Es gibt leider Anzeichen dafür, dass Rassismus weltweit zunimmt. Studien aus Europa belegen für die letzten Jahre einen Anstieg der Zahl der Menschen, die Rassismus erfahren. Berichte aus den USA zeigen, dass die meisten Befragten aus ethnischen Minderheiten die rassistische Situation als zunehmend belastend empfinden. Eine globale Studie hat zudem einen Anstieg von Diskriminierungsfällen festgestellt.
Feindseligkeit gegenüber Menschen, die anders sind, lässt sich leicht schüren – insbesondere in Zeiten der Not und des Umbruchs. Im Laufe der Geschichte haben verschiedene Gruppen Minderheiten, wie etwa Juden, Roma und Einwanderer, zu Sündenböcken gemacht.
Es wird angenommen, dass Rassismus ein angeborenes menschliches Merkmal ist, das sich in der fernen Vergangenheit entwickelt hat. Laut dem Evolutionspsychologen Pascal Boyer ist Rassismus eine Folge hocheffizienter ökonomischer Strategien. Diese Strategien ermöglichen es uns, Mitglieder anderer Gruppen in einer niedrigeren Position mit deutlich schlechteren Vorteilen zu halten. Mit anderen Worten: Warum sollten unsere Vorfahren ihre eigenen Überlebenschancen verringern, indem sie Ressourcen mit anderen Gruppen teilen?
Eine weitere Theorie aus der Evolutionspsychologie besagt, dass sich Rassismus als „energiesparende Strategie“ entwickelt haben könnte. Die Interaktion oder Paarung mit ethnisch unterschiedlichen Gruppen hätte viel Zeit und Energie gekostet, da unterschiedliche soziale Normen eingehalten werden mussten. Daher entwickelten wir die Tendenz, andere Gruppen als verschiedene Arten zu betrachten, um kostspielige Interaktionen mit Mitgliedern fremder Gruppen zu vermeiden.
Meiner Ansicht nach sind die oben genannten Theorien in zweierlei Hinsicht widersprüchlich. Erstens deuten die Indizien darauf hin, dass aufgrund der geringen Populationsgröße ausreichend Ressourcen für die frühen Menschen vorhanden waren und es daher keinen Grund gab, anderen den Zugang zu Nahrung und Wasser aktiv zu verweigern. Zweitens widersprechen die Theorien den anthropologischen Erkenntnissen über das Verhalten früher menschlicher Gruppen.
Zahlreiche anthropologische und archäologische Funde belegen, dass sich prähistorische Gruppen nicht mieden. Sie heirateten häufig untereinander, vermischten sich oft und ihre Zusammensetzung wechselte. Dasselbe Muster zeigt sich im Fehlen von Territorialverhalten und einem auffallend niedrigen Niveau an Kriegen.
Alternative Erklärungen für Rassismus
Unser Blick richtet sich daher auf weitere Bereiche der Psychologie. Studien belegen einen Zusammenhang zwischen Vorurteilen und psychischen Problemen wie Beziehungsproblemen, Unsicherheit und Aggression. Oft ist hierfür eine belastete und unsichere Kindheit verantwortlich. Auch zwischen Rassismus und Angstzuständen besteht ein Zusammenhang, der zeigt, dass Menschen in schwierigen Zeiten Vorurteile entwickeln.
Studien zeigen generell, dass sich Menschen, die sich unsicher oder ängstlich fühlen, eher mit ihrer nationalen oder ethnischen Gruppe identifizieren. Dies stärkt ihr Selbstwert- und Identitätsgefühl und wirkt somit als Schutzmechanismus gegen Unsicherheit und Angst.
Es gibt zweifellos soziale und wirtschaftliche Faktoren, die Rassismus begünstigen, wie beispielsweise Hierarchie und Ungleichheit. Die oben genannten Forschungsergebnisse deuten jedoch darauf hin, dass Rassismus vorwiegend ein psychologischer Abwehrmechanismus gegen Angst und Unsicherheit ist.
