Warum kön­nen man­che Men­schen Dinge nicht fin­den, obwohl sie direkt vor ihren Augen lie­gen?

Die­ser ver­traute Wort­wech­sel ist vie­len Haus­hal­ten bekannt. Der eine beharrt dar­auf, dass ein Gegen­stand ein­fach nicht da ist, da er trotz einer, wie er sagt, gründ­li­chen und äußerst kom­pe­ten­ten Suche unauf­find­bar sei. Der andere kommt her­ein, wirft einen kur­zen Blick auf die­selbe Stelle und zeigt fast sofort dar­auf. „Er liegt direkt vor dei­ner Nase.“

Diese für beide Sei­ten frus­trie­rende Situa­tion spie­gelt eine reale Tat­sa­che über die Funk­ti­ons­weise des Gehirns wider. Das Auf­fin­den von Gegen­stän­den in all­täg­li­chen Umge­bun­gen beruht auf einem Pro­zess, der als visu­elle Suche bezeich­net wird. Dabei ist unser Gehirn über­ra­schend unvoll­kom­men. Selbst wenn sich etwas direkt vor uns befin­det, kann es vor­kom­men, dass das Gehirn des­sen Anwe­sen­heit nicht wahr­nimmt. Mit ande­ren Wor­ten: Wir schauen, ohne zu sehen.

Auf den ers­ten Blick scheint die Suche nach etwas ganz ein­fach zu sein. Man lässt den Blick über eine Flä­che schwei­fen – sei es eine Küchen­ar­beits­platte, ein Schreib­tisch oder eine Schub­lade, in der sich aller­lei Dinge befin­den –, bis der gesuchte Gegen­stand auf­taucht. Doch das Gehirn kann nicht alle Gegen­stände in einer Szene gleich­zei­tig ana­ly­sie­ren. Es stützt sich statt­des­sen auf die Auf­merk­sam­keit, wählt bestimmte Merk­male aus und fil­tert den Rest her­aus. Wo immer die­ser Fokus liegt, wer­den die Infor­ma­tio­nen detail­liert ver­ar­bei­tet. Alles außer­halb die­ses Fokus­be­reichs wird weit­aus weni­ger genau unter die Lupe genom­men.

Es gibt einen prak­ti­schen ana­to­mi­schen Grund dafür, dass das Gehirn den Blick stän­dig ver­la­gern muss. Die Fovea, der Mit­tel­punkt der Netz­haut, sorgt für unser schärfs­tes Sehen. Sie deckt jedoch nur einen win­zi­gen Teil des Gesichts­fel­des ab – etwa so groß wie ein Dau­men­na­gel, wenn wir ihn auf Armes­länge hal­ten. Um eine Szene rich­tig zu erfas­sen, müs­sen unsere Augen des­halb wie­der­holt hin und her sprin­gen, sodass ver­schie­dene Teile der Umge­bung in die­sen klei­nen, hoch­auf­lö­sen­den Bereich fal­len.

Diese Sprünge wer­den als Sak­ka­den bezeich­net und fin­den stän­dig statt. Selbst wenn man glaubt, etwas unver­wandt anzu­star­ren, huschen die Augen von Punkt zu Punkt. Meis­tens funk­tio­niert die­ses Sys­tem sehr gut. Es ermög­licht uns, uns in visu­ell kom­ple­xen Umge­bun­gen zurecht­zu­fin­den, ohne von Infor­ma­tio­nen über­for­dert zu wer­den.

Schauen, ohne zu sehen

Wie sich her­aus­stellt, ist beim Sehen nicht nur ent­schei­dend, was die Augen wahr­neh­men. Es spielt auch eine Rolle, was das Gehirn erwar­tet. Die­ses Phä­no­men wird als Unauf­merk­sam­keits­blind­heit bezeich­net. Eine der bekann­tes­ten Demons­tra­tio­nen die­ses Phä­no­mens ist ein Video, in dem den Teil­neh­mern eine Gruppe von Men­schen gezeigt wird, die sich einen Bas­ket­ball zuwer­fen. Sie wer­den gebe­ten, die Anzahl der Pässe zu zäh­len. Wäh­rend sich die Zuschauer auf diese Auf­gabe kon­zen­trie­ren, schlen­dert eine Per­son in einem Goril­la­kos­tüm ganz bei­läu­fig durch die Szene.

