Stress ist dein bes­ter Feind

Heut­zu­tage gilt Stress als die Gei­ßel des Jahr­hun­derts: Laut einer von der Euro­päi­schen Union finan­zier­ten Stu­die aus dem Jahr 2013 wur­den die stress­be­ding­ten Kos­ten in Europa auf 617 Mil­li­ar­den Euro geschätzt. 25 Pro­zent der Arbeit­neh­mer in der EU waren dem­nach von Stress betrof­fen, was eine enorme Zahl ist. Seit­dem ist die­ser Pro­zent­satz ste­tig gestie­gen.

Lang anhal­ten­der Stress hat viele schäd­li­che Aus­wir­kun­gen auf unsere kör­per­li­che und geis­tige Gesund­heit. Er kann Angst­zu­stände und Depres­sio­nen aus­lö­sen sowie zu Schlaf­stö­run­gen, Rücken­schmer­zen, Ver­dau­ungs­pro­ble­men und einem geschwäch­ten Immun­sys­tem füh­ren. Auch Magen­ge­schwüre kön­nen die Folge sein. Dane­ben wirkt er sich auch auf unsere Psy­che aus. Er beein­flusst unsere Fähig­keit zur Ambi­gui­täts­re­duk­tion sowie unsere Kohä­renz und führt zu zahl­rei­chen nega­ti­ven Ver­zer­run­gen. Wenn wir gestresst sind, haben wir oft das Gefühl, dass unser Gehirn gegen uns arbei­tet.

Stress hat oft para­doxe Fol­gen für uns Men­schen. Warum kann bei­spiels­weise ein Schü­ler in der Nacht vor einer Prü­fung nicht ein­schla­fen, obwohl er eine gute Nacht­ruhe so viel drin­gen­der bräuchte? Ebenso: Warum fällt uns mit­ten in einer Prä­sen­ta­tion vor Publi­kum plötz­lich alles aus dem Kopf, obwohl wir bis dahin voll kon­zen­triert waren? Warum bekom­men wir Migräne, wenn eine wich­tige Ent­schei­dung ansteht? Warum ver­lie­ren wir den Appe­tit, wenn wir beun­ru­hi­gende Nach­rich­ten erhal­ten? Anders gefragt: Warum reagiert unser Kör­per so emp­find­lich auf Stress?

Stress ist im Grunde ein posi­ti­ver Mecha­nis­mus unse­rer Gehirn­ak­ti­vi­tät, der uns beim Über­le­ben hilft. Doch wie und warum hat er sich heute zu einem Han­di­cap für den Men­schen ent­wi­ckelt?

Stell dir vor, du folgst einem Zebra in der Savanne. Das Tier lebt fried­lich sein Zebra-Leben. Es grast und streift umher. Sein Stress­le­vel ist mini­mal. Plötz­lich bemerkt das Zebra in der Ferne eine hung­rige Löwin. Sofort schnellt sein Stress­le­vel in die Höhe. Der ame­ri­ka­ni­sche For­scher Karl Pri­bram stellte die Hypo­these auf, dass Tiere vier Instinkte besit­zen, die ihnen das Über­le­ben ermög­li­chen. Er nannte sie die vier Fs: Füh­len, Ficken, Kämp­fen und Flie­hen. Uns inter­es­siert die Kampf-oder-Flucht-Reak­tion, da sie der ers­ten Stress­re­ak­tion bei Wir­bel­tie­ren ent­spricht.

