Keine Ver­än­de­rung, kein Schmerz

Ver­än­de­run­gen zwin­gen dich, dich mit dem Unbe­ha­gen und sogar dem Schre­cken dei­ner Frei­heit aus­ein­an­der­zu­set­zen. Wenn du keine andere Wahl hät­test, als dei­ner Ein­sam­keit und dei­ner Ver­ant­wor­tung direkt ins Auge zu sehen, wür­dest du viel­leicht all deine Kraft auf­brin­gen, um genau das zu tun. Wel­che andere Wahl hät­test du denn? Doch meist gibt es einen leicht zugäng­li­chen Aus­weg, um dei­ner Frei­heit zu ent­flie­hen.

Flucht vor der Frei­heit

Du hast wahr­schein­lich schon ein­mal einen Mor­gen erlebt, an dem du unter Auf­schie­be­ri­tis gelit­ten hast. Du liegst im Bett und willst ein­fach nicht auf­ste­hen. Der Wecker klin­gelt unauf­hör­lich, die Kin­der sind laut und ren­nen herum, aber du kannst dich ein­fach nicht auf­raf­fen. Dabei geht es hier gar nicht um Auf­schie­be­ri­tis, son­dern um das Wech­sel­spiel zwi­schen dem Schmerz, Ver­ant­wor­tung und damit Ein­sam­keit zu erken­nen, und den Ver­su­chen, diese Ver­ant­wor­tung psy­cho­lo­gisch zu ver­drän­gen.

Die Ver­än­de­rung, die du dir wünschst, kannst du nicht errei­chen, ohne dich – manch­mal nur teil­weise und mit Scheu­klap­pen vor den grö­ße­ren Pro­ble­men in dei­nem Umfeld – mit dei­ner eige­nen Ver­ant­wor­tung und Ein­sam­keit aus­ein­an­der­zu­set­zen. Per­sön­li­che Ver­än­de­rung erfor­dert daher immer den Mut, eher in gutem als in bösem Glau­ben zu han­deln – auch dann, wenn der böse Glaube dir immer wie­der einen ver­meint­lich ein­fa­chen Aus­weg bie­tet.

Wenn du einen Schritt in Rich­tung Ver­än­de­rung machst, ist die schlechte Absicht direkt an dei­ner Seite. Sie ver­führt dich und flüs­tert dir Dinge zu wie: „Du bist ein­fach zu müde, um ins Fit­ness­stu­dio zu gehen“, „Du kannst unmög­lich Gitarre üben, bevor du nicht die Küche auf­ge­räumt hast“ oder „Alle ande­ren essen gerade einen Keks“. Das sind alles Argu­mente, die dir vor­gau­keln, du seist zum Han­deln gezwun­gen. Sie zie­len alle dar­auf ab, dich davon abzu­hal­ten, zu erken­nen, dass du das Sagen hast. Somit hin­dern oder brem­sen sie dich daran, die Ver­än­de­rung zu errei­chen, die du dir wünschst.

Der fran­zö­si­sche Phi­lo­soph Jean-Paul Sartre hat mit dem Geist der Ernst­haf­tig­keit einen tref­fen­den Begriff für die Hal­tung gefun­den, die man ein­nimmt, wenn man unauf­rich­tig ist. Wenn man die­sen Geist der Ernst­haf­tig­keit annimmt, schreibt man der Welt außer­halb von sich selbst Kräfte zu, die eigent­lich in einem selbst lie­gen. Aus bibli­scher Sicht ist das eine „Goldkalb“-Einstellung zum Leben, bei der man die eigene Hand­lungs­fä­hig­keit den mys­te­riö­sen Lau­nen eines ande­ren Wesens über­lässt. In Walt Dis­neys „Der Zau­ber­lehr­ling“ ent­wi­ckeln die Besen und Ker­zen­stän­der ein Eigen­le­ben.

Ich stelle mir den Geist der Ernst­haf­tig­keit als die Hal­tung vor, in der man in der Schlange steht und war­tet, dass einem etwas pas­siert. Wenn du dir sagst: „Ich warte bis mor­gen“, ist dein Geist ernst („Alles Gute kommt zu denen, die war­ten“, lau­tet sein Motto). Die Auf­gabe die­ses Geis­tes der Ernst­haf­tig­keit ist es, dich in schlech­ter Absicht zu hal­ten und dich unver­än­dert zu las­sen – als Teil einer unend­li­chen Schlange ande­rer Men­schen –, um deine Hand­lungs­fä­hig­keit zu ver­ber­gen.

Wenn du so bleibst, wie du bist, schützt du dich vor Ein­sam­keit und Ver­ant­wor­tung

Denke an einen Moment in dei­nem Leben, in dem du etwas zu Ende brin­gen woll­test und sicher warst, dass sich deine Situa­tion dadurch ver­bes­sern würde. Hat sich dabei das Gefühl ein­ge­stellt, gegen eine wider­stän­dige Ener­gie anzu­kämp­fen, die sich fast kör­per­lich anfühlte – wie eines die­ser halb­ku­gel­för­mi­gen, durch­sich­ti­gen, bla­sen­ar­ti­gen Kraft­fel­der aus Sci­ence-Fic­tion-Fil­men, in denen Kurt Lewin auf Cap­tain Kirk trifft?

Inner­halb die­ser Blase der Gleich­för­mig­keit ist das Leben vor­be­stimmt, vor­her­seh­bar und zwin­gend. Das ist lang­wei­lig und ein­tö­nig. Aber man ist sicher vor den Risi­ken der Ver­ant­wor­tung. Außer­halb die­ser Blase lie­gen Frei­heit und die For­de­rung nach ver­trau­ens­vol­ler Akzep­tanz, dass ich das Sagen habe. Die Blase hat ihren ver­füh­re­ri­schen Kom­fort. Sie ist ernst, regle­men­tiert und über­schau­bar. Das ein­zige Pro­blem ist, dass sich darin nie­mals etwas ver­än­dert. Genauso wenig wie krea­ti­ves Han­deln, Erfin­dungs­reich­tum, Spiel, Spaß, Liebe, Lei­den­schaft und Ver­bun­den­heit. Man kann von die­sen Din­gen inner­halb der risi­ko­freien Blase träu­men – Wie­gen­lie­der aus „Viel­leicht“ und „irgend­wann ein­mal“ –, aber man kann sie nicht in die Tat umset­zen.

