Warum die Medien unsere Erin­ne­rung prä­gen

Wenn ein Baum im Wald fällt und nie­mand ist in der Nähe, um es zu hören, macht er dann ein Geräusch? Wenn du eine Party fei­erst und nie­mand auf Face­book dar­über berich­tet, hat sie dann wirk­lich statt­ge­fun­den? Wenn du eine Mei­nung hast, sie aber nicht in den sozia­len Medien ver­öf­fent­lichst, ist sie dann wich­tig? Mit sol­chen tief­grün­di­gen phi­lo­so­phi­schen Fra­gen beschäf­tigt sich die Gene­ra­tion Z. Die Medien – ins­be­son­dere die sozia­len Medien – spie­len dabei eine noch nie dage­we­sene Rolle im Leben der Men­schen.

Unsere Ansich­ten über aktu­elle Ereig­nisse wer­den stark vom Inter­net beein­flusst. Dabei geht es nicht nur um Kat­zen­bil­der und Por­no­gra­fie: Wir sind einem stän­di­gen Infor­ma­ti­ons­fluss auf Face­book, X, You­Tube, Insta­gram, Red­dit, Tik­Tok, Upwor­thy, Buzzfeed und vie­len wei­te­ren Platt­for­men aus­ge­setzt. Die­ser beein­flusst zwei­fel­los die Art und Weise, wie wir die Welt wahr­neh­men und wie wir unsere Erfah­run­gen mit ihr tei­len.

Soziale Medien kön­nen unsere Fähig­keit ver­bes­sern, unab­hän­gige Beweise zu fin­den, die unsere Erin­ne­run­gen bestä­ti­gen. Sie haben jedoch auch das Poten­zial, diese zu ver­fäl­schen und zu ver­zer­ren. Wir den­ken über Dinge nach, die gerade pas­siert sind. Wir doku­men­tie­ren die Dinge, von denen wir glau­ben, dass sie die meis­ten posi­ti­ven Bewer­tun­gen erhal­ten wer­den. Wir fil­tern unser Leben, um es begeh­rens­wert und inter­es­sant erschei­nen zu las­sen. All diese Akti­vi­tä­ten ver­mit­teln uns zwar Freude und ein Gefühl der Ver­bun­den­heit, doch hin und wie­der hal­ten wir inne und fra­gen uns, ob diese Kako­pho­nie der Ein­drü­cke wirk­lich gut für uns ist. Wel­chen Ein­fluss haben die Medien auf unser Gedächt­nis?

Medien-Mul­ti­tas­king

Es tut mir leid, dir das zu sagen, aber:

Du kannst nicht mul­ti­tas­ken!

Für man­che ist das keine Über­ra­schung, andere den­ken viel­leicht, dass sie meh­rere Dinge gleich­zei­tig sehr gut kön­nen. Und wer bin ich, dem zu wider­spre­chen? Ihr seid wahr­schein­lich in der Lage, gleich­zei­tig zu gehen, zu spre­chen, zu den­ken und zu trin­ken.

Was wir unter Mul­ti­tas­king ver­ste­hen, ist in der Regel jedoch etwas Kom­ple­xe­res: das Erle­di­gen sinn­vol­ler Auf­ga­ben, die Auf­merk­sam­keit, Gedächt­nis und Den­ken erfor­dern. Und spä­tes­tens seit der Ein­füh­rung des Smart­phones hat Mul­ti­tas­king eine ganz neue Bedeu­tung. Wir glau­ben, dass wir uns beim Kaf­fee­trin­ken unter­hal­ten kön­nen, wäh­rend wir auf unser Handy schauen. Wir glau­ben, dass wir wäh­rend einer Vor­le­sung die ganze Zeit Whats­App nut­zen kön­nen und uns trotz­dem an die Inhalte erin­nern, die der Dozent ver­mit­telt. Und wir glau­ben, dass wir Fotos online pos­ten kön­nen, wäh­rend wir den Moment genie­ßen.

Die grund­le­gende mensch­li­che Annahme, wir könn­ten Mul­ti­tas­king, beruht auf einer fun­da­men­ta­len Unter­schät­zung der Funk­ti­ons­weise von Gedächt­nis und Auf­merk­sam­keit. Mit ande­ren Wor­ten:

Men­schen kön­nen nicht mul­ti­tas­king­fä­hig sein. Wenn du behaup­test, dass du es kannst, täuscht du dich selbst. Das Gehirn ist näm­lich sehr gut darin, sich selbst zu täu­schen.

Das bes­sere Wort für das, was wir als Mul­ti­tas­king bezeich­nen, ist Auf­ga­ben­wech­sel oder Task-Swit­ching. Das bedeu­tet, dass Men­schen, die mei­nen, Mul­ti­tas­king zu betrei­ben, in Wirk­lich­keit nur sehr schnell von einer Auf­gabe zur nächs­ten wech­seln, als wür­den sie alles gleich­zei­tig tun. Dabei ent­ste­hen jedes Mal kogni­tive Kos­ten. Wir haben also das Gefühl, die Dinge schnel­ler zu erle­di­gen, über­las­ten dabei aber unser Gehirn.

Eine im Jahr 2014 von For­schern der Texas Women’s Uni­ver­sity durch­ge­führte Über­prü­fung der aka­de­mi­schen For­schung zu den Aus­wir­kun­gen von Auf­ga­ben­wech­seln auf die Effi­zi­enz legt nahe, dass dies unsere Pro­duk­ti­vi­tät, unser kri­ti­sches Den­ken und unsere Kon­zen­tra­ti­ons­fä­hig­keit beein­träch­tigt und uns feh­ler­an­fäl­li­ger macht. Die Fol­gen beschrän­ken sich nicht nur dar­auf, dass wir die Auf­gabe nicht zu Ende brin­gen, son­dern sie wir­ken sich auch auf unsere Erin­ne­rungs­fä­hig­keit aus. Der Auf­ga­ben­wech­sel scheint zudem den Stress zu erhö­hen, die Fähig­keit der Men­schen zu beein­träch­ti­gen, ein Gleich­ge­wicht zwi­schen Arbeit und Pri­vat­le­ben zu fin­den, und kann nega­tive soziale Fol­gen haben.

Im Jahr 2012 unter­such­ten For­scher die Aus­wir­kun­gen wech­seln­der Auf­ga­ben auf unsere Lern- und Gedächt­nis­fä­hig­kei­ten. Sie befrag­ten 1.834 Stu­die­rende zu ihrer Nut­zung von Tech­no­lo­gien und stell­ten fest, dass die meis­ten von ihnen täg­lich viel Zeit mit Infor­ma­ti­ons- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­tech­no­lo­gien ver­brin­gen. Kon­kret gaben 51 % der Befrag­ten an, wäh­rend des Ler­nens häu­fig oder oft SMS zu schrei­ben. 33 % nut­zen Face­book und 21 % schrei­ben E‑Mails. Auch die Zah­len für die Zeit, die wäh­rend des Ler­nens mit Mul­ti­tas­king ver­bracht wird, sum­mier­ten sich schnell. Die Schü­ler der Stich­probe gaben an, dass sie im Durch­schnitt 60 Minu­ten pro Tag auf Face­book ver­brach­ten, 43 Minu­ten pro Tag im Inter­net surf­ten und 22 Minu­ten pro Tag ihre E‑Mails abrie­fen, wäh­rend sie außer­halb des Unter­richts lern­ten. Ins­ge­samt waren das mehr als zwei Stun­den pro Tag, in denen sie ver­such­ten, meh­rere Dinge gleich­zei­tig zu tun.

Zudem ergab die Stu­die, dass Mul­ti­tas­king – ins­be­son­dere die Nut­zung von Face­book und Instant Mes­sa­ging – signi­fi­kant mit schlech­te­ren aka­de­mi­schen Leis­tun­gen ein­her­geht. Je mehr Zeit die Schü­ler anga­ben, wäh­rend des Ler­nens mit die­sen Tech­no­lo­gien zu ver­brin­gen, desto schlech­ter waren ihre Noten. Die Stu­die kam zu dem Schluss, dass dies mög­li­cher­weise daran liegt, dass die Gehirne der Schü­ler über­las­tet sind und sie sich des­halb nicht auf tie­fes und lang­fris­ti­ges Ler­nen kon­zen­trie­ren kön­nen.

Wie kommt es zu die­ser Über­las­tung?

Das liegt daran, dass unser Arbeits­ge­dächt­nis nur begrenzt ist und nur vier bis sie­ben Infor­ma­tio­nen (zum Bei­spiel Zah­len) gleich­zei­tig spei­chern kann. Warum ist das so? Jedes Neu­ron erzeugt ein elek­tri­sches Rau­schen, das gemes­sen wer­den kann. Hirn­ströme ent­ste­hen im Wesent­li­chen dadurch, dass unsere Ner­ven­zel­len gemein­sam feu­ern. Sie kön­nen dies mit unter­schied­li­chen Fre­quen­zen tun, von unter 1 Hz bis über 60 Hz. Ent­spannte Geis­tes­zu­stände erzeu­gen im All­ge­mei­nen nied­ri­gere Fre­quen­zen. Je mehr Mühe wir auf eine Auf­gabe ver­wen­den, desto höher ist im All­ge­mei­nen die Fre­quenz.

Diese Hirn­ströme sind das, was wir in eini­gen bild­ge­ben­den Ver­fah­ren wie dem EEG oder dem MEG sehen kön­nen. Diese soge­nann­ten oszil­la­to­ri­schen Hirn­rhyth­men sind der Schlüs­sel zur Kom­mu­ni­ka­tion zwi­schen den Neu­ro­nen in unse­rem Gehirn sowie zu unse­rer zen­tra­len Erfah­rung des Den­kens. Unser Gehirn regu­liert den Fluss des neu­ro­na­len Ver­kehrs durch rhyth­mi­sche Syn­chro­ni­sa­tion zwi­schen den Neu­ro­nen. Das heißt, wir haben einen Gedan­ken, weil eine Aus­wahl von Neu­ro­nen alle auf der glei­chen Wel­len­länge feu­ern.

