Vor einigen Jahren las ich eine Schlagzeile über eine Frau, die behauptete, einen KI-Chatbot geheiratet zu haben. Ich hielt das für so absurd, dass es sich um Fake News handeln musste, aber es stimmte. Offensichtlich ist dieser Gedanke im Jahr 2026 nicht mehr so schockierend. Laut einem aktuellen Bericht des Collective Intelligence Project (CIP) akzeptiert ein beträchtlicher Teil der Weltbevölkerung die Idee, dass wir KI-Chatbots als menschliche Freunde – und sogar Partner – einsetzen können. Der Bericht bezeichnet dieses Phänomen als „Outsourcing von Emotionsregulation und sozialer Interaktion an KI“ – eine elegante Umschreibung dafür, dass in sozialen Beziehungen KI gefragt ist und der Mensch keine Rolle mehr spielt.
Laut der Studie halten 54 % der Erwachsenen weltweit KI-Begleiter für einsame Menschen für akzeptabel. 36 % hatten bereits das Gefühl, dass ein KI-Bot ihre Probleme wirklich verstanden hat. 17 Prozent halten KI-Partner für akzeptabel, während elf Prozent persönlich eine romantische Beziehung mit einem KI-Bot in Betracht ziehen würden.
Warum fühlen sich so viele Menschen zu KI hingezogen? Weil sie emotionale Bedürfnisse befriedigt, die im Alltag oft unbefriedigt bleiben. Dazu gehört die Sehnsucht nach Sicherheit, Vorhersehbarkeit und Stabilität. Der Wunsch, dem Urteil anderer zu entgehen, Beziehungskonflikte zu vermeiden und gleichzeitig sicherzustellen, dass Mitgefühl rund um die Uhr verfügbar ist, spielt ebenfalls eine Rolle.
Der Einsatz von KI-Begleitern unter Jugendlichen war in letzter Zeit ein viel diskutiertes Thema in Kreisen der Kinder- und Jugendgesundheit, wobei viele Experten ihre tiefe Besorgnis darüber äußerten. Eine Studie von Common Sense Media aus dem Jahr 2025 ergab, dass 72 % der befragten Jugendlichen KI-Begleiter genutzt haben und 33 % angaben, Beziehungen oder Freundschaften mit Chatbots zu pflegen. Eine Studie des Pew Research Centers zeigt, dass täglich drei von zehn Teenagern Chatbots nutzen. Dabei gibt es Unterschiede im Nutzungsverhalten je nach Geschlecht, ethnischer Zugehörigkeit und Haushaltseinkommen. Weitere Untersuchungen ergaben, dass transgeschlechtliche und nicht-binäre Jugendliche eher zu einem längeren Gespräch mit einem Chatbot neigten als cisgeschlechtliche Jugendliche (43 % gegenüber 35 %).
Während junge Menschen geteilter Meinung darüber sind, ob sie diese Begleiter als positive Bereicherung für ihr Leben und ihr Wohlbefinden empfinden, hat das Potenzial negativer oder gar tragischer Folgen von KI-Beziehungen breite Aufmerksamkeit erregt.
In einer Untersuchung von Common Sense Media und dem Brainstorm Lab for Mental Health der Stanford University aus dem Jahr 2025 gaben sich die Teilnehmer als Teenager aus. Dabei zeigte sich, dass Chatbots bereits nach kurzer Aufforderung Gespräche führten, in denen sie ungesunde oder gefährliche Einstellungen und Verhaltensweisen billigten, ohne die Nutzer an einen menschlichen Experten oder eine vertrauenswürdige erwachsene Person weiterzuleiten. Aufgrund dieser Ergebnisse rät Common Sense Media davon ab, KI-Begleiter für Minderjährige unter 18 Jahren einzusetzen.
Im Februar 2024 nahm sich ein 14-jähriger Junge in Florida das Leben, nachdem ein Chatbot ihn angeblich dazu angestiftet hatte. In einem anderen Fall sprach ein Jugendlicher, der sich in einer psychischen Krise befand, mit einem Chatbot. Dieser hielt ihn angeblich davon ab, Hilfe bei seinen Eltern zu suchen, und bot ihm sogar an, seinen Abschiedsbrief zu schreiben.
In einem Artikel der American Psychological Association (APA) heißt es, dass Chatbots nicht in der Lage sind, schädliche Gedanken so zu hinterfragen, wie es ein Psychotherapeut tun würde. Die APA veröffentlichte eine eigene Empfehlung zu KI und dem Wohlbefinden junger Menschen. Darin fordert sie die KI-Branche auf, sich an den Prinzipien der psychischen Gesundheit und des Wohlbefindens zu orientieren. Während die milliardenschwere KI-Branche für mutmaßliche Schäden im Zusammenhang mit der Nutzung ihrer Produkte zur Rechenschaft gezogen wird, arbeitet sie gleichzeitig an Verbesserungen, um solche Folgen zu vermeiden.
Experten empfehlen außerdem, Gespräche über den Einsatz von KI zur Beratung und emotionalen Unterstützung zu normalisieren – sowohl unter Erwachsenen als auch mit jungen Menschen, die möglicherweise zögern, ihre Nutzung einzugestehen. Eltern, Betreuer:innen und medizinisches Fachpersonal können neugierig sein (besser als wertend) und Gespräche darüber anstoßen, ob ein Kind KI-Begleiter:innen nutzt, wie es sich dabei fühlt und welche Grenzen diese „Beziehungen“ haben. Ein respektvoller und einfühlsamer Dialog ist dabei unerlässlich und schafft Kommunikationswege, die stets empfehlenswert sind.
Auf politischer Ebene können Schulen eine wichtige Rolle spielen, indem sie bereits in der Grundschule Medienkompetenz – manchmal auch digitale Kompetenz genannt – sowie KI-Kompetenz vermitteln. Dazu gehört, die Wirtschaftssysteme zu verstehen, die unseren zunehmenden Einsatz von KI und anderen digitalen Medienprodukten so profitabel machen. Gleichzeitig sollten wir reflektieren, was zu unserem eigenen Wohlbefinden beiträgt und was nicht.
Laut CIP sollten wir in der Zwischenzeit mit mehr Dialog und möglichen Auseinandersetzungen über die Definition von authentischer Intimität und Beziehungen rechnen. Hoffen wir, dass uns die Chatbots diese Gespräche ungestört führen lassen.