Wie gera­ten wir in diese Bla­sen und was hält uns dort fest? Bis zu einem gewis­sen Grad ist das eine Frage der Erfah­rung. Diese ein­engende Kraft um uns herum gleicht einem unsicht­ba­ren Elek­tro­zaun für Hunde, die einen klei­nen, aber schmerz­haf­ten Strom­schlag erhal­ten, wenn sie die Grenze des Vor­gar­tens über­schrei­ten. Auch du kannst durch die wie­der­hol­ten Schocks der ängst­li­chen Hilf­lo­sig­keit, die durch Ent­täu­schun­gen ver­ur­sacht wer­den, „trai­niert” und zurück­ge­hal­ten wer­den. Es ist weni­ger wahr­schein­lich, dass du den siche­ren Rah­men der Bös­gläu­big­keit ver­lässt, nach­dem du auf diese Weise einen Schock erhal­ten hast, als wenn du ver­sucht hast, hin­aus­zu­ge­hen.

Wenn du zu viele Ent­täu­schun­gen erlebt hast, kannst du das Ver­trauen in deine eigene Fähig­keit ver­lie­ren, Her­aus­for­de­run­gen zu meis­tern. Da dir das Gefühl der Selbst­wirk­sam­keit fehlt, emp­fin­dest du es als uner­träg­lich, dich mit dei­ner Ver­ant­wor­tung aus­ein­an­der­zu­set­zen. Du siehst die Bemü­hun­gen um die von dir gewünschte Ver­än­de­rung daher als beängs­ti­gende Aus­sicht an, als die Mög­lich­keit eines wei­te­ren Schocks, der bedeu­tet, dass du gebro­chen bist. Du emp­fin­dest sie als Angriff auf deine Sicher­heit und als wei­tere Erfah­rung der Hilf­lo­sig­keit. In die­sem Zustand gibt es jedoch ein Gefühl, das dich in die Gefahr einer wei­te­ren Ent­täu­schung lockt: Hoff­nung. Doch du brauchst Hoff­nung, jene Ener­gie, die dich trotz Schwie­rig­kei­ten und Unsi­cher­heit wei­ter­ma­chen lässt, um dich aus dem Rah­men der Sicher­heit her­aus­zu­zwin­gen und dich dei­ner Ver­ant­wor­tung zu stel­len.

Wenn du alles beim Alten lässt, ent­ziehst du dich der Ver­ant­wor­tung für das, was als Nächs­tes kommt

Ver­än­de­rung ist wie ein Kanin­chen: Sie ver­mehrt sich expo­nen­ti­ell. Sie gibt sich nie mit einem ein­zi­gen Erfolg zufrie­den, son­dern inspi­riert dich immer dazu, eine ganze Reihe wei­te­rer Ver­bes­se­rungs­vor­schläge zu ent­wi­ckeln. Dadurch wer­den auch deine Erwar­tun­gen daran, was du als Nächs­tes errei­chen kannst, immer wei­ter gestei­gert.

Jedes Mal, wenn du etwas ver­än­derst, ahnt der Teil von dir, der auf Bestän­dig­keit bedacht ist, schon, was kommt: „Wenn ich ein paar Kilo abnehme, weiß ich, dass ich noch mehr abneh­men will. Wenn ich mein Ide­al­ge­wicht errei­che, werde ich moti­viert sein, wei­tere Ziele zu ver­fol­gen. Wenn ich diese errei­che, wird mein Selbst­ver­trauen wach­sen und ich werde grö­ßere Risi­ken ein­ge­hen wol­len. Irgend­wann werde ich mich selbst ent­täu­schen. Und alles wird zusam­men­bre­chen.“ Die Angst, dass eine Ver­än­de­rung wei­tere Ver­än­de­run­gen mit stei­gen­dem Risiko nach sich zieht, ist nicht irra­tio­nal. Je mehr Ver­än­de­run­gen du ver­suchst, desto grö­ßer ist die Wahr­schein­lich­keit, dass du auf einen Eis­berg der Ent­täu­schung prallst, anstatt am Pier der Gleich­heit fest­zu­ma­chen.

Du beginnst einen neuen Job in dei­nem Traum­be­ruf. Du machst deine Sache gut. Du bist kom­pe­tent und ver­ant­wor­tungs­be­wusst. Mit jeder her­vor­ra­gen­den Leis­tungs­be­ur­tei­lung wächst dein Selbst­ver­trauen. Die­ses Selbst­ver­trauen öff­net dir die Augen für die Mög­lich­keit, dass du von dei­ner der­zei­ti­gen Posi­tion aus viel­leicht die Kar­rie­re­lei­ter hin­auf­stei­gen möch­test. Es macht dir aber auch andere Risi­ken bewusst, die du ein­ge­hen möch­test. Damit ver­viel­fachst du jedoch auch die Wahr­schein­lich­keit eines Schei­terns und die Gefahr, für diese Miss­erfolge zur Rechen­schaft gezo­gen zu wer­den.

Als du deine erste Stelle in dei­nem Wunsch­be­ruf antratst, konn­test du das alles bereits vor­aus­se­hen. Du wuss­test, dass die Frage „Wie geht es wei­ter?” immer wie­der gestellt wer­den würde. Aus der Per­spek­tive die­ses Ein­stiegs­jobs hat­test du keine Anhalts­punkte dafür, dass du alle zukünf­ti­gen Her­aus­for­de­run­gen dei­ner Kar­riere meis­tern könn­test. Du hat­test Angst vor der Mög­lich­keit einer grö­ße­ren Frei­heit. Des­halb erfor­derte die­ser erste Tag eine Menge Mut. Du wuss­test, dass dir viele Fra­gen dazu gestellt wer­den wür­den, wie es wei­ter­geht.

Deine Sor­gen, wie es wei­ter­geht, betref­fen dich nicht nur, wenn du vor einer schwie­ri­gen Auf­gabe wie der Kar­rie­re­pla­nung stehst. Oft spielt sie auch bei den kleins­ten Ver­än­de­run­gen eine Rolle. Neh­men wir als Bei­spiel das Erler­nen einer neuen Spra­che, etwa Spa­nisch. Du fängst an, weil du dort her­um­rei­sen und irgend­wann viel­leicht auch leben möch­test. Doch plötz­lich hörst du auf. Warum?