Beim Zebra wird der Stres­speak (Kampf-oder-Flucht-Reflex) bereits beim ers­ten Anblick der Löwin aus­ge­löst. Das sym­pa­thi­sche Ner­ven­sys­tem des Zebras reagiert dar­auf auto­ma­tisch mit erhöh­ter Herz- und Atem­ak­ti­vi­tät sowie Mus­kel­span­nung. Dies ist für das Sehen und, falls nötig, für das Kämp­fen erfor­der­lich. Umge­kehrt wer­den Ver­dau­ung, Immun­sys­tem und Libido gehemmt, da sie für das unmit­tel­bare Über­le­ben nutz­los sind. Alle Res­sour­cen des Zebras wer­den somit auf ein ein­zi­ges Ziel mobi­li­siert: das Über­le­ben. Wäre das Zebra beim Anblick der Löwin ent­spannt geblie­ben, hätte es wahr­schein­lich nicht lange über­lebt. Bei der Löwin ist der Stres­speak mit dem des Zebras ver­gleich­bar, wird jedoch durch die Angst vor dem Ver­hun­gern aus­ge­löst. Sobald sie das Zebra sieht, mobi­li­siert die Löwin all ihre Ener­gie, um es zu fan­gen und zu fres­sen.

Stress ist für alle Wir­bel­tiere eine essen­zi­elle Funk­tion, da er das Über­le­ben sichert. Befin­det man sich in Lebens­ge­fahr, ist es sinn­los, Ener­gie in Ver­dau­ung, Libido oder die Bekämp­fung eines Virus zu inves­tie­ren. Ein leis­tungs­fä­hi­ges Mus­kel­sys­tem ist hin­ge­gen uner­läss­lich. Wich­tig ist, dass der Stres­speak bei Tie­ren nicht lange anhält. Sobald die Gefahr vor­über ist, über­nimmt das para­sym­pa­thi­sche Ner­ven­sys­tem die Kon­trolle und alles nor­ma­li­siert sich wie­der.

Über­tra­gen wir das Zebra-Sze­na­rio nun auf unsere Vor­fah­ren, die Homo sapi­ens sapi­ens, bevor sie sess­haft wur­den. Sie besa­ßen das­selbe bio­lo­gi­sche Sys­tem und die­sel­ben kogni­ti­ven Fähig­kei­ten wie wir.Stellen wir uns vor, ein Zebra pflückt fried­lich wilde Bee­ren. Plötz­lich hört es ein Geräusch aus dem Laub. Die­ses Geräusch ist ein mehr­deu­ti­ger, bista­bi­ler Reiz, es gibt zwei Mög­lich­kei­ten: Ent­we­der nähert sich ein Raub­tier, oder es ist der Wind, der durch die Blät­ter weht. Das Gehirn des Homo sapi­ens sapi­ens kann sich für die Option „Raub­tier“ ent­schei­den. Dar­auf­hin wird eine Stress­re­ak­tion aus­ge­löst: Das Ner­ven­sys­tem wird auf das unmit­tel­bare Über­le­ben mobi­li­siert, die Mus­keln span­nen sich an und die Atmung beschleu­nigt sich. Das Zebra lässt das Pflü­cken fal­len und flieht so schnell es kann, um eine Über­le­bens­chance zu haben. War es am Ende doch nur der Wind, dann ist es umsonst gerannt, hat seine Bee­ren ver­lo­ren und ist schweiß­ge­ba­det.

Wählt der Homo sapi­ens sapi­ens die zweite Option und pflückt wei­ter, in der Annahme, das Geräusch käme von den Ästen, setzt er sich der Gefahr aus, von einem hung­ri­gen Raub­tier gefres­sen zu wer­den. Die erste Option bie­tet einen deut­li­chen evo­lu­tio­nä­ren Vor­teil: Der Homo sapi­ens sapi­ens reagiert lie­ber über­trie­ben auf das Risiko, gefres­sen zu wer­den. Die­je­ni­gen, die über­lebt haben und unsere Vor­fah­ren sind, reagier­ten auf Fehl­alarme, anstatt sie zu igno­rie­ren, und zogen das Risiko einer unnö­ti­gen Stress­re­ak­tion dem Risiko, gefres­sen zu wer­den, vor.

