Was ist ein Glaube? Und warum ist es so schwer, ihn zu ändern? (Lang­ver­sion)

Der Begriff „Glau­bens­vor­stel­lun­gen” ist schwer fass­bar. Was genau sind sie? Die Phi­lo­so­phie ringt seit Lan­gem mit ihrer Defi­ni­tion. In unse­rer post­fak­ti­schen und ideo­lo­gisch pola­ri­sier­ten Welt benö­ti­gen wir ein bes­se­res Ver­ständ­nis von Glau­bens­vor­stel­lun­gen. Als Neu­ro­wis­sen­schaft­le­rin und Ver­hal­tens­psy­cho­lo­gin ist es meine Auf­gabe, ver­zerrte Glau­bens­vor­stel­lun­gen zu iden­ti­fi­zie­ren, ihre Ent­ste­hung zu ver­ste­hen und Men­schen auf­zu­zei­gen, wie sie ihre eige­nen Über­zeu­gun­gen kri­ti­scher hin­ter­fra­gen kön­nen.

Betrach­ten wir einen hilf­rei­chen evo­lu­tio­nä­ren Ansatz, um zu ver­ste­hen, was Über­zeu­gun­gen sind und warum sich fal­sche Über­zeu­gun­gen manch­mal so schwer ändern las­sen. Im Anschluss wer­den wir erör­tern, wie wir ein genaue­res Ver­ständ­nis der Rea­li­tät erlan­gen und somit die Gesell­schaft vor­an­brin­gen kön­nen.

Was sind Glau­bens­sätze?

Glau­bens­sätze sind die Art und Weise, wie unser Gehirn unsere kom­plexe Welt ver­steht und wie wir uns in ihr zurecht­fin­den. Es sind men­tale Reprä­sen­ta­tio­nen des­sen, wie sich Dinge in unse­rer Umge­bung ver­hal­ten und wie sie zuein­an­der in Bezie­hung ste­hen – also die Mus­ter, denen die Welt nach unse­ren Vor­stel­lun­gen fol­gen soll. Glau­bens­sätze sind Vor­la­gen für effi­zi­en­tes Ler­nen und oft über­le­bens­wich­tig.

Da das Gehirn ein ener­gie­in­ten­si­ves Organ ist, musste es ener­gie­spa­rende Mecha­nis­men ent­wi­ckeln. Als Vor­her­sa­ge­ma­schine nutzt es bei der Ver­ar­bei­tung der rie­si­gen Infor­ma­ti­ons­men­gen, die es über seine Sin­nes­or­gane aus der Umwelt emp­fängt, Abkür­zun­gen zur Mus­ter­er­ken­nung. Über­zeu­gun­gen ermög­li­chen es dem Gehirn, Infor­ma­tio­nen zu fil­tern, sie schnell zu kate­go­ri­sie­ren und zu bewer­ten sowie Schluss­fol­ge­run­gen zu zie­hen. Bei­spiels­weise geht es bei Über­zeu­gun­gen oft um das Ver­ständ­nis von Ursa­chen: Wenn „b” unmit­tel­bar auf „a” folgt, könnte man anneh­men, dass „a” die Ursa­che für „b” war.

Diese Abkür­zun­gen zur Inter­pre­ta­tion und Vor­her­sage unse­rer Welt bestehen oft darin, Zusam­men­hänge her­zu­stel­len, Lücken zu fül­len sowie Extra­po­la­tio­nen und Annah­men auf der Grund­lage unvoll­stän­di­ger Infor­ma­tio­nen und Ähn­lich­kei­ten zu bereits bekann­ten Mus­tern zu tref­fen. Beim vor­ei­li­gen Schluss­fol­gern bevor­zugt unser Gehirn Ver­trau­tes gegen­über Unbe­kann­tem. Daher ist unser Gehirn feh­ler­an­fäl­lig und erkennt manch­mal Mus­ter, wo keine sind. Dies kann anschlie­ßend von Feh­ler­er­ken­nungs­me­cha­nis­men kor­ri­giert wer­den, muss es aber nicht. Es ist ein Kom­pro­miss zwi­schen Effi­zi­enz und Genau­ig­keit.