Es gibt zwei Dinge, die dich davon abhal­ten, Spa­nisch zu ler­nen. Das erste, Offen­sicht­li­che ist der Kampf um die Frei­heit. Du möch­test nicht selbst die Ent­schei­dung tref­fen, son­dern du möch­test, dass jemand ande­res von dir ver­langt, Spa­nisch zu ler­nen. Aber es spielt noch etwas ande­res eine Rolle: Du möch­test kein Spa­nisch ler­nen, weil du befürch­test, dass das Errei­chen die­ses Ziels die Mög­lich­keit eines wei­te­ren Ziels mit sich bringt – und damit wei­tere Mög­lich­kei­ten des Schei­terns: tat­säch­lich mit jeman­dem in dem Land Spa­nisch zu spre­chen, in dem Spa­nisch Mut­ter­spra­che ist.

Sich auf einen Weg der Ver­än­de­rung zu bege­ben bedeu­tet, dass man sich einer Reihe künf­ti­ger Her­aus­for­de­run­gen stel­len muss, die die eige­nen Fähig­kei­ten immer wei­ter auf die Probe stel­len. Die­ser Weg ist nicht nur mit der Wahr­schein­lich­keit ver­bun­den, wei­ter­hin dafür ver­ant­wort­lich zu sein, ein Gewirr wei­te­rer Ziele zu errei­chen, son­dern er ist auch mit Unsi­cher­hei­ten behaf­tet. Wer ihn beschrei­tet, weiß nicht, wo er lan­den wird.

Wenn du alles beim Alten lässt, schützt du dich vor dem Unbe­kann­ten

Es gibt zwei grund­le­gende und mit­ein­an­der ver­bun­dene Risi­ken, die mit Ver­än­de­run­gen in Zei­ten der Unsi­cher­heit ein­her­ge­hen. Das erste Risiko betrifft die Her­aus­for­de­rung, die Sicher­heit der Vor­her­seh­bar­keit hin­ter sich zu las­sen und sich in eine Welt des Unbe­kann­ten zu bege­ben. Das zweite betrifft tief­grei­fen­dere exis­ten­zi­elle Fra­gen, die mit unse­rem Lebens­zweck und dem Sinn unse­res Lebens zusam­men­hän­gen.

Die Wör­ter „Aben­teuer“ und „Wag­nis“ klin­gen, als hät­ten sie die­selbe Bedeu­tung. Tat­säch­lich ste­hen sie jedoch in einem gewis­sen Gegen­satz zuein­an­der und bil­den in Bezug auf Ver­än­de­run­gen ein Yin und Yang. Beim Wag­nis geht es um die Mög­lich­keit, etwas zu ver­lie­ren, wenn man die­sen Schritt wagt. Wenn man sich auf eine Ver­än­de­rung ein­lässt, begibt man sich auf ein Aben­teuer zu einer neuen, nicht voll­stän­dig vor­her­seh­ba­ren Situa­tion im eige­nen Leben. Gleich­zei­tig wagt man sich vor, setzt sich dem Unbe­kann­ten aus und geht das reale Risiko ein, am Ende mehr zu ver­lie­ren als zu gewin­nen. Das Pro­blem ist, dass man nicht wis­sen kann, ob man das gewünschte Ergeb­nis erzielt, bis es ent­we­der ein­tritt oder nicht. Das ist eine Tat­sa­che: Das Ergeb­nis eines jeden Vor­ha­bens, etwas zu ver­än­dern, ist erst bekannt, wenn der Plan tat­säch­lich umge­setzt wurde.

Das Unbe­kannte lässt sich nicht erken­nen. Genau das ist der Grund, warum es unbe­kannt ist. Alles, was mit dei­ner Frei­heit zu tun hat, ist unbe­kannt. Wenn du einen erns­ten Gesichts­aus­druck annimmst, wird deine Zukunft so vor­her­seh­bar sein wie die Schlange vor dem Fein­kost­la­den – end­los. Du wirst zwar nie deine Bestel­lung auf­ge­ben kön­nen, aber du wirst die Sicher­heit erlan­gen, geord­net zu sein. Deine Ein­tritts­karte für diese end­lose Schlange ist Gleich­för­mig­keit. Wenn du dich ver­än­derst, ver­lierst du dei­nen Platz in der Schlange.

Wenn du Angst vor der Hoff­nung hast, dann liegt das wahr­schein­lich daran, dass du Pro­bleme mit dem Ver­trauen in dich selbst und in deine Umwelt hast. Und wie unsere For­schung zeigt: Je mehr dir die Hoff­nung Angst macht, desto mehr neigst du dazu, die vie­len posi­ti­ven Ereig­nisse, die direkt vor dir lie­gen, aus­zu­blen­den und deine Zeit­per­spek­tive ein­zu­schrän­ken. Du wirst sozu­sa­gen kurz­sich­tig in Bezug auf Ver­gan­gen­heit und Zukunft.

Das War­ten in der Schlange ver­setzt dich genau in diese begrenzte und ein­engende Erfah­rung von Zeit. Du steckst zwi­schen Ver­gan­gen­heit und Zukunft fest und weißt nicht, was als Nächs­tes pas­sie­ren wird. Dabei gehst du davon aus, dass das, was pas­sie­ren wird, durch Kräfte bestimmt wird, die außer­halb dei­ner Kon­trolle lie­gen. Und diese kon­tra­fak­ti­schen Über­le­gun­gen, diese grüb­le­ri­schen „Was-wäre-wenn“-Fragen, die Hoff­nung in dir ent­facht?

Auch sie hal­ten dich dort fest. Kon­zen­triert auf diese auf­ge­wühlte Erfah­rung zwi­schen Ver­gan­gen­heit und Zukunft denkst du über alle mög­li­chen Ereig­nisse nach, die von dir oder ande­ren ver­ur­sacht wur­den und die dein Leben anders gemacht hät­ten. Und auch wenn du dir viel­leicht selbst die Schuld für ver­passte Gele­gen­hei­ten gibst, schwe­ben die ver­lo­re­nen Ergeb­nisse die­ser ver­pass­ten Chan­cen wie Erklä­run­gen dafür, warum du in der Schlange stehst, statt in die Zukunft zu gehen, in dei­nem Kopf herum. Hätte ich dies oder das getan, wäre ich jetzt frei, aber ich bin es nicht.

