Warum sind wir so abhän­gig von den sozia­len Medien?

Zwei aktu­elle Urteile haben die sozia­len Medien in ein schlech­tes Licht gerückt. So befand ein Geschwo­re­nen­ge­richt in New Mexico Meta, den Eigen­tü­mer von Insta­gram und Face­book, der Fahr­läs­sig­keit für schul­dig, da das Unter­neh­men seine Nut­zer über die Sicher­heit sei­ner Platt­for­men getäuscht habe. Einen Tag spä­ter machte ein Geschwo­re­nen­ge­richt in Los Ange­les Meta und You­Tube für süch­tig machende Design­merk­male wie „Infi­nite Scroll“ und algo­rith­mi­sche Emp­feh­lun­gen haft­bar. Diese hat­ten eine junge Nut­ze­rin in ihren Bann gezo­gen und ihr erheb­li­chen psy­chi­schen Scha­den zuge­fügt.

Ein Repor­ter der „New York Times“, der über den Pro­zess in Los Ange­les berich­tete, nahm das Urteil vor­weg. Er stellte fest, dass die Kri­tik an den sozia­len Medien seit einem Jahr­zehnt zunehme. Und obwohl drei Mil­li­ar­den Men­schen Face­book und Insta­gram nut­zen, bedeute das nicht, dass sie soziale Medien gut­hei­ßen oder gar mögen. Doch, so klang es, als sprä­che er von einer Sucht, sie könn­ten sich ein Leben ohne sie ein­fach nicht vor­stel­len.

Warum eigent­lich nicht? Warum üben soziale Medien auf so viele Men­schen eine sol­che Fas­zi­na­tion aus? Abge­se­hen von den Machen­schaf­ten im Sili­con Val­ley lohnt es sich, einen Blick dar­auf zu wer­fen, wofür die Men­schen sie nach eige­nen Anga­ben nut­zen. Die Nut­zung sozia­ler Medien ist einer­seits ein Indi­ka­tor für den Rück­gang der gesell­schaft­li­chen Teil­habe und die zuneh­mende Ein­sam­keit, ande­rer­seits auch eine Reak­tion dar­auf. Es gibt jedoch noch ein wei­te­res sozia­les Bedürf­nis: die Selbst­fin­dung. Dies ist ein mitt­ler­weile ver­trau­ter Pro­zess, ein Geschäft oder eine Tor­tur – wähle eine Beschrei­bung aus –, bei dem es darum geht, eine per­sön­li­che Iden­ti­tät zu ent­wi­ckeln und auf­recht­zu­er­hal­ten.

Unsere Geschichte erzäh­len

Spä­tes­tens seit den 1960er Jah­ren ist die Dis­zi­pli­nar­ge­sell­schaft am Ver­schwin­den. Das bedeu­tet, dass die sta­bi­len Insti­tu­tio­nen, die den Ein­zel­nen einst ein­schränk­ten und klare Erwar­tun­gen an ihn stell­ten – sei es durch die Fami­lie, eta­blierte Gemein­schaf­ten oder streng gere­gelte Tra­di­tio­nen –, zer­fal­len sind und viel von ihrem Ein­fluss ver­lo­ren haben. Wich­tige Lebens­ent­schei­dun­gen, etwa in Bezug auf Kar­riere, Ehe und Fami­li­en­rol­len, wur­den einst „auto­ma­tisch getrof­fen“.

Doch heute ist dies nach den Ver­än­de­run­gen der letz­ten Jahr­zehnte kaum noch der Fall. Fra­gen danach, wer wir sein wer­den, was wir tun wer­den und wohin wir gehen wer­den, sind zu ech­ten (wenn auch in der Pra­xis stets begrenz­ten) Wahl­an­ge­le­gen­hei­ten gewor­den. Unser Selbst – wie wir alle aus eige­ner Erfah­rung wis­sen – ist heute eine Art Pro­jekt, an dem wir nach unse­ren eige­nen Vor­stel­lun­gen und mit unse­ren eige­nen Mit­teln aktiv arbei­ten und das wir wei­ter­ent­wi­ckeln müs­sen.

Die Auf­gabe der Selbst­fin­dung ist anspruchs­voll. Wir müs­sen unse­ren eige­nen Sinn und Zweck fin­den, eine Arbeit aus­wäh­len, unsere Bezie­hun­gen gestal­ten, Chan­cen schaf­fen, unse­ren Sta­tus fes­ti­gen und vie­les mehr. All dies erfor­dert viel sorg­fäl­tige soziale Inter­pre­ta­tion. Wir müs­sen darin geübt sein, uns selbst zu beob­ach­ten, Infor­ma­tio­nen dar­über zu sam­meln, wie es uns geht, und eine schlüs­sige Geschichte über uns selbst zu erzäh­len – gemes­sen an den Ideen und Prak­ti­ken, mit denen wir uns iden­ti­fi­zie­ren und die wir ver­in­ner­licht haben. Da die Zukunft unvor­her­seh­bar ist, müs­sen wir auch auf stän­di­gen Wan­del und die Über­ar­bei­tung unse­rer Selbst­dar­stel­lung vor­be­rei­tet sein.

Selbst wenn wir an unse­rer eige­nen Per­sön­lich­keits­ent­wick­lung arbei­ten, sind wir doch auf Insti­tu­tio­nen, ver­füg­bare soziale Räume und andere Men­schen ange­wie­sen. Vie­les von dem, was wir benö­ti­gen – Wis­sen, Feed­back und Aner­ken­nung –, kön­nen wir nicht selbst erwirt­schaf­ten. In die­sem Zusam­men­hang hat die Nut­zung sozia­ler Medien für viele eine ent­schei­dende Funk­tion über­nom­men.

