For­men des Ver­ges­sens

Ver­ges­sen ist eine not­wen­dige Vor­aus­set­zung für das mensch­li­che Dasein. Es ermög­licht uns, Unwich­ti­ges bei­sei­te­zu­las­sen und uns an Wich­ti­ges zu erin­nern. Ein gutes Gedächt­nis beruht dar­auf, Unwich­ti­ges zu ver­ges­sen. Ver­ges­sen hilft uns auch, nach ent­täu­schen­den oder schmerz­haf­ten Ereig­nis­sen neue Kraft zu schöp­fen und uns schnel­ler von Unan­nehm­lich­kei­ten zu erho­len. Ohne diese Fähig­keit wür­den wir uns nur allzu gut an unse­ren emo­tio­na­len Schmerz erin­nern. Ver­ges­sen bie­tet zudem klare, prak­ti­sche Vor­teile, ins­be­son­dere bei ver­al­te­ten Infor­ma­tio­nen: Wo wir ges­tern unser Auto geparkt haben, wel­chen PIN-Code wir geän­dert haben oder die Details einer frü­he­ren, lang­jäh­ri­gen Bezie­hung.

Ver­ges­sen hat aber auch klare Nach­teile, ins­be­son­dere bei Din­gen, die wir erle­di­gen müs­sen. Es ist läs­tig und frus­trie­rend und kann unter Umstän­den schwer­wie­gende Fol­gen haben. Daher die Frage: Wel­che For­men des Ver­ges­sens gibt es und wie kön­nen wir sie ver­mei­den?

Erin­nerst du dch nicht mehr?

Wir kön­nen ver­ges­sen, dass wir uns daran erin­nert haben, etwas zu tun. Meist sind es Klei­nig­kei­ten, die sich jedoch ärger­lich sum­mie­ren. Ein Bei­spiel ist, wenn man ver­geb­lich nach dem Auto­schlüs­sel sucht und dann fest­stellt, dass man ihn bereits in die Tasche gesteckt hat. Die­ses Ver­ges­sen tritt auf, wenn das Ziel der Hand­lung wich­ti­ger und leich­ter zu errei­chen ist als die Hand­lung selbst.

Stelle dir vor, du trennst dei­nen Gar­ten­schlauch vor dem Win­ter­ein­bruch ab und ver­staut ihn in der Garage. Oft pas­siert es, dass man das ver­gisst und den Schlauch erst Tage spä­ter unver­sehrt vor­fin­det. Wich­tig ist, dass die Was­ser­lei­tun­gen nicht plat­zen und der Schlauch nicht kaputt­geht. Das machst du schon seit Jah­ren so, und die Umstände sind jedes Jahr die­sel­ben: immer Anfang Novem­ber und immer der Was­ser­hahn in der Nähe dei­nes Gar­tens.

Der Haupt­grund, warum wir uns nicht mehr an eine Hand­lung erin­nern, liegt darin, dass wir sie nur so lange im Gedächt­nis behal­ten müs­sen, bis wir sie tat­säch­lich aus­ge­führt haben. Danach hat die Erin­ne­rung an diese Hand­lung kaum noch Wert.

Bei sich wie­der­ho­len­den Hand­lun­gen, die keine cha­rak­te­ris­ti­sche Eigen­schaft für jede Wie­der­ho­lung haben, ver­ges­sen wir oft, dass wir uns daran erin­nert haben, wie beim Abschlie­ßen einer Tür, dem Ent­fer­nen des Bügel­eisens aus der Steck­dose oder dem Ent­neh­men von Lebens­mit­teln aus dem Gefrier­schrank.

Um sich an wie­der­holte Hand­lun­gen zu erin­nern, hilft es, sich selbst etwas Unge­wöhn­li­ches zu sagen, wäh­rend man die Hand­lung aus­führt, oder sich klar zu machen, dass man sie getan hat. Die­ses Selbst­ge­spräch ist eine mar­kante Erin­ne­rungs­hilfe, die die Wahr­schein­lich­keit erhöht, sich zu erin­nern. Die Erin­ne­rung an die unge­wöhn­li­che Erin­ne­rungs­hilfe oder die direkte Aus­sage signa­li­siert uns, dass wir bereits das getan haben, was wir woll­ten. Das Selbst­ge­spräch lenkt zudem die Auf­merk­sam­keit. Dar­über hin­aus macht es die Hand­lung auch zwei Minu­ten nach deren Abschluss wie­der abruf­bar.

Das Ver­ges­sen ver­ges­sen

Manch­mal ver­gisst man, dass man etwas ver­ges­sen hat. Neh­men wir an, wir möch­ten ein Jah­res­abon­ne­ment für einen Strea­ming­dienst kün­di­gen, ver­ges­sen es jedoch immer wie­der, sodass sich der Dienst auto­ma­tisch um ein wei­te­res Jahr ver­län­gert – genau das, was wir ver­mei­den woll­ten.

Wenn wir etwas tun wol­len, spei­chern wir diese Hand­lung für maxi­mal drei­ßig Sekun­den im Kurz­zeit­ge­dächt­nis. Wir kön­nen diese kurz­fris­tige Reprä­sen­ta­tion ver­län­gern, indem wir die Hand­lung bewusst wie­der­ho­len. War­ten wir jedoch län­ger als drei­ßig Sekun­den, ohne die Hand­lung aus­zu­füh­ren oder sie gedank­lich zu wie­der­ho­len, ver­schwin­det diese anfäng­li­che Reprä­sen­ta­tion aus dem Kurz­zeit­ge­dächt­nis.