Stel­len wir uns vor, unser Vor­fahre, der Homo sapi­ens, berei­tet sich in einer Höhle auf die Nacht­ruhe vor. Kurz bevor er zu Bett geht, erblickt er in der Ferne die glän­zen­den Augen eines Luch­ses. Er wird nicht fried­lich ein­schla­fen. Im Gegen­teil, er wird wach­sam blei­ben. Tat­säch­lich wird er die ganze Nacht im Halb­schlaf ver­brin­gen und bei dem lei­ses­ten Geräusch auf­wa­chen, um zu über­prü­fen, ob der Luchs näher­ge­kom­men ist.

Wenn sie sich in der­sel­ben Situa­tion nicht allein in der Höhle befin­den und den Luchs selbst nicht sehen, den Stress aber im Gesicht eines ihrer Art­ge­nos­sen erken­nen, wer­den sie wahr­schein­lich eben­falls gestresst sein – aus Vor­ah­nung, um im Not­fall die Flucht ergrei­fen zu kön­nen. Die Anste­ckungs­fä­hig­keit von Stress ist in Gefah­ren­si­tua­tio­nen ein sehr nütz­li­ches sozia­les Signal.

Die Men­schen sind somit seit fast 300.000 Jah­ren dar­auf kon­di­tio­niert, eine quasi-auto­ma­ti­sche Stress­re­ak­tion zu zei­gen, sobald sie sich in einer unkla­ren Situa­tion befin­den, in der ihr Über­le­ben bedroht ist.

Wir kön­nen Stress daher als phy­sio­lo­gi­sche Reak­tion auf eine phy­si­sche Gefahr defi­nie­ren, die es uns seit Jahr­tau­sen­den ermög­licht hat, uns in einer feind­li­chen Umge­bung so gut wie mög­lich zu bewe­gen und zu schüt­zen, um zu über­le­ben und uns wei­ter­zu­ent­wi­ckeln.

Irgend­wann in der mensch­li­chen Evo­lu­tion wur­den die Men­schen sess­haft. Sie wan­del­ten sich von einem Lebens­stil, bei dem Raub­tiere die größte Gefahr dar­stell­ten, zu einem moder­nen Lebens­stil, bei dem die Gefah­ren weni­ger unmit­tel­bar und weni­ger phy­sisch sind (Ter­min­druck, Armut, Arbeits­be­las­tung, öffent­li­che Reden usw.). Heut­zu­tage sind die Gefah­ren, denen wir aus­ge­setzt sind, eher psy­cho­lo­gi­scher Natur (obwohl die Bedro­hung durch phy­si­sche Gefahr für man­che von uns – wie Frauen oder Ange­hö­rige von Min­der­hei­ten – lei­der immer noch sehr real ist). Wenn ich dich nach dei­ner Haupt­stress­quelle frage, wirst du wohl kaum einen hun­gern­den Luchs nen­nen, son­dern eher die sich sta­peln­den Rech­nun­gen, Steu­ern oder dei­nen Vor­ge­setz­ten.

Aus evo­lu­tio­nä­rer Sicht voll­zog sich diese Lebens­sti­län­de­rung rela­tiv schnell und der Stress hatte kaum Zeit, sich an die ver­än­der­ten Gefah­ren anzu­pas­sen, denen Men­schen aus­ge­setzt waren und sind. Da phy­si­sche Gefah­ren zuneh­mend durch psy­chi­sche ersetzt wur­den, grei­fen Men­schen in Stress­si­tua­tio­nen auf ein Mit­tel zurück, das ihren Bedürf­nis­sen nicht mehr gerecht wird.