Die Funk­tio­nen sozia­ler Medien

Nach umfang­rei­chen Unter­su­chun­gen las­sen sich die Arten, wie Men­schen soziale Medien zur Selbst­ent­fal­tung nut­zen, in min­des­tens drei Kate­go­rien ein­tei­len.

  • Sie sind ein Raum, um Iden­ti­täts­mög­lich­kei­ten ken­nen­zu­ler­nen und zu erkun­den.

Soziale Medien bie­ten Zugang zu Infor­ma­tio­nen und Kom­mu­ni­ka­tion weit über lokale Gren­zen hin­aus. Sie ermög­li­chen es uns, Ein­bli­cke in das Leben von viel mehr Men­schen zu erhal­ten, als wir jemals per­sön­lich tref­fen wür­den. Wir kön­nen sehen, wie andere leben, wie sie ihre per­sön­li­che Iden­ti­tät ent­wi­ckeln und wel­che alter­na­ti­ven Wert­vor­stel­lun­gen es gibt. Über das Medium kön­nen wir Phä­no­mene erle­ben, denen wir in unse­rem All­tag viel­leicht nie begeg­nen wür­den. Soziale Medien eröff­nen neue Hori­zonte und neue Wege, die Selbst­fin­dung zu gestal­ten und zu för­dern. Sie bie­ten Optio­nen und Vor­bil­der, die über das Off­line-Ange­bot hin­aus­ge­hen.

  • Sie die­nen als Mit­tel zur Inter­ak­tion mit ande­ren, die gemein­same Iden­ti­tä­ten, Fähigkeiten/Behinderungen oder Inter­es­sen tei­len.

Soziale Medien erschlie­ßen über­re­gio­nale Gemein­schaf­ten von Gleich­ge­sinn­ten. Diese die­nen als Quelle für Rat und Feed­back, bie­ten emo­tio­nale Unter­stüt­zung und hel­fen bei der Bewäl­ti­gung zahl­rei­cher Lebens­pro­bleme und ‑situa­tio­nen. Dar­über hin­aus fun­gie­ren sie als Publi­kum für Selbst­dar­stel­lung und Iden­ti­täts­fin­dung.

Bezeich­nen­der­weise bie­ten diese Grup­pen den Men­schen die Mög­lich­keit, sich von ihren all­täg­li­chen Bezie­hun­gen zu distan­zie­ren. In Gemein­schaf­ten kön­nen per­sön­li­che Erfah­run­gen, die sich selt­sam oder uner­klär­lich anfüh­len oder von ande­ren kri­ti­siert wer­den, als echt, nor­mal oder zu erwar­ten bestä­tigt wer­den. Und sie kön­nen neue Iden­ti­tä­ten als sozial akzep­ta­bel und respekt­wür­dig aner­ken­nen und wür­di­gen, selbst wenn dies in der eige­nen Umge­bung nicht der Fall ist.

  • Als Platt­form zur Dar­stel­lung und Bestä­ti­gung des Erfolgs der Selbst­ent­fal­tung.

Sie sind eine Platt­form zur Dar­stel­lung und Bestä­ti­gung des Erfolgs der Selbst­ent­fal­tung. Soziale Medien schaf­fen ein öffent­li­ches Forum, in dem man seine Akti­vi­tä­ten und sei­nen krea­ti­ven Cha­rak­ter schil­dern und ver­brei­ten kann. Bei­träge auf Sei­ten wie Face­book erge­ben eine sich ent­wi­ckelnde und kura­tierte Auto­bio­gra­fie, auf die man ver­wei­sen, die man kom­men­tie­ren, mit „Gefällt mir“ mar­kie­ren und tei­len kann. Soziale Medien kön­nen uns die Mög­lich­keit geben, uns selbst noch stär­ker zu bestä­ti­gen und unsere Fähig­kei­ten her­vor­zu­he­ben. Auf einem Bild­schirm ist es schließ­lich viel ein­fa­cher, sich so zu beschrei­ben, wie man möchte.

Diese Funk­tio­nen der Platt­for­men kön­nen für den sozia­len Auf­stieg beson­ders vor­teil­haft sein. In wett­be­werbs­ori­en­tier­ten Kon­tex­ten – seien sie sozia­ler oder beruf­li­cher Natur – müs­sen Men­schen selbst­be­wusst aus der Masse her­aus­ste­chen. Das Her­vor­he­ben der eige­nen Fähig­kei­ten und Beson­der­hei­ten ver­leiht die­sen Qua­li­tä­ten Sicht­bar­keit, ohne die sie mög­li­cher­weise nicht wahr­ge­nom­men oder gewür­digt wür­den.

Soziale Medien kön­nen natür­lich viele nega­tive Fol­gen für die Selbst­fin­dung haben – und tun dies auch

In der jüngs­ten Dis­kus­sion lag der Schwer­punkt auf den nega­ti­ven Aspek­ten, ins­be­son­dere für Jugend­li­che. Betrach­tet man jedoch, wie Men­schen soziale Medien als Infra­struk­tur für ihre Selbst­fin­dung nut­zen, wird auch deut­lich, wie abhän­gig sie davon wer­den kön­nen. Wenn sie nicht „süch­tig“ im Sinne der in Scha­dens­er­satz­kla­gen vor­ge­brach­ten Argu­men­ta­tion sind, also nicht hilf­los dem Ein­fluss der tech­ni­schen Gestal­tung der Platt­for­men unter­lie­gen, so sträu­ben sie sich den­noch zutiefst dage­gen, los­zu­las­sen – oder, im Falle von Jugend­li­chen, sich von den Eltern ein­mi­schen zu las­sen. Viel­leicht kön­nen sich viele „ein Leben ohne ein­fach nicht vor­stel­len“, weil ihr Selbst­ver­ständ­nis auf dem Spiel steht.

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