Fin­den wir die Wahr­heit in uns selbst!

Was ist real, was ist Tat­sa­che und was ist Fik­tion? Was ist Wahr­heit? Wie kön­nen wir den Unter­schied erken­nen? Unsere Welt scheint kom­pli­zier­ter zu sein als je zuvor, da unser Gehirn von einer Flut an Infor­ma­tio­nen über­rollt wird. Das ist an sich weder gut noch schlecht, aber wie fin­den wir uns darin zurecht? Wie erken­nen wir die Fak­ten inmit­ten der Lügen? Und wel­che Rolle spie­len wir dabei, ande­ren dabei zu hel­fen, das­selbe zu tun?

Eines ist klar: Um Ver­trauen zu haben, brau­chen wir letzt­lich die Wahr­heit.

Das „Ich“

Hast du manch­mal das Gefühl, als wür­dest du von innen aus dei­nem eige­nen Kör­per nach drau­ßen schauen? Als wären deine Augen Fens­ter, durch die du die Welt wahr­nimmst? Beob­achte deine Hände, wäh­rend sie sich bewe­gen. Sind sie du selbst, oder sind sie Teil einer Maschine, die dich beher­bergt und dei­nen Befeh­len folgt? Du spürst Schmerz. Ist es du selbst, oder ist es die Kör­per­ma­schine, die dir mit­teilt, dass sie ein Pro­blem hat und du bes­ser etwas dage­gen unter­neh­men soll­test?

Man­che Men­schen – mich ein­ge­schlos­sen – emp­fin­den das so. Sie spü­ren, dass ich eher beob­achte als handle. Meine Füße spü­ren den Boden, den Punkt, an dem mein Kör­per und die Welt sich berüh­ren. Mein Kör­per bewegt sich und trägt mich dort­hin, wohin ich ihn befehle. Er fühlt, sieht, riecht und hört die Welt um mich herum und sen­det mir Signale, die ich deu­ten muss. Durch diese Signale nehme ich die Welt um mich herum wahr – meine Fak­ten, meine sub­jek­tive Wahr­heit.

Die­ses Gefühl ist ein Thema, mit dem sich Phi­lo­so­phen seit Jahr­hun­der­ten beschäf­ti­gen. Es hat sogar einen Namen. Man nennt es Pla­tos Höhle – eine Alle­go­rie, die der antike grie­chi­sche Phi­lo­soph Pla­ton ver­fasste, um zu beschrei­ben, wie Men­schen die Rea­li­tät wahr­neh­men.

Dr. Dan Feu­er­rie­gel von der Uni­ver­si­tät Mel­bourne erklärt es fol­gen­der­ma­ßen: Pla­tos Höh­len­gleich­nis hilft dabei, das grund­le­gende Pro­blem zu ver­ste­hen, mit dem wir kon­fron­tiert sind, wenn wir ver­su­chen, die Wahr­heit zu ergrün­den. In die­ser fik­ti­ven Höhle befin­det sich ein Gefan­ge­ner, der an einen Fel­sen geket­tet ist und mit dem Gesicht zur Wand sitzt. Hin­ter ihm brennt ein Feuer. Er kann sich nicht umdre­hen, um zu sehen, was sich