Stelle dir fol­gende Situa­tion vor: Du hast dich in einer Arbeits­be­spre­chung dazu ent­schie­den, dei­nem Chef eine bahn­bre­chende Idee vor­zu­stel­len, die deine Kar­riere beflü­geln könnte. Wenn du in die­sem Moment gestresst bist, löst dein Gehirn einen Über­le­bens­me­cha­nis­mus aus. Dein Herz­schlag beschleu­nigt sich, deine Mus­keln span­nen sich an, obwohl du weder dei­nen Chef sehen noch bekämp­fen willst, son­dern ihn ein­fach nur mit dei­ner Prä­sen­ta­tion über­zeu­gen möch­test. Für das Gehirn ist das jedoch, als würde eine große Raub­katze um dich herum lau­ern. Da nun all deine Res­sour­cen auf dein unmit­tel­ba­res Über­le­ben kon­zen­triert wer­den, ver­liert das, was vor weni­gen Minu­ten noch Prio­ri­tät hatte – näm­lich der Inhalt dei­ner Rede – an Bedeu­tung. Du könn­test Opfer eines Gedächt­nis­ver­lusts wer­den.

Wäh­rend die Reak­tion auf ein Raub­tier bei Tie­ren oder dem Men­schen inner­halb von Sekun­den erfolgte, kann sich Stress bei uns Men­schen lang­fris­tig fest­set­zen. Unser Kör­per ist dafür jedoch nicht geschaf­fen. Stell dir vor, dein Gehirn müsste sich mona­te­lang gegen den unmit­tel­bar bevor­ste­hen­den Angriff eines Raub­tiers ver­tei­di­gen, ohne nen­nens­werte Erho­lungs­pau­sen: Du wür­dest dich dabei völ­lig ver­aus­ga­ben. Wir sind dar­auf aus­ge­legt, inten­sive, aber kurze Stress­spit­zen zu ertra­gen. Da der mensch­li­che Kör­per es nicht ver­trägt, stän­dig in Alarm­be­reit­schaft zu sein, gibt er schließ­lich nach und es kann zu einem Burn­out kom­men. B

Betrach­ten wir die Aus­wir­kun­gen von Stress auf unsere lebens­wich­ti­gen Funk­tio­nen und unser sym­pa­thi­sches Ner­ven­sys­tem, ver­ste­hen wir bes­ser, warum jemand mit Burn­out bett­lä­ge­rig und bewe­gungs­un­fä­hig wer­den kann.

Wenn jemand gestresst ist, bringt es nichts, ihm zu sagen, er solle sich beru­hi­gen. Sein Gehirn warnt ihn schließ­lich vor einer lebens­be­droh­li­chen Situa­tion. Das wäre, als würde man sagen: „Hör jetzt auf, nur noch über­le­ben zu wol­len, okay?“

Es gibt jedoch Tech­ni­ken, um den schäd­li­chen Aus­wir­kun­gen von Stress ent­ge­gen­zu­wir­ken. Dazu zäh­len Medi­ta­tion, Yoga, Dehn­übun­gen, bewuss­tes Atmen und Sport. Durch lang­sa­mes Atmen wird die instink­tive „Kampf-oder-Flucht“-Reaktion abge­schwächt. Die Mus­keln ent­span­nen sich, der Herz­schlag nor­ma­li­siert sich und der Kör­per ist weni­ger gestresst. Durch die Ent­span­nung des Kör­pers kann das Gehirn die Unsi­cher­heit der Stress­si­tua­tion redu­zie­ren und sie weni­ger angst­aus­lö­send machen. In einer Stress­si­tua­tion signa­li­siert der Kör­per dem Gehirn: „Die­ses Tref­fen muss extrem wich­tig sein, sonst hätte ich mich nicht in Alarm­be­reit­schaft ver­setzt.“ Wenn du dei­nen Kör­per bewusst ent­spannst, wird dein Gehirn eher den­ken: „Wenn mein Kör­per so ent­spannt ist, besteht keine wirk­li­che Gefahr.“ Diese Tech­ni­ken sind mecha­nisch und haben nichts mit Ener­gien oder Mys­tik zu tun, da sie Ihren Stress­pe­gel direkt sen­ken, indem sie Ihre „Kampf-oder-Flucht“-Reaktion und dadurch Ihre Angst abschwä­chen.

