Warum „nur posi­tive Vibes“ nicht gut sind

Der gut­ar­tige oder „nette“ Nar­zisst ist die Form, die die meis­ten Men­schen über­se­hen, weil sein äuße­res Auf­tre­ten all dem ent­spricht, was wir zu bewun­dern gelernt haben. Er ist lie­bens­wür­dig, lebens­froh, gesel­lig und char­mant. Er erhellt mühe­los jeden Raum und zieht andere in sei­nen Bann. Auf den ers­ten Blick wirkt sein Auf­tre­ten weder auf­dring­lich noch pro­ble­ma­tisch. Was viele jedoch über­se­hen, ist die Tat­sa­che, dass das Feh­len offe­ner Aggres­sion oder eines aus­ge­präg­ten Kon­kur­renz­den­kens nicht bedeu­tet, dass kein Nar­ziss­mus vor­han­den ist.

Viele gut­ar­tige Nar­ziss­ten sind zwar sehr wett­be­werbs­ori­en­tiert, doch die­ser Wett­be­werb bestimmt nicht ihre Inter­ak­tio­nen. Der Gesamt­ein­druck bleibt posi­tiv, char­mant und sozial kom­pe­tent. Das tie­fer­lie­gende Mus­ter bleibt meist ver­bor­gen, bis Inti­mi­tät es offen­bart.

Die­ser Stil ist in jun­gen Jah­ren oft beliebt, da Neu­heit, Par­tys und Popu­la­ri­tät mit Charme und Elo­quenz belohnt wer­den. Man möchte in ihrer Nähe sein, weil Auf­merk­sam­keit und Lob sich wie ein Son­nen­strahl anfüh­len. Mit der Zeit kön­nen jedoch genau die Eigen­schaf­ten, die diese Anzie­hungs­kraft aus­ma­chen, ermü­dend wir­ken. Freunde, Part­ner oder Kol­le­gen spü­ren, dass die Leich­tig­keit auf Kos­ten des per­sön­li­chen Kon­takts geht. Der „nette“ Nar­zisst wen­det sich oft von denen ab, die bemer­ken, dass seine Maske brö­ckelt. Er hin­ter­lässt so ange­spannte Freund­schaf­ten, Bezie­hun­gen und Teams.

Es gibt Über­schnei­dun­gen mit his­trio­ni­schen Zügen. Es ist daher hilf­reich, die Unter­schei­dung klar zu benen­nen. His­trio­ni­sche Züge kön­nen Auf­merk­sam­keits­su­che und ober­fläch­li­che Emo­tio­nen umfas­sen. Sie impli­zie­ren jedoch nicht auto­ma­tisch ein ver­min­der­tes Ein­füh­lungs­ver­mö­gen. Der gut­ar­tige Nar­zisst hin­ge­gen stellt das Selbst kon­se­quent in den Mit­tel­punkt und ist nur begrenzt, selek­tiv oder von Stim­mung und Beloh­nung abhän­gig in der Lage, die Rea­li­tät ande­rer wahr­zu­neh­men.

Aktu­elle For­schungs­er­geb­nisse stüt­zen die Annahme, dass Nar­ziss­mus kein ein­heit­li­ches Erschei­nungs­bild, son­dern ein Spek­trum an Sti­len umfasst. Dazu gehö­ren auch kul­ti­vierte, sozial char­mante For­men, die Bewun­de­rung durch „gemein­schaft­li­che“ Wege anstre­ben. Die Selbst­be­zo­gen­heit ist nicht immer offen­sicht­lich, son­dern zeigt sich in der Annahme, dass die eige­nen Gefühle, Pläne und Ver­gnü­gun­gen oberste Prio­ri­tät haben und andere dazu bei­tra­gen soll­ten, diese Atmo­sphäre auf­recht­zu­er­hal­ten.

