Ver­stärkt die Infor­ma­ti­ons­flut deine Angst­zu­stände?

Ist zu viel Infor­ma­tion schäd­lich? Im Hin­blick auf Angst­stö­run­gen stellt die Infor­ma­ti­ons­flut, die uns durch die heu­tige Tech­no­lo­gie zur Ver­fü­gung steht, ein Pro­blem dar. Ein Ver­gleich der Prä­va­lenz­ra­ten von Angst­stö­run­gen im Zeit­raum von 2007–2009 mit denen von 2019–2022 zeigt einen deut­li­chen Anstieg.

Obwohl viele Fak­to­ren zu die­sem Anstieg von Angst­stö­run­gen bei­tra­gen kön­nen, sollte man beden­ken, dass das erste iPhone erst 2007 auf den Markt kam und es einige Jahre dau­erte, bis Smart­phones flä­chen­de­ckend ver­brei­tet waren. Zu den offen­sicht­li­chen Grün­den für die Zunahme von Angst­zu­stän­den zäh­len beun­ru­hi­gende Nach­rich­ten, die uner­war­tet auf unse­ren Han­dys erschei­nen, sowie die schäd­li­chen Aus­wir­kun­gen sozia­ler Medien auf unsere Gesund­heit, ins­be­son­dere auf die von Teen­ager-Mäd­chen.

Tech­no­lo­gie und Into­le­ranz gegen­über Unsi­cher­heit

Ein wei­te­rer Aspekt, den ich als beson­ders pro­ble­ma­tisch und in direk­tem Zusam­men­hang mit unse­rer zuneh­men­den Angst sehe, ist, dass die Tech­no­lo­gie unsere Fähig­keit, Unsi­cher­heit zu tole­rie­ren, unter­gra­ben hat. Into­le­ranz gegen­über Unsi­cher­heit gilt als cha­rak­te­ris­ti­sches Merk­mal der meis­ten, wenn nicht aller Angst­stö­run­gen.

Hier sind einige Bei­spiele von Men­schen, die mit Unsi­cher­heit zu kämp­fen haben und sich dabei auf Tech­no­lo­gie ver­las­sen.

  • Michael ist ein Mann mitt­le­ren Alters, der unter einer gene­ra­li­sier­ten Angst­stö­rung lei­det. Er macht sich stän­dig Sor­gen um seine Finan­zen und über­prüft mehr­mals täg­lich seine Bank­kon­ten, um sich zu ver­ge­wis­sern, dass alles in Ord­nung ist.
  • Karla ist eine junge Mut­ter, die unter Zwangs­stö­rungs­sym­pto­men lei­det. Sie stellt fest, dass sie nicht viel schläft, weil sie stän­dig auf das Baby­phone starrt, um sicher­zu­stel­len, dass ihr Baby noch atmet.
  • Tors­ten, ein Jura­stu­dent, der sei­nen Vater in jun­gen Jah­ren an einem Herz­in­farkt ver­lo­ren hat, lei­det nun unter Panik­at­ta­cken. Er befürch­tet, eben­falls an einem Herz­in­farkt zu ster­ben. Um seine Angst zu lin­dern, nutzt er häu­fig die Herz­fre­quenz­mes­sung sei­ner Uhr.
  • Chris­tian ist ein selbst­er­nann­ter Hypo­chon­der. Er hat den Sprung von Google zur KI geschafft und befragt diese zu jedem unge­wöhn­li­chen Kör­per­sym­ptom, das er erlebt.
  • Dank Life360 weiß Fran­ziska jeder­zeit, wo sich ihre bei­den stu­die­ren­den Töch­ter auf­hal­ten, obwohl sie nicht im sel­ben Bun­des­staat woh­nen. Auf­fäl­lig ist, dass ihre Töch­ter ihr den gan­zen Tag über Nach­rich­ten schrei­ben und häu­fig ihren Rat oder emo­tio­nale Unter­stüt­zung suchen.

In alten Zei­ten

Bevor wir dank der Tech­no­lo­gie einen so ein­fa­chen Zugang hat­ten, muss­ten wir uns oft mit unse­ren Ängs­ten aus­ein­an­der­set­zen, wenn etwas Unge­wis­ses auf­trat. Die Men­schen fühl­ten sich wei­ter­hin ängst­lich und grif­fen mög­li­cher­weise zu unge­sun­den Ver­hal­tens­wei­sen, um diese Unsi­cher­heit zu redu­zie­ren. Das war jedoch nicht so ein­fach wie heute.