Es ist wie ein Chor, des­sen Mit­glie­der Neu­rone sind. Die Lie­der, die der Chor singt, sind unsere Gedan­ken. Singt jedoch jeder sein eige­nes Lied, ohne sich auf die ande­ren zu bezie­hen, ent­steht eine Kako­pho­nie. Nur wenn alle syn­chron sin­gen, ent­steht ein kohä­ren­tes Lied. Jeder kann zu meh­re­ren Lie­dern bei­tra­gen, muss dabei aber unter­schied­lich sin­gen, damit diese unter­schied­li­chen Lie­der ent­ste­hen. Schließ­lich sin­gen die Leute im Chor nicht die ganze Zeit, son­dern nur bei eini­gen Lie­dern.

Dies ist dar­auf zurück­zu­füh­ren, dass die Zuge­hö­rig­keit zu einem Ensem­ble davon abhängt, wel­che Neu­ro­nen zu einem bestimm­ten Zeit­punkt syn­chron oszil­lie­ren. Dem­nach kön­nen sich Ensem­bles fle­xi­bel bil­den, auf­lö­sen und neu bil­den, ohne die phy­si­ka­li­sche Struk­tur des zugrunde lie­gen­den neu­ro­na­len Net­zes zu ver­än­dern. Mit ande­ren Wor­ten könn­ten Ensem­bles somit eine ent­schei­dende Eigen­schaft erhal­ten. Fle­xi­bi­li­tät in ihrem Auf­bau. Unser Gehirn kann naht­los von einem kom­ple­xen Gedan­ken zum ande­ren wech­seln, weil Neu­ro­nen zusam­men­ar­bei­ten, indem sie auf einer bestimm­ten Fre­quenz elek­tri­sche Signale aus­sen­den. Dies ermög­licht Syn­chro­ni­tät – unab­hän­gig davon, wie sie phy­sisch mit­ein­an­der ver­bun­den sind. Die Neu­ro­nen schwin­gen im Gleich­takt.

Doch genau diese Fähig­keit, die das Den­ken durch sofor­tige und vor­über­ge­hende Kom­mu­ni­ka­tion zwi­schen Neu­ro­nen ermög­licht, scheint auch das zu sein, was ech­tes Mul­ti­tas­king unmög­lich macht. Zwar kann unser Gehirn neu­ro­nale Netz­werke fast augen­blick­lich ver­drah­ten und neu ver­drah­ten, doch diese geis­tige Fle­xi­bi­li­tät geht zu Las­ten der Fähig­keit, sich auf eine Sache zu kon­zen­trie­ren. Schließ­lich kön­nen die­sel­ben Neu­ro­nen nicht meh­rere Ensem­bles gleich­zei­tig bil­den, da sie dann unter­schied­li­che Wel­len­län­gen aus­sen­den müss­ten. Die Chor­mit­glie­der müs­sen alle auf der glei­chen Seite ste­hen.

Sieh dich zum Bei­spiel im Raum nach Din­gen um, die sowohl auf­recht als auch blau sind. Wahr­schein­lich suchst du zunächst nach auf­rech­ten Din­gen und wech­selst dann bei jedem Objekt, das du iden­ti­fi­zierst, die Frage und fragst nach der Farbe Blau. Dabei gibt es wahr­schein­lich eine sehr kurze Pause, wenn die­ser Wech­sel statt­fin­det. In einem im Jahr 2012 ver­öf­fent­lich­ten Expe­ri­ment stell­ten Tim Earl und seine Kol­le­gen Affen genau diese Auf­gabe. Sie trai­nier­ten die Affen dar­auf, ihre Auf­merk­sam­keit zwi­schen der Farbe und der Aus­rich­tung einer Linie zu wech­seln. Die Affen wur­den mit Elek­tro­den aus­ge­stat­tet, um ihre Gehirn­ak­ti­vi­tät zu über­wa­chen.

Wenn die Affen auf­merk­sam waren und ver­such­ten zu ent­schei­den, ob eine Linie rot oder blau bezie­hungs­weise hori­zon­tal oder ver­ti­kal war, erzeug­ten sie einen Anstieg bestimm­ter Gehirn­wel­len, die als Beta­wel­len bekannt sind und mit einer Fre­quenz von 19 bis 40 Hz feu­ern. Je nach­dem, mit wel­cher Auf­gabe die Affen gerade beschäf­tigt waren – der Iden­ti­fi­zie­rung der Lini­en­farbe oder der Lini­en­aus­rich­tung –, waren unter­schied­li­che Neu­ro­nen­mus­ter aktiv. Einige der Neu­ro­nen, die an bei­den Auf­ga­ben betei­ligt waren, waren die­sel­ben, doch die Gesamt­mus­ter bzw. Netz­werke der zusam­men­feu­ern­den Neu­ro­nen waren für jede Auf­gabe unter­schied­lich.

Die Hirn­ströme der Affen schwank­ten zeit­weise mit einer Fre­quenz von 6 bis 16 Hz. Die­ser Zustand wird als Alpha-Akti­vi­tät bezeich­net. Fas­zi­nie­rend war, dass diese nur auf­tra­ten, wenn die Affen von der Iden­ti­fi­zie­rung der Aus­rich­tung einer Linie zur Iden­ti­fi­zie­rung ihrer Farbe über­gin­gen. Mit ande­ren Wor­ten: Die Alpha­wel­len waren die Wel­len des Auf­ga­ben­wech­sels. Sie hel­fen uns, nicht über irrele­vante Dinge nach­zu­den­ken.

Bei den Affen beru­hig­ten die Alpha­wel­len das Gehirn­netz­werk, das nor­ma­ler­weise prüft, ob eine Linie ver­ti­kal oder hori­zon­tal ver­läuft. Dadurch konnte das Gehirn das Netz­werk zur Iden­ti­fi­zie­rung der Lini­en­farbe akti­vie­ren. Die­ses Expe­ri­ment lie­ferte den For­schern hand­feste Beweise für ihre Hypo­these, dass diese bei­den wider­sprüch­li­chen Auf­ga­ben nach­ein­an­der, aber nicht gleich­zei­tig aus­ge­führt wer­den kön­nen. Wir kön­nen uns also nicht an mehr als einen Gedan­ken gleich­zei­tig erin­nern.

Wenn wir zwei Auf­ga­ben aus­füh­ren, die den glei­chen Teil des Gehirns bean­spru­chen, bei­spiels­weise die visu­elle Such­auf­gabe „Farbe/Orientierung“, ist dies in der Regel viel schwie­ri­ger als zwei Auf­ga­ben, die nicht in Kon­flikt mit­ein­an­der ste­hen, wie Gehen und Spre­chen. Um gleich­zei­tig nach auf­rech­ten und blauen Din­gen zu suchen, müss­ten die­sel­ben visu­el­len Neu­ro­nen zwei ver­schie­dene Auf­ga­ben aus­füh­ren. Wären in dei­nem Kopf statt Neu­ro­nen kleine Men­schen, wäre das so, als wür­dest du dei­nem Luca in der­sel­ben Minute zwei Auf­ga­ben geben und er würde schreien: „Stopp! Ich muss eine davon prio­ri­sie­ren!”

Ande­rer­seits kön­nen wir zwei ver­schie­dene Berei­che des Gehirns gleich­zei­tig akti­vie­ren, indem wir Luca und Adam jeweils eine Auf­gabe geben. Es kann jedoch sein, dass sie sich gegen­sei­tig auf­hal­ten, da sie von Zeit zu Zeit mit­ein­an­der reden müs­sen. Grund­sätz­lich kön­nen sie ihre Auf­ga­ben jedoch ziem­lich gut erle­di­gen. Das pas­siert, wenn bewusste und unbe­wusste Pro­zesse gleich­zei­tig ablau­fen. Der bewusste Luca ist gut im Den­ken und im Tref­fen von Ent­schei­dun­gen, wäh­rend der auto­ma­ti­sche Adam gut im Auto­fah­ren, Gehen und ande­ren Auf­ga­ben ist, die für uns weit­ge­hend auto­ma­tisch ablau­fen.

Doch auch die­ses Sze­na­rio ist nicht opti­mal. Unter­su­chun­gen zu den Gefah­ren des Auf­ga­ben­wech­sels zei­gen, dass es pro­ble­ma­tisch sein kann, unsere Auf­merk­sam­keit zu tei­len – selbst wenn es sich um Auf­ga­ben han­delt, die schein­bar nichts mit­ein­an­der zu tun haben. David Strayer und sein For­schungs­team von der Uni­ver­sity of Utah ver­öf­fent­lich­ten im Jahr 2006 eine Stu­die, in der sie betrun­kene Auto­fah­rer mit sol­chen ver­gli­chen, die wäh­rend der Fahrt mit dem Handy tele­fo­nier­ten. In die­sem Sze­na­rio ist davon aus­zu­ge­hen, dass der Groß­teil der bewuss­ten Auf­merk­sam­keit auf das Tele­fon­ge­spräch gerich­tet ist, wäh­rend das Fah­ren auf die auto­ma­ti­sche Über­wa­chung beschränkt bleibt.

Die For­scher stell­ten fest, dass Fah­rer, die mit einem Handy oder einer Frei­sprech­an­lage tele­fo­nier­ten, ver­zö­ger­ter auf Brems­ma­nö­ver reagier­ten und häu­fi­ger in Ver­kehrs­un­fälle ver­wi­ckelt waren als Fah­rer ohne Handy. Sie füg­ten hinzu, dass das Tele­fo­nie­ren am Steuer genauso gefähr­lich sein kann wie Fah­ren unter Alko­hol­ein­fluss, da es das Unfall­ri­siko deut­lich erhöht.