„Man weiß es erst, wenn man es ver­sucht“: Die­ses Sprich­wort klingt fröh­lich und wirkt wie ein unbe­schwer­ter Ansporn, es ein­fach zu tun. Die Vor­stel­lung, dass du erst dann weißt, ob du die rich­tige Ent­schei­dung getrof­fen hast, wenn du sie umsetzt, kann jedoch dazu füh­ren, dass du dich bei Ver­än­de­run­gen sehr hin- und her­ge­ris­sen fühlst. Es bedeu­tet, dass es bei dei­nen geplan­ten Ver­än­de­run­gen keine Garan­tien gibt. Pla­nen und Vor­her­sa­gen allein brin­gen dich nicht wei­ter, son­dern sind oft nur ein geschick­ter Weg, um das, was pas­sie­ren könnte, wenn du tief durch­at­mest und in die Unge­wiss­heit springst, auf­zu­schie­ben. Es ist dein Ver­trauen – jene Kraft, die dich trotz unbe­kann­ter Ergeb­nisse vor­an­treibt –, das dich zu die­sem Sprung antreibt. Ver­trauen gibt dir die Kraft, dich ein­zu­las­sen, trotz des Risi­kos, dass du erst nach dem Ver­such fest­stel­len wirst, dass du die fal­sche Ent­schei­dung getrof­fen hast.

Sich zu etwas zu ver­pflich­ten, bedeu­tet, ein Ver­spre­chen abzu­ge­ben, das man nicht bricht. Ver­än­de­rung erfor­dert immer, dass man sich dazu ver­pflich­tet, von einem Punkt zum ande­ren zu gelan­gen. Doch sie ver­spricht nicht, dass man am Ende etwas errei­chen wird, das diese Anstren­gung wert ist. Ver­än­de­rung ist somit eine unglei­che Ver­ein­ba­rung: Man unter­schreibt einen Ver­trag, um einen neuen Weg ein­zu­schla­gen, ohne zu wis­sen, wo man am Ende lan­den wird.

Das Ver­spre­chen, sich zu ändern, ist schon rela­tiv schwer ein­zu­hal­ten. Schließ­lich han­delt es sich um einen schick­sal­haf­ten Akt, bei dem man sich ohne Garan­tie fest­legt. Und das gilt selbst dann, wenn man nur vor­hat, kleine Ver­hal­tens­wei­sen zu ändern, wie zum Bei­spiel abzu­neh­men oder eine Gewohn­heit auf­zu­ge­ben. Noch schwie­ri­ger und ris­kan­ter wird es, wenn die Ver­än­de­rung schwe­rer rück­gän­gig zu machen ist und erheb­li­che Umstel­lun­gen mit sich bringt, wie zum Bei­spiel ein Aus­lands­se­mes­ter auf eigene Faust.

Die­ses Ver­spre­chen ist jedoch gera­dezu beängs­ti­gend, wenn die ange­strebte Ver­än­de­rung Fra­gen der Erfül­lung und des Sinns betrifft, wie den Start in eine Kar­riere, den Beginn einer Bezie­hung, die Kün­di­gung eines uner­fül­len­den Jobs oder das Been­den einer unbe­frie­di­gen­den Bezie­hung. Bei sol­chen Ver­än­de­run­gen, bei denen Fra­gen nach Sinn, Zweck und Ver­bun­den­heit auf dem Spiel ste­hen, ist der Ein­satz gefähr­lich hoch. Wenn man sich in Unter­neh­mun­gen wie Liebe und Arbeit stürzt, ist der Auf­wand anstren­gend, die Zeit­spanne zwi­schen „Ver­su­chen“ und „Her­aus­fin­den“ ist lang und die Span­nung der Hoff­nung – das Gefühl, nicht das zu haben, was man braucht, und es zu wol­len – greift auf kraft­volle Weise um sich.

Das Unbe­kannte und das Risiko, sich auf die Tiefe ein­zu­las­sen

Zurück zum Bei­spiel des Berufs­ein­stiegs. Du beginnst eine neue Stelle in dei­nem Traum­be­ruf. Es ist eine kleine, unschein­bare Stelle, aber sie ist das Sprung­brett für die Kar­riere, die du anstrebst. Auch wenn die Stelle kaum Erfül­lung bringt, bleibst du dabei und machst deine Sache gut. Von dort aus steigst du in anspruchs­vol­lere Posi­tio­nen auf. Du hast dei­nen Kar­rie­re­hö­he­punkt noch nicht erreicht und die täg­li­che Arbeit ist noch immer nicht befrie­di­gend, aber du bist dei­nem Ziel nahe. Dann bekommst du end­lich die Posi­tion, die signa­li­siert, dass du es geschafft hast. Du bist nun ganz oben in dei­ner Kar­riere ange­kom­men – und du hasst es.

Du hast so hart dafür gear­bei­tet, die­ses große Eck­büro zu errei­chen, nur um dann fest­zu­stel­len, dass es nicht zu dir passt. Die täg­li­chen Auf­ga­ben die­ses Jobs erfül­len dich nicht so, wie du es dir vor­ge­stellt hast. Sie ent­spre­chen nicht dei­nen Wer­ten und bie­ten dir keine Tätig­kei­ten, die dir Erfül­lung brin­gen.

Als du ange­fan­gen hast, konn­test du nicht wis­sen, ob der von dir gewählte Beruf das Rich­tige für dich sein würde. Es war also ein gro­ßes Risiko, sich zu die­sem Zeit­punkt fest­zu­le­gen – nach dem Motto „Man weiß es erst, wenn man es ver­sucht“. Das galt für jeden Moment, in dem du dir immer wie­der vor­ge­nom­men hast, es wei­ter zu ver­su­chen, auch wenn sich deine Jobs auf die­sem Weg sinn- und zweck­los anfühl­ten. Doch jetzt, nach all den Jah­ren und der har­ten Arbeit, bist du an dem Ort, an dem du die Ant­wort dar­auf erhältst, ob es sich gelohnt hat. Und diese Ant­wort ist zutiefst ent­täu­schend.

Wenn du die obige Geschichte als Grund­lage für eine Art „Mad Libs“ ver­wen­dest und den Beruf durch einen poten­zi­el­len Part­ner ersetzt, wirst du zu der­sel­ben Ein­sicht gelan­gen. Du triffst den Men­schen dei­ner Träume. Ihr beginnt, euch zu tref­fen. Es ist nicht gerade auf­re­gend, aber es läuft ganz gut. Die Bezie­hung scheint zu funk­tio­nie­ren. Es ist genug da, um den nächs­ten Schritt zu wagen, also beschließt ihr, eine exklu­sive Bezie­hung ein­zu­ge­hen. Du hoffst, dass das Ein­ge­hen die­ses Ver­spre­chens euch ein­an­der näher­bringt und mit Liebe und Inti­mi­tät erfüllt. Du steckst dein gan­zes Herz­blut in die Bezie­hung. Doch wenn du mit dei­nem Part­ner zusam­men bist, herrscht eine dumpfe Distanz. Du hast Angst, dass es zwi­schen euch an ech­ter Ver­bun­den­heit man­gelt. Ande­rer­seits läuft es ober­fläch­lich betrach­tet gut. Ihr ver­steht euch gut. Ihr habt Spaß. Es fühlt sich an wie eine gute Ver­bin­dung und es gibt so viel Poten­zial. Ihr geht das ulti­ma­tive Ver­spre­chen ein und hei­ra­tet. Nach zehn Jah­ren habt ihr alles: einen auf­merk­sa­men Part­ner, ein Haus in der Vor­stadt, gele­gent­li­che Urlaube, viele Freunde – und ihr hasst es.

