Auch wenn viele Experten versuchen mögen, einen bestimmten Zeitpunkt zu benennen, ab dem Falschinformationen zu einer treibenden Kraft des globalen Chaos wurden, würden sie damit danebenliegen. Das Vertrauen in Institutionen, Medien und Fakten schwindet schon seit Langem. Das Problem besteht weniger darin, dass dies geschieht, sondern vielmehr darin, wie schnell sich diese Entwicklung fortsetzt.
Den Vertrauensverlust könnten wir mit der weltweit rasant zunehmenden Küstenerosion vergleichen. Küstenerosion ist an sich kein neues Phänomen. Doch menschliches Handeln – sei es die Urbanisierung der Küstengebiete oder die Nutzung fossiler Brennstoffe – hat den Anstieg des Meeresspiegels beschleunigt und die Ökosysteme an den Küsten gestört. Dies trägt zu einer der besorgniserregendsten existenziellen Bedrohungen unserer Zeit bei.
Seit mindestens 1880 beobachtet die weltweite Wissenschaftsgemeinschaft, wie der globale Meeresspiegel jedes Jahr ansteigt. Erst über ein Jahrhundert später veröffentlichte der kanadische Biologe Daniel Pauly Forschungsergebnisse, in denen er aufzeigte, dass ein solcher Anstieg oft erst dann wahrgenommen wird, wenn er bereits erhebliche Umweltprobleme verursacht hat. Mit seiner Veröffentlichung schuf Pauly Rahmenbedingungen für die Messung verschiedener Aspekte des Klimawandels, die bis heute Anwendung finden. Noch wichtiger war seine Sichtweise auf menschliche Voreingenommenheit und die Art und Weise, wie unsere persönlichen Erfahrungen uns daran hindern, den Wald vor lauter Bäumen zu sehen.
Ähnlich wie Klimawissenschaftler, die bereits seit Jahrzehnten vor diesen Problemen warnen, weisen auch Experten für nationale Sicherheit, Wissenschaftler, Historiker und Journalisten seit mehr als einem halben Jahrhundert auf die Krise unseres derzeitigen Informationsökosystems hin. Im Jahr 1970 stellte Marshall McLuhan, einer der herausragendsten Medienwissenschaftler des 20. Jahrhunderts, der das Internet, aber nicht Google, Facebook, X oder TikTok vorhersehen konnte, die These auf, dass der Dritte Weltkrieg ein Guerilla-Informationskrieg sein werde, in dem es keine Trennung zwischen militärischer und ziviler Beteiligung gebe.
Kommt dir das bekannt vor?
Im Jahr 1995 veröffentlichte der pensionierte Luftwaffenoffizier Richard Szafranski den Zeitschriftenartikel „Theory of Information Warfare: Preparing for 2020“, in dem er darlegte, wie militärische Gegner Technologie einsetzen würden, um das Wissen und die Glaubenssysteme feindlicher Bevölkerungen anzugreifen. Dieses Konzept entwickelte sich später zu dem, was heute als Krieg der fünften Generation bekannt ist. David Axe beschrieb es in einem Wired-Artikel aus dem Jahr 2009 als das, was geschieht, wenn die Unzufriedenen dieser Welt ihre Verzweiflung gegen das offensichtlichste Symbol all dessen richten, was ihnen fehlt.
Während Axes Artikel auf einer Website veröffentlicht und möglicherweise in den sozialen Medien beworben wurde – entsprechende Tweets aus dieser Zeit konnte ich allerdings nicht finden –, nutzte Szafranski 1995 noch eine Einwahlverbindung, um E‑Mails zu versenden. McLuhan hatte 1970 mit Sicherheit weder eine E‑Mail-Adresse noch einen Twitch-Podcast oder einen verifizierten X‑Account.
Wie konnten sie also ohne Technologie erahnen, dass wir in diese Krise geraten würden?
Fehlinformationen gab es schon lange vor dem Internet
Begeben wir uns auf eine kurze Reise zurück ins Indien des 19. Jahrhunderts, als das Land noch unter britischer Herrschaft stand. In der kleinen Garnisonsstadt Merut entfachte eine Desinformationskampagne die Glut des Sepoy-Aufstands, der als der erste Unabhängigkeitskrieg des Landes gilt.
