Die Welt ist tief gespalten. Ob in Europa oder in den Vereinigten Staaten: Wir sind politisch stärker polarisiert als je zuvor in der jüngeren Geschichte. Wir sind nicht nur in politischen Fragen uneinig, sondern schreiben unseren Gegnern auch negative Eigenschaften zu. Die Psychologie lehrt uns, dass dieses Ausmaß an Spaltung schwerwiegende Folgen für die psychische Gesundheit, das Funktionieren der Demokratie und das Risiko politischer Gewalt hat.
Stark polarisierte Gesellschaften schaffen die Voraussetzungen für eine Radikalisierung hin zu gewalttätigen und supremacistischen Ideologien. Doch was kann getan werden, um die Polarisierung zu verringern? Im Folgenden biete ich Einblicke und evidenzbasierte Handlungsschritte zum Verständnis von Polarisierung und Radikalisierung sowie zur Überbrückung politischer Gräben.
Drei Erkenntnisse aus der Psychologie
01. Das Problem ist die emotionale Polarisierung und nicht die ideologischen Meinungsverschiedenheiten.
Die meisten Menschen stellen sich unter politischer Polarisierung zwei Lager vor, die sich in Fragen wie Abtreibung, Einwanderung und Waffengesetzgebung uneinig sind. Die Forschung unterscheidet jedoch deutlich zwischen ideologischer Polarisierung, also unterschiedlichen politischen Ansichten, und affektiver Polarisierung, also negativen Emotionen gegenüber politischen Außenstehenden. Es gibt immer mehr Belege dafür, dass die affektive Polarisierung, also die Tendenz, politische Gegner negativ zu sehen, das dringlichere Problem darstellt.
Dies rührt daher, dass die Mitgliedschaft in einer politischen Partei zu einer starken sozialen Identität geworden ist. Für manche Amerikaner hat die Bezeichnung „Demokrat“ oder „Republikaner“ beispielsweise das gleiche psychologische Gewicht wie die Religionszugehörigkeit oder die ethnische Identität. Jahrzehntelange Forschungsergebnisse zeigen zudem, dass die Ableitung des Selbstbildes aus der Gruppenzugehörigkeit zu einer Bevorzugung der eigenen Gruppe und einer Abwertung anderer Gruppen führt.
In diesem Zusammenhang sind wir nicht nur unterschiedlicher Meinung, sondern teilen uns in grundlegend verschiedene Lager auf. Diese haben eine unterschiedliche Vorstellung davon, wie das Leben in den USA, in Deutschland oder in einem anderen Land aussieht, wer geschützt werden sollte und wer eine Bedrohung darstellt. Wenn Gegner nicht nur als politische Rivalen, sondern als existenzielle Bedrohung wahrgenommen werden, schwindet jede Aussicht auf einen Dialog.
02. Fakten ändern nicht so einfach unsere Meinung, wie wir glauben.
Eine der am häufigsten bestätigten und zugleich widersprüchlichsten Erkenntnisse der Sozialpsychologie ist, dass sich die Überzeugungen von Menschen oft nicht ändern, wenn man ihnen Fakten präsentiert, die diesen Überzeugungen widersprechen. Tatsächlich können diese Überzeugungen dadurch sogar noch verstärkt werden. Dieses Phänomen wird manchmal als „Backfire-Effekt“ bezeichnet und spiegelt das motivierte Denken wider, also die Tendenz, Beweise so zu bewerten, dass bestehende Überzeugungen und Identitäten geschützt werden.
Eine höhere Intelligenz oder kognitive Reife führt nicht zwangsläufig zu fundierteren Überzeugungen. Tatsächlich deuten Studien darauf hin, dass höhere kognitive Fähigkeiten den Menschen lediglich ausgefeiltere Werkzeuge an die Hand geben, um ihre bereits bestehenden Überzeugungen zu rationalisieren. Angesichts unserer Tendenz, Ideen, die unserem bestehenden Weltbild widersprechen, strenger zu hinterfragen, lässt sich vermuten, dass Fakten, die versuchen, unsere politischen Ansichten zu widerlegen, nicht sehr überzeugend sein werden. Dies hat erhebliche Auswirkungen auf Kommunikationsfachleute im Bereich der öffentlichen Gesundheit, Pädagogen und alle, die versuchen, Fehlinformationen entgegenzuwirken: Rein faktenbasierte Ansätze zur Meinungsänderung können kontraproduktiv sein.
03. Eine Immunisierung ist wirksamer als eine Widerlegung gegen Propaganda
Da eine direkte Widerlegung oft erfolglos bleibt, hat die Forschung einen alternativen Ansatz zur Prävention von Radikalisierung entwickelt, der auf der Inokulationstheorie basiert. Die ursprünglich im Rahmen der Forschung zu Einstellungsänderungen entwickelte Inokulationstheorie besagt, dass die Konfrontation mit abgeschwächten Formen von Überzeugungsversuchen im Voraus kognitive und emotionale Widerstandsfähigkeit aufbauen soll – ähnlich wie eine Impfung.