Nach all den Jah­ren, in denen du immer wie­der ver­sucht hast, dein Herz zu öff­nen, bist du nun an dem Punkt ange­langt, an dem du die Ant­wort auf die Frage fin­dest, ob deine Ent­schei­dung, dich zu bin­den, die rich­tige war. Und sie ist zutiefst ent­täu­schend.

Das Risiko, einen Weg zum Gip­fel ein­zu­schla­gen, von dem man erst bei der Ankunft weiß, dass er die Anstren­gung wert war, besteht bei jeder Ent­schei­dung, egal ob groß oder klein. Doch die­ses Risiko ist beson­ders schwer zu bewäl­ti­gen, wenn die Ent­schei­dung mit einer Lebens­ver­än­de­rung zusam­men­hängt, die man trifft, um eine tie­fere Erfah­rung zu errei­chen – sei es im Beruf oder in der Liebe. Je tie­fer die Erfah­rung ist, die das Ziel bie­tet, desto schwie­ri­ger ist es, diese Ver­pflich­tung ein­zu­ge­hen. Das liegt einer­seits an der Zeit und Mühe, die man in grö­ßere Ziele im Zusam­men­hang mit der eige­nen Erfül­lung inves­tiert, ande­rer­seits am Pro­blem des­sen, was man ver­liert, wenn man nicht bekommt, was man will.

Das Risiko einer Ver­pflich­tung hängt mit der ernst­haf­ten Mög­lich­keit zusam­men, dass du etwas ver­lierst, das dir wich­tig ist. Deine Fähig­keit, mit die­sem Risiko umzu­ge­hen und somit Schritte in Rich­tung einer Ver­än­de­rung in dei­nem Leben zu unter­neh­men, hängt stark von dei­ner Ver­lust­aver­sion ab.

Ver­lust­aver­sion und das Unbe­kannte alter­na­ti­ver Wel­ten

Jede Ver­pflich­tung wirft zwei Fra­gen auf.

  • Ist das die rich­tige Ent­schei­dung?
  • Wel­che Mög­lich­kei­ten lasse ich hin­ter mir, wenn ich es schaffe?

Bei die­sen Fra­gen geht es um Ver­lust.

Du sitzt in einem Restau­rant, blät­terst durch die umfang­rei­che Spei­se­karte und ver­suchst, das rich­tige Gericht aus­zu­wäh­len. Der Kell­ner kommt und du ver­spürst ein leich­tes Gefühl der Panik. Du denkst, du möch­test viel­leicht die Tor­tilla, hast aber Angst, dass es die fal­sche Wahl sein könnte. Du ahnst, dass du viel­leicht nicht zufrie­den sein wirst, wenn das Gericht ser­viert wird und du den ers­ten Bis­sen nimmst. Der Kell­ner steht mit einem Stift in der Hand bereit, um deine Bestel­lung auf­zu­neh­men. Dir schwir­ren zwei unbe­ant­wort­bare Fra­gen durch den Kopf:

  • Ist die Tor­tilla heute Abend wirk­lich das rich­tige Haupt­ge­richt für mich?
  • Wenn ich mich für die Tor­tilla ent­scheide, wel­che ande­ren Gerichte auf der Spei­se­karte habe ich dann aus­ge­las­sen, die viel­leicht befrie­di­gen­der gewe­sen wären?

Du machst dir Sor­gen um Ver­luste: den Ver­lust eines guten Essens und den Ver­lust all der ande­ren Ent­schei­dun­gen, die du hät­test tref­fen kön­nen.

Para­do­xer­weise ist es gerade die Fülle an Mög­lich­kei­ten, die diese rie­sige Spei­se­karte bie­tet, die dich wegen die­ser Ver­luste so beun­ru­higt. Mit ande­ren Wor­ten: Die Wahl­frei­heit schränkt dich ein und ver­un­si­chert dich. Diese Tat­sa­che ist nicht nur das Ergeb­nis exis­ten­ti­el­ler phi­lo­so­phi­scher Über­le­gun­gen, son­dern eine Eigen­schaft der mensch­li­chen Psy­che, die ein­deu­tig mathe­ma­tisch fun­diert ist.

Als Lebe­we­sen beschäf­ti­gen sich Men­schen mehr mit Ver­lus­ten als mit Gewin­nen. Zu die­sem Schluss kommt die von den Nobel­preis­trä­gern Daniel Kah­ne­man und Amos Tversky ent­wi­ckelte Theo­rie der Ver­lust­aver­sion. Ihre For­schun­gen zei­gen, dass ein Gewinn von hun­dert Dol­lar für uns nur halb so attrak­tiv ist wie ein Ver­lust von hun­dert Dol­lar unat­trak­tiv. Die­ses Gefühl zeigt sich in den unter­schied­lichs­ten Situa­tio­nen. Die Ver­lust­aver­sion hat einen guten evo­lu­tio­nä­ren Grund: Orga­nis­men, die mehr Ener­gie dar­auf ver­wen­den, sich vor Ver­lus­ten zu schüt­zen, als Chan­cen zu ergrei­fen, haben eine grö­ßere Über­le­bens­chance.

Die Ver­lust­aver­sion erklärt das Pro­blem mit der rie­si­gen Spei­se­karte. Sie bie­tet zwar alle mög­li­chen Optio­nen, aber ebenso viele Mög­lich­kei­ten, eine fal­sche Wahl zu tref­fen. Hier kommt die Mathe­ma­tik ins Spiel: Neh­men wir an, du bist zum Abend­essen in einem schi­cken Restau­rant, das nur zwei Gerichte auf der Karte hat. Wenn du dich für eines ent­schei­dest, besteht eine 50-pro­zen­tige Wahr­schein­lich­keit, dass es das fal­sche ist.