Im Jahr 1857 wuchs unter den Indern die Besorgnis über die britische Herrschaft, insbesondere nachdem Gerüchte aufgekommen waren, das Christentum solle auf dem gesamten Subkontinent aufgezwungen werden. Als ein Netzwerk heimlicher Nachtkuriere im ganzen Land Chapattis verteilte, hielten einige dies für eine Warnung und verglichen das Brot mit einer christlichen Hostie. Andere wiederum, die annahmen, die Briten hätten das Brot verteilt, vermuteten, es sei mit Schweine- oder Rinderfett bestrichen, um die lokale Bevölkerung zur Konversion zu zwingen.
Die Chapati-Lieferungen erhielten eine neue Bedeutung, als die britische Armee begann, eine neue Art von Patronen für ihre Enfield-Gewehre zu verwenden. Für diese Patronen wurde Talg aus Rind- und Schweinefett benötigt – eine Munition, die den einheimischen hinduistischen und muslimischen Wehrpflichtigen, den sogenannten Sepoys, niemals ausgehändigt wurde.
Dieses Gerücht, das wir heute als „Desinformationsnarrativ“ bezeichnen würden, löste eine einjährige Rebellion unter den Sepoys aus. Diese Rebellion gilt als die erste große Herausforderung für das Britische Empire in Indien.
Auch wenn die meisten Historiker ein Stück Brot kaum als Medienform einstufen würden, fällt es schwer, das Chapati nicht als eine Art vordigitales Meme zu betrachten. Da es keine Fotos von dem Brot gibt, kann ich nicht bestätigen, ob in jedes dieser herzhaften Glutenhäppchen kleine Figuren und bissige Sprüche eingeritzt waren. Es stellt sich heraus, dass ich mit dieser Suche nicht allein bin. Auch britische Militäroffiziere, die glaubten, dass geheime Notizen im Brot versteckt seien, gingen leer aus.
Wenn wir uns jedoch einer etwas akademischeren Definition von Memes zuwenden, nämlich als kulturelle Informationsbausteine, die von Mensch zu Mensch weitergegeben werden und sich nach und nach zu einem gemeinsamen sozialen Phänomen entwickeln, dann ergibt die Metapher vom „Brot-Meme” viel mehr Sinn.
Mehr als 100 Jahre später tauschte der KGB Mehl gegen Zellstoff ein. Er nutzte ein Netzwerk gefälschter Zeitungen, Radiosendungen und fehlerhafte wissenschaftliche Studien, um die Glaubwürdigkeit der USA in Südostasien und Osteuropa zu untergraben. Dazu behauptete er fälschlicherweise, die Vereinigten Staaten hätten AIDS erfunden.
Das Zeitalter der Algorithmen
Wir haben also festgestellt, dass es bereits vor der Zeit des Internets historische Präzedenzfälle dafür gab, dass Regierungen, Militärs und lokale Gemeinschaften Kommunikationsnetzwerke missbrauchten, um das Verhalten einer breiten Masse zu beeinflussen. Da ich mich jedoch auf das Internet beschränke, werden wir nun über Trolle, algorithmische Verzerrungen und die Gamifizierung unserer äußerst begrenzten Aufmerksamkeitsspanne sprechen.
Trolling ist fast so alt wie das Internet selbst. Der Begriff wurde Ende der 1980er Jahre vom Journalisten Matthias Schwartz von der New York Times geprägt, um Personen zu beschreiben, die Online-Communities absichtlich stören. Ohne hier in eine ethische Debatte über den Unterschied zwischen „guten” und „bösen” Trollen einzusteigen, lässt sich sagen, dass Trolle die Netzwerkdynamik digitaler Medienplattformen ausnutzen, um menschliches Verhalten zu beeinflussen.
Bill Wasik, auch bekannt als der „Pate“ der Flashmobs, hat in einem Artikel ausführlich darüber geschrieben, wie er E‑Mails, Blogs und SMS-Ketten nutzte, um eine breite Beteiligung an seinen Aktionen zu erreichen. Jahre später stellte Wasik fest, welche unbeabsichtigten Folgen die Technologie hatte: Sie förderte die Vergänglichkeit der Teilnahme an Flashmobs und nutzte dabei, was er als „Drang zur Teilnahme“ bezeichnete. Die Technologie hat Flashmobs zwar nicht geschaffen, aber sie hat sicherlich zu ihrem Wachstum beigetragen. In vielerlei Hinsicht trug auch der Aufstieg der Social-Media-Algorithmen dazu bei, dass Desinformationen im Internet florierten.
Die Verbreitung des Internets und der sozialen Medien hat Nutzern weltweit eine beispiellose Auswahl an Informationsquellen eröffnet, denen sie vertrauen können. Trolle aller Art und moralischer Ausrichtung nutzen diese ständig aus, indem sie Inhalte und Narrative verbreiten, die bestehende Weltanschauungen bestärken und Verbindungen zu Gleichgesinnten fördern.