Ein Schlüs­sel zur Über­win­dung von Angst­zu­stän­den besteht darin, sie zuzu­las­sen, nicht nach Bestä­ti­gung von außen zu suchen und zu ler­nen, dass sie von selbst nach­las­sen. Je bes­ser man das ver­in­ner­licht hat, desto bes­ser geht es einem lang­fris­tig.

Sich der Beru­hi­gung wider­set­zen vs. ihr nach­ge­ben

Bei Zwangs­stö­run­gen kommt bei­spiels­weise die Expo­si­ti­ons­the­ra­pie mit Reak­ti­ons­ver­hin­de­rung zum Ein­satz. Neh­men wir an, jemand lei­det unter Zwangs­ge­dan­ken bezüg­lich Kei­men oder Schmutz. Im Rah­men der The­ra­pie könnte die betrof­fene Per­son sich selbst „kon­ta­mi­nie­ren“, indem sie bei­spiels­weise einen Tür­griff oder die Schuh­sohle berührt und anschlie­ßend dem Zwangs­akt (Hän­de­wa­schen) wider­steht. Zwar löst dies zunächst große Angst aus, doch durch wie­der­hol­tes Üben ler­nen die Betrof­fe­nen, dass es kei­nen Grund zur Furcht gibt. Mit der Zeit wird ihre Angst bes­ser beherrsch­bar und nimmt ab.

Ande­rer­seits lernt jemand, der auf­grund von Krank­heits­angst mehr­mals täg­lich ChatGPT wegen gesund­heit­li­cher Sym­ptome kon­sul­tiert, nicht, mit der Unsi­cher­heit des Nicht­wis­sens umzu­ge­hen. Zwar mag seine Angst nach­las­sen, wenn er etwas mit KI über­prüft, doch sobald sie zurück­kehrt, ver­fällt er wie­der in das­selbe Ver­hal­ten und bleibt so im Teu­fels­kreis aus Angst und Beru­hi­gung gefan­gen. Tat­säch­lich beschrei­ben viele ihre Tech­no­lo­gie­ab­hän­gig­keit als Sucht.

Die Abhän­gig­keit von Tech­no­lo­gie über­win­den

Hier sind einige Schritte, die dir dabei hel­fen kön­nen, deine Abhän­gig­keit von Tech­no­lo­gie zu ver­rin­gern und deine Angst­zu­stände lang­fris­tig in den Griff zu bekom­men.

  • Schritt 1: Ana­ly­siere deine Tech­no­lo­gie­nut­zung im Zusam­men­hang mit Angst­zu­stän­den. Führe in der kom­men­den Woche ein Pro­to­koll dar­über, wann du Tech­no­lo­gie nutzt, um Angst­zu­stände zu lin­dern oder dein Unbe­ha­gen ange­sichts von Unsi­cher­heit zu redu­zie­ren.
  • Schritt 2: Über­prüfe die Punkte auf der Liste. Gibt es Berei­che, in denen Sie Ihre Tech­nik­nut­zung redu­zie­ren könn­ten? Am ein­fachs­ten ist es oft, mit etwas anzu­fan­gen, das nur geringe bis mäßige Angst aus­löst.
  • Schritt 3: Setze dir zunächst Ziele. Bei­spiele sind: „Ich werde fünf Minu­ten war­ten, bevor ich die KI nach einem Kör­per­sym­ptom frage”, „Ich werde mein Bank­konto nur noch drei­mal pro Woche statt zwei­mal täg­lich über­prü­fen” oder „Ich werde meine Uhr nicht mehr tra­gen, weil der Drang, mei­nen Puls zu über­wa­chen, zu groß ist”.
  • Schritt 4: Über­prüfe deine Ziele. Feiere deine Erfolge. Wenn ein Ziel uner­reich­bar war, über­legst du, ob du dir ein neues, rea­lis­ti­sche­res Ziel set­zen möch­test. Andern­falls fin­dest du her­aus, was dich daran gehin­dert hat.

Wenn die Angst außer Kon­trolle gerät

Nicht jeder kann diese Auf­gabe allein bewäl­ti­gen. Wenn es dir schwer­fällt, deine Angst im Umgang mit Tech­no­lo­gie in den Griff zu bekom­men, ziehe die Hilfe eines The­ra­peu­ten in Betracht. Es kann sehr schwer­fal­len, dem Drang zu wider­ste­hen, Bestä­ti­gung zu suchen, wenn die Ant­wort nur einen Blick in die Hosen­ta­sche ent­fernt ist.

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