Keh­ren wir nun zu dem spa­ni­schen Restau­rant mit sei­ner rie­si­gen Spei­se­karte zurück, die hun­dert Gerichte zur Aus­wahl bie­tet. Die Frei­heit liegt in greif­ba­rer Nähe. Doch mit all die­sen Mög­lich­kei­ten geht eine Wahr­schein­lich­keit von 99 Pro­zent ein­her, dass du die fal­sche Ent­schei­dung triffst. Nicht nur ste­hen die Chan­cen gegen deine Wahl als die abso­lut rich­tige, son­dern du ver­passt auch die Chance, alle ande­ren Gerichte auf der Spei­se­karte zu pro­bie­ren.

Eine zu große Aus­wahl kann Stress ver­ur­sa­chen. Einer­seits erhöht sie die Wahr­schein­lich­keit, eine fal­sche und ent­täu­schende Ent­schei­dung zu tref­fen. Ande­rer­seits besteht das Risiko, dass man Chan­cen ver­passt, weil man sich gar nicht ent­schei­den kann. Des­halb strö­men die Men­schen in Lokale, in denen sie auf Num­mer sicher gehen kön­nen, indem sie genau aus­wäh­len, was in ihre Tor­tilla kom­men soll. Des­halb mögen Men­schen Buf­fets, damit sie keine Gele­gen­heit ver­pas­sen. Sie kön­nen alles haben.

In sei­nem Buch „The Para­dox of Choice: Why More Is Less“ ver­wen­det der Psy­cho­loge Barry Schwartz das Kon­zept der Ver­lust­aver­sion, um die schein­bar wider­sprüch­li­che Tat­sa­che zu erklä­ren, dass wir als Ver­brau­cher zwar unzäh­lige Wahl­mög­lich­kei­ten haben, in Umfra­gen zum Glück­lich­sein jedoch im Ver­gleich zu Län­dern mit weni­ger Aus­wahl­mög­lich­kei­ten recht schlecht abschnei­den.

Für unsere Argu­men­ta­tion noch wich­ti­ger ist, dass Schwartz eine auf­schluss­rei­che Beob­ach­tung zu Bewe­gun­gen in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten macht, die ver­su­chen, die­sem Trend ent­ge­gen­zu­wir­ken und den Men­schen zu mehr Glück zu ver­hel­fen. Sie schrän­ken die Aus­wahl­mög­lich­kei­ten ein und legen den Fokus auf wich­tige The­men, die mit indi­vi­du­el­len Wer­ten und Lebens­zie­len zusam­men­hän­gen. Schwartz schreibt: „Uns um unsere eige­nen Wün­sche zu küm­mern und uns dar­auf zu kon­zen­trie­ren, was wir tun wol­len, erscheint mir nicht als Lösung für das Pro­blem der zu gro­ßen Aus­wahl.“

Egal, wie umfang­reich die Aus­wahl auch sein mag, sie ist begrenzt. Die Mög­lich­kei­ten, was dich im Leben erfüllt, dei­nen Wer­ten ent­spricht, dir Sinn gibt, dir ein Ziel bie­tet und dir ein Gefühl der Ver­bun­den­heit ver­mit­telt, sind hin­ge­gen unend­lich. Wenn du das Gefühl hast, bei einer die­ser Ent­schei­dun­gen über per­sön­li­che Ver­än­de­run­gen einen Feh­ler gemacht zu haben, ist es daher nur logisch, dass dein Ver­stand dazu neigt, alle ande­ren mög­li­chen Ent­schei­dun­gen zu über­den­ken, die du hät­test tref­fen kön­nen. Daher die kon­tra­fak­ti­schen Über­le­gun­gen. Es ist aber auch logisch, dass dein Ver­stand ange­sichts der bevor­ste­hen­den Ent­schei­dun­gen durch­ein­an­der­kommt – eine Art zukünf­ti­ges Kon­tra­fak­ti­sie­ren: eine end­lose Reihe von „Was-wäre-wenn“-Fragen bezüg­lich dei­ner nächs­ten Ent­schei­dung.

Über­leg noch ein­mal, ob du dich auf eine Bezie­hung ein­las­sen möch­test. Was hält dich davon ab? Zunächst stellt sich die Frage, ob dein Part­ner wirk­lich gut zu dir passt. Du siehst all seine Macken, all die Dinge, die dich ner­ven, und fragst dich: „Wird die­ser Mensch mein Leben bes­ser machen?” Wenn du nur wenige Part­ner zur Aus­wahl hät­test – zum Bei­spiel, wenn du in einem klei­nen Dorf leben wür­dest oder dir ein Hei­rats­ver­mitt­ler Kan­di­da­ten vor­schla­gen würde –, wären diese Beden­ken keine so große Sache. Aber die Aus­wahl­mög­lich­kei­ten beim Online-Dating sind nahezu unbe­grenzt und so wirst du nie wis­sen, ob du die rich­tige Wahl getrof­fen hast.

Die zweite Frage, die damit zusam­men­hängt, betrifft all die ver­pass­ten Gele­gen­hei­ten, die direkt vor der Tür lie­gen. Viel­leicht gibt es da drau­ßen jeman­den, der „der Rich­tige“ ist. Wenn du dich für die Per­son ent­schei­dest, die gerade vor dir steht, ver­passt du unter Umstän­den die Per­son, die eigent­lich für dich bestimmt ist. Und hier liegt das Para­do­xon: Je grö­ßer die Angst ist, in Beruf und Liebe den ein­zig wah­ren Part­ner zu ver­pas­sen, desto grö­ßer ist auch die Anzahl der ande­ren Mög­lich­kei­ten, die einem offen­ste­hen.

Bei Ver­än­de­run­gen dreht sich alles um das Gedan­ken­spiel mit „alter­na­ti­ven“ Wel­ten – jene par­al­le­len Exis­ten­zen aus der Sci­ence-Fic­tion, in denen man unend­lich viele mög­li­che Leben führt. Diese ent­ste­hen jeweils durch eine andere Ent­schei­dung an einem ande­ren Schei­de­weg. Die­ses Gedan­ken­spiel ist harm­los, wenn es darum geht, eine schmack­hafte Vari­ante der spa­ni­schen Küche aus­zu­wäh­len. Es wird jedoch ernst, wenn es um die Part­ner­wahl geht. Der Unter­schied zwi­schen einem Gericht auf der Spei­se­karte und einer Ent­schei­dung für Ver­än­de­rung hat mit dem Ein­satz zu tun, der auf dem Spiel steht – nicht mit Steaks.