Sind Stress und Angst das­selbe?

Obwohl die Begriffe Stress und Angst zwei leicht unter­schied­li­che Phä­no­mene beschrei­ben, wer­den sie oft syn­onym ver­wen­det. Stress hat eine erkenn­bare Ursa­che und lässt nach, sobald diese besei­tigt ist. Wenn du bei­spiels­weise wegen einer Prü­fung gestresst bist, kannst du dich ent­span­nen, sobald die Prü­fung vor­bei ist. Angst hin­ge­gen benö­tigt keine erkenn­bare Ursa­che und kann daher unbe­grenzt anhal­ten. In man­chen Fäl­len hat Angst nicht ein­mal von vorn­her­ein eine ein­deu­tige Ursa­che: Wir kön­nen ängst­lich sein, ohne genau zu wis­sen, warum.

Stress und Angst beein­flus­sen unsere Fähig­keit, die Mehr­deu­tig­keit unse­rer Umwelt zu redu­zie­ren, und somit auch unsere kogni­ti­ven Ver­zer­run­gen. Stu­dien haben gezeigt, dass Men­schen mit Angst­stö­run­gen die Mehr­deu­tig­keit bestimm­ter Wör­ter nega­ti­ver inter­pre­tie­ren als andere. Wenn man jeman­den mit Angst­stö­run­gen nach der Bedeu­tung des Wor­tes „Becher“ fragt, wird er oder sie wahr­schein­lich ant­wor­ten, es bedeute „angrei­fen“ (anstelle der neu­tra­le­ren Syn­onyme „Tasse“ oder „Gesicht“). Dies bezeich­nen wir als Inter­pre­ta­ti­ons­ver­zer­rung.

Auf­merk­sam­keits­ver­zer­run­gen tre­ten bei Men­schen mit Pho­bien, einer wei­te­ren Form der Angst­stö­rung, auf. So kann jemand mit Arach­no­pho­bie die Anwe­sen­heit einer Spinne in sei­ner Umge­bung schnel­ler wahr­neh­men als der Durch­schnitt. Sobald die Spinne ent­deckt wurde, beob­ach­tet die Per­son sie stän­dig, um sicher­zu­ge­hen, dass sie sich nicht bewegt hat. Die­ses Ver­hal­ten wird als Anzie­hungs-Absto­ßungs-Mus­ter bezeich­net und geht mit einem star­ken Gefühl der Hyper­vi­gi­lanz ein­her.

Stress und Angst­stö­run­gen füh­ren häu­fig zu einer Ver­schlech­te­rung unse­rer Bezie­hun­gen zu ande­ren Men­schen, da wir bei Angst­zu­stän­den Unsi­cher­hei­ten sys­te­ma­tisch und nega­tiv über­in­ter­pre­tie­ren. Ein Bei­spiel hier­für ist die soziale Angst­stö­rung. Sie äußert sich in über­mä­ßi­ger Angst in ver­schie­de­nen Situa­tio­nen – von öffent­li­chen Reden bis hin zu all­täg­li­chen Din­gen wie einer Beschwerde im Geschäft oder der Bestel­lung eines Was­ser­krugs im Restau­rant. Betrof­fene nei­gen zu einer nega­ti­ven Inter­pre­ta­tion die­ser Situa­tio­nen. Dadurch ver­mu­ten sie hin­ter Hand­lun­gen oder Wor­ten (selbst wenn keine vor­lie­gen) häu­fi­ger nega­tive Absich­ten als der Durch­schnitt. Beson­ders der Blick ande­rer wird von ihnen in die­sem Licht inter­pre­tiert, was zu einer quasi sys­te­ma­ti­schen nega­ti­ven Bewer­tung führt.