Der Grund dafür ist höchst­wahr­schein­lich, dass die bei­den Auf­ga­ben „Fah­ren” und „Spre­chen” nicht so unab­hän­gig von­ein­an­der sind, wie wir viel­leicht den­ken. Der bewusste Luca ist näm­lich der Chef des auto­ma­ti­schen Adam. Wenn Adam in eine Situa­tion gerät, die er nicht ohne Wei­te­res lösen kann – bei­spiels­weise, wenn er eine Ent­schei­dung tref­fen muss –, muss er Luca fra­gen. Das ist ärger­lich, denn es bedeu­tet, dass Adam sich immer wie­der in die Auf­gabe ein­mischt, die Luca zu über­wa­chen ver­sucht. Ein Bei­spiel: „Hier abbie­gen? – „Ja, ich bin um 20:30 Uhr da.” „Kann ich an der Ampel wei­ter­fah­ren?” – „Ich finde, du soll­test heute Abend das grüne Kleid anzie­hen.” „Schwie­rige Sache.” Selbst auto­ma­ti­sierte Pro­zesse lau­fen also oft nicht so voll­au­to­ma­tisch ab, wie wir viel­leicht den­ken.

Seit Jah­ren wird daher argu­men­tiert, dass die Gefah­ren des Tele­fo­nie­rens am Steuer eher mit der Unfä­hig­keit zum Mul­ti­tas­king als mit der Unfä­hig­keit, das Mobil­te­le­fon zu hal­ten, zusam­men­hän­gen. Die der­zei­tige Gesetz­ge­bung vie­ler Län­der, die die Nut­zung von Frei­sprech­ein­rich­tun­gen erlaubt, die Nut­zung von Mobil­te­le­fo­nen in der Hand jedoch ver­bie­tet, igno­riert diese Erkennt­nisse offen­bar oder inter­pre­tiert sie grund­le­gend falsch.

Falls ich dein Bild vom per­fek­ten Mul­ti­tas­ker noch nicht völ­lig zer­stört habe, möchte ich dir eine Stu­die vor­stel­len, die deine Ein­stel­lung gegen­über dei­nem Smart­phone ver­än­dern könnte. Im Jahr 2015 unter­such­ten die Kom­mu­ni­ka­ti­ons­wis­sen­schaft­le­rin­nen Aimee Mil­ler-Ott von der Illi­nois State Uni­ver­sity und Lynne Kelly von der Uni­ver­sity of Hart­ford, wel­che Aus­wir­kun­gen die stän­dige Nut­zung des Smart­phones auf unser Glück hat, wenn wir es neben ande­ren Akti­vi­tä­ten ein­set­zen. Sie argu­men­tie­ren, dass wir bestimmte Erwar­tun­gen an soziale Inter­ak­tio­nen haben und nega­tiv reagie­ren, wenn diese nicht erfüllt wer­den.

In einer qua­li­ta­ti­ven Stu­die baten die For­scher 51 Teil­neh­mer, zu erklä­ren, was sie erwar­ten, wenn sie mit Freun­den und Ver­wand­ten „abhän­gen“ oder sich ver­ab­re­den. Dabei fan­den sie her­aus, dass die bloße Anwe­sen­heit eines Mobil­te­le­fons die Zufrie­den­heit mit der gemein­sam ver­brach­ten Zeit ver­rin­gert – unab­hän­gig davon, ob die Per­son es benutzt hat oder nicht. Ein Grund, warum das Tele­fo­nie­ren der ande­ren Per­son als stö­rend emp­fun­den wurde, war, dass dadurch die Erwar­tung der unge­teil­ten Auf­merk­sam­keit bei Ver­ab­re­dun­gen und ande­ren inti­men Momen­ten ver­letzt wurde. Beim „Abhän­gen“ war diese Erwar­tung weni­ger aus­ge­prägt, sodass die Anwe­sen­heit eines Mobil­te­le­fons zwar nicht als so nega­tiv, aber den­noch häu­fig als stö­rend für die per­sön­li­che Inter­ak­tion emp­fun­den wurde. Dies deckt sich mit den Ergeb­nis­sen aus der wis­sen­schaft­li­chen Lite­ra­tur. Dort gibt es starke Hin­weise dar­auf, dass roman­ti­sche Part­ner oft ver­är­gert und genervt sind, wenn ihr Part­ner wäh­rend der gemein­sa­men Zeit ein Handy benutzt.

Dies wird durch die im Jahr 2016 ver­öf­fent­lichte Arbeit des Mar­ke­ting­pro­fes­sors James Roberts von der Bay­lor Uni­ver­sity Han­ka­mer bestä­tigt. Er prägte den Begriff „Phub“ – eine Zusam­men­set­zung aus „Phone“ und „Snub“ –, um das Ver­hal­ten einer Per­son zu beschrei­ben, die sich ent­schei­det, sich mit ihrem Tele­fon zu beschäf­ti­gen, statt sich um eine andere Per­son zu küm­mern. Man könnte bei­spiels­weise empört sagen: „Hör auf, mich anzu­ru­fen!” Laut Roberts wurde die Fixie­rung auf das Tele­fon, die zu die­ser Art von unhöf­li­chem Ver­hal­ten führt, mit erhöh­tem Stress, Angst und Depres­sio­nen in Ver­bin­dung gebracht.

Wenn du also möch­test, dass die Inter­ak­tio­nen in dei­nem Leben pro­duk­ti­ver, siche­rer und sinn­vol­ler wer­den, dann sei ent­we­der online oder off­line prä­sent. Der Schwer­punkt sollte dabei jedoch ein­deu­tig auf der Off­line-Welt lie­gen.

Sen­si­bi­li­sie­rung für Strea­ming und Social Media

Wir lie­ben unsere Online-Welt, weil sie uns ein stän­di­ges Gefühl von Ver­bun­den­heit gibt, uns Zugang zu einem nahezu unbe­grenz­ten Strom von Infor­ma­tio­nen ermög­licht und uns eine Platt­form bie­tet, auf der wir unsere Erin­ne­run­gen und Ein­drü­cke sofort mit ande­ren tei­len kön­nen. Durch die­sen Pro­zess des Tei­lens wer­den unsere Erin­ne­run­gen Teil einer sozia­len Land­schaft, eines sozia­len Bewusst­seins­stroms, den wir mit­ge­stal­ten und von dem wir beein­flusst wer­den.

Mir wurde im Jahr 2011 in der klei­nen kana­di­schen Stadt Kel­owna wirk­lich bewusst, wie sehr soziale Medien das Gedächt­nis beein­flus­sen kön­nen. Am Sonn­tag, dem 14. August, kurz nach 15 Uhr, war ich mit ein paar Freun­den unter­wegs. Als wir in eine der Haupt­stra­ßen der Stadt ein­bo­gen, hat­ten wir sofort das Gefühl, dass gerade etwas Wich­ti­ges pas­siert war. Nor­ma­ler­weise ist Kel­owna im August vol­ler Tou­ris­ten, doch diese Straße war unheim­lich leer – keine Tou­ris­ten, keine Ein­hei­mi­schen. Nie­mand.

Wäh­rend wir uns ver­wirrt umsa­hen, lief eine Frau hin­ter uns her. Sie sah ver­ängs­tigt aus. Plötz­lich raste das gesamte Poli­zei­auf­ge­bot der Stadt an uns vor­bei. Die Straße wurde sofort gesperrt und wir waren zwi­schen zwei Poli­zei­sper­ren gefan­gen. Um die Situa­tion zu ver­ste­hen, zückte mein Part­ner sein Smart­phone und begann zu recher­chie­ren. Zuerst Google – nichts. Dann die Lokal­nach­rich­ten – immer noch nichts. Schließ­lich ver­suchte er es mit Twit­ter. Plötz­lich hat­ten wir einen unun­ter­bro­che­nen Live-Stream von dem, was pas­sierte.

„Es fie­len Schüsse.“

„Zwei bewaff­nete Män­ner haben vor dem Delta Grand Hotel das Feuer auf einen Gelän­de­wa­gen eröff­net.”

„Alle sind auf den Boden gefal­len. Drau­ßen wurde jemand erschos­sen.“

„Es waren Schüt­zen mit auto­ma­ti­schen Waf­fen. Die Schüt­zen befin­den sich in einem sil­ber­nen Lie­fer­wa­gen.“

„Sani­tä­ter ber­gen einen Mann aus einem zer­schos­se­nen, blut­über­ström­ten Auto.“

„Ich habe Schüsse gehört. Es klingt, als würde etwas zusam­men­bre­chen, als würde ein Gebäude ein­stür­zen.“

„Dies ist ein Kriegs­ge­biet.“

Es stellte sich her­aus, dass einer der berüch­tig­ten Bacon-Brü­der gerade erschos­sen wor­den war. Die Brü­der waren als Gangs­ter bekannt und waren in eine Reihe von Mor­den im Groß­raum Van­cou­ver sowie in die Her­stel­lung und den Han­del mit Dro­gen ver­wi­ckelt. Jona­than Bacon und seine Fami­lie wur­den am hell­lich­ten Tag von riva­li­sie­ren­den Gangs­tern über­fal­len und erschos­sen. Die Öffent­lich­keit hatte alles mit­be­kom­men.

Sobald wir ein mög­li­ches bedeu­tungs­vol­les Ereig­nis erken­nen, nei­gen wir dazu, unsere Han­dys zu zücken, um es zu fil­men, zu foto­gra­fie­ren, zusam­men­zu­fas­sen und zu pos­ten. Noch nie in der Geschichte gab es eine so zuver­läs­sige, unab­hän­gige und umfas­sende Doku­men­ta­tion wich­ti­ger his­to­ri­scher Ereig­nisse. Diese Fähig­keit, unsere eige­nen Ein­schät­zun­gen von Situa­tio­nen zu bestä­ti­gen, ist zwar erstaun­lich, kann aber auch zu einer Anglei­chung der Erin­ne­run­gen füh­ren. Wenn unser Den­ken und unsere Erin­ne­run­gen zu einer Mischung aus dem wer­den, was wir gese­hen und gehört haben, wird es unmög­lich, das, was wir tat­säch­lich selbst erlebt haben, zu unter­schei­den. Dann wird es unmög­lich, zu unter­schei­den, was eine Per­son tat­säch­lich selbst erlebt hat.