Wenn man sich dazu ent­schließt, ein tie­fe­res und sinn­vol­le­res Leben anzu­stre­ben, steht viel auf dem Spiel. Eine Mög­lich­keit, mit die­ser Situa­tion umzu­ge­hen, ist es, mög­li­che Sze­na­rien durch­zu­spie­len. Was, wenn mein Part­ner in ein ande­res Land zie­hen möchte? Was, wenn wir uns nicht dar­über einig sind, wie wir unsere Kin­der erzie­hen sol­len? Was, wenn er mich am Ende für jeman­den ver­lässt, den er im Fit­ness­stu­dio ken­nen­ge­lernt hat?

Doch das bringt dich nur bis zu einem bestimm­ten Punkt – viel­leicht sogar über­haupt nicht wei­ter. Wenn du ver­suchst, das Ende der Geschichte zu erra­ten, bevor du bereit bist, sie zu lesen, indem du beses­sen jedes mög­li­che Sze­na­rio durch­spielst und die vie­len mög­li­chen Par­al­lel­wel­ten auf­lis­test, befin­dest du dich viel­leicht in einer end­lo­sen Schleife. Du wirst nie alle Daten haben und nie alle Ergeb­nisse vor­her­sa­gen kön­nen. Irgend­wann musst du ein­fach auf dein Ver­trauen set­zen.

Der Begriff „Bin­dungs­angst” wird heut­zu­tage häu­fig ver­wen­det, meist, um ein Pro­blem in Bezie­hun­gen zu beschrei­ben: „Die­ser Fred kann sich ein­fach nicht fest­le­gen, weil er Bin­dungs­angst hat.” Doch wir alle fürch­ten uns vor Ver­bind­lich­keit. Und das zu Recht, denn Ver­bind­lich­keit macht Angst. Es ist ein Schritt, bei dem man eine erheb­li­che Inves­ti­tion in etwas tätigt, nach dem man sich zutiefst sehnt, ohne zu wis­sen, ob es der rich­tige Korb ist, in den man alle seine Eier legt.

Je mehr Aus­wahl­mög­lich­kei­ten man hat und je mehr man das, was man will, schätzt, desto grö­ßer wird die Angst, die­ses Ver­spre­chen abzu­ge­ben und den Sprung ins Unge­wisse zu wagen. Für unser gestalt­ori­en­tier­tes Gehirn, das gerne Kon­ti­nui­tät hat, löst die Dis­kre­panz zwi­schen einer gro­ßen Inves­ti­tion und einem unge­wis­sen Ergeb­nis große Angst aus. Diese Angst ist nicht neu­ro­tisch, son­dern das zutref­fendste Gefühl, das wir in einer sol­chen Situa­tion haben soll­ten.

Es ist groß­ar­tig, wenn man sich enga­giert und tat­säch­lich das erreicht, was man sich vor­ge­nom­men hat. Das Risiko hat sich gelohnt. Endet dein Enga­ge­ment jedoch in Ent­täu­schung, stehst du vor einem neuen Dilemma und einer ech­ten Her­aus­for­de­rung für deine Bereit­schaft, in gutem Glau­ben zu han­deln. Ver­suchst du, dei­nen Ver­lust aus­zu­glei­chen, indem du den ein­ge­schla­ge­nen Weg wei­ter­gehst? Oder änderst du dei­nen Kurs dras­tisch? Mit ande­ren Wor­ten: Es geht darum, ob du trotz aller Ver­luste wei­ter­hin in eine Ent­schei­dung inves­tie­ren willst – ob du „gutes Geld schlech­tem hin­ter­her­wirfst“.

Große Ent­täu­schung, die unbe­kann­ten und ver­sun­ke­nen Kos­ten

Kom­bi­niert man die ange­bo­rene Ver­lust­aver­sion mit der Ten­denz des mensch­li­chen Gehirns, Dinge wie­der ins Lot zu brin­gen, so ent­steht die Nei­gung, umso mehr zu inves­tie­ren, je mehr man bereits ver­lo­ren hat. Wenn man bei­spiels­weise an einem Job fest­hält, den man hasst, oder an einer Ehe, die einen unglück­lich macht, ver­sucht man, seine per­sön­li­che Bilanz aus den roten Zah­len ins Plus zu brin­gen. Diese Ten­denz wird von Öko­no­men als Sunk-Cost-Fall­acy (Irr­tum der ver­sun­ke­nen Kos­ten) und von Sozio­lo­gen als Enga­ge­ment-Bias bezeich­net. Sie ist äußerst ver­füh­re­risch, wenn das Pro­blem mit geschei­ter­ten Ver­su­chen zu tun hat, Ihrem Leben Tiefe zu ver­lei­hen. Wenn du ver­sucht hast, in die­sen Berei­chen per­sön­li­che Ver­än­de­run­gen vor­zu­neh­men, und dabei geschei­tert bist, gibt es noch einen wei­te­ren Fak­tor, der dei­nen inne­ren Buch­hal­ter dazu ver­an­lasst, ver­zwei­felt zu ver­su­chen, den Ver­lust zu ret­ten: Du bist end­lich.

Die Zeit, die du damit ver­bracht hast, dei­nem hel­den­haf­ten und zugleich ver­letz­li­chen Sprung ins Unge­wisse zu fol­gen, kann sich wie ver­schwen­dete Zeit anfüh­len. Die Zeit, die du damit ver­bracht hast, deine eins­ti­gen Träume zu ver­fol­gen, bringt dich dem Ende dei­nes Lebens näher, als du es am Anfang warst. Die Zeit drängt. Es steht mehr auf dem Spiel als je zuvor. Es geht buch­stäb­lich um alles oder nichts.

Was tust du also? Wie­der ein­mal stehst du vor einer Ent­schei­dung, die dir die Tiefe und Bedeu­tung ver­schaf­fen könnte, nach der du suchst. Deine Angst vor die­sem erneu­ten Sprung ins Unge­wisse ist, wenn über­haupt, noch grö­ßer als zuvor. Du weißt, dass du einen Ver­trau­ens­vor­schuss wagen und erneut dei­nem Bauch­ge­fühl fol­gen musst, um das geschei­terte Ergeb­nis dei­nes letz­ten Risi­kos hin­ter dir zu las­sen. Aber du weißt auch, dass dein bis­her größ­ter Ein­satz ein Feh­ler war und dich Jahre gekos­tet hat. Dein Ver­trauen in deine eigene Glaub­wür­dig­keit als Infor­ma­ti­ons­quelle für die Gestal­tung dei­nes Lebens ist erschüt­tert. Gerade in dem Moment, in dem du es am drin­gends­ten brauchst, um mutig in den Wie­der­auf­bau zu inves­tie­ren, schwankt es: Du hast keine Gewiss­heit, dass sich dein Ein­satz an Mühe, Emo­tio­nen und der immer knap­per wer­den­den Zeit aus­zah­len wird. Diese Span­nung zwi­schen dem, wo du jetzt bist, und dem, wo du hin­willst, kann uner­träg­lich wer­den.