Ich lei­tete mit einem For­schungs­team das fol­gende Expe­ri­ment: Wir zeig­ten Men­schen mit sozia­ler Angst­stö­rung nach­ein­an­der auf einem Bild­schirm Gesich­ter von Män­nern und Frauen, die ver­schie­dene Emo­tio­nen aus­drück­ten – Ekel, Freude, Über­ra­schung und Trau­rig­keit. Anschlie­ßend wie­der­hol­ten wir das Expe­ri­ment mit Per­so­nen ohne soziale Angst­stö­rung. Mit­hilfe eines Eye-Tra­ckers konn­ten wir beob­ach­ten, wie die bei­den Per­so­nen­grup­pen die gezeig­ten Gesich­ter betrach­te­ten.

Die Ergeb­nisse zeig­ten, dass Men­schen mit sozia­ler Angst­stö­rung nach einem kur­zen Blick schnell zu den Augen wan­der­ten, dann im unte­ren Gesichts­be­reich ver­weil­ten und anschlie­ßend häu­fig und ver­stoh­len zu den Augen zurück­kehr­ten. Per­so­nen ohne soziale Angst­stö­rung betrach­te­ten die Gesich­ter hin­ge­gen in der Rich­tung eines umge­kehr­ten Drei­ecks: von den Augen zum Mund (was einer nor­ma­len Betrach­tungs­weise ent­spricht). Der Blick einer ande­ren Per­son löst bei Men­schen mit sozia­ler Angst­stö­rung die­selbe Anzie­hungs- und Absto­ßungs­re­ak­tion sowie die­selbe erhöhte Wach­sam­keit aus wie eine Spinne bei Men­schen mit Arach­no­pho­bie.

Eine soziale Angst­stö­rung ist eine Form der Angst, die durch Vor­weg­nahme ent­steht und zur sozia­len Iso­la­tion bei­tra­gen kann. Wenn jemand unter sozia­ler Angst­stö­rung lei­det und zu einem Drink mit Kol­le­gen ein­ge­la­den wird oder einen öffent­li­chen Vor­trag hal­ten soll, dann anti­zi­piert er oder sie die Situa­tion und redu­ziert die Unsi­cher­heit, indem er oder sie sich ein­re­det, dass offen­sicht­lich eine Gefahr besteht. Einige Tage vor dem Ereig­nis wird ein „Alles-oder-nichts“-Mechanismus aus­ge­löst und am Tag selbst ist es dir nicht mög­lich, an dem Abend teil­zu­neh­men, da du ihn als zu gefähr­lich ein­schätzt. Durch die Ver­mei­dung kann sich die Iso­la­tion wei­ter ver­schär­fen und die Pho­bie kann sich ver­stär­ken. Ein wah­rer Teu­fels­kreis.

Wir kön­nen in unter­schied­li­chem Maße ver­schie­de­nen For­men von Angst unter­lie­gen. Diese wir­ken sich auf unsere zwi­schen­mensch­li­chen Bezie­hun­gen aus. Wer bei­spiels­weise Angst vor bestimm­ten eth­ni­schen Grup­pen hat, läuft Gefahr, deren Hand­lun­gen auf­grund nega­ti­ver Inter­pre­ta­ti­ons­ver­zer­run­gen falsch zu deu­ten. In den Ver­ei­nig­ten Staa­ten stell­ten For­scher der Yale Uni­ver­sity fest, dass schwarze Kin­der in der Schule häu­fi­ger vom Unter­richt aus­ge­schlos­sen wur­den als weiße. Sie befrag­ten meh­rere Grund­schul­leh­rer zu den Grün­den. Diese erklär­ten, der Zusam­men­hang zwi­schen Haut­farbe und Schul­ver­weis sei rei­ner Zufall, und wie­sen jeg­li­che ras­sis­ti­sche Vor­ur­teile ent­schie­den zurück.