In Kel­owna scheint sich fast jeder daran zu erin­nern, dass die Bacon Brot­hers auf die­selbe Weise geschos­sen haben. Wenn man mit den Leu­ten dar­über spricht, sind die Erzäh­lun­gen erstaun­lich ähn­lich. Dir fal­len wahr­schein­lich ähn­li­che Ereig­nisse ein, die du selbst mit­er­lebt hast oder an denen du indi­rekt betei­ligt warst. Sol­che Effekte sind dar­auf zurück­zu­füh­ren, dass sich unser Gedächt­nis durch das Inter­net und die sozia­len Medien ver­än­dert hat. Die Unter­schei­dung zwi­schen öffent­li­chem und pri­va­tem Gedächt­nis ist bis zur Unkennt­lich­keit ver­wischt.

In der For­schung wurde die Über­ein­stim­mung von Erin­ne­run­gen in ver­schie­de­nen Situa­tio­nen unter­sucht, ins­be­son­dere bei Augen­zeu­gen­be­rich­ten. In einem Arti­kel aus dem Jahr 2003 unter­such­ten Fiona Gab­bert, Amina Memon und Kevin Allan von der Uni­ver­si­tät Aber­deen, wie sich Augen­zeu­gen gegen­sei­tig beein­flus­sen kön­nen. Zu die­sem Zweck baten sie zwei Grup­pen von Teil­neh­mern, sich getrennt von­ein­an­der ein Video von einem Ereig­nis anzu­se­hen. Alle Teil­neh­mer sahen ein 90-sekün­di­ges Video, das eine Frau zeigte, die ein lee­res Uni­ver­si­täts­büro betrat, um ein Buch zurück­zu­ge­ben. Ohne dass die Teil­neh­mer es wuss­ten, gab es zwei ver­schie­dene Ver­sio­nen des Videos, die aus unter­schied­li­chen Blick­win­keln auf­ge­nom­men wor­den waren. Dies bedeu­tete, dass die Teil­neh­mer am Ende eine von zwei Ver­sio­nen des Gesche­hens erhiel­ten.

Die For­scher selbst beschrie­ben den Unter­schied wie folgt: „Aus Per­spek­tive A (aber nicht aus Per­spek­tive B) ist es mög­lich, den Titel des Buches zu lesen, das das Mäd­chen trägt, und zu beob­ach­ten, wie sie einen Zet­tel in einen Müll­ei­mer wirft, als sie den Raum ver­lässt. Aus Per­spek­tive B (aber nicht aus Per­spek­tive A) sieht man hin­ge­gen, wie das Mäd­chen auf die Uhr schaut und ein Gele­gen­heits­ver­bre­chen begeht, indem sie einen 10-Pfund-Schein aus einer Brief­ta­sche zieht und in die eigene Tasche steckt.“

Die eine Hälfte der Teil­neh­mer wurde gebe­ten, sich zu Zwei­er­teams zusam­men­zu­fin­den und gemein­sam einen Fra­ge­bo­gen zu den Ereig­nis­sen aus­zu­fül­len. Die andere Hälfte füllte den Fra­ge­bo­gen allein aus. Nach einer 45-minü­ti­gen Pause wur­den alle Teil­neh­mer ein­zeln zu den Ereig­nis­sen befragt. Die For­scher stell­ten fest, dass 71 Pro­zent der Teil­neh­mer, die als Mit­zeu­gen fun­gier­ten, anga­ben, Details zu ken­nen, die sie durch Gesprä­che mit ihrem Part­ner über das Ereig­nis erfah­ren hat­ten. Dar­über hin­aus gaben 60 Pro­zent der­je­ni­gen, die das Video aus der Per­spek­tive A sahen, in der das oppor­tu­nis­ti­sche Ver­bre­chen nicht wirk­lich zu sehen war, an, dass das Mäd­chen im Video eines Ver­bre­chens schul­dig war. Die Per­so­nen in der Gruppe der Mit­zeu­gen füg­ten im Durch­schnitt 21 Details hinzu, die sie dem ande­ren Zeu­gen ent­nom­men hat­ten. Wie zu erwar­ten war, berich­te­ten die Per­so­nen, die den Fra­ge­bo­gen allein aus­ge­füllt hat­ten, nur die Details aus dem Video, die sie tat­säch­lich gese­hen hat­ten. Die Teil­neh­mer der Mit­zeu­gen­gruppe hat­ten ihre Erin­ne­rungs­be­richte hin­ge­gen stark mit Details aus­ge­schmückt, die sie nicht wirk­lich gese­hen hat­ten.

Diese Art der For­schung beschäf­tigt sich mit soge­nann­ten Post-Event-Infor­ma­tio­nen. Das sind Infor­ma­tio­nen, die unsere Erin­ne­run­gen beein­flus­sen kön­nen, wenn wir sie erhal­ten, nach­dem wir ein Ereig­nis erlebt oder beob­ach­tet haben. Mög­li­che Quel­len sind per­sön­li­che oder Online-Gesprä­che über das Ereig­nis, das Lesen von Arti­keln über das Ereig­nis oder damit zusam­men­hän­gende Ereig­nisse sowie das Betrach­ten von Fotos, die wir selbst oder andere auf­ge­nom­men haben. Jede die­ser Infor­ma­ti­ons­quel­len hat das Poten­zial, unsere Erin­ne­run­gen im Nach­hin­ein zu ver­än­dern.

Eine wei­tere Quelle fal­scher Erin­ne­run­gen ist das „Bor­gen” von Erin­ne­run­gen. Dabei eig­net sich eine Per­son die auto­bio­gra­fi­schen Erin­ne­run­gen einer ande­ren Per­son an und gibt sie als eigene aus. Bei der Unter­su­chung die­ses Phä­no­mens stellte sich her­aus, dass die Hälfte der Befrag­ten die Frage „Hast du schon ein­mal die per­sön­li­che Erfah­rung von jeman­dem gehört und sie dann ande­ren so erzählt, als ob du sie selbst gemacht hät­test?” mit „Ja” beant­wor­tete. Das bedeu­tet, dass die Befrag­ten zumin­dest vor­über­ge­hend die Urhe­ber­schaft für die auto­bio­gra­fi­schen Erin­ne­run­gen einer ande­ren Per­son für sich bean­sprucht haben. Dies kann bewusst gesche­hen, führt aber spä­ter unter Umstän­den zu Pro­ble­men bei der Zuord­nung von Erin­ne­run­gen. So gaben 27 % der Teil­neh­mer an, dass sie Erin­ne­run­gen hat­ten, die ihre eige­nen sein könn­ten, die aber auch aus dem Bericht einer ande­ren Per­son über ein Ereig­nis stam­men könn­ten – sie waren sich nicht sicher.

Dies zeigt, dass Erin­ne­rungs­diebe manch­mal ertappt wer­den. 53 Pro­zent der Befrag­ten gaben an, jeman­den gehört zu haben, der eine ihrer Geschich­ten als die eigene erzählt hat. 57 Pro­zent haben sich bereits mit jeman­dem dar­über gestrit­ten, ob ein Vor­fall ihnen oder der ande­ren Per­son pas­siert ist. Mei­ner Mei­nung nach kommt diese Art von Erin­ne­rungs­dieb­stahl beson­ders bei Fami­li­en­ge­schich­ten vor. Manch­mal ertappe ich mich dabei, wie ich ein ande­res Fami­li­en­mit­glied fra­gen muss, um her­aus­zu­fin­den, was wirk­lich pas­siert ist.

Es ist also klar, dass Erin­ne­run­gen anste­ckend sind. Wenn ich eine mei­ner Erin­ne­run­gen mit ande­ren teile, ist es mög­lich, dass sie diese auf­neh­men und zu ihrer eige­nen machen. Wenn wir Details aus ande­ren Quel­len in unsere eigene Erzäh­lung eines Ereig­nis­ses ein­flie­ßen las­sen, haben wir das Poten­zial, sowohl rich­tige als auch fal­sche Details zu über­neh­men.

Henry Roe­di­ger und seine Kol­le­gen von der Washing­ton Uni­ver­sity präg­ten in einem im Jahr 2001 ver­öf­fent­lich­ten Arti­kel den tref­fen­den Begriff der „sozia­len Anste­ckung der Erin­ne­rung”. Sie zeig­ten, dass das Gedächt­nis einer Per­son durch Erin­ne­rungs­feh­ler einer ande­ren Per­son beein­flusst wer­den kann. Eine Art Aus­brei­tungs­ef­fekt fal­scher Erin­ne­run­gen. Doch warum sind wir so anfäl­lig für die­sen Effekt? Die For­scher ver­mu­ten, dass zwei Fak­to­ren dafür ver­ant­wort­lich sind. Der erste ist die grund­sätz­li­che Ver­zer­rung des Gedächt­nis­ses: Wenn eine andere Per­son von einem Ereig­nis erzählt, kann das Gehirn neue Ver­knüp­fun­gen her­stel­len, die die ursprüng­li­che Erin­ne­rung beein­träch­ti­gen. Dies steht im Ein­klang mit der in frü­he­ren Kapi­teln dis­ku­tier­ten For­schung zu Fehl­in­for­ma­tio­nen und der Infla­tion der Vor­stel­lungs­kraft. Der zweite Grund ist die Quel­len­ver­wir­rung. Dabei ver­ges­sen wir, aus wel­cher Quelle die Infor­ma­tio­nen stam­men, an die wir uns erin­nern. Das kann dazu füh­ren, dass wir glau­ben, Dinge selbst erlebt zu haben, die uns jedoch nur erzählt wur­den.

Soziale Ein­flüsse kom­men also auf unter­schied­li­che Weise zum Tra­gen. Diese Ver­hal­tens­wei­sen schei­nen in ers­ter Linie durch den Wunsch moti­viert zu sein, die Erfah­run­gen ande­rer dau­er­haft in die eigene auto­bio­gra­fi­sche Auf­zeich­nung zu inte­grie­ren (Aneig­nung). Es gibt jedoch auch andere Gründe: So möchte man bei­spiels­weise vor­über­ge­hend eine kohä­ren­tere oder anre­gen­dere Kon­ver­sa­tion schaf­fen (soziale Ver­bin­dung), die inter­es­sante Erfah­rung eines ande­ren ein­fach wei­ter­ge­ben (Bequem­lich­keit) oder sich selbst gut aus­se­hen las­sen (Sta­tus­ver­bes­se­rung). Diese Gründe schei­nen posi­tiv und oft beab­sich­tigt zu sein. Es gibt jedoch auch wis­sen­schaft­li­che Erkennt­nisse, die auf einen wei­te­ren mög­li­chen sozia­len Ein­fluss hin­wei­sen. Kon­for­mi­tät.

