Ist Doom­scrol­ling ver­ant­wor­tungs­voll?

11. Sep­tem­ber 2001, 9:59 Uhr Orts­zeit. Eine Eil­mel­dung bricht her­ein. Soeben ist ein Flug­zeug in den Süd­turm des World Trade Cen­ters in New York City geflo­gen. Eine halbe Stunde spä­ter fliegt ein wei­te­res Flug­zeug in den Nord­turm des­sel­ben. Dabei kamen knapp 3.000 Men­schen ums Leben. Alle Sen­de­an­stal­ten – von NBC und CNN, ARD und dem ZDF bis zu RTL – unter­bra­chen ihre Pro­gramme für eine fort­lau­fende Bericht­erstat­tung.

Tag und Nacht saßen viele von uns vor dem Bild­schirm und war­te­ten auf die ersehn­ten Neu­ig­kei­ten. Wenn nichts Ent­schei­den­des geschah, füll­ten wir die War­te­zeit mit Gesprä­chen. Stun­den­lang. Wir dis­ku­tier­ten Mei­nungs­bei­träge, tausch­ten Theo­rien aus, spe­ku­lier­ten über Gerüchte und ver­such­ten, das Kom­mende vor­her­zu­sa­gen. Damals erschien es uns als unsere Bür­ger­pflicht und als das ein­zig Rich­tige.

Zwei Jahr­zehnte spä­ter erkenne ich das­selbe Mus­ter wie­der. Wir ertap­pen uns dabei, wie wir unsere Feeds viel häu­fi­ger über­prü­fen, als wir es eigent­lich möch­ten. Wir keh­ren immer wie­der zu den Nach­rich­ten zurück, war­ten auf Ver­än­de­run­gen und hof­fen auf Gewiss­heit und eine Rück­kehr zur „Nor­ma­li­tät“, was auch immer das bedeu­ten mag. Zu allem Über­fluss macht es Social Media noch schwie­ri­ger, weg­zu­schauen, da die Bei­träge dar­auf aus­ge­legt sind, zu pro­vo­zie­ren. Eine Pause vom Nach­rich­ten­zy­klus fühlt sich ris­kant an, da wir befürch­ten, etwas Wich­ti­ges zu ver­pas­sen.

In einer insta­bi­len Welt scheint die Suche nach mehr Infor­ma­tio­nen die nahe­lie­gende Lösung zu sein. Doch unsere Auf­merk­sam­keit ist begrenzt. Hier kommt das selek­tive Inter­esse ins Spiel: die Fähig­keit unse­res Geis­tes, aus­zu­wäh­len, wel­che Infor­ma­tio­nen unser Bewusst­sein errei­chen. Ohne diese Fähig­keit würde unsere Erfah­rung chao­tisch statt kohä­rent sein.

Selek­ti­ves Inter­esse sieht sich heute einer unglei­chen Her­aus­for­de­rung gegen­über. Moderne Medien, ins­be­son­dere die end­lo­sen, algo­rith­misch gene­rier­ten Scroll-Ange­bote, wer­den von Tech­no­lo­gie­un­ter­neh­men mit enor­men Res­sour­cen und gan­zen Teams ent­wi­ckelt. Sie sind auf ein ein­zi­ges Ziel opti­miert: unsere Auf­merk­sam­keit zu gewin­nen und zu hal­ten. Unsi­cher­heit erleich­tert es, unsere Auf­merk­sam­keit zu fes­seln, denn wenn wir nicht wis­sen, was als Nächs­tes pas­siert, bleibt unser Geist wach­sam und sucht stän­dig nach Anzei­chen für eine Beru­hi­gung oder Ver­än­de­rung.

For­schun­gen zur Unsi­cher­heits­to­le­ranz hel­fen dabei, die­ses Phä­no­men zu erklä­ren. Wenn die Zukunft unge­wiss bleibt, füh­len wir uns unwohl. Viele von uns grei­fen dann immer wie­der auf die­sel­ben Infor­ma­ti­ons­quel­len zurück, in der Hoff­nung, die nächste Aktua­li­sie­rung bringe end­lich Klar­heit. Wenn wir die Seite inner­halb einer Stunde zum zehn­ten Mal aktua­li­sie­ren, suchen wir viel­leicht nach neuen Infor­ma­tio­nen, aber mög­li­cher­weise auch nach dem kur­zen Gefühl der Erleich­te­rung, das Infor­ma­tio­nen ver­spre­chen, aber sel­ten ein­lö­sen.

Die Nach­rich­ten­flut bie­tet einen beson­ders frucht­ba­ren Nähr­bo­den für die­ses Ver­spre­chen, denn die mensch­li­che Auf­merk­sam­keit neigt zur Nega­ti­vi­tät. Unsere Nega­ti­vi­täts­ver­zer­rung – die Ten­denz, nega­ti­ven Ereig­nis­sen mehr psy­cho­lo­gi­sches Gewicht bei­zu­mes­sen als posi­ti­ven – spielt eine zen­trale Rolle dabei, wie das Gehirn die Auf­merk­sam­keit ver­teilt, wenn etwas schief­ge­hen könnte. Das erklärt, warum Eil­mel­dun­gen dring­lich wir­ken kön­nen, selbst wenn sie keine Hand­lungs­mög­lich­kei­ten oder Lösun­gen bie­ten.