Das Pro­blem wird dadurch ver­schärft, dass das Kurz­zeit­ge­dächt­nis nur begrenzt viel spei­chern kann. Sobald etwas Neues in unser Bewusst­sein dringt, wird das, woran wir uns erin­nern woll­ten, ver­drängt. Ange­sichts der Kom­ple­xi­tät unse­res Lebens rei­chen schon wenige Sekun­den aus, um andere Gedan­ken in den Vor­der­grund zu rücken. Zum Bei­spiel: „Was koche ich heute Abend?” oder „Wie lau­tete noch gleich der lus­tige Spruch aus dem Film von ges­tern Abend?”

Obwohl das Kurz­zeit­ge­dächt­nis ursprüng­lich auf sie­ben Infor­ma­ti­ons­ein­hei­ten geschätzt wurde, haben neu­este For­schungs­er­geb­nisse gezeigt, dass es höchs­tens vier sind. Um das Ver­ges­sen zu ver­hin­dern, muss die gewünschte Hand­lung unser Haupt­au­gen­merk sein. Die­sen Fokus soll­ten wir durch bewuss­tes Üben und das Ver­mei­den von Ablen­kun­gen auf­recht­erhal­ten, bis die Hand­lung abge­schlos­sen ist. Eine wei­tere Mög­lich­keit ist, die Hand­lung zu exter­na­li­sie­ren, indem wir eine Erin­ne­rung schrei­ben oder uns selbst eine Text­nach­richt sen­den.

Dies kann die kost­spie­ligste Art des Ver­ges­sens sein, da die unan­ge­nehme Folge des Ver­ges­sens oft die ein­zige wirk­same Erin­ne­rungs­hilfe ist. Beim Strea­ming-Dienst fällt uns das Ver­ges­sen erst auf, wenn wir die Abbu­chung auf unse­rer Debit- oder Kre­dit­karte sehen.

Das Ver­ges­sen erin­nern

Wir kön­nen uns daran erin­nern, dass wir etwas ver­ges­sen haben. Das gilt im All­ge­mei­nen als Erfolg. Doch diese Art des Ver­ges­sens kann unter Umstän­den schwer­wie­gende Fol­gen haben. Stell dir vor, wir bre­chen zu einem Nach­mit­tags­ter­min auf und eilen dann zurück ins Haus, um die Herd­platte unter einem Topf mit Suppe aus­zu­schal­ten, den wir ver­ges­sen haben. Zum Glück haben wir uns daran erin­nert, sonst wäre das Haus abge­brannt.

Wir kön­nen das Ver­ges­sen redu­zie­ren, indem wir uns unse­ren Auf­ga­ben kon­zen­trier­ter wid­men. Unsere Auf­merk­sam­keit ist zwar immer geteilt, aber wir kön­nen mit bewuss­ter Anstren­gung genü­gend Auf­merk­sam­keit auf­brin­gen, um die gewünschte Hand­lung aus­zu­füh­ren.

Wir kön­nen uns auch des kon­text­ab­hän­gi­gen Gedächt­nis­ses bewusst sein. Das bedeu­tet, dass wir uns bes­ser an Infor­ma­tio­nen erin­nern, wenn wir uns am sel­ben Ort befin­den, an dem wir diese ursprüng­lich auf­ge­nom­men haben. Schü­ler erin­nern sich in Prü­fun­gen bes­ser, wenn sie im sel­ben Raum ler­nen, in dem die Prü­fung statt­fin­det. Das erklärt auch, warum wir einen Raum betre­ten, den Grund dafür ver­ges­sen und uns spä­ter wie­der daran erin­nern, wenn wir an den Ort zurück­keh­ren, an dem wir zuerst daran gedacht haben.

Ein extre­mes Bei­spiel für kon­text­ab­hän­gi­ges Gedächt­nis fin­det sich in einer Stu­die von Dun­can God­den und Alan Bad­de­ley aus dem Jahr 1968. Die Ver­suchs­teil­neh­mer lern­ten Wort­lis­ten ent­we­der an Land oder unter Was­ser und erin­ner­ten sich spä­ter eben­falls an Land oder unter Was­ser an diese Lis­ten. Dies war nur mög­lich, da God­den und Bad­de­ley ihre Teil­neh­mer aus einem Tauch­club ihrer Uni­ver­si­tät rekru­tier­ten und den Unter­was­ser­teil der Stu­die in einem nahe­ge­le­ge­nen offe­nen Gewäs­ser durch­führ­ten. Die Umge­bung selbst (an Land oder unter Was­ser) spielte keine Rolle. Ent­schei­dend war, dass Ler­nen und Erin­nern in der­sel­ben Umge­bung statt­fan­den. An Land gelernte Wort­lis­ten lie­ßen sich am bes­ten an Land erin­nern. Unter Was­ser gelernte Wort­lis­ten lie­ßen sich am bes­ten unter Was­ser erin­nern.

Das­selbe Mus­ter gilt für unse­ren phy­sio­lo­gi­schen Zustand. Was wir in einem bestimm­ten Zustand spei­chern, lässt sich in die­sem Zustand leich­ter wie­der abru­fen. Die­ser Effekt ist als zustands­ab­hän­gi­ges Gedächt­nis bekannt.

Wenn wir das vage Gefühl haben, etwas ver­ges­sen zu haben, kann es hel­fen, an die Orte oder in die Zustände und Stim­mun­gen zurück­zu­keh­ren, in denen wir uns zuvor befan­den.

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