Grup­pen­bil­dung und Grup­pen­zwang

Die klas­si­sche Stu­die, die erst­mals gezeigt hat, dass wir unsere Ant­wor­ten an die Infor­ma­tio­nen ande­rer anpas­sen, wurde 1956 von dem Psy­cho­lo­gen Solo­mon Asch vom Swarthmore Col­lege durch­ge­führt. Er stellte fest, dass sich die Ant­wor­ten von Men­schen ändern, wenn sie in einer Gruppe beur­tei­len sol­len, ob zwei Linien auf einem Blatt Papier gleich lang sind und dabei hören, was die ande­ren Grup­pen­mit­glie­der sagen. Um dies zu unter­su­chen, ließ Asch eine Reihe von For­scher­kol­le­gen im Raum mit den Teil­neh­mern eine offen­sicht­lich fal­sche Ant­wort geben. Die Teil­neh­mer dach­ten, dass alle ande­ren im Raum eben­falls Teil­neh­mer waren, und wuss­ten nicht, dass sie die ein­zi­gen waren, die tat­säch­lich unter­sucht wur­den.

Tat­säch­lich sind Men­schen oft bereit, eine offen­sicht­lich fal­sche Ant­wort zu geben, sofern diese mit der Ant­wort aller ande­ren über­ein­stimmt. Wir kön­nen uns damit abfin­den, dass man­che Men­schen von Natur aus „Mit­läu­fer“ sind. Scho­ckie­rend ist jedoch, dass fast 75 Pro­zent der Teil­neh­mer der Expe­ri­mente min­des­tens ein­mal der offen­sicht­lich fal­schen Ant­wort der Gruppe folg­ten. Wir alle kön­nen Opfer situa­ti­ver Anfor­de­run­gen wer­den.

Auf die Frage, warum sie sich ange­passt hat­ten, gaben die meis­ten Teil­neh­mer an, dass sie zwar gewusst hät­ten, dass die Ant­wort falsch war, aber nicht auf­fal­len woll­ten. Einige gaben jedoch an, sie hät­ten wirk­lich geglaubt, dass die Gruppe die Ant­wort bes­ser wis­sen müsse als sie selbst. Im Jahr 1955 klas­si­fi­zier­ten die Sozi­al­wis­sen­schaft­ler Mor­ton Deutsch und Harold Gerard von der New York Uni­ver­sity der­ar­tige soziale Ein­flüsse als nor­ma­tiv oder infor­ma­tiv.

Nor­ma­tive Ein­flüsse sind Ein­flüsse von Grup­pen auf ihre Mit­glie­der. Das sind Situa­tio­nen, in denen wir nicht auf­fal­len wol­len, unab­hän­gig davon, ob wir der Mei­nung der Gruppe zustim­men oder nicht. Soziale Infor­ma­ti­ons­ein­flüsse wer­den eben­falls durch Grup­pen begüns­tigt, sind aber nicht zwin­gend von ihnen abhän­gig. Sie tre­ten auf, wenn wir glau­ben, dass eine andere Per­son bes­ser infor­miert ist als wir, und wir ihre Infor­ma­tio­nen über­neh­men, da wir anneh­men, dass sie wahr­schein­lich rich­tig sind. Ein Bei­spiel hier­für ist, wenn eine Gruppe oder ein Inter­viewer tat­säch­lich die rich­tige Ant­wort kennt.

Diese Ein­flüsse hel­fen dabei, zu erklä­ren, warum eine Per­son die Dar­stel­lung einer ande­ren Per­son über­nimmt.

  • Man möchte die Per­son nicht ver­är­gern, indem man ihr wider­spricht
  • Man glaubt, dass sich die andere Per­son bes­ser an die Dar­stel­lung erin­nert als man selbst

Diese sozia­len Ein­flüsse sind nicht immer nega­tiv. Wenn eine Gruppe von Men­schen rennt, weißt du viel­leicht, dass es brennt – Kon­for­mi­tät kann Leben ret­ten. Es ist auch von Vor­teil, wenn die Erin­ne­run­gen über­ein­stim­men, da dies die Kom­mu­ni­ka­tion und Zusam­men­ar­beit zwi­schen den Grup­pen­mit­glie­dern erleich­tert. Diese sozia­len Ein­flüsse wer­den jedoch zu einem Pro­blem, wenn sie nach einem Ereig­nis Fehl­in­for­ma­tio­nen ver­brei­ten und fal­sche Details auf eine Art und Weise in unsere Erin­ne­run­gen ein­we­ben, die wir nie mehr ent­wir­ren kön­nen.

Doch damit nicht genug. Es gibt den Begriff „Grou­pi­ness“, der angibt, wie kohä­siv eine bestimmte Gruppe ist, das heißt, wie sehr ihre Mit­glie­der dazu nei­gen, sich anzu­pas­sen. In der Sozio­lo­gie wird dies als „Enti­ta­ti­vi­tät“ bezeich­net. Die­ser Begriff beschreibt im Wesent­li­chen den Grad der Zusam­men­ar­beit inner­halb der Gruppe als Ein­heit. Wir nei­gen dazu, die Welt in „In-Grup­pen“ und „Out-Grup­pen“ ein­zu­tei­len, also in die­je­ni­gen, mit denen wir uns iden­ti­fi­zie­ren, und alle ande­ren. Bei­spiels­weise kann deine Alma Mater deine In-Gruppe sein, wäh­rend die Out-Gruppe aus Stu­die­ren­den einer riva­li­sie­ren­den Insti­tu­tion besteht.

Unsere Grup­pen­zu­ge­hö­rig­keit macht uns eben vor­her­seh­bar irra­tio­nal. Wenn Mit­glie­der unse­rer eige­nen Gruppe etwas tun, wer­den wir es mit hoher Wahr­schein­lich­keit eben­falls tun. Das gilt im Guten wie im Schlech­ten. Betrügt min­des­tens ein Mit­glied unse­rer eige­nen Gruppe, ist es wahr­schein­li­cher, dass wir es eben­falls tun. Außer­dem pas­sen wir uns weni­ger an die­je­ni­gen an, mit denen wir uns nicht iden­ti­fi­zie­ren, also die Mit­glie­der unse­rer Fremd­gruppe. Dies ist ver­mut­lich eine bewusste Abgren­zung gegen­über dem Ver­hal­ten unse­rer Riva­len („Wir sind nicht wie sie!“) sowie ein impli­zi­tes Zei­chen der Soli­da­ri­tät mit unse­ren Brü­dern in der Eigen­gruppe.

Unter Berück­sich­ti­gung all die­ser Ein­fluss­fak­to­ren kön­nen wir fest­hal­ten, dass Zeu­gen in Poli­zei­ver­fah­ren von­ein­an­der getrennt wer­den müs­sen, um Ver­zer­rungs­ef­fekte zu ver­mei­den. Zudem muss die Poli­zei ver­ste­hen, dass die Über­ein­stim­mung von Berich­ten nicht zwangs­läu­fig ein Zei­chen für Genau­ig­keit, son­dern ledig­lich für Kon­for­mi­tät ist.

Das Auf­kom­men der sozia­len Medien hat die poten­zi­el­len Quel­len für sozia­len Ein­fluss und Fehl­in­for­ma­tio­nen zudem enorm ver­viel­facht: das Face­book-Update eines Freun­des, der Twit­ter-Post eines Frem­den oder der Dis­kus­si­ons­strang auf Red­dit. Es scheint, als hät­ten wir nicht mehr die volle Kon­trolle über die Ereig­nisse in unse­rem Leben und leb­ten statt­des­sen in einer Zeit inten­si­ver „trans­ak­ti­ver Erin­ne­run­gen“. Trans­ak­tive Erin­ne­run­gen, zu denen auch unsere Online-Inter­ak­tio­nen gehö­ren, wer­den kol­lek­tiv gebil­det, aktua­li­siert und – was viel­leicht am wich­tigs­ten ist – gespei­chert.

Digi­tale Amne­sie

Das Inter­net hat sich zu einer pri­mä­ren Form des exter­nen oder trans­ak­ti­ven Gedächt­nis­ses ent­wi­ckelt. In die­sem wer­den Infor­ma­tio­nen außer­halb von uns selbst gespei­chert. Doch wel­che Fol­gen hat es, wenn wir stän­dig auf Infor­ma­tio­nen zugrei­fen kön­nen?

Unter­su­chun­gen haben gezeigt, dass Per­so­nen, die mit Fra­gen kon­fron­tiert wur­den, auf die sie keine Ant­wort wuss­ten, Wör­ter im Zusam­men­hang mit Com­pu­tern viel schnel­ler sor­tie­ren konn­ten. Dies deu­tet dar­auf hin, dass sie bei die­sen Fra­gen an Such­ma­schi­nen wie Google und Yahoo dach­ten. Dar­aus lässt sich schlie­ßen, dass unsere Gedan­ken auto­ma­tisch zu Such­ma­schi­nen wan­dern, wenn wir nach Infor­ma­tio­nen suchen. Die wich­tigs­ten Ergeb­nisse im Über­blick:

  • Sobald wir auf unbe­kannte Fak­ten sto­ßen, den­ken wir auto­ma­tisch: „Das sollte ich goo­geln.“
  • Wenn wir wis­sen, dass wir spä­ter immer noch auf die Infor­ma­tio­nen zugrei­fen kön­nen, ist es weni­ger wahr­schein­lich, dass wir uns daran erin­nern. Dadurch ver­rin­gert sich unsere tat­säch­li­che Erin­ne­rungs­fä­hig­keit.
  • Wenn wir davon aus­ge­hen, dass uns Infor­ma­tio­nen spä­ter in digi­ta­ler Form zur Ver­fü­gung ste­hen, erin­nern wir uns weni­ger gut an sie. Die­ses Phä­no­men wird als digi­tale Amne­sie bezeich­net. In einer Zeit, in der Infor­ma­tio­nen fast immer spä­ter ver­füg­bar sind, kann dies tief­grei­fende Aus­wir­kun­gen dar­auf haben, wie wir uns an sie erin­nern.
  • Unser Gehirn ist ein kogni­ti­ver Geiz­hals, der sich die Infor­ma­tio­nen her­aus­pickt, die sich am bes­ten mer­ken las­sen. Wir gehen eine Sym­biose mit unse­ren Com­pu­ter­pro­gram­men ein und wer­den selbst zu ver­netz­ten Sys­te­men. Dabei zeich­net uns weni­ger aus, was wir wis­sen, son­dern viel­mehr, wo wir es fin­den.