Auf die Prävention von Radikalisierung angewendet, bedeutet dies, den Menschen zu vermitteln, wie Propaganda funktioniert – beispielsweise welche rhetorischen Techniken und Formen der emotionalen Manipulation zum Einsatz kommen –, bevor sie dieser ausgesetzt sind. Untersuchungen zeigen, dass die Technik des „Prebunking“ die Zustimmung zu Propaganda verringert, indem sie ein Gefühl der Empörung darüber auslöst, manipuliert zu werden. Wenn Menschen das Gefühl haben, dass jemand versucht, sie zu täuschen, leisten sie Widerstand. Diese Maßnahme hat sich als wirksam erwiesen, um die Zustimmung zu wissenschaftlichem Rassismus, Impfskepsis sowie islamfeindlicher und radikal-islamistischer Desinformation zu verringern.
Drei konkrete Schritte, was zu tun ist
01. Führe mit Neugier statt mit Überredungskunst.
Eine weitere wichtige Erkenntnis aus der Forschung zur Verringerung von Polarisierung ist, dass positive Interaktionen zwischen gegnerischen Gruppen Vorurteile abbauen können. Dabei spielen die Qualität und die Art dieses Kontakts jedoch eine entscheidende Rolle. Wenn man parteiübergreifende Gespräche mit dem Ziel führt, andere zu überzeugen oder ihnen etwas beizubringen, löst dies bei der Gegenseite Abwehrhaltungen aus.
Eine Herangehensweise an den Dialog, die von echter Neugier geprägt ist, schafft umgekehrt die Voraussetzungen für Offenheit. Das bedeutet, Fragen wie „Welche Geschichte oder Erfahrung hat dich zu dieser Überzeugung gebracht?“ zu stellen, anstatt zu fragen: „Warum denkst du das?“ Wenn man Menschen dazu bringt, über die Ursprünge ihrer Überzeugungen – insbesondere feindseliger Natur – nachzudenken, durchbricht man den Prozess, bei dem einzelne Erfahrungen herangezogen werden, um Verallgemeinerungen über ganze Personengruppen zu treffen.
02. Vermittle die Mechanismen der Manipulation, bevor man ihnen begegnet.
Bei der Prävention von Radikalisierung stehen Eltern, Pädagogen, religiöse Führer und gemeinnützige Organisationen an vorderster Front. Oft verfügen sie jedoch nicht über das nötige Wissen oder die geeigneten Mittel, um wirksam zu handeln. Ein Ansatz aus dem Bereich der öffentlichen Gesundheit empfiehlt zur Prävention von Extremismus, den vertrauenswürdigen Erwachsenen im Umfeld junger Menschen Medienkompetenz sowie Kenntnisse darüber zu vermitteln, wie Radikalisierung funktioniert.
Prebunking-Maßnahmen, die auf „Inokulation“ setzen, also kurze Aufklärungsmaßnahmen, bei denen Menschen mit Propagandatechniken konfrontiert werden, bevor sie diesen in der Praxis begegnen, tragen wirksam dazu bei, die Anfälligkeit für Falschinformationen in allen Altersgruppen und politischen Lagern zu verringern. Schulen, Bibliotheken und gemeinnützige Organisationen können diese Art der Medienkompetenz in ihre bestehenden Programme integrieren. Das Ziel dieser Maßnahmen besteht nicht darin, den Menschen vorzuschreiben, was sie glauben sollen, sondern sie darin zu schulen, Manipulationsversuche zu erkennen.
03. Investiere in die Stärkung des Gemeinschaftsgefühls als Präventionsmaßnahme
Da Polarisierung und Radikalisierung soziale und zwischenmenschliche Phänomene sind, muss auch die Prävention zwischenmenschlicher Natur sein, um wirksam zu sein. Untersuchungen zeigen, dass Menschen mit starken sozialen Bindungen und einem Zugehörigkeitsgefühl weniger anfällig dafür sind, von extremistischen Gruppen rekrutiert zu werden. Investitionen in die Zivilgesellschaft, einschließlich Nachbarschaftsorganisationen, Glaubensgemeinschaften und Bürgerinitiativen, sind demnach eine evidenzbasierte Strategie zur Verringerung von Radikalisierung. Die Teilnahme an diesen Organisationen bringt Menschen in einem risikoarmen Umfeld mit vielfältigen Perspektiven in Kontakt, schafft übergreifende soziale Identitäten und fördert das Vertrauen, das als Puffer gegen entmenschlichende politische Rhetorik wirkt.
Fazit
Polarisierung hat ihre Wurzeln in den grundlegenden menschlichen Bedürfnissen nach Identität, Zugehörigkeit, Bedeutung und Sicherheit. Die Forschungsergebnisse zeigen eindeutig, dass Versuche, Gräben allein durch Fakten zu überbrücken, nicht ausreichen. Erfolgversprechend ist es hingegen, den Menschen auf der Ebene ihrer Erfahrungen zu begegnen, die Beziehungswege in den und aus dem Extremismus zu verstehen und in Gemeinschaftsstrukturen zu investieren, die Zugehörigkeit ohne die Notwendigkeit eines Feindes ermöglichen.