Um wirt­schaft­lich und effi­zi­ent mit Ener­gie umzu­ge­hen, neigt das Gehirn dazu, neue Infor­ma­tio­nen in sein bestehen­des Rah­men­werk zum Ver­ständ­nis der Welt ein­zu­fü­gen, anstatt die­ses Rah­men­werk immer wie­der von Grund auf neu zu kon­stru­ie­ren.

Sehen ist Glau­ben

Es ist wahr­schein­lich, dass sich die Pro­zesse, die an der Bil­dung abs­trak­ter Über­zeu­gun­gen im Gehirn betei­ligt sind, aus ein­fa­che­ren Pro­zes­sen ent­wi­ckelt haben, die mit der Inter­pre­ta­tion sen­so­ri­scher Wahr­neh­mun­gen ver­bun­den sind.

Da wir die Außen­welt aus­schließ­lich über unsere Sinne wahr­neh­men, fällt es uns schwer zu akzep­tie­ren, dass diese Wahr­neh­mun­gen sub­jek­tiv ver­zerrt sein kön­nen und nicht unbe­dingt ver­läss­li­che Erfah­run­gen der objek­ti­ven Rea­li­tät dar­stel­len. Men­schen nei­gen dazu, ihren phy­si­schen Sin­nen zu ver­trauen und ihren Wahr­neh­mun­gen zu glau­ben – selbst wenn sie hal­lu­zi­nie­ren und ihre Wahr­neh­mungs­ver­zer­run­gen noch so bizarr erschei­nen. Sie schich­ten Erklä­run­gen über ihre Rea­li­täts­wahr­neh­mung, um Wider­sprü­che zu erklä­ren.

Wir mes­sen unse­ren sub­jek­ti­ven Erfah­run­gen und Über­zeu­gun­gen oft zu viel Bedeu­tung bei. Wider­sprüch­li­che Beweise für unsere lieb­ge­won­ne­nen Über­zeu­gun­gen schmü­cken wir lie­ber durch zusätz­li­che, ver­zerrte Erklä­run­gen aus und füh­ren sie wei­ter aus, anstatt sie auf­zu­ge­ben oder grund­le­gend zu über­den­ken.

Auf­recht­erhal­tung der Sta­bi­li­tät

Pri­mi­tive Ner­ven­sys­teme ent­wi­ckel­ten sich in ein­fa­chen Orga­nis­men unter ande­rem, um die Funk­tion der Homöo­stase zu erfül­len, also eines dyna­mi­schen phy­sio­lo­gi­schen Gleich­ge­wichts­zu­stands bzw. eines sta­bi­len Zustands inne­rer Bedin­gun­gen. Die Homöo­stase beruht auf einem natür­li­chen Wider­stand gegen Ver­än­de­run­gen und folgt dem glei­chen Prin­zip wie ein Ther­mo­stat.

Die tie­fer­lie­gen­den, pri­mi­ti­ven Berei­che unse­res Gehirns hal­ten die Homöo­stase von Atmung, Herz­fre­quenz, Blut­druck, Kör­per­tem­pe­ra­tur, Ener­gie­haus­halt (über den Appe­tit) und zahl­rei­chen endo­kri­nen Pro­zes­sen auf­recht. Ebenso bewah­ren Über­zeu­gun­gen eine Art kogni­tive Homöo­stase, also eine sta­bile, ver­traute Her­an­ge­hens­weise an die Infor­ma­ti­ons­ver­ar­bei­tung über unsere Welt.