Die Aus­la­ge­rung unse­rer Infor­ma­ti­ons­spei­che­rung auf diese Weise macht uns poten­zi­ell anfäl­li­ger für Fehl­in­for­ma­tio­nen, wie sie nach Ereig­nis­sen auf­tre­ten. Ande­rer­seits kön­nen wir dadurch unsere kogni­ti­ven Res­sour­cen für andere Dinge frei­set­zen, auf die wir anderswo wahr­schein­lich nicht sofort Zugriff hät­ten. Wir kön­nen den Namen und die Tat­sa­che spä­ter immer noch nach­schla­gen, solange wir uns an den Kern der gesuch­ten Infor­ma­tion erin­nern. Das Ver­ständ­nis die­ser Aus­wir­kun­gen des digi­ta­len Zeit­al­ters auf unse­ren Umgang mit Infor­ma­tio­nen hat das Poten­zial, unse­ren Bil­dungs­an­satz radi­kal zu ver­än­dern.

Viel­leicht wer­den sich die­je­ni­gen, die in irgend­ei­nem Kon­text unter­rich­ten – seien es Uni­ver­si­täts­pro­fes­so­ren, Ärzte oder Füh­rungs­kräfte in der Wirt­schaft – zuneh­mend dar­auf kon­zen­trie­ren, ein bes­se­res Ver­ständ­nis von Ideen und Denk­wei­sen zu ver­mit­teln, anstatt das Aus­wen­dig­ler­nen zu för­dern. Wenn wir uns weni­ger dar­auf kon­zen­trie­ren, spe­zi­fi­sche Detail­in­for­ma­tio­nen zu ver­mit­teln, die Stu­die­rende leicht online fin­den kön­nen, könn­ten wir statt­des­sen kri­ti­sches Den­ken leh­ren. So wür­den die Men­schen, wenn sie unwei­ger­lich goo­geln, zumin­dest wis­sen, wie sie qua­li­ta­tiv hoch­wer­tige Infor­ma­tio­nen fin­den und ana­ly­sie­ren kön­nen. Abge­se­hen davon, dass wir Infor­ma­tio­nen offen­bar unter­schied­lich kodie­ren und spei­chern, je nach­dem, ob wir spä­ter dar­auf zurück­grei­fen kön­nen oder nicht, gibt es noch andere Mög­lich­kei­ten, wie unsere zuneh­mende Medi­en­ab­hän­gig­keit die Qua­li­tät unse­rer Erin­ne­run­gen ver­än­dern kann.

Du bist häss­li­cher, als du denkst

Wuss­test du, dass Fremde bes­ser wis­sen, wie du aus­siehst, als du selbst? Du bist auch nicht so hübsch, wie du denkst. Ich weiß, es wäre net­ter gewe­sen, dir das nicht zu sagen. Dafür gibt es zwei Gründe: Einer­seits hän­gen sie mit grund­le­gen­den Gedächt­nis­pro­zes­sen zusam­men, ande­rer­seits mit der Art und Weise, wie wir Tech­no­lo­gie nut­zen.

Begin­nen wir mit den Erin­ne­rungs­pro­zes­sen. Wenn du nicht gerade in einen Spie­gel schaust, basiert deine Wahr­neh­mung dei­nes Aus­se­hens auf Erin­ne­run­gen. Dabei han­delt es sich nicht nur um die Erin­ne­rung daran, wann du heute das letzte Mal in den Spie­gel geschaut hast, son­dern auch um die Erin­ne­rung an all die ande­ren Male, an denen du in den Spie­gel geschaut oder Fotos von dir betrach­tet hast. Das heißt, wenn du an dein Aus­se­hen denkst, hast du mit ziem­li­cher Sicher­heit ein zusam­men­ge­setz­tes Bild dei­nes Gesichts im Kopf.

Das Pro­blem ist, dass diese zusam­men­ge­setzte Erin­ne­rung an dein Aus­se­hen nie eine Chance hatte, denn sie kann in der Rea­li­tät nicht exis­tie­ren. Du kannst heute nicht so aus­se­hen, wie du seit­dem jeden Tag aus­ge­se­hen hast. Allein das Altern macht das unmög­lich, ganz zu schwei­gen von den täg­li­chen Schön­heits­feh­lern und Sti­län­de­run­gen. Das hilft uns zu ver­ste­hen, warum wir bei bestimm­ten Fotos sagen: „Das ist ein schlech­tes Bild von mir!“ Oft wider­spricht es unse­rer Vor­stel­lung davon, wie wir aus­se­hen, und unse­rer Erin­ne­rung an uns selbst.

Im Jahr 2008 ver­öf­fent­lich­ten die Psy­cho­lo­gen Nicho­las Epley von der Uni­ver­sity of Chi­cago und Erin Whit­church von der Uni­ver­sity of Vir­gi­nia die Ergeb­nisse einer Reihe von Stu­dien, die sich damit befass­ten, wie gut wir uns selbst erken­nen kön­nen. Dazu mach­ten sie Fotos von ihren Teil­neh­mern, die sie anschlie­ßend digi­tal ver­än­der­ten, um attrak­ti­vere und weni­ger attrak­tive Ver­sio­nen des Ori­gi­nal­fo­tos zu erstel­len. Dazu ver­än­der­ten sie die Fotos so, dass sie einem stan­dar­di­sier­ten, sehr attrak­ti­ven bzw. sehr unat­trak­ti­ven Gesicht ent­spra­chen. Die Fotos wur­den unter­schied­lich stark ver­än­dert, um ein Kon­ti­nuum von Gesich­tern zu erhal­ten.

Zwei bis vier Wochen spä­ter prä­sen­tier­ten die For­scher den Teil­neh­mern die ver­schie­de­nen Ver­sio­nen, ein­schließ­lich des Ori­gi­nal­fo­tos, und baten sie, ihr unver­än­der­tes Foto aus der Serie aus­zu­wäh­len. Die meis­ten Teil­neh­mer wähl­ten die Bil­der, die mit dem attrak­ti­ven Gesicht so ver­än­dert wor­den waren, dass sie 10 bis 40 Pro­zent attrak­ti­ver waren als das Ori­gi­nal­foto. In weni­ger als 25 Pro­zent der Fälle wähl­ten die Teil­neh­mer unter allen Bedin­gun­gen das unver­än­derte Ori­gi­nal­foto von sich selbst. Sowohl Män­ner als auch Frauen hiel­ten sich ein­deu­tig für attrak­ti­ver als sie tat­säch­lich waren und wähl­ten sys­te­ma­tisch die ver­bes­ser­ten Ver­sio­nen von sich selbst.

Doch wie sieht es mit der Iden­ti­fi­ka­tion ande­rer aus? Als die Teilnehmer:innen gebe­ten wur­den, die Gesich­ter ihrer Freund:innen aus einer Reihe ähn­lich bear­bei­te­ter Fotos zu iden­ti­fi­zie­ren, zeigte sich eine ähn­li­che Vor­ein­ge­nom­men­heit wie bei den eige­nen Gesich­tern: Es scheint, als hiel­ten wir unsere Freund:innen für schö­ner, als sie tat­säch­lich sind. Dies gilt jedoch nicht für die Gesich­ter von Frem­den. Laut der Stu­die sind wir ziem­lich gut darin, Per­so­nen, die wir erst seit Kur­zem ken­nen, rich­tig zu iden­ti­fi­zie­ren. Im Durch­schnitt wähl­ten die Teil­neh­mer Fotos von sich selbst, die 13 Pro­zent attrak­ti­ver waren als die unbe­ar­bei­te­ten Fotos. Fotos von Freun­den waren 10 Pro­zent attrak­ti­ver und Fotos von Frem­den ledig­lich 2,3 Pro­zent.

Diese Vor­ein­ge­nom­men­heit kön­nen wir dar­auf zurück­füh­ren, dass wir uns im All­ge­mei­nen für über­durch­schnitt­lich hal­ten. Eine wei­tere Mög­lich­keit ist, dass wir, weil wir uns selbst und unsere Freunde gut ken­nen, eine innere Schön­heit wahr­neh­men, die sich im Äuße­ren wider­spie­gelt. Es gibt jedoch noch eine dritte Mög­lich­keit: Du hast deine Wahr­neh­mung von dir selbst und von den Men­schen, die dir am nächs­ten ste­hen, im Laufe der Zeit ver­zerrt.

Das hat weni­ger mit auto­ma­ti­schen Erin­ne­rungs­pro­zes­sen zu tun als mit Eitel­keit. Wir alle wäh­len die bes­ten Fotos von uns und unse­ren Lie­ben aus, um sie ande­ren zu zei­gen. Beson­ders ach­ten wir auf die Fotos, die wir online oder in offi­zi­el­len Doku­men­ten ver­wen­den. Genau hier liegt das Pro­blem: Wenn wir nur Fotos ver­wen­den, auf denen wir am bes­ten geschminkt in foto­ge­nen Situa­tio­nen zu sehen sind, erken­nen wir uns selbst an nor­ma­len Tagen kaum wie­der.

Eine im Jahr 2015 unter der Lei­tung des Psy­cho­lo­gen David White von der Uni­ver­sity of New South Wales ver­öf­fent­lichte Stu­die, die von der aus­tra­li­schen Pass­be­hörde unter­stützt wurde, unter­suchte, wie gut wir uns selbst im Ver­gleich zu Frem­den wahr­neh­men. Die ers­ten Teil­neh­mer der Stu­die wur­den gebe­ten, zehn eigene Fotos von Face­book her­un­ter­zu­la­den und zu bewer­ten, wie ähn­lich sie sich auf jedem Foto sehen, von der größ­ten bis zur gerings­ten Ähn­lich­keit. Anschlie­ßend wur­den sie gebe­ten, ein ein­mi­nü­ti­ges Web­cam-Video von ihrem Gesicht sowie zwei wei­tere Stand­bil­der auf­zu­neh­men.

