Warum sind Ver­hal­tens­än­de­run­gen so schwer?

Wie oft haben wir uns schon vor­ge­nom­men, gesün­dere Gewohn­hei­ten zu ent­wi­ckeln, oder geschwo­ren, unge­sunde Gewohn­hei­ten zu ver­mei­den, nur um uns dann selbst dafür zu bestra­fen, dass wir geschei­tert sind? Die dar­aus resul­tie­ren­den Schuld- und Scham­ge­fühle füh­ren häu­fig dazu, dass wir uns noch mehr dem unge­sun­den Ver­hal­ten hin­ge­ben, um den Kum­mer zu lin­dern. Die­ses Phä­no­men ist als Abs­ti­nenz­ge­walt-Effekt bekannt.

Ver­hal­tens­än­de­run­gen kön­nen zwar schnelle Ergeb­nisse brin­gen, doch für die Bewäl­ti­gung kom­ple­xer Her­aus­for­de­run­gen gibt es keine ein­fa­chen Lösun­gen. Manch­mal schei­tern unsere bes­ten Bemü­hun­gen um Fort­schritt, weil sie unbe­ab­sich­tigte Fol­gen für die grö­ße­ren Sys­teme haben, in denen wir leben.

Auch wenn wir uns oft selbst die Schuld geben, weil wir uns nicht so ver­hal­ten, wie wir es uns vor­neh­men, sind wir des­halb weder schlecht noch faul. Oft lei­den wir ein­fach dar­un­ter, dass die unmit­tel­ba­ren Vor­teile die Kos­ten nicht auf­wie­gen.

Ein Hin­der­nis für Ver­hal­tens­än­de­run­gen ist, dass wir meist keine Lust dazu haben. Unsere Emo­tio­nen sind dar­auf aus­ge­legt, uns bei der Bewäl­ti­gung kurz­fris­ti­ger Bedro­hun­gen und Beloh­nun­gen zu moti­vie­ren, nicht aber bei der Berück­sich­ti­gung der lang­fris­ti­gen Fol­gen unse­res Han­delns inner­halb der kom­ple­xen Sys­teme, in denen wir leben. Oft­mals wer­den unsere Ver­hal­tens­wei­sen durch Dinge ver­stärkt, derer wir uns gar nicht bewusst sind. Das liegt daran, dass wir in viele kom­plexe Sys­teme ein­ge­bun­den sind, in denen unsere indi­vi­du­el­len Ver­hal­tens­wei­sen Kas­ka­den in viel­fäl­ti­gen Bezie­hun­gen und Rück­kopp­lungs­schlei­fen aus­lö­sen.

Oft­mals wer­den unsere Ver­hal­tens­wei­sen durch Dinge ver­stärkt, deren wir uns gar nicht bewusst sind. Denn wir sind in viele kom­plexe Sys­teme ein­ge­bun­den, in denen unser indi­vi­du­el­les Ver­hal­ten Ket­ten­re­ak­tio­nen in viel­fäl­ti­gen Bezie­hun­gen und Rück­kopp­lungs­schlei­fen aus­löst. Wenn wir bei­spiels­weise ver­su­chen, Gren­zen zu set­zen, ein Gleich­ge­wicht zu wah­ren oder uns für Gerech­tig­keit und Gleich­be­rech­ti­gung ein­zu­set­zen, kön­nen diese Ver­än­de­run­gen andere Men­schen in unse­rem Umfeld beein­flus­sen. Diese wol­len uns mög­li­cher­weise zum Sta­tus quo zurück­drän­gen. Ent­schei­den wir uns bei­spiels­weise für gesün­dere Ver­hal­tens­wei­sen, kön­nen unsere Part­ner oder Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen Neid, Eifer­sucht oder Schuld­ge­fühle emp­fin­den, weil sie ihr Ver­hal­ten nicht in glei­cher Weise geän­dert haben oder weil es ihnen nicht gefällt, dass wir mehr Zeit getrennt von­ein­an­der ver­brin­gen. Diese neuen Span­nun­gen in unse­ren Bezie­hun­gen brin­gen wir viel­leicht nicht bewusst mit unse­ren neuen Ver­hal­tens­wei­sen in Ver­bin­dung, neh­men sie aber den­noch unbe­wusst als Kos­ten der Ver­hal­tens­än­de­rung wahr.

Ver­hal­ten kann posi­tiv ver­stärkt wer­den, indem man uns mit posi­ti­ven Din­gen belohnt, zum Bei­spiel durch ein stär­ke­res Zuge­hö­rig­keits­ge­fühl in der Gemein­schaft. Es kann aber auch nega­tiv ver­stärkt wer­den, indem nega­tive Dinge ent­fernt wer­den (z. B. weni­ger Angst oder Span­nun­gen in einer Bezie­hung). Ver­hal­ten kann auch bestraft wer­den, indem man Beloh­nun­gen ent­zieht (z. B. den Kon­takt zu jeman­dem abbricht) oder Nach­teile hin­zu­fügt (z. B. Kri­tik übt).

Psy­cho­lo­gi­sche Stu­dien bele­gen, dass Ver­stär­kung effek­ti­ver, schnel­ler und nach­hal­ti­ger ist als Bestra­fung. Ver­stär­kung wirkt moti­vie­ren­der und bewahrt uns vor Scham, Schuld­ge­füh­len, Groll und Rache, die durch Bestra­fung oft aus­ge­löst wer­den. Inter­mit­tie­rende Beloh­nun­gen, wie sie bei­spiels­weise beim Glücks­spiel zum Ein­satz kom­men, haben die stärkste ver­stär­kende Wir­kung. Wenn du also nicht ver­stehst, warum du immer wie­der zu die­sem distan­zier­ten Ex-Part­ner zurück­kehrst, der dir nur gele­gent­lich Zunei­gung zeigt, könnte die Wir­kung inter­mit­tie­ren­der Ver­stär­kung der Grund dafür sein.