Hier gedeiht die soge­nannte „toxi­sche Posi­ti­vi­tät”, denn Posi­ti­vi­tät dient sowohl der Iden­ti­täts­fin­dung als auch der Ver­tei­di­gung. Der gut­ar­tige Nar­zisst ist oft stolz auf seine posi­tive Ein­stel­lung. Die­ser Stolz birgt ein stil­les Über­le­gen­heits­ge­fühl gegen­über Men­schen, die trau­rig, inner­lich zer­ris­sen, ängst­lich, von Kom­ple­xen geplagt oder ein­fach tief­grün­dig sind. Im Extrem­fall wer­den Krank­heit, Trauma und all­täg­li­ches Leid ver­mie­den oder igno­riert.

Nega­ti­vi­tät wird als mora­li­sches Ver­sa­gen statt als mensch­li­che Eigen­schaft betrach­tet. Wäh­rend andere für ihr „Ver­wei­len in der Krise“ beschämt wer­den, insze­niert sich der gut­mü­tige Nar­zisst als wider­stands­fä­hig, fröh­lich und unkom­pli­ziert. In die­sem Kon­trast liegt die Selbst­herr­lich­keit. Tiefe und Schwie­rig­kei­ten erschei­nen ver­meid­bar, wenn man so unbe­schwert ist wie sie. Die Men­schen in ihrem Umfeld ler­nen, Schmerz zu ver­ber­gen, wodurch die Ober­fläch­lich­keit der Bezie­hun­gen noch ver­stärkt wird.

Der freund­li­che Ton­fall führt dazu, dass Gren­zen still­schwei­gend über­schrit­ten wer­den. Wenn Ver­bind­lich­keit gefragt ist, reagiert man aus­wei­chend. Die Ein­la­dung wird zwar mit Begeis­te­rung aus­ge­spro­chen, ihre Umset­zung ver­pufft jedoch. Wird der nega­tive Ein­fluss von gebro­che­nen Ver­spre­chen oder abwei­sen­der Behand­lung ange­spro­chen, ver­la­gert sich das Gespräch auf die Absicht. Ent­schul­di­gun­gen erfol­gen schnell und rei­bungs­los und es wer­den Umtäu­schun­gen ohne kon­kre­ten Wie­der­gut­ma­chungs­plan erbe­ten. Fragt man nach Details, stößt man mög­li­cher­weise auf Rück­zug, Schmol­len oder eine scharfe Kante, was die­je­ni­gen über­rascht, die nur die öffent­li­che Per­sona ken­nen. In düs­te­ren Momen­ten zeigt sich der ant­ago­nis­ti­sche Kern, den Nar­ziss­mus mit ande­ren „dunk­len” Per­sön­lich­keits­merk­ma­len teilt. Ver­ach­tung ver­schafft Sta­tus, Kri­tik wird als Ver­fol­gung auf­ge­fasst und Bezie­hun­gen wer­den zu Instru­men­ten der Selbst­ver­wirk­li­chung.

Der zuver­läs­sigste Indi­ka­tor dafür, dass dies auf dich zutrifft, ist dein lang­fris­ti­ges Befin­den und nicht nur das Gefühl in ein­zel­nen Momen­ten. Unver­bind­li­cher Spaß erfor­dert weder Gegen­sei­tig­keit noch Wie­der­gut­ma­chung, sodass gele­gent­li­cher Kon­takt sehr ange­nehm sein kann. Bei anhal­ten­dem Kon­takt kön­nen sich selt­same Gefühle ein­stel­len: eine Art Aus­ge­laugt­heit, unter­schwel­lige Schwä­che und zuneh­mende Unsi­cher­heit, ob Ihre Bedürf­nisse berech­tigt sind. Nach höf­li­chen Ent­schul­di­gun­gen, die keine Ver­än­de­rung bewir­ken, zwei­felst du viel­leicht an dei­nem eige­nen Gedächt­nis. Mit der Zeit stellt sich her­aus, dass die Stim­mung in der Bezie­hung wich­ti­ger ist als deren Inhalt und dass das Aus­drü­cken eines brei­ten Spek­trums mensch­li­cher Gefühle sei­nen Preis hat.