Diese Auf­nah­men wur­den anschlie­ßend von einer zwei­ten Gruppe von Teil­neh­mern für eine Gesichts­ver­gleichs­auf­gabe ver­wen­det, die die erste Gruppe nicht kann­ten. Die Teil­neh­mer wur­den gebe­ten, die Face­book-Fotos mit dem Web­cam-Video, das wäh­rend der Stu­die auf­ge­nom­men wor­den war, zu ver­glei­chen und die Ähn­lich­keit zu bewer­ten. Dazu soll­ten sie ange­ben, ob die Fotos und Videos ent­we­der sehr ähn­lich oder über­haupt nicht ähn­lich waren. Die Frem­den wähl­ten andere „ähn­lichste“ Bil­der aus als die Teil­neh­mer selbst. Die Frage war nun: Wer weiß bes­ser, wie wir aus­se­hen – die Frem­den oder wir selbst?

Dies wurde wie folgt unter­sucht: Eine dritte Gruppe von Teil­neh­mern wurde gebe­ten, die Face­book-Fotos, wel­che die abge­bil­de­ten Per­so­nen selbst als „gut getrof­fen“ bewer­tet hat­ten, den Fotos aus Teil 2 zuzu­ord­nen. Dabei zeigte sich, dass diese dritte Gruppe bei der Zuord­nung von Face­book-Fotos einer Per­son zu den bei­den in der Stu­die auf­ge­nom­me­nen Stand­bil­dern genauer war, wenn die Fotos von einem Frem­den aus­ge­wählt wor­den waren. Mit ande­ren Wor­ten war die zweite Gruppe bes­ser darin, das Aus­se­hen der ers­ten Gruppe zu iden­ti­fi­zie­ren, als diese selbst.

Dies könnte dar­auf hin­deu­ten, dass Fremde bes­ser wis­sen, wie wir aus­se­hen, als wir selbst. Laut Whites Team erscheint es unlo­gisch, dass Fremde, die ein Gesicht weni­ger als eine Minute lang gese­hen haben, die Ähn­lich­keit zuver­läs­si­ger beur­tei­len kön­nen. Obwohl wir Tag für Tag mit unse­rem eige­nen Gesicht leben, scheint es, als hätte das Wis­sen um das eigene Aus­se­hen sei­nen Preis. Vor­han­dene Gedächt­nis­re­prä­sen­ta­tio­nen beein­flus­sen unsere Fähig­keit, Bil­der aus­zu­wäh­len, die unser aktu­el­les Aus­se­hen gut reprä­sen­tie­ren oder getreu wie­der­ge­ben.“

Stu­dien wie diese deu­ten dar­auf hin, dass wir glau­ben, tat­säch­lich so zu sein, wie wir uns auf Face­book und ande­ren Platt­for­men prä­sen­tie­ren. Wir ver­in­ner­li­chen gewis­ser­ma­ßen unsere eigene Online-Fas­sade.

Gemein­sam sind wir stär­ker

So vor­ein­ge­nom­men unser sozial kon­stru­ier­tes Gedächt­nis auch sein mag, es ist nicht nur Schall und Rauch. Die meis­ten kogni­ti­ons­psy­cho­lo­gi­schen Stu­dien zei­gen, dass das gemein­same Abru­fen von Erin­ne­run­gen in der Regel stö­rend wirkt und die Genau­ig­keit beein­träch­tigt. Celia Har­ris und ihr Team aus Aus­tra­lien woll­ten das ändern. Im Jahr 2011 ver­öf­fent­lich­ten sie einen fas­zi­nie­ren­den Arti­kel, in dem sie die bestehen­den For­schungs­me­tho­den infrage stell­ten, die sich oft auf Fremde kon­zen­trie­ren. Sie woll­ten sich statt­des­sen auf Men­schen kon­zen­trie­ren, die sich sehr gut ken­nen, und dar­auf, wie sie sich an gemein­same Erin­ne­run­gen erin­nern – sowohl an per­sön­li­che als auch an unper­sön­li­che Ereig­nisse.

In der ers­ten Stu­die die­ser Art befrag­ten die For­scher zwölf ver­hei­ra­tete Paare im Alter zwi­schen 26 und 60 Jah­ren zu ihren gemein­sa­men Erin­ne­run­gen. Die Paare wur­den gebe­ten, an zwei Sit­zun­gen im Abstand von zwei Wochen teil­zu­neh­men. In jedem Inter­view erhiel­ten die Teil­neh­mer eine Liste mit zufäl­lig aus­ge­wähl­ten Wör­tern, an die sie sich erin­nern soll­ten. Zudem wur­den sie nach eini­gen per­sön­li­chen Details gefragt, ein­schließ­lich der Namen von Per­so­nen, die sie kann­ten. In der ers­ten Sit­zung wurde zunächst jeder Ehe­part­ner gebe­ten, sich die unper­sön­li­che Liste mit zufäl­li­gen Wör­tern und anschlie­ßend die per­sön­li­che Liste mit Namen zu mer­ken.

In der zwei­ten Sit­zung wur­den die Paare gemein­sam befragt und darum gebe­ten, das­selbe zu tun. Es zeigte sich, dass einige Paare eine kol­la­bo­ra­tive Hem­mung auf­wie­sen. Das bedeu­tet, dass sie die Qua­li­tät und Quan­ti­tät der Infor­ma­tio­nen, an die sie sich erin­ner­ten, tat­säch­lich redu­zier­ten. Andere Paare zeig­ten hin­ge­gen eine kol­la­bo­ra­tive För­de­rung. Das bedeu­tet, dass sie ihrem Ehe­part­ner hal­fen, sich an mehr zu erin­nern. Ob die Part­ner das Gedächt­nis ihres Part­ners för­der­ten oder behin­der­ten, hing also davon ab, wie sie sich gemein­sam erin­ner­ten.

Die For­scher stell­ten fest, dass es sowohl Fak­to­ren gab, die das Gedächt­nis hemm­ten und durch einen Man­gel an Zusam­men­halt zwi­schen den Part­nern ange­zeigt wur­den, als auch Fak­to­ren, die das Gedächt­nis för­der­ten und das Ergeb­nis eines inter­ak­ti­ven Erin­ne­rungs­stils waren. Paare, die sich gegen­sei­tig hal­fen, erin­ner­ten sich bei­spiels­weise an ein Gespräch, das wie folgt ablief:

A: „Wie hieß er noch mal? Ed irgend­was …“

B: „Ja, Ed Sher­man.“

A: „Also, Ed Sher­man war bei dem Abend­essen dabei.“

B: „Das Abend­essen, um Nan­cys Geburts­tag zu fei­ern.“

A: „Ja, mit der rie­si­gen Torte, die nach Pappe geschmeckt hat.“

Dabei fül­len sie gegen­sei­tig die Erin­ne­rungs­lü­cken des ande­ren und arbei­ten gemein­sam daran, die Geschichte neu zu erzäh­len.

Die Arbeit von Anne­lies Vre­de­veldt von der Vrije Uni­ver­si­teit Ams­ter­dam geht weit über eine bloße Auf­zäh­lung von Namen hin­aus. Ich finde ihre For­schung ein­fach fan­tas­tisch. In einer Stu­die aus dem Jahr 2015 rekru­tierte sie bei­spiels­weise Paare, die eine Thea­ter­auf­füh­rung des Stücks „Bos­sen” ver­lie­ßen. Das Stück ent­hält eine drei­mi­nü­tige Szene, in der eine der Figu­ren ihren Vater ermor­det und anschlie­ßend ihre Zwil­lings­schwes­ter ver­ge­wal­tigt. Es war diese Szene, die Anne­lies und ihr Team auf das Thema auf­merk­sam machte. Die Teil­neh­mer wuss­ten nicht, dass sie spä­ter an einer Gedächt­nis­stu­die teil­neh­men wür­den. Sie hat­ten daher keine Mög­lich­keit, sich dar­auf vor­zu­be­rei­ten oder sich das Stück mit die­sem Gedan­ken im Hin­ter­kopf anzu­se­hen.

Die Paare, die sich im Durch­schnitt seit 31 Jah­ren kann­ten, wur­den zunächst ein­zeln und anschlie­ßend gemein­sam zu ihren Erin­ne­run­gen an das Thea­ter­stück befragt. Es zeigte sich, dass die Zusam­men­ar­beit den Teil­neh­mern nicht dabei half, sich bes­ser an die gewalt­tä­tige Szene zu erin­nern. Aller­dings schie­nen sie bei der Zusam­men­ar­beit weni­ger Feh­ler zu machen als bei der Ein­zel­be­fra­gung. Wäh­rend jeder Ehe­part­ner bei der Ein­zel­be­fra­gung im Durch­schnitt 14,6 Feh­ler machte, waren es bei der gemein­sa­men Befra­gung im Durch­schnitt nur 10.

Anne­lies bezeich­net die­sen Effekt, dass wir weni­ger unge­naue Details berich­ten, als Feh­ler­be­rei­ni­gung. Dies könnte dar­auf zurück­zu­füh­ren sein, dass wir in Gesell­schaft vor­sich­ti­ger sind, wel­che Infor­ma­tio­nen wir preis­ge­ben, und weni­ger wahr­schein­lich Details berich­ten, bei denen wir uns unsi­cher sind. In Über­ein­stim­mung mit den frü­he­ren Ergeb­nis­sen von Celia Har­ris fand Anne­lies außer­dem her­aus, dass es bestimmte Stra­te­gien gibt, die Ehe­part­nern dabei hel­fen, sich bes­ser zu erin­nern. Dazu gehö­ren die Aner­ken­nung der Bei­träge des ande­ren, die Wie­der­ho­lung und Neu­for­mu­lie­rung sei­ner Erkennt­nisse sowie die Aus­ar­bei­tung sei­ner Aus­sa­gen.