Die For­scher zeig­ten den Lehr­kräf­ten ein Video von Schul­kin­dern in einem Klas­sen­zim­mer und baten sie, „pro­ble­ma­ti­sches“ Ver­hal­ten der Kin­der zu erken­nen. Mit­hilfe eines Blick­ver­fol­gungs­sys­tems stell­ten die For­scher fest, dass die Lehr­kräfte schwarze Kin­der, die in ihren Augen eher mit Unru­he­stif­tern asso­zi­iert wur­den, län­ger beob­ach­te­ten als weiße Kin­der. Nach­dem die Lehr­kräfte von den Ergeb­nis­sen des Expe­ri­ments erfah­ren hat­ten, gaben sie an, sich ihrer vor­ein­ge­nom­me­nen Hal­tung gegen­über schwar­zen Kin­dern bis dahin nicht bewusst gewe­sen zu sein.

Ein ande­res For­scher­team zeigte ame­ri­ka­ni­schen Frei­wil­li­gen unter­schied­li­cher Her­kunft und Alters­grup­pen Fotos von wei­ßen und schwar­zen Män­nern. Auf eini­gen der Fotos rich­te­ten die Män­ner ihre Waf­fen auf die Teil­neh­mer, auf ande­ren nicht. Die Teil­neh­mer hat­ten einen Knopf vor sich und erhiel­ten fol­gende Anwei­sung: Sie soll­ten den Knopf drü­cken, sobald ihnen ein bewaff­ne­ter Mann gezeigt wurde. Wenn jemand unbe­waff­net war, soll­ten sie nichts unter­neh­men.

Die Ergeb­nisse zei­gen, dass die Teil­neh­mer den Knopf schnel­ler drück­ten, wenn ihnen ein bewaff­ne­ter schwar­zer Mann gezeigt wurde als wenn ihnen ein gleich bewaff­ne­ter wei­ßer Mann gezeigt wurde. Die wahr­ge­nom­mene Gefahr beim Anblick eines Fotos einer bewaff­ne­ten schwar­zen Per­son akti­vierte den Stress­me­cha­nis­mus bei allen Teil­neh­mern schnel­ler – unab­hän­gig von ihrer eige­nen Haut­farbe. Dies ist auf eine impli­zite, angst­aus­lö­sende Vor­ein­ge­nom­men­heit zurück­zu­füh­ren, die durch die Haut­farbe einer Per­son und nicht durch die Waffe in ihrer Hand bedingt ist. Dadurch wird die Ambi­va­lenz auf andere Weise redu­ziert. Dies belegt die Exis­tenz eines gesell­schaft­li­chen Vor­ur­teils in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten – und Deutsch­land –, dem­zu­folge Schwarze als gefähr­li­cher als Weiße gel­ten.

Fazit

Wenn du das nächste Mal eine Situa­tion nega­tiv inter­pre­tierst oder dir eine nega­tive Mei­nung über jeman­den bil­dest, dann frage dich, ob du unter Druck stehst. Anzei­chen hier­für sind eine ange­spannte Kie­fer­mus­ku­la­tur und ein rasen­des Herz. Sie hel­fen dir, eine dif­fe­ren­zierte Sicht­weise auf deine Gefühle zu gewin­nen und deine Inter­pre­ta­tion oder dein Urteil anzu­pas­sen.

Diese Anzei­chen sind oft kaum wahr­nehm­bar, da unsere Stress­me­cha­nis­men sehr schnell akti­viert wer­den. Sie las­sen sich jedoch leich­ter in Situa­tio­nen erken­nen, in denen bereits die Vor­freude Stress aus­löst. Das gibt uns mehr Spiel­raum, vor­ei­lige Inter­pre­ta­tio­nen zu kor­ri­gie­ren. Wenn ich bei­spiels­weise weiß, dass ich vor einer Prü­fung gestresst bin, kann ich mich im Vor­feld mit Ent­span­nungs­übun­gen dar­auf vor­be­rei­ten, um am Prü­fungs­tag ruhi­ger zu sein.

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