Etwa die Hälfte der Zuschauer bemerkt den Gorilla über­haupt nicht. Dabei ist der Gorilla nicht ver­steckt. Er läuft direkt über die Bild­schirm­mitte. Das Gehirn, das sich jedoch dar­auf kon­zen­triert, die Pässe beim Bas­ket­ball zu zäh­len, nimmt ihn ein­fach nicht wahr. Wenn du schon ein­mal auf der Küchen­ar­beits­platte nach dei­nen Schlüs­seln gesucht hast und sie dann sofort von jemand ande­rem auf­ge­ho­ben wur­den, dann ist dir genau das pas­siert.

Sobald visu­elle Infor­ma­tio­nen das Gehirn errei­chen, wer­den sie über ver­schie­dene Bah­nen ver­ar­bei­tet. Eine die­ser Bah­nen, die oft als „dor­sa­ler Strom” bezeich­net wird, ver­läuft zum Parie­tal­lap­pen, einem Bereich des Gehirns, der eine ent­schei­dende Rolle für das räum­li­che Vor­stel­lungs­ver­mö­gen und die Aus­rich­tung der Auf­merk­sam­keit spielt. Dies hilft dem Gehirn dabei, zu bestim­men, wo sich Objekte im Raum befin­den. Die­ses Sys­tem ist von ent­schei­den­der Bedeu­tung für die Steue­rung der Auf­merk­sam­keit wäh­rend der visu­el­len Suche.

Suchen Män­ner und Frauen unter­schied­lich?

Stu­dien zu visu­el­len Such­auf­ga­ben haben gering­fü­gige Unter­schiede darin fest­ge­stellt, wie Män­ner und Frauen kom­plexe Sze­nen über­bli­cken. Im Durch­schnitt sind Frauen etwas bes­ser darin, Gegen­stände in unüber­sicht­li­chen Umge­bun­gen zu fin­den, wäh­rend Män­ner oft bes­ser bei Auf­ga­ben abschnei­den, bei denen es um groß­räu­mige Ori­en­tie­rung oder das gedank­li­che Dre­hen von Objek­ten im drei­di­men­sio­na­len Raum geht.

Die Gründe dafür sind noch umstrit­ten, doch ein Teil der Ant­wort könnte in der Art und Weise lie­gen, wie wir unsere Augen beim Suchen bewe­gen. Die visu­elle Suche beruht auf den soge­nann­ten „Sak­ka­den“, also der Bewe­gung des Blicks von einem Punkt zum ande­ren. Eye-Track­ing-Stu­dien zei­gen, dass man­che Men­schen dazu nei­gen, eine Szene metho­disch abzu­su­chen und ihren Blick in einem sys­te­ma­ti­sche­ren Mus­ter zu bewe­gen. Andere machen grö­ßere Sprünge über das Gesichts­feld hin­weg.

Bei einer sys­te­ma­ti­schen Suche wird jeder Teil einer unauf­ge­räum­ten Flä­che abge­deckt, wodurch sich die Chance erhöht, etwas Klei­nes wie einen Schlüs­sel­bund oder eine schwer auf­find­bare Küchen­schere zu ent­de­cken. Bei grö­ße­ren Sprün­gen hin­ge­gen kön­nen Berei­che kom­plett über­se­hen wer­den, sodass ein Gegen­stand, der sich direkt vor einem befin­det, nie ganz in den Fokus der Auf­merk­sam­keit gerät.

Einige Evo­lu­ti­ons­psy­cho­lo­gen ver­mu­ten, dass diese Ten­den­zen tief in der Geschichte der Jäger- und Samm­ler­ge­sell­schaf­ten ver­wur­zelt sind. Aller­dings gibt es dafür nur wenige Belege. Wahr­schein­lich spie­len Erfah­rung, Ver­traut­heit mit der Umge­bung und ein­fa­che Unter­schiede in der Auf­merk­sam­keit eine weit­aus grö­ßere Rolle als das Geschlecht allein.

Letzt­end­lich ähnelt die visu­elle Suche eher dem Aus­füh­ren eines Vor­her­sa­ge­al­go­rith­mus als dem Über­flie­gen eines Fotos. Das Gehirn ver­sucht stän­dig, zu erra­ten, wo sich etwas wahr­schein­lich befin­det, und lenkt die Auf­merk­sam­keit ent­spre­chend dar­auf. Meis­tens sind diese Vor­her­sa­gen rich­tig. Gele­gent­lich lie­gen sie jedoch dane­ben, und ein Objekt, das direkt vor den Augen liegt, ent­spricht nicht den Erwar­tun­gen des Gehirns.

Das bedeu­tet: Wenn jemand das nächste Mal behaup­tet, er habe über­all gesucht, sagt er mög­li­cher­weise die Wahr­heit. Er hat nur nicht rich­tig gesucht.

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