Zusam­men deu­ten diese Ergeb­nisse dar­auf hin, dass ein Zeit­zeu­gen­ge­spräch unter bestimm­ten Umstän­den gar keine so schlechte Idee ist. Das ist eine gute Nach­richt, denn unser Gedächt­nis ist in gewis­ser Weise kol­lek­tiv. Fast jeder Augen­zeuge hat Mit­zeu­gen, viele sogar mehr als drei, und mehr als die Hälfte hat mit min­des­tens einer die­ser Per­so­nen über das Ereig­nis gespro­chen. Dies ist ver­gleich­bar mit ande­ren Ereig­nis­sen in unse­rem Leben, bei denen wir min­des­tens einen Freund an unse­rer Seite haben, mit dem wir sofort über das Gesche­hene spre­chen.

Was also tun mit die­sen Ergeb­nis­sen? Das Tei­len von Erin­ne­run­gen kann pro­ble­ma­ti­sche Aus­wir­kun­gen haben. In Situa­tio­nen, in denen Erin­ne­run­gen mit ande­ren geteilt wer­den, kön­nen sie gestoh­len oder ver­zerrt wer­den. Es kön­nen auch völ­lig neue, kom­plexe fal­sche Erin­ne­run­gen geschaf­fen wer­den. Die For­schung räumt sol­che Pro­bleme der Plas­ti­zi­tät ein, argu­men­tiert aber auch, dass die Wahr­schein­lich­keit, fal­sche Erin­ne­run­gen zu erzeu­gen und Feh­ler zu machen, unter bestimm­ten Umstän­den nicht so groß ist wie unter ande­ren. Ins­be­son­dere, wenn wir jeman­den sehr gut ken­nen oder unter­stüt­zende und kol­la­bo­ra­tive Stra­te­gien zur Erin­ne­rungs­su­che anwen­den, ist das Risiko von Erin­ne­rungs­feh­lern gerin­ger.

In der Pra­xis sind die Aus­wir­kun­gen die­ser Suche jedoch noch unbe­kannt. Die Vor­teile des gemein­sa­men Erin­nerns wur­den noch nicht aus­rei­chend unter­sucht. Bei der Arbeit mit Frem­den ist unklar, ob sich diese güns­ti­gen Bedin­gun­gen repro­du­zie­ren las­sen oder ob das gemein­same Erle­ben und Erin­nern von Ereig­nis­sen stets pro­ble­ma­tisch sein und zu Erin­ne­rungs­ver­zer­run­gen füh­ren wird.

Die aktu­elle For­schung weist stark dar­auf hin, dass es rat­sam ist, eigene Erin­ne­run­gen zu Papier zu brin­gen, bevor sie durch soziale Pro­zesse ver­fälscht wer­den. Nach­dem du deine Erin­ne­run­gen an einem Ort fest­ge­hal­ten hast, auf den du spä­ter zurück­grei­fen kannst, kannst du sie mit ande­ren tei­len. Sei dir aber bewusst, dass deine Freunde und deine Fami­lie zu die­sem Zeit­punkt eben­falls dazu bei­tra­gen kön­nen, dass sich deine Erin­ne­rung in die eine oder andere Rich­tung ent­wi­ckelt.

Eine Welt vol­ler Zeu­gen

Sobald wir unser Leben in den sozia­len Medien tei­len, machen wir eine fast unend­li­che Zahl von Men­schen zu Zeu­gen unse­res Lebens. Das wirkt sich unwi­der­ruf­lich auf unsere Erin­ne­run­gen aus – im Guten wie im Schlech­ten.

Soziale Medien ver­bes­sern im Wesent­li­chen die Erin­ne­rung an bestimmte Lebens­er­eig­nisse, da sie diese Erin­ne­rung för­dern. In der wis­sen­schaft­li­chen Lite­ra­tur wird die­ser Effekt manch­mal als „Recall“ bezeich­net. Das bedeu­tet, dass allein das Abru­fen von Infor­ma­tio­nen unsere Erin­ne­rung an diese ver­bes­sert. Stu­dien zu die­sem Effekt haben gezeigt, dass das Abru­fen von Infor­ma­tio­nen zu einer bes­se­ren Spei­che­rung die­ser Infor­ma­tio­nen füh­ren kann als das Ler­nen der­sel­ben Infor­ma­tio­nen über den­sel­ben Zeit­raum. Diese For­schungs­rich­tung legt also nahe, dass zehn Minu­ten des Erin­nerns bes­ser für das Gedächt­nis sein kön­nen als zehn Minu­ten des Ler­nens.

Soziale Medien bie­ten uns auch eine noch nie dage­we­sene Mög­lich­keit, unsere Erin­ne­run­gen zu fes­ti­gen. Wenn wir unser Mit­tag­essen auf Insta­gram pos­ten, doku­men­tie­ren wir bei­spiels­weise, wo und was wir zu Mit­tag geges­sen haben. Wenn wir unsere Mei­nun­gen twit­tern, kön­nen wir spä­ter nach­voll­zie­hen, ob und wie sich unsere Ein­stel­lun­gen im Laufe der Zeit geän­dert haben. Wenn wir auf Face­book Freunde hin­zu­fü­gen, sehen wir, wann wir jeman­den zum ers­ten Mal getrof­fen haben und wie sich unsere Bezie­hung zu die­ser Per­son ent­wi­ckelt hat. Wir ver­fü­gen über eine erstaun­li­che Menge per­sön­li­cher Daten, die es uns ermög­li­chen, viele unse­rer Erin­ne­run­gen nach­zu­voll­zie­hen und zu bestä­ti­gen. Im Falle fal­scher Erin­ne­run­gen kann dies sehr nütz­lich sein. Mit der Welt als Zeuge kön­nen wir das Inter­net nut­zen, um im Ernst­fall zu bewei­sen, was pas­siert ist.

Neben dem Ver­such, unsere Auf­merk­sam­keit bes­ser zu tei­len, der Tat­sa­che, dass Fehl­in­for­ma­tio­nen von prak­tisch jedem stam­men kön­nen, und der Tat­sa­che, dass wir uns weni­ger Mühe geben, uns Fak­ten zu mer­ken, weil wir sie spä­ter ein­fach goo­geln kön­nen, gibt es auch eine weit­aus pro­ble­ma­ti­schere Seite des Social-Media-Gedächt­nis­ses. Stän­dige, auf­dring­li­che Auf­for­de­run­gen und Benach­rich­ti­gun­gen der sozia­len Medien, die uns an bestimmte Ereig­nisse erin­nern und uns immer mehr Infor­ma­tio­nen auf­drän­gen, kön­nen näm­lich auch dazu füh­ren, dass unsere Rea­li­tät stark ver­zerrt wird.

Dies hängt mit dem Ver­ges­sens­ef­fekt zusam­men, der beim Erin­nern aus­ge­löst wird. Jedes Mal, wenn wir uns an etwas erin­nern, wird das ent­spre­chende Zell­netz­werk akti­viert. Die­ses Netz­werk hat das Poten­zial, sich zu ver­än­dern und Details zu ver­lie­ren, an die wir uns nicht direkt erin­nern. Ein Bei­spiel: Du wirst auf Face­book an einen Urlaub erin­nert. Diese Erin­ne­rung kann ein ein­zel­nes Foto des Ereig­nis­ses mit einer Bild­un­ter­schrift sein. Wenn du dich an den Moment erin­nerst, in dem das Foto auf­ge­nom­men wurde, ist es mög­lich und sogar wahr­schein­lich, dass du die damit ver­bun­de­nen Infor­ma­tio­nen über andere Dinge, die an die­sem Tag pas­siert sind, ver­gisst.

Selbst­ver­ständ­lich sind nicht nur die sozia­len Medien in der Lage, Erin­ne­run­gen zu ver­än­dern. Das Wie­der­auf­le­ben von Erin­ne­run­gen in jeder Situa­tion hat das Poten­zial, diese zu ver­zer­ren. Das Beson­dere an den sozia­len Medien ist jedoch, dass die Erin­ne­run­gen aus dei­ner Online-Per­sön­lich­keit aus­ge­wählt wer­den. Dadurch stel­len sie bereits eine an die sozia­len Medien ange­passte, ver­zerrte Ver­sion dei­nes Lebens dar. Dies führt zu einer dop­pel­ten Ver­zer­rung: Zum einen wird die Erin­ne­rung in dei­nem Gehirn durch eine bereits ver­zerrte Erin­ne­rung aus dei­ner Online-Per­sön­lich­keit ver­zerrt.

Soziale Medien bestim­men, wel­che Erfah­run­gen in unse­rem Leben als die bedeut­sams­ten ange­se­hen wer­den. Dadurch kön­nen Erin­ne­run­gen, die als weni­ger teil­bar gel­ten, eli­mi­niert wer­den. Gleich­zei­tig wer­den Erin­ne­run­gen, die kol­lek­tiv als sym­pa­thisch aus­ge­wählt wur­den, ver­stärkt, sodass sie bedeut­sa­mer und ein­präg­sa­mer erschei­nen kön­nen, als sie es ursprüng­lich waren. Beide Pro­zesse sind pro­ble­ma­tisch und kön­nen unsere per­sön­li­che Rea­li­tät ver­zer­ren.

Woher wis­sen wir, ob wir uns an die Rea­li­tät erin­nern, die wir erlebt haben, oder an die Rea­li­tät, die wir online geschaf­fen haben? Wahr­schein­lich kannst du den Unter­schied nicht erken­nen, da soziale Erin­ne­rungs­pro­zesse ver­stärkt wer­den und das Poten­zial haben, uns auf eine Weise zu durch­drin­gen, die bis­her nicht mög­lich war. Soziale Medien und unsere Fähig­keit, mit ande­ren in Kon­takt zu tre­ten, brin­gen eine Reihe fas­zi­nie­ren­der neuer Her­aus­for­de­run­gen und Vor­teile mit sich. Gedächt­nis­for­scher begin­nen gerade erst, diese zu erfor­schen. Es ist eine schöne neue Welt, und wir kön­nen uns alle auf span­nende Ent­wick­lun­gen in der Art und Weise freuen, wie wir uns gemein­sam erin­nern.

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