Die fünf Stadien des Rassismus
Aus psychologischer Perspektive lassen sich verschiedene Stadien in der Entwicklung von Rassismus identifizieren. Meiner Theorie zufolge beginnt der Prozess, wenn einer Person Sicherheit und Identität fehlen. Dies löst den Wunsch nach Zugehörigkeit zu einer Gruppe aus. Diese Zugehörigkeit stärkt die Identität der Person und vermittelt ein Gefühl der Verbundenheit: Was ist daran falsch? Warum sollten wir nicht stolz auf unsere nationale oder religiöse Identität sein und ein Gefühl der Brüderlichkeit bzw. Schwesterlichkeit mit anderen empfinden, die diese teilen?
Das Problem besteht darin, dass eine Gruppenidentität häufig in eine zweite, gefährlichere Phase übergeht. Um ihr Identitätsgefühl weiter zu stärken, entwickeln Gruppenmitglieder unter Umständen Feindseligkeit gegenüber anderen Gruppen. Diese Feindseligkeit kann dazu führen, dass sich die Gruppe definierter und geschlossener fühlt, als ob sie sich klarer von anderen abgrenzen könnte.
In einer dritten Phase dieses Prozesses entziehen Gruppenmitglieder anderen Gruppenmitgliedern ihr Mitgefühl und beschränken ihre Anteilnahme auf die eigenen Gruppenmitglieder. Sie verhalten sich zwar wohlwollend gegenüber Mitgliedern ihrer eigenen Gruppe, sind aber allen anderen gegenüber gleichgültig oder gefühllos. Der Entzug von Empathie führt dazu, dass andere Menschen zu Objekten degradiert werden und Grausamkeit und Gewalt ermöglicht werden.
In Phase vier kommt es zur Homogenisierung von Individuen, die anderen Gruppen angehören. Menschen werden nicht mehr anhand ihrer individuellen Persönlichkeit oder ihres Verhaltens wahrgenommen, sondern anhand von Vorurteilen gegenüber der Gruppe als Ganzes. Jedes Gruppenmitglied ist ein legitimes Ziel und kann für die Vergehen anderer Gruppenmitglieder bestraft werden. So kann beispielsweise jeder Asylbewerber für die Straftaten eines anderen Asylbewerbers bestraft werden.
Schließlich projizieren Menschen mitunter ihre eigenen psychischen Schwächen und persönlichen Fehler auf andere Gruppen, um Verantwortung zu vermeiden. Andere Gruppen werden so zu Sündenböcken und laufen Gefahr, angegriffen oder gar ermordet zu werden. Besonders anfällig für solche Projektionen sind Menschen mit stark narzisstischen und paranoiden Persönlichkeitsmerkmalen, da sie Schwierigkeiten haben, ihre eigenen Fehler zu akzeptieren und stattdessen andere dafür verantwortlich machen wollen.
Aus dieser Sicht ist Rassismus ein Symptom psychischer Erkrankungen sowie ein Zeichen von Angstzuständen, Identitätskonflikten und einem Mangel an innerer Sicherheit. Menschen, die psychisch gesund sind und ein stabiles Identitäts- und Sicherheitsgefühl haben, sind sehr selten rassistisch. Sie haben letztlich kein Bedürfnis, ihr Selbstgefühl durch Gruppenzugehörigkeit zu stärken.
Fazit
Meiner Ansicht nach ist Rassismus eine Ausnahmeerscheinung und keine angeborene menschliche Eigenschaft. Zudem sollte man bedenken, dass der Begriff der Rasse an sich haltlos ist. Es gibt keine genetische oder biologische Grundlage, um die Menschheit in verschiedene „Rassen“ einzuteilen. Es gibt lediglich Gruppen von Menschen, die ursprünglich alle aus Afrika stammen und die im Laufe der Zeit durch ihre Wanderungen und die Anpassung an unterschiedliche Klimazonen und Umgebungen leicht unterschiedliche körperliche Merkmale entwickelten.