Ver­un­si­chert durch diese Ent­schei­dung wen­dest du dich an deine alten Freunde, die „Bös­gläu­big­keit“ und ihren Hand­lan­ger, den „Geist der Ernst­haf­tig­keit“. Sie waren schon immer da und haben auf dei­nen Anruf gewar­tet. Sie wuss­ten, dass du dich an sie wen­den wür­dest, sobald es in die­ser beängs­ti­gen­den Welt der Ver­ant­wor­tung für dein Leben zu schwer wird. Zu dei­ner unglück­li­chen, erschöpf­ten Ehe sagen sie: „Du bist an dein ‚Ja, ich will‘ gebun­den“ und „Warte ab, es könnte bes­ser wer­den“. Zu dei­ner aus­sichts­lo­sen Kar­riere raten sie dir: „Bleib dran, was lange währt, wird end­lich gut.“

Sie lösen tat­säch­lich dein unmit­tel­ba­res Pro­blem, diese Angst, die dich Tag und Nacht ver­folgt. Sie beru­hi­gen dich, rei­chen dir einen Lip­pen­stift für das Schwein der Leere und Rou­tine und schüt­zen dich vor der Ver­zweif­lung über ver­sun­kene Kos­ten sowie der schmerz­haf­ten Erfah­rung von „Ver­su­chen, ver­su­chen, wie­der ver­su­chen“. Dann sen­ken sie lang­sam eine Atem­maske herab und betäu­ben dich vor dem uner­träg­li­chen Schmerz der Rea­li­tät.

Natür­lich muss es nicht so sein. Aber es erfor­dert deut­lich mehr Stand­haf­tig­keit und Anstren­gung, sich ins Unge­wisse zu stür­zen, als alles beim Alten zu belas­sen.

Angst ist dein Freund und Feind zugleich

„Die Angst vor dem Leben lässt sich nur um den Preis der Apa­thie oder der Abstump­fung der eige­nen Emp­fin­dun­gen und Vor­stel­lungs­kraft ver­mei­den“, schrieb der exis­ten­tia­lis­ti­sche Psy­cho­loge Rollo May. Mit ande­ren Wor­ten: Ohne Fleiß kein Preis. Der Schmerz, der mit Ver­än­de­run­gen ein­her­geht, hat letzt­end­lich immer mit der Angst vor der eige­nen Ver­ant­wor­tung und Ein­sam­keit zu tun. Oft­mals ist das Ver­mei­den die­ses Schmer­zes das zen­trale Anlie­gen. Wenn du dich die­sem Schmerz nicht stellst, machst du dich unwei­ger­lich jede Chance auf Gewinn zunichte.

Wenn du dei­nen Schmerz nur als gefähr­lich, als Bedro­hung betrach­test, als eine ein­tö­nige, aber furcht­erre­gende Aus­sicht, ent­ziehst du ihm jeg­li­che Bedeu­tung. In die­sem Zusam­men­hang erscheint dir deine Qual wie ein frem­des Mons­ter, das den Schutz­schild dei­ner Unauf­rich­tig­keit angreift. Wenn du es jedoch als unver­meid­li­chen Teil des Wan­dels betrach­test, ist es zwar immer noch schmerz­haft und beängs­ti­gend, aber es ist auch ein Zei­chen dafür, dass du dich ver­än­derst. Oft ist es sogar der ein­zige Hin­weis dar­auf, dass Ver­än­de­rung statt­fin­det oder bevor­steht.

Aber ver­giss nicht: Wenn du dich traust, deine exis­ten­zi­elle Angst zu spü­ren und dich zu ver­än­dern, ist das Risiko groß.

„Mach es ein­fach!“ „Wage ein­fach den Sprung!“ „Pro­bier es ein­fach aus!“ – Wenn es um Ver­än­de­run­gen geht, vor allem, wenn diese dazu die­nen, dein Leben zu berei­chern, sind sol­che Kom­men­tare schlicht­weg dumm. In die­ser ver­rück­ten, durch­ein­an­der­ge­brach­ten Welt der Ver­än­de­rung gibt es kein „ein­fach“. Wenn du dich auf eine Ver­än­de­rung zube­wegst, dann stellst du dich der rea­len Erfah­rung dei­ner Ein­sam­keit. Du gehst das Risiko ein, dass neue und schwie­ri­gere Her­aus­for­de­run­gen auf dich war­ten. Du lässt unter Umstän­den einen Gold­klum­pen in all den ver­sun­ke­nen Kos­ten zurück. Und du gehst das Risiko ein, dass das Ziel, das du errei­chen willst, am Ende wert­los sein wird. Hinzu kommt das Poten­zial, mit erheb­li­cher Ent­täu­schung kon­fron­tiert zu wer­den.

Sich ange­sichts der eige­nen Ein­sam­keit zu trauen, etwas zu ver­än­dern, bedeu­tet, ein Risiko ein­zu­ge­hen – und die­ses Risiko ist abso­lut real. Tat­säch­lich geht es bei per­sön­li­chen Ver­än­de­run­gen darum, das Risiko ein­zu­ge­hen, sich sei­nem Leben authen­tisch zu nähern. Das Risiko ist real, weil man dabei ganz man selbst ist.

Wenn es um per­sön­li­che Ver­än­de­rung geht, haben wir die Wahl zwi­schen zwei Übeln. Wer sich traut, sich zu ver­än­dern, spürt die Angst vor dem Risiko. Wer sich nicht ver­än­dert, hat das Gefühl, es gäbe kein Risiko und somit auch keine Angst. Das gesamte Sze­na­rio ist auf Gleich­heit aus­ge­legt. Wenn du dich ver­än­derst, wirst du von der Bot­schaft über­wäl­tigt, die die Angst über­mit­teln soll. „War­nung, War­nung, du befin­dest dich in Gefahr!“, schreit sie und fleht dich an, weg­zu­lau­fen. Wenn du dich nicht ver­än­derst, hül­len dich Unauf­rich­tig­keit und ein Geist der Ernst­haf­tig­keit ein, sodass du keine ähn­li­che Bot­schaft über die erheb­li­che Gefahr der Gleich­heit erhältst.

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