Um das Zünglein an der Waage noch ein wenig mehr zu ihren Gunsten zu kippen, wenden sie oft eine breite Palette von Taktiken an, um die Popularität einer bestimmten Idee künstlich zu steigern. Dazu zählen unter anderem aufrührerische Behauptungen, gefälschte Websites, Bot-Netzwerke und synthetische Medien. In den meisten Fällen bemühen sich Trolle sehr, Content-Moderationssysteme zu umgehen, indem sie knapp unterhalb der Schwelle für ahndbare Plattformverstöße agieren.
So trug dieselbe Technologie, die den Arabischen Frühling 2010 und 2011 mitbegründete, auch zum Aufstieg von QAnon, zur Leugnung von Corona, zur Popularität rechtsextremer Parteien weltweit sowie zu rassistischen Verschwörungstheorien bei. Letztere haben rechtsextreme Amokläufer von South Carolina bis Neuseeland und darüber hinaus inspiriert.
Wie können wir dagegen vorgehen?
Technologie ist ein zweischneidiges Schwert. Regulatorische Maßnahmen könnten zwar bei unserem problem helfen, aber sie werden uns nicht ans Ziel bringen. Da Desinformation mittlerweile so stark politisiert ist, können und sollten wir von keiner Regierung und keinem Zusammenschluss von Regierungen erwarten, dass sie einen sinnvollen Konsens erzielen.
Das soll jedoch nicht heißen, dass begleitende multilaterale Bemühungen, wie der „Christchurch-Aufruf“ zur Beseitigung terroristischer und gewalttätiger extremistischer Inhalte im Internet, oder gesetzgeberische Vorhaben, wie der „Digital Services Act“ der Europäischen Union und der „Online Harms Act“ des Vereinigten Königreichs, nicht sinnvoll wären. Das sind sie durchaus. Doch globale, regionale und nationale politische Initiativen gehen selten auf die alltäglichen Ereignisse ein, die die Menschen betreffen.
Leider lässt sich das Gleiche auch über den „Desinformations-Industriekomplex“ sagen, in den Dutzende (wenn nicht Hunderte) Millionen Dollar in Forschung und Medienkampagnen investiert wurden, die darauf abzielen, Desinformation entgegenzuwirken. Diese Bemühungen sind zwar lobenswert, gehen jedoch von einer kleinen Gruppe elitärer Institutionen aus. Wie Joe Bernstein in einem Artikel für das „Harpers Magazine“ beschreibt, stellen sie eine „inoffizielle Partnerschaft zwischen Big Tech, den Medienkonzernen, Eliteuniversitäten und finanzstarken Stiftungen“ dar. Schlimmer noch: Es gab kaum Versuche, die Wirkung eines einzelnen Programms zu überwachen und zu bewerten, geschweige denn die gesamte Branche, die in den letzten Jahren entstanden ist. Solange diese Branche kein Pauly-ähnliches Pendant hervorbringt, das Bewertungsrahmen einführt, werden wir nie erfahren, wie viel oder wie wenig erreicht wurde.
An dieser Stelle müssen wir zu unserer zentralen These zurückkehren: Desinformation ist ein menschliches Problem, das menschliche Lösungen erfordert. Doch wie können wir messen, inwieweit wir den großen Informationskrieg des 21. Jahrhunderts gewinnen oder verlieren?
Wir müssen uns darüber Gedanken machen, wie wir als Gesellschaft vorgehen wollen, um sowohl online als auch offline widerstandsfähigere Gemeinschaften aufzubauen. Wir sollten uns stärker auf die Menschen und auf Kennzahlen konzentrieren, die unser soziales Wohlergehen und unser Gemeinschaftsgefühl widerspiegeln, ähnlich wie der steigende oder sinkende Meeresspiegel.
Im vergangenen Jahr bezeichnete der US-Gesundheitsbeauftragte Dr. Vivek Murthy Einsamkeit als die neueste Epidemie im Bereich der öffentlichen Gesundheit. Deren Gesundheitsrisiken seien ebenso tödlich wie das Rauchen von fünfzehn Zigaretten pro Tag. Murthy brachte die während der Corona-Pandemie ihren Höhepunkt erreichende Einsamkeitsepidemie mit den Auswirkungen der sozialen Medien auf die psychische Gesundheit junger Menschen in Verbindung.