Die For­schung zeigt, dass sich der all­täg­li­che Nach­rich­ten­kon­sum nega­tiv auf das emo­tio­nale Leben aus­wirkt. Stu­dien zei­gen, dass häu­fi­ger Kon­sum nega­ti­ver Nach­rich­ten mit einem gerin­ge­ren Wohl­be­fin­den ein­her­geht. Des­sen Aus­wir­kun­gen hal­ten oft über den unmit­tel­ba­ren Kon­sum hin­aus an. In groß ange­leg­ten Expe­ri­men­ten führt selbst eine gering­fü­gige Zunahme nega­ti­ver Spra­che dazu, dass Schlag­zei­len eher ange­klickt wer­den. Stu­dien bele­gen zudem, dass ein ver­stärk­ter Nach­rich­ten­kon­sum in anhal­ten­den Kri­sen und kol­lek­ti­ven Trau­mata im Laufe der Zeit durch­gän­gig mit stär­ke­ren Stress- und Belas­tungs­sym­pto­men ver­bun­den ist.

Was kön­nen wir tun, das auch wirk­lich funk­tio­nie­ren wird?

Eine Mög­lich­keit besteht darin, den Moment zu ver­lang­sa­men und die Gewohn­heit selbst genauer zu betrach­ten. Ich nutze dafür oft ein ein­fa­ches Modell namens AIR: Acht­sam­keit (Atten­tion), Nach­for­schung (Inquiry) und Umdeu­tung (Refrai­ning). Es hilft, die eigene Hand­lungs­fä­hig­keit zu stär­ken, indem man neu­gie­rig dar­auf wird, wie die Auf­merk­sam­keit gelenkt wird, ohne sich selbst zum Pro­blem zu machen.

Acht­sam­keit beginnt bereits vor dem Klick, näm­lich in dem Moment, in dem wir nach dem Tele­fon grei­fen.

Oft hat sich im Kör­per bereits etwas ver­än­dert, bevor wir es bemer­ken. Eine sub­tile Anspan­nung oder ein leich­tes Vor­beu­gen kön­nen auf­tre­ten, noch bevor wir eine bewusste Ent­schei­dung tref­fen. Wenn wir die Nach­rich­ten öff­nen, kön­nen wir diese kör­per­li­chen Reak­tio­nen wahr­neh­men. Bei vie­len Men­schen ver­än­dert sich die Atmung oder der Kie­fer ver­krampft sich in einer ver­trau­ten Posi­tion. Diese Signale wer­den oft über­se­hen, sind aber wich­tig, da sie dar­auf hin­wei­sen, dass unsere Auf­merk­sam­keit bereits mobi­li­siert wird – meist bevor wir ent­schei­den, ob wir ihr unsere Auf­merk­sam­keit schen­ken.

Die Nach­for­schung lenkt die Auf­merk­sam­keit dar­auf, wel­che Wir­kung die Gewohn­heit eigent­lich erzie­len soll.

Wenn wir die Nach­rich­ten ver­fol­gen, dann sel­ten, weil wir erwar­ten, jedes Mal etwas Neues zu erfah­ren. Meis­tens reagie­ren wir auf das Bedürf­nis, den Ereig­nis­sen einen Schritt vor­aus zu sein und Über­ra­schun­gen zu ver­mei­den. Das regel­mä­ßige Prü­fen der Nach­rich­ten ver­mit­telt oft das Gefühl, dass etwas Wich­ti­ges bevor­steht und es ver­ant­wor­tungs­los oder leicht­sin­nig wäre, es zu ver­pas­sen. Es kann hilf­reich sein, sich zu fra­gen: Was erhoffe ich mir von die­sem nächs­ten Nach­rich­ten­check? Wie würde es sich anfüh­len, wenn sich end­lich etwas ändern würde?

Durch Umdeu­tung wird eine kurze Unter­bre­chung der gewohn­ten Funk­ti­ons­weise geschaf­fen.

Dadurch wird die Frage nach der Rele­vanz der Nach­richt in den Hin­ter­grund gerückt und ihre Rolle im jewei­li­gen Moment in den Vor­der­grund. Dring­lich­keit geht oft mit der Annahme ein­her, dass mehr Infor­ma­tio­nen uns bes­ser vor­be­rei­tet füh­len las­sen. Ein hilf­rei­cher Umdenk­an­stoß könnte so ein­fach sein wie: dass erneu­tes Nach­prü­fen die Sache nicht ver­deut­licht.

Die Umdeu­tung gelingt zwar nicht immer, aber wenn sie gelingt, kann sie den Teu­fels­kreis durch­bre­chen, indem sie uns die Gren­zen von Infor­ma­tio­nen auf­zeigt. Aus die­ser Per­spek­tive lässt sich die Auf­merk­sam­keit geziel­ter len­ken. Nach­rich­ten wer­den so zu etwas, dem wir uns bewusst nähern, statt uns ihnen unbe­wusst zuzu­wen­den, sobald Unsi­cher­heit auf­kommt.

Der ent­schei­dende Punkt ist leicht zu benen­nen, aber schwer umzu­set­zen. Unsere Auf­merk­sam­keit kann wei­ter­hin von unse­ren Feeds bean­sprucht wer­den. Sie kann sich aber auch zu selek­ti­vem Inter­esse ent­wi­ckeln. Dann wird sie zu etwas, mit dem wir uns bewuss­ter aus­ein­an­der­set­zen.

Wach­sam­keit allein kann nicht beein­flus­sen, was als Nächs­tes geschieht. Was ich jedoch ändern kann, ist, wor­auf ich meine Auf­merk­sam­keit richte und wie ich den Moment erlebe. Mit der Zeit ver­stärkt sich die­ser Unter­schied und bestimmt, wie sich unser Leben anfühlt und wie wir uns in der Welt bewe­gen.

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