In den Wochen nach einer Kriegserklärung dominieren in der öffentlichen Debatte regelmäßig geopolitische Analysen: umstrittene Grenzen, Ressourceninteressen, historische Konflikte und Bündnisverpflichtungen. Diese Rahmenbedingungen sind zweifellos wichtig. Doch sie vernachlässigen konsequent eine Variable, die (klinische) Psychologen und Persönlichkeitsforscher seit Jahrzehnten untersuchen: die psychologische Struktur der Entscheidungsträger.
Die Beweislage ist schwer zu ignorieren. Autoritäre Führung und narzisstische Persönlichkeitsstruktur weisen eine signifikante klinische Überschneidung auf. Wenn diese Überschneidung an der Spitze des militärischen Apparats einer Nation stattfindet, sind die Folgen in der Regel weder verhältnismäßig noch von kurzer Dauer.
Ein klinisches Porträt von Autoritarismus und Narzissmus
Der Psychologe Bob Altemeyer, dessen jahrzehntelange empirische Forschung zum Autoritarismus bis heute grundlegend für das Fachgebiet ist, identifizierte eine Reihe von Merkmalen autoritärer Persönlichkeiten: eine starre Unterordnung unter etablierte Hierarchien, Feindseligkeit gegenüber wahrgenommenen Fremdgruppen sowie eine ausgeprägte Intoleranz gegenüber Widerspruch oder Unklarheit. Weniger Beachtung fand jedoch, wie häufig diese Merkmale mit ausgeprägten narzisstischen Zügen einhergehen: ein übersteigertes Gefühl der persönlichen und gruppenbezogenen Überlegenheit, die Überzeugung, dass die für andere geltenden Regeln nicht für sie gelten, sowie ein eklatanter Mangel an Empathie für diejenigen außerhalb ihres Identifikationskreises.
Dies ist also kein Zufall. Sowohl Autoritarismus als auch narzisstische Strukturen haben eine gemeinsame psychologische Wurzel: ein fragiles Ego, das ständige Bestätigung von außen benötigt und legitime Kritik nicht toleriert. Der Unterschied liegt hauptsächlich im Ausmaß. Bei Einzelpersonen kann dies zu schwierigen Beziehungen und mitunter zu ausbeuterischem Verhalten führen. Bei Staatsoberhäuptern prägt es die Politik.
Forschungen zu Narzissmus und zur Entstehung von Führungspositionen tragen dazu bei, zu erklären, wie diese Personen überhaupt erst in Machtpositionen gelangen. So zeigt sich beispielsweise, dass narzisstische Personen überproportional häufig in Gruppenkontexten zu Führungskräften werden. Dies liegt unter anderem daran, dass ihr selbstsicheres und dominantes Verhalten zunächst fälschlicherweise als Kompetenz und Weitblick interpretiert wird. Dieselben Eigenschaften, die sie während ihres Aufstiegs überzeugend machen – Größenwahn, Überzeugung und charismatische Aggressivität – werden zu Nachteilen, sobald die Komplexität der tatsächlichen Führungsarbeit einsetzt. An diesem Punkt beginnt die Ich-Struktur, die ihnen die Macht verschafft hat, deren Ausübung zu verzerren.
Verteidigung als erste Eskalation
Eines der klinisch aufschlussreichsten Merkmale narzisstischer Ich-Strukturen ist die Art und Weise, wie sie Bedrohungen wahrnehmen. Da das narzisstische Selbst um ein übersteigertes, aber fragiles Selbstbild organisiert ist, werden Herausforderungen dieses Bildes nicht als gewöhnliche Meinungsverschiedenheiten oder politische Reibungen verarbeitet, sondern als Angriffe. Die Bedrohungsreaktion ist daher unverhältnismäßig. Dies liegt nicht daran, dass die Führungsperson eine Eskalation strategisch plant, sondern daran, dass das Ego tatsächlich eine existenzielle Notlage wahrnimmt, während andere lediglich eine Unannehmlichkeit empfinden.
Diese gestörte Bedrohungsregulation ist eines der gefährlichsten Merkmale narzisstischer Führung. Führungskräfte, die nicht zwischen politischer Herausforderung und persönlicher Vernichtung unterscheiden können, reagieren auf Erstere oft so, als wäre es Letzteres. Diplomatie erfordert die Fähigkeit, Ambiguität auszuhalten, das Unbehagen der Unterlegenheit zu ertragen und die Perspektive des Gegners als legitime menschliche Position zu betrachten. Genau diese Fähigkeiten untergraben narzisstische und autoritäre Persönlichkeiten jedoch systematisch.
Das Ergebnis – ein zwischenstaatlicher Konflikt – folgt einem vorhersehbaren Muster: unverhältnismäßige Vergeltungsmaßnahmen, langwierige Auseinandersetzungen und eine ausgeprägte Unwilligkeit, aus einer anderen Perspektive als der totalen Dominanz heraus zu verhandeln. Solche Anführer neigen dazu, den Sieg eher als psychologischen Imperativ denn als strategische Überlegung zu verfolgen. Der Krieg kann erst enden, wenn ihr Ego befriedigt ist – und das ist selten der Fall.
Die Armee als Erweiterung des Egos
Dies ist wohl der ernüchterndste Aspekt des klinischen Bildes. Wenn ein narzisstischer oder autoritärer Führer das Militär kontrolliert, dann dient dieses nicht als Instrument der Politik im herkömmlichen Sinne. Es dient vielmehr als Erweiterung der inneren Welt des Führers. Die den Führer prägenden Größenwahnvorstellungen, Paranoia, Verachtung für Andersdenkende und Intoleranz gegenüber Verletzlichkeit durchdringen tendenziell die von ihm kontrollierten Institutionen – insbesondere, wenn diese auf hierarchischem Gehorsam statt auf unabhängigem ethischem Urteilsvermögen beruhen.
In narzisstischen Kulturen und unter narzisstischen Führungskräften wird oft ein Umfeld geschaffen, in dem Empathie als Schwäche und Grausamkeit als Stärke umgedeutet werden. In einer militärischen Einheit unter einer solchen Führung hat diese Umdeutung operative Konsequenzen. Gräueltaten sind selten allein auf individuelles moralisches Versagen zurückzuführen. Sie ereignen sich meist in institutionellen Kulturen, in denen die Egostruktur der Führungskraft die Entmenschlichung des Feindes normalisiert und den Ausdruck von Zweifel bestraft.
Was die Forschung von uns verlangt
Dies ist weder ein Plädoyer für Pazifismus noch für die Gleichwertigkeit aller Konflikte. Es gibt Situationen, in denen militärische Verteidigung echte moralische Klarheit widerspiegelt. Der Schutz der Zivilbevölkerung vor Völkermord stellt beispielsweise eine andere psychologische und ethische Kategorie dar als ein Krieg, der geführt wird, um das Dominanzbedürfnis eines Machthabers und sein historisches Vermächtnis zu befriedigen.
Der klinische Unterschied liegt genau darin: in der Qualität des Egos, das die Entscheidungen trifft. Eine Führungskraft, die zu echter Verantwortlichkeit, Verhältnismäßigkeit und empathischer Berücksichtigung der menschlichen Kosten fähig ist, wird einen Konflikt anders führen als jemand, für den der Krieg im Kern ein Referendum über die eigene Unverwundbarkeit ist.
In diesem Punkt sind sich die Forschungsergebnisse einig. Demnach spielt die Persönlichkeitsstruktur bei der Kriegsführung keine untergeordnete Rolle. In vielen Fällen – etwa im russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine oder zwischen den USA/Israel und dem Iran – ist sie sogar der entscheidende Faktor.
