In unserem Geiste existiert ein komplexes kognitives System aus Kernüberzeugungen, bedingten Annahmen und Bewältigungsstrategien. All diese Komponenten wirken zusammen und beeinflussen unsere Interpretation und Reaktion auf die Ereignisse unseres Alltags. Betrachten wir jede dieser Komponenten im Detail, um zu verdeutlichen, wie problematische Denkmuster und Verhaltensweisen entstehen können.
Grundüberzeugungen
Kernüberzeugungen sind grundlegende Überzeugungen, die es uns ermöglichen, unsere Erfahrungen zu filtern, einzuordnen und zu interpretieren. Sie prägen unsere Sicht auf uns selbst, andere, die Welt und die Zukunft. Sie spielen eine entscheidende Rolle für unser Weltverständnis und können wie Karteikarten in unserem Gehirn betrachtet werden. Jede unserer Kernüberzeugungen gibt uns Orientierung darüber, worauf wir achten und wie wir Informationen interpretieren.
Wichtig ist, dass Kernüberzeugungen hilfreich und anpassungsfähig sein können. Sie können jedoch auch hinderlich und unangepasst sein. Letztere sind oft starr, pauschal und extrem. Angepasste Überzeugungen fördern hingegen Resilienz, Selbstwirksamkeit, Flexibilität sowie ein ausgewogenes und differenziertes Denken.
Nachfolgend findest du einige grundlegende Überzeugungen über das Selbst, die Welt, andere Menschen und die Zukunft, die dir helfen können.
- Die Welt birgt zwar Risiken, diese sind jedoch im Allgemeinen beherrschbar.
- Die meisten Menschen geben ihr Bestes.
- Ich bin liebenswert und wertvoll.
- Es passieren schlimme Dinge, aber sie sind nicht allgegenwärtig.
- Ich bin ein guter Mensch.
- Ich bin fähig.
- In der Regel lassen sich Probleme lösen.
- Auf der Welt gibt es Gutes und Schlechtes.
Im Folgenden siehst du hinderliche Grundüberzeugungen über das Selbst, die Welt, andere Menschen und die Zukunft.
- Die Welt ist gefährlich, und nichts ist sicher.
- Wenn etwas schiefgehen kann, dann wird es auch schiefgehen.
- Überall lauert eine Katastrophe.
- Ich bin wertlos und ungeliebt.
- Die Welt ist ungerecht und immer gegen mich.
- Wenn du es zulässt, werden Menschen dich verletzen.
- Ich kann niemandem vertrauen.
Abschließend noch zwei wichtige Informationen zu den Kernüberzeugungen:
- Unsere grundlegenden Überzeugungen basieren auf vergangenen Erfahrungen. Wie wir uns an frühere Situationen erinnern, beeinflusst, wie wir gegenwärtige Situationen interpretieren.
- Kernüberzeugungen basieren auch auf unseren aktuellen Erfahrungen. Diese Kernerfahrungen erhalten sich selbst, da sie kontinuierlich verstärkt werden. Wir scannen unsere Umgebung und wählen Hinweise aus, die eine bestehende Kernüberzeugung weiter bestärken, während wir Hinweise, die diese Überzeugung infrage stellen, ignorieren. Anders ausgedrückt wirken Kernüberzeugungen wie mentale Magnete. Sie ziehen Beweise an, die unsere Überzeugung bestätigen, und stoßen Beweise ab, die sie widerlegen.
Bedingte Annahmen
Bedingte Annahmen unterscheiden sich von Kernüberzeugungen. Während Kernüberzeugungen unbedingt sind und umfassendere, allgemeinere Ansichten beinhalten, beeinflussen bedingte Annahmen die Reaktion einer Person auf konkrete Ereignisse in ihrer Umgebung. Sie beinhalten oft Formulierungen wie „Wenn …, dann …“. Sie entspringen unseren Kernüberzeugungen über uns selbst, andere Menschen und die Welt.
Bewältigungsstrategien
Bewältigungsstrategien sind Versuche, mit problematischen Grundüberzeugungen und bedingten Annahmen umzugehen. Mit anderen Worten: Wir nutzen Bewältigungsstrategien, um uns selbst zu schützen. Möglicherweise versuchen wir, andere daran zu hindern, die „Wahrheit“ über uns zu erkennen – dass wir nicht gut genug sind –, oder wir versuchen, uns vor Verletzungen zu schützen.
All diese Annahmen und Überzeugungen führen dazu, dass wir Dinge verzerrt interpretieren. Menschen mit hinderlichen Grundüberzeugungen und ‑annahmen begehen oft sogenannte Denkfehler. Diese problematischen Denkmuster können dysfunktionale Überzeugungen und Annahmen wiederum verstärken.
Einige Beispiele für Denkfehler sind:
- Voreilige Schlüsse ziehen: etwas ohne ausreichende oder gar ohne Beweise anzunehmen.
- Katastrophisieren: davon ausgehen, dass das schlimmste Szenario bereits eingetreten ist oder eintreten wird
- Emotionales Denken: die Annahme, dass die eigenen Gefühle ein gültiger Indikator für die gegenwärtige Situation oder zukünftige Entwicklungen sind.
- Mentaler Filter / Tunnelblick: selektive Aufmerksamkeit für bestimmte Informationen bei gleichzeitiger Ausblendung anderer relevanter Informationen.
- Übergeneralisierung: Auf der Grundlage eines oder zweier Fälle weitreichende Annahmen über alle Situationen treffen.
Versuche, das auf dein eigenes Leben anzuwenden. Welche wiederkehrenden, automatischen Gedanken haben Ihnen Probleme bereitet? Könnten diese Gedanken kognitive Verzerrungen oder Denkfehler widerspiegeln? Suche nach wiederkehrenden Mustern in diesen Gedanken. Zweifelst du oft an deinen Fähigkeiten? Oder stellst du die Motive und die Vertrauenswürdigkeit anderer häufig infrage? Wenn ja, welche tiefsitzenden Überzeugungen könnten diese wiederkehrenden Gedanken auslösen?
All dies aufzudecken, kann ein komplexer Prozess sein. In der kognitiven Therapie wird großer Wert darauf gelegt, problematische Überzeugungen, Annahmen und Bewältigungsstrategien zu identifizieren und zu verändern. So soll den Betroffenen die angestrebte zwischenmenschliche Veränderung (z. B. Linderung von Angstzuständen) ermöglicht werden. Bewusstsein und Identifizierung sind die ersten Schritte. Anschließend werden diese Überzeugungen und Annahmen mithilfe verschiedener Übungen hinterfragt. Durch diesen Prozess kann man seine Sicht auf sich selbst, andere und die Welt erfolgreich verändern.