Dies soll kei­nes­wegs Men­schen ver­teu­feln, die von Natur aus opti­mis­tisch, lebens­froh oder ver­spielt sind, oder die­je­ni­gen patho­lo­gi­sie­ren, die tief­grün­dige Gesprä­che scheuen. Viel­mehr geht es darum, klar zwi­schen Posi­ti­vi­tät als Tem­pe­ra­ment und Posi­ti­vi­tät als Aus­rede zu unter­schei­den. Wahre Wärme kann Schmerz aus­hal­ten, ohne ihn aus­zu­lö­schen, und auf­rich­tige Freund­lich­keit kann Hei­lung brin­gen, ohne das eigene Selbst in den Mit­tel­punkt zu rücken. Gut­ar­ti­ger Nar­ziss­mus defi­niert sich nicht dadurch, ob jemand lächelt oder ein guter Gast­ge­ber ist. Er zeigt sich viel­mehr darin, ob andere Men­schen auch dann noch Men­schen blei­ben, wenn das Lächeln ver­stummt.

Einige Anzei­chen kön­nen dabei hilf­reich sein. Kehrt das Gespräch nach einem Kon­flikt zur ursprüng­li­chen Absicht zurück, anstatt die Aus­wir­kun­gen der getrof­fe­nen Ent­schei­dun­gen zu reflek­tie­ren? Ent­hält eine Ent­schul­di­gung ein kon­kre­tes Ver­hal­ten, einen Zeit­plan für die Ver­än­de­rung sowie eine unauf­ge­for­derte Nach­fass­ak­tion? Begeg­net man dir mit Neu­gier und Lösungs­be­reit­schaft, wenn du „Nein” sagst, oder mit Schwei­gen und Distanz? Wer­den Zusa­gen weni­ger ver­läss­lich, wenn die Auf­gabe an Reiz ver­liert? Und tre­ten in Grup­pen neben inne­rer Ver­läss­lich­keit auch sicht­bare Für­sor­ge­zei­chen auf oder ersetzt die Sicht­bar­keit die Ver­läss­lich­keit? Kei­nes die­ser Anzei­chen beweist allein Nar­ziss­mus, doch zusam­men zeich­nen sie ein Mus­ter, bei dem Bewun­de­rung über Nähe und Aus­zei­ten über Wie­der­gut­ma­chung gestellt wird.

Tritt die­ses Mus­ter bei einer dir nahe­ste­hen­den Per­son auf, for­mu­liere deine Bit­ten kon­kret und beschränke dich auf beob­acht­ba­res Ver­hal­ten. Halte wich­tige Ver­ein­ba­run­gen schrift­lich fest und ver­ein­bare eine kon­krete Ände­rung, ein Datum und ein regel­mä­ßi­ges Gespräch. Im Falle einer Ent­schul­di­gung ohne kon­kre­ten Plan soll­test du um einen sol­chen bit­ten. Wenn dir diese Beschrei­bung unan­ge­nehm ist, dann behalte deine posi­tive Aus­strah­lung bei. Halte sie bei und ergänze sie um drei Gegen­maß­nah­men:

  • Nenne ein Ver­hal­ten, das du ändern möch­test, und nenne ein Datum, bis wann du es ändern möch­test.
  • Melde dich inner­halb von 48 Stun­den unauf­ge­for­dert wie­der.
  • Doku­men­tiere einen Monat lang deine Hand­lun­gen statt dei­ner Absich­ten.

Es geht nicht darum, den Ton­fall zu kon­trol­lie­ren, son­dern den Kon­takt zu schüt­zen. Denn Bezie­hun­gen gedei­hen nicht allein durch Charme und Unter­hal­tung.

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