Ein Ver­hal­ten kann erlö­schen, wenn es nicht mehr ver­stärkt wird. Zunei­gungs­be­kun­dun­gen oder Feind­se­lig­kei­ten hören bei­spiels­weise in der Regel auf, wenn wir sie nicht mehr ver­stär­ken. Zuvor beob­ach­ten wir jedoch meist einen soge­nann­ten „Extink­ti­ons­schub“, bei dem das Ver­hal­ten zunächst zunimmt, um die zuvor erzielte Reak­tion zu errei­chen.

Wenn Kin­der auf gegen­sei­tige Sti­che­leien reagie­ren, bestär­ken sie die­ses Ver­hal­ten und wie­der­ho­len es daher eher. Igno­riert jedoch eines der Kin­der die Sti­che­leien des ande­ren, kann das andere zunächst sein Ver­hal­ten ver­schär­fen (Extink­ti­ons­aus­bruch), um die alte Reak­tion her­vor­zu­ru­fen. Igno­riert das andere Kind die Sti­che­leien aber wei­ter­hin, wird es das schäd­li­che Ver­hal­ten in der Regel ein­stel­len, da es keine Beloh­nung mehr dafür gibt. Diese Stra­te­gie funk­tio­niert aller­dings nur, solange kein schwer­wie­gen­der Scha­den ent­steht, der sofort mit stren­ge­ren Maß­nah­men unter­bun­den wer­den muss.

Wenn wir unsere Ziele nur schwer errei­chen kön­nen, soll­ten wir alle Kos­ten und Vor­teile einer Ver­hal­tens­än­de­rung im Ver­gleich zum Bei­be­hal­ten unse­res bis­he­ri­gen Ver­hal­tens auf­schrei­ben. Dabei soll­ten wir beson­ders auf die sub­ti­len Ver­stär­kungs- oder Bestra­fungs­mus­ter ach­ten, die sowohl kurz- als auch lang­fris­tige Aus­wir­kun­gen haben.

Oft bestä­tigt diese Übung, dass Ver­hal­tens­än­de­run­gen mit vie­len Kos­ten ver­bun­den sind. Wir müs­sen uns also keine Vor­würfe machen oder uns schä­men, wenn wir sie nicht durch­hal­ten. Viel­leicht ist es ein­fach nicht der rich­tige Zeit­punkt oder Ort oder es ent­spricht nicht unse­ren eige­nen Wer­ten.

Wenn du dein Ver­hal­ten an deine ange­strebte Rich­tung anpas­sen möch­test, kannst du deine Ver­stär­kungs­mus­ter so ver­än­dern, dass mehr Vor­teile und weni­ger Nach­teile ent­ste­hen. Solange die­ses Gleich­ge­wicht nicht stimmt, ist das Ver­hal­ten nicht nach­hal­tig. Bei­spiels­weise kann es sein, dass du deine kör­per­li­che Akti­vi­tät stei­gern möch­test, weil dir Gesund­heit wich­tig ist. Wenn du aber durch ein regel­mä­ßi­ges Trai­ning iso­lier­ter wirst und dich von dei­nen Lie­ben ent­fernst, wäh­rend soziale Kon­takte für dich von zen­tra­ler Bedeu­tung sind, gibt es dann eine Mög­lich­keit, dein Trai­ning so anzu­pas­sen, dass du es gemein­sam mit dei­nen Liebs­ten aus­üben kannst?

Wenn du dir mehr Zeit für eine Gemein­schafts­be­we­gung neh­men möch­test, dein Part­ner aber ver­är­gert ist, weil du nicht mehr genug zu Hause bist, könn­tet ihr gemein­sam über­le­gen, wie er sich ein­brin­gen kann oder wie ihr die gemein­same Zeit qua­li­ta­tiv auf­wer­ten könnt.

Das Leben ist ein stän­di­ges Aus­pro­bie­ren und Ler­nen aus Feh­lern. Was ges­tern noch funk­tio­nierte, ist heute mög­li­cher­weise nicht mehr anwend­bar. Da sich jeder Teil unse­res Sys­tems stän­dig ver­än­dert und jede Ver­än­de­rung jeden ande­ren Teil beein­flusst, gibt es keine abso­lute Lösung. Mor­gen erwar­tet uns eine neue Welt, an die wir uns erneut anpas­sen müs­sen.

Wenn du trotz jahr­zehn­te­lan­ger Bemü­hun­gen noch keine per­fek­ten Gewohn­hei­ten ent­wi­ckelt hast, bist du viel­leicht gesün­der, als du denkst. Wir funk­tio­nie­ren am bes­ten, wenn wir fle­xi­bel auf jede neue Situa­tion reagie­ren kön­nen und nicht mit star­ren, ein­sei­ti­gen Gewohn­hei­ten, die die Her­aus­for­de­run­gen von ges­tern oder 1984 gelöst haben. Natür­lich ist Bestän­dig­keit hilf­reich, um in unse­rer sich stän­dig ver­än­dern­den Welt ein Gefühl von Sicher­heit zu ver­mit­teln. Wir kön­nen auch ler­nen, auf die sich wan­deln­den Bedürf­nisse unse­rer Umge­bung zu ach­ten, um fle­xi­bel zu blei­ben und uns ihren Her­aus­for­de­run­gen stel­len zu kön­nen.

Latest articles

Related articles

spot_img