Wir soll­ten davon aus­ge­hen, dass die homöo­sta­ti­sche Funk­tion, die pri­mi­tive Gehirne aus­zeich­nete, als Orga­ni­sa­ti­ons­prin­zip in der Evo­lu­tion kom­ple­xe­rer Gehirne wahr­schein­lich erhal­ten geblie­ben ist. Zwar sind kom­plexe Gehirne auf Reak­tion, Ler­nen und Anpas­sung aus­ge­rich­tet, doch die­nen auch diese Anpas­sun­gen letzt­lich der Auf­recht­erhal­tung der Homöo­stase in einer sich stän­dig ver­än­dern­den Umwelt – genau wie die Funk­tio­nen pri­mi­ti­ver Gehirne.

Die radi­kale Umstruk­tu­rie­rung unse­res Glau­bens­sys­tems und die Ent­wick­lung einer neuen Welt­an­schau­ung bean­spru­chen Hirn­areale, die an höhe­ren Denk­pro­zes­sen und der Infor­ma­ti­ons­ver­ar­bei­tung betei­ligt sind. Die­ser Pro­zess ist daher auf­wän­di­ger, zeit- und ener­gie­in­ten­si­ver. Das Gehirn kann sich eine sol­che Inves­ti­tion oft nicht leis­ten. Dies erklärt, warum es uns bei kogni­ti­ver Dis­so­nanz leich­ter­fällt, die­ses Unbe­ha­gen zu über­win­den, indem wir an unse­rem bestehen­den Glau­bens­sys­tem fest­hal­ten und die wider­sprüch­li­chen Infor­ma­tio­nen igno­rie­ren oder weg­dis­ku­tie­ren.

Ein gefes­tig­tes Selbst­be­wusst­sein sowie per­sön­li­ches Enga­ge­ment für die eige­nen Über­zeu­gun­gen

Ein wei­te­rer wich­ti­ger Fak­tor für den Wider­stand gegen Ver­än­de­run­gen unse­rer Über­zeu­gun­gen ist deren enge Ver­flech­tung mit unse­rem Selbst­bild, also unse­rem Selbst­kon­zept. Tat­säch­lich sind Über­zeu­gun­gen mit einem Hirn­areal ver­bun­den, das maß­geb­lich an der Selbst­wahr­neh­mung betei­ligt ist: dem ven­tro­me­dia­len prä­fron­ta­len Cor­tex. Wir möch­ten uns kon­sis­tent füh­len und unser Ver­hal­ten mit unse­ren Über­zeu­gun­gen in Ein­klang brin­gen. Stän­dig ver­su­chen wir, unsere Hand­lun­gen und Über­zeu­gun­gen zu ratio­na­li­sie­ren und ein stim­mi­ges Selbst­bild zu bewah­ren. Es ist pein­lich und oft auf viel­fäl­tige Weise kost­spie­lig, zuzu­ge­ben, dass wir grund­le­gend falsch lagen.

Oft­mals haben Men­schen viel in ihr Glau­bens­sys­tem inves­tiert. Sie haben womög­lich ihren Ruf auf eine bestimmte Über­zeu­gung gesetzt. Nicht sel­ten rich­ten sie ihr gesam­tes Leben nach einer Über­zeu­gung aus. Diese Inves­ti­tion kann weit über das Selbst­ver­ständ­nis hin­aus­ge­hen und sich auf große mate­ri­elle und finan­zi­elle Inves­ti­tio­nen oder die gesamte Kar­riere erstre­cken. Ein Glau­bens­wech­sel würde für eine sol­che Per­son einen gewal­ti­gen Umbruch bedeu­ten und mög­li­cher­weise uner­träg­li­che per­sön­li­che Ver­luste nach sich zie­hen.

Kein Wun­der, dass es so schwer ist, unsere lieb­ge­won­ne­nen und tief ver­wur­zel­ten Über­zeu­gun­gen zu ändern.

Die soziale Dimen­sion des Glau­bens

Viele unse­rer Glau­bens­vor­stel­lun­gen erler­nen wir in frü­hen Jah­ren von unse­ren Eltern und ande­ren erwach­se­nen Auto­ri­täts­per­so­nen. Zahl­rei­che mensch­li­che Über­zeu­gun­gen sind das Ergeb­nis jahr­tau­sen­de­lan­ger Kul­tur. Kin­der nei­gen stark dazu, ihren Eltern zu glau­ben, und auch als Erwach­sene ver­trauen wir Auto­ri­tä­ten.

