Was sind Fake News?

Der Begriff „Fake News“, der Mitte 2016 in den öffent­li­chen Dis­kurs Ein­zug hielt, gilt vie­len als modern. In ande­ren Spra­chen gab es ähn­li­che Begriffe schon lange: „Lügen­presse“ tauchte erst­mals 1914 in den deut­schen Medien auf und wurde spä­ter von den Macht­ha­bern im natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Deutsch­land ver­wen­det, um das Ver­trauen in die Medi­en­kri­ti­ker zu unter­gra­ben.

Im Jahr 2017 bean­spruchte der dama­lige US-Prä­si­dent Donald Trump fälsch­li­cher­weise die erst­ma­lige Ver­wen­dung des Begriffs in der eng­li­schen Spra­che für sich. Tat­säch­lich ver­wen­dete jedoch bereits im Juni 1890 die „Cin­cin­nati Com­mer­cial Tri­bune“, eine Zei­tung im Mitt­le­ren Wes­ten der USA, den Begriff als erste eng­lisch­spra­chige Publi­ka­tion. Sie berich­tete über die Beschwerde eines Spre­chers, dass „Fake News im gan­zen Land ver­brei­tet wer­den“, und ver­wen­dete dabei das Adjek­tiv „Fake“ auf ori­gi­nelle Weise in Bezug auf „News“.

Am ehes­ten kann der Buzzfeed-News-Jour­na­list Craig Sil­ver­man für sich bean­spru­chen, den Begriff im eng­li­schen Sprach­raum in die­sem Jahr­hun­dert erst­mals popu­lär gemacht zu haben. Er ver­wen­dete den Aus­druck im Jahr 2014, um eine neue Form von Social-Media-Inhal­ten zu beschrei­ben: „Im jour­na­lis­ti­schen Stil geschrie­ben, aber alles Fake“. Andere in den Medien und der öffent­li­chen Debatte – von Trump in den USA bis Rodrigo Duterte auf den Phil­ip­pi­nen – grif­fen den Begriff auf. Mehr als ein Jahr­hun­dert nach sei­ner ers­ten doku­men­tier­ten Ver­wen­dung hielt er Ein­zug in den all­ge­mei­nen Sprach­ge­brauch. Er wurde schnell all­ge­gen­wär­tig in der Popu­lär­kul­tur und in aka­de­mi­schen Debat­ten als Sam­mel­be­griff für unge­naue oder umstrit­tene Infor­ma­tio­nen aller Art.

Die Art und Weise, wie der Aus­druck seit sei­ner wei­ten Ver­brei­tung ver­wen­det wird, hat viel berech­tigte Kri­tik her­vor­ge­ru­fen. Ers­tens wird der Begriff oft unge­nau auf sehr unter­schied­li­che Infor­ma­ti­ons­for­men ange­wen­det. Das stif­tet nicht nur Ver­wir­rung in der Öffent­lich­keit, son­dern dele­gi­ti­miert auch glaub­wür­dige Berichte und ver­trau­ens­wür­dige Medien.

Nach dem Vor­bild von Popu­lis­ten wie Trump und Duterte nutzte bei­spiels­weise das Mili­tär in Myan­mar den Begriff, um den inter­na­tio­na­len Druck infolge von Berich­ten über eth­ni­sche Säu­be­run­gen und Völ­ker­mord im Jahr 2017 zu unter­gra­ben, und erklärte alle der­ar­ti­gen Berichte zu „Fake News“. In Nige­ria tat die Armee 2020 das­selbe und bezeich­nete Berichte über ein Mas­sa­ker an Demons­tran­ten in Lagos als „Fake News“. Welt­weit haben Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­ker und andere die­sen Aus­druck über­nom­men, um Infor­ma­tio­nen, die ihrem Welt­bild wider­spre­chen, zurück­zu­wei­sen.

Wis­sen­schaft­ler und poli­ti­sche Ent­schei­dungs­trä­ger in vie­len Län­dern haben ange­sichts des Miss­brauchs des Begriffs ihre Kol­le­gen auf­ge­for­dert, ihn nicht zu ver­wen­den, um ihm keine Legi­ti­mi­tät und kei­nen pro­pa­gan­dis­ti­schen Wert zu ver­lei­hen. Eine hoch­ran­gige Arbeits­gruppe der Euro­päi­schen Union erklärte, der Begriff sei von ein­fluss­rei­chen Akteu­ren ver­ein­nahmt und irre­füh­rend ein­ge­setzt wor­den, um Bericht­erstat­tung, die schlicht­weg als unan­ge­nehm emp­fun­den wird, abzu­tun.

So über­zeu­gend diese Kri­tik­punkte auch sein mögen, es ist doch offen­sicht­lich, dass der Begriff sowohl in der brei­ten Öffent­lich­keit als auch in der Wis­sen­schaft ange­kom­men ist. Ihn gänz­lich zu igno­rie­ren, hieße, die Rea­li­tät aus­zu­blen­den. Dar­über hin­aus kann der Aus­druck wört­lich genom­men tat­säch­lich dazu bei­tra­gen, eine Form fal­scher oder irre­füh­ren­der Infor­ma­tio­nen von ande­ren zu unter­schei­den. Dadurch kön­nen ihre nega­ti­ven Aus­wir­kun­gen bes­ser ver­stan­den und ihnen ent­ge­gen­ge­wirkt wer­den.