Untersuchungen haben gezeigt, dass die Zeit, die 15- bis 24-Jährige mit Freunden verbringen, in den letzten zwanzig Jahren um 70 Prozent zurückgegangen ist. Gleichzeitig belegen andere Studien, dass Menschen, die täglich zwei oder mehr Stunden in den sozialen Medien verbringen, mit mehr als doppelt so hoher Wahrscheinlichkeit angeben, sich sozial isoliert zu fühlen. Es ist schwer, einen Zusammenhang – wenn nicht gar einen kausalen Zusammenhang – mit der weltweiten Zunahme von Desinformation zu leugnen. Doch gibt es keine konkrete Möglichkeit, dies zu messen.
Gerade in Momenten sozialer Isolation neigen wir alle dazu, uns in den Weiten von Google zu verlieren und endlos auf YouTube zu stöbern. Aus utopischer Sicht reichen die Inhalte von Heimwerker-Tipps über Basketball-Trickwurf-Zusammenstellungen bis hin zu Kochrezepten. Leider entspricht das nicht der Realität vieler Menschen im heutigen Internet. Dort treibt Einsamkeit Einzelne tief in Randgemeinschaften mit unterschiedlichen Überzeugungen und Normen, von denen einige Feindseligkeit gegenüber jedem zeigen, der nicht als Teil der eigenen Gruppe angesehen wird. In dieser Version des Internets gedeiht Extremismus, es werden Staatsstreiche geplant und Amokläufer radikalisiert.
Die Anonymität des Internets kann dazu führen, dass sich Menschen sicher genug fühlen, um sich auf eine Weise zu verhalten, die sie offline aus Gründen der sozialen Rechenschaftspflicht nicht tun würden. Dadurch entsteht ein Enthemmungseffekt, der es den Nutzern erleichtert, Unwahrheiten zu verbreiten und Hass zu schüren. David Axe hat es 2009 genau richtig beschrieben: Die Unzufriedenen dieser Welt richten ihre Verzweiflung gegen das offensichtlichste Symbol all dessen, was ihnen fehlt.
Da Einsamkeit die Wurzel des Problems ist und das Internet diese noch verstärkt, müssen wir damit beginnen, unsere Gemeinschaftsbindungen in der realen Welt zu stärken. Wir müssen uns von der Vorstellung des „Anderen” lösen und uns stattdessen auf die kontributive Autonomie konzentrieren. Dieser Begriff wurde vom Anthropologen Christopher Kelty geprägt und bezieht sich auf die Fähigkeit der Menschen, einen sinnvollen Beitrag zu gemeinsamen Unternehmungen zu leisten. Wenn Menschen das Gefühl haben, geschätzt und als beitragende Mitglieder einer Gemeinschaft angesehen zu werden, sind sie weniger anfällig für Einsamkeit und zeigen eher Empathie für andere. Oft reicht Empathie schon aus, um jemanden dazu zu bewegen, eine alternative Sichtweise in Betracht zu ziehen.
Wie können wir also Programme fördern, die Empathie im großen Maßstab stärken? Vielleicht sollten wir mehr Zeit damit verbringen, von „Formers“ zu lernen, also von Menschen, die extremistische Gruppen und Online-Verschwörungsgemeinschaften inzwischen verlassen haben. So könnten wir erfahren, wie wir besser mit dem „Anderen“ kommunizieren können.
Vor einigen Jahren saß ich in einer Bar in Mannheim und geriet mit ein paar „Flat-Earthern“ der Generation Z in eine lange Diskussion. Das war nicht beabsichtigt, denn eigentlich versuche ich, zufällige Begegnungen mit Fremden zu vermeiden. Sie fragten mich, ob ich ein Feuerzeug hätte, was ich nicht hatte. Doch sie setzten sich trotzdem zu mir, begierig darauf, mir ihre YouTube-Fundstücke zu präsentieren und mir diese alte Lüge schmackhaft zu machen. Ich beschloss, ihnen zuzuhören, ohne mich als Wissenschaftlerin zu outen oder ihnen meine Zweifel zu verraten. Nach einer 45-minütigen Tirade, die mir wie Stunden vorkam, nutzte ich ihre Logik, um respektvoll ein paar Fragen zu stellen, und wies freundlich auf die Absurditäten ihrer Argumentation hin. Wir lachten gemeinsam ein paar Mal herzlich und verabschiedeten uns schließlich bei einem Abschiedsdrink.
Warum? Weil „alles hinterfragen“ eine Sache ist, die in beide Richtungen geht. Es funktioniert wirklich gut, wenn wir alle nett zueinander sind.
