu­gyo in der Demo­kra­ti­schen Repu­blik Kongo und Uganda als gesund­heit­li­chen Not­stand von inter­na­tio­na­ler Trag­weite ein. In ers­ten offi­zi­el­len Berich­ten wur­den Hun­derte Ver­dachts­fälle und Dut­zende Todes­fälle gemel­det. Mit der Ver­bes­se­rung der Über­wa­chung wer­den sich diese Zah­len vor­aus­sicht­lich noch ändern. Im Gegen­satz zur durch das Zaire-Ebo­la­vi­rus ver­ur­sach­ten Ebola-Erkran­kung gibt es laut WHO der­zeit für die durch das Bun­di­bu­gyo-Virus ver­ur­sachte Erkran­kung weder einen zuge­las­se­nen virus­spe­zi­fi­schen Impf­stoff noch eine spe­zi­fi­sche Behand­lung. Eine früh­zei­tige unter­stüt­zende Behand­lung kann jedoch die Über­le­bens­chan­cen ver­bes­sern.

Laut den Cen­ters for Dise­ase Con­trol and Pre­ven­tion (CDC) vom 18. Mai 2026 ist das Risiko einer Aus­brei­tung in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten wei­ter­hin gering. Ebenso in Europa. Ebola wird nicht über die Luft über­tra­gen, eine Anste­ckung erfolgt durch direk­ten Kon­takt mit Kör­per­flüs­sig­kei­ten von Erkrank­ten oder Ver­stor­be­nen oder mit kon­ta­mi­nier­ten Gegen­stän­den. Das mag zwar stim­men. Es kann sich jedoch irrele­vant anfüh­len, wenn man nicht weiß, ob die Behör­den einen über die Lage infor­mie­ren oder selbst Bescheid wis­sen.

In ihrer Erklä­rung vom 18. Mai räumte die CDC dies selbst ein: „Wir wis­sen, dass sich die Men­schen an den Ebola-Aus­bruch von 2014–2015 erin­nern.“ Es ist ein sel­te­ner Satz im Bereich der öffent­li­chen Gesund­heit, der das psy­cho­lo­gi­sche Pro­blem direkt anspricht: Die Men­schen neh­men die­sen Aus­bruch nicht iso­liert wahr.

Den Teu­fels­kreis durch­bre­chen

Hier sind einige Mög­lich­kei­ten, was du tun kannst.

Kogni­tive Bewer­tung ist kein Gedanke, der einem ein­fach so über den Kopf kommt. Es ist eine Ein­schät­zung, die man wahr­neh­men und revi­die­ren kann. Wenn du auf bedroh­li­che Infor­ma­tio­nen stößt, halte inne und stelle dir nach­ein­an­der die fol­gen­den drei Fra­gen:

  1. Was genau bewerte ich hier eigent­lich? Beur­teile ich die­sen neuen Aus­bruch oder greife ich auf eine Erin­ne­rungs­vor­lage aus den Jah­ren 2014 oder 2020 zurück – oder aus einem ganz ande­ren Kon­text? Das Virus ist neu. Deine Angst viel­leicht nicht.
  2. Was ist mein nächs­ter Schritt? Wenn du „nichts“ oder „alles“ ant­wor­test, befin­dest du dich immer noch in der alten Denk­scha­blone. Eine fun­dierte Ant­wort wäre: Ich kann die ein­schlä­gi­gen Rei­se­hin­weise befol­gen. Ich kann auf Sym­ptome ach­ten, wenn ich in betrof­fe­nen Regio­nen lebe oder dort­hin reise. Ich kann Pri­mär­quel­len lesen statt Schlag­zei­len, die dar­auf abzie­len, alte Nar­ra­tive zu wecken. Eine akti­vis­ti­sche Hal­tung könnte bei­spiels­weise darin bestehen, zu ent­schei­den: Ich kann für Maß­nah­men im Bereich der öffent­li­chen Gesund­heit in der DR Kongo spen­den oder die Bemü­hun­gen von Gesund­heits­or­ga­ni­sa­tio­nen wie der WHO unter­stüt­zen.
  3. Wem ver­traue ich und warum? Nicht als poli­ti­sche, son­dern als prak­ti­sche Frage. Wenn man nicht ein­schät­zen kann, ob eine Quelle ehr­lich ist, bleibt nur die schlimmste Art von Angst: Man hat die Gefahr zwar erkannt, weiß aber nicht, wie man wei­ter vor­ge­hen soll. Genau da liegt die Panik.

Tat­säch­lich kann Angst die Über­tra­gung von Krank­hei­ten unab­hän­gig vom eigent­li­chen Erre­ger unter­drü­cken. Das Erken­nen die­ses Unter­schieds ist der Aus­gangs­punkt für eine Ein­schät­zung. Doch diese hängt wie­derum von etwas ab, das schwe­rer zu erken­nen ist: davon, ob die Insti­tu­tio­nen in dei­nem Umfeld dir die Wahr­heit sagen, ob sie wis­sen, was vor sich geht, und ob sie über die nöti­gen Res­sour­cen ver­fü­gen, um zu hel­fen.

An Orten, an denen diese Sys­teme auf­grund jahr­zehn­te­lan­ger Kon­flikte, aus­beu­te­ri­scher Wirt­schafts­po­li­tik oder poli­ti­scher Ver­nach­läs­si­gung zusam­men­ge­bro­chen sind, kann selbst eine genaue Ein­schät­zung der Bedro­hung nicht in wirk­sa­mes Han­deln umge­setzt wer­den. Die Psy­cho­lo­gie ist klar. Die Sys­teme sind es nicht.

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