Es ist nicht ver­wun­der­lich, dass sich unser Gehirn so ent­wi­ckelt hat, dass wir Erzäh­lun­gen eher glau­ben als skep­tisch sein. Dies ist aus evo­lu­tio­nä­rer Sicht eine sinn­volle Stra­te­gie, um effi­zi­ent von den Eltern zu ler­nen, und för­dert als sozia­les, stam­mes­ori­en­tier­tes Wesen den Zusam­men­halt der Gruppe.

Men­schen las­sen sich von über­zeu­gen­den Per­sön­lich­kei­ten oder ein­präg­sa­men Ideen dazu ver­lei­ten, bis­he­rige Auto­ri­tä­ten zu hin­ter­fra­gen und abzu­leh­nen. Dies ist manch­mal ratio­nal, manch­mal aber auch nicht. Men­schen sind anfäl­lig für den Ein­fluss cha­ris­ma­ti­scher Ideo­lo­gen und sozia­ler Bewe­gun­gen. Dies ist beson­ders dann der Fall, wenn diese neue Bin­dun­gen und Selbst­bil­der ver­spre­chen, die mit stär­ke­rer Zuge­hö­rig­keit, Aner­ken­nung, Wert­schät­zung und einem tie­fe­ren Sinn im Leben ver­bun­den sind als zuvor.

Die Fas­zi­na­tion der Wis­sen­schaft, uns selbst zu wider­le­gen

Die Wis­sen­schaft schätzt den Wan­del von Ansich­ten, der durch das Wider­le­gen bis­he­ri­ger Über­zeu­gun­gen und das Hin­ter­fra­gen eta­blier­ter Auto­ri­tä­ten mit neuen Erkennt­nis­sen ent­steht. Dies steht im deut­li­chen Gegen­satz zum Glau­ben (nicht nur zum reli­giö­sen Glau­ben). Glau­ben ist für das mensch­li­che Gehirn weit­aus natür­li­cher und intui­ti­ver als wis­sen­schaft­li­ches Den­ken. Wis­sen­schaft erfor­dert Übung. Sie ist eine dis­zi­pli­nierte Methode, die sys­te­ma­tisch ver­sucht, unsere Intui­tio­nen und kogni­ti­ven Ver­zer­run­gen zu über­win­den oder zu umge­hen, um den Bewei­sen zu fol­gen – unab­hän­gig von unse­ren vor­he­ri­gen Über­zeu­gun­gen, Erwar­tun­gen, Prä­fe­ren­zen oder per­sön­li­chen Inter­es­sen.

Die zuneh­mende Anwen­dung der wis­sen­schaft­li­chen Methode in den letz­ten vier Jahr­hun­der­ten hat nicht nur bei­spiel­lose und rasante Fort­schritte im mensch­li­chen Bestre­ben ermög­licht, die Natur der Rea­li­tät zu ver­ste­hen, son­dern auch enorme Ver­bes­se­run­gen der Lebens­qua­li­tät. Die Ein­sicht, wie sehr wir uns in vie­len Din­gen kol­lek­tiv geirrt haben, war der Schlüs­sel zu sen­sa­tio­nel­len gesell­schaft­li­chen Fort­schrit­ten.

Was wäre, wenn jeder von uns im All­tag eine wis­sen­schaft­li­che Hal­tung ent­wi­ckeln könnte, die sich durch rigo­ro­ses kri­ti­sches Den­ken und Neu­gier aus­zeich­net? Was wäre, wenn wir jedes Mal ein berau­schen­des Gefühl der Erkennt­nis erle­ben könn­ten, wenn wir fest­stel­len, dass wir uns in einer wich­ti­gen Sache geirrt haben? Viel­leicht ist es an der Zeit, auf­zu­hö­ren, Glau­ben und Über­zeu­gung wie Tugen­den zu prei­sen.

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