Im Jahr 2018 schlug eine Gruppe füh­ren­der US-ame­ri­ka­ni­scher Medi­en­for­scher genau diese Defi­ni­tion von „Fake News” vor:

„Erfun­dene Infor­ma­tio­nen, die Nach­rich­ten­me­dien in Form, aber nicht in Orga­ni­sa­ti­ons­pro­zess oder Absicht imi­tie­ren”.

Bei der Ana­lyse der Fälle in die­ser Stu­die stellte ich fest, dass mehr als jeder fünfte Ein­trag die­ser Defi­ni­tion ent­spricht: Es han­delt sich um fal­sche oder irre­füh­rende Infor­ma­tio­nen, die in einem pseu­do­jour­na­lis­ti­schen oder Nach­rich­ten­for­mat prä­sen­tiert wer­den, mit der Absicht zu täu­schen. Dies ist ein kla­rer Bestand­teil des Phä­no­mens der Falsch­in­for­ma­tion.

Zu den Behaup­tun­gen, die die­ser Defi­ni­tion ent­spra­chen, zähl­ten einige Click­bait-Berichte, die ledig­lich dazu dien­ten, ein Publi­kum anzu­lo­cken, um Pro­fit zu machen oder sich zu befrie­di­gen, jedoch nicht, um eine brei­tere gesell­schaft­li­che oder poli­ti­sche Wir­kung zu erzie­len. Diese Art von Fal­sch­nach­rich­ten ähnelt in gewis­ser Weise dem von dem Phi­lo­so­phen Harry G. Frank­furt gepräg­ten Begriff „Bull­shit“. Die­ser bezeich­net Infor­ma­tio­nen, die nicht dar­auf abzie­len, ein Publi­kum von etwas zu über­zeu­gen, son­dern jeg­li­chem Wahr­heits­an­spruch ent­beh­ren.

Bei der zwei­ten Form von Fake News wer­den Fehl­in­for­ma­tio­nen in pseu­do­jour­na­lis­ti­scher Form genutzt, um ein poli­ti­sches oder sozia­les Ziel zu ver­fol­gen. Ein Bei­spiel dafür ist eine gefälschte Titel­seite einer kame­ru­ni­schen Zei­tung, die von Unter­stüt­zern eines Auf­stands erstellt wurde, um den Ein­druck zu erwe­cken, die Zei­tung unter­stütze ihre sepa­ra­tis­ti­sche Agenda. Ein ande­res Bei­spiel ist die Seite „Insi­der News TV“ in den sozia­len Medien, die Falsch­in­for­ma­tio­nen ver­brei­tet, um die Demo­kra­tie zu stür­zen und die AfD an die Macht zu brin­gen.

Die meis­ten Falsch­mel­dun­gen wer­den aus genau sol­chen poli­ti­schen oder sozia­len Grün­den erstellt.

Obwohl sich die unter­such­ten Fälle von Fal­sch­nach­rich­ten hin­sicht­lich ihrer Moti­va­tion – finan­zi­el­ler oder poli­ti­scher Natur – unter­schie­den, bedien­ten sie sich alle tra­di­tio­nel­ler jour­na­lis­ti­scher Spra­che und For­mate. Damit woll­ten sie ent­we­der ein Publi­kum errei­chen oder die Glaub­wür­dig­keit eines rea­len oder fik­ti­ven Medi­en­hau­ses instru­men­ta­li­sie­ren oder beein­flus­sen, um ihr Ziel zu errei­chen. Diese Ver­wen­dung eines pseudo-jour­na­lis­ti­schen For­mats unter­schei­det Fal­sch­nach­rich­ten von Infor­ma­tio­nen, die in ande­ren For­ma­ten erstellt wur­den.

Der Begriff „Fake News“ wird seit 2016 von Aka­de­mi­kern, Poli­ti­kern und Kom­men­ta­to­ren jedoch infla­tio­när für ver­schie­dene For­men von Falsch­in­for­ma­tio­nen ver­wen­det – sowohl für offen­kun­dig erfun­dene Infor­ma­tio­nen, die in sozia­len Medien und auf min­der­wer­ti­gen Nach­rich­ten­web­sei­ten ver­brei­tet wer­den, als auch für fal­sche oder irre­füh­rende Behaup­tun­gen von Per­sön­lich­kei­ten des öffent­li­chen Lebens und Orga­ni­sa­tio­nen, die in tra­di­tio­nel­len Medien, im Off­line-Bereich sowie in Wirt­schaft und Poli­tik ver­brei­tet wer­den.

Diese Unge­nau­ig­keit bei der Ver­wen­dung die­ser Bezeich­nun­gen – nicht nur in den Medien und unter Poli­ti­kern, son­dern auch unter Wis­sen­schaft­lern – hat zu den oben erwähn­ten Mei­nungs­ver­schie­den­hei­ten über die Fol­gen von Fehl­in­for­ma­tio­nen bei­getra­gen. For­scher ver­wen­den ähn­li­che Begriffe, um For­schungs­er­geb­nisse zu ganz unter­schied­li­chen The­men zu beschrei­ben. Nur wenn der Begriff sach­ge­mäß ver­wen­det wird, erfüllt er sei­nen Zweck und legt sowohl die Absicht, mit fal­schen Infor­ma­tio­nen zu täu­schen, als auch die Art und Weise, wie diese Absicht ver­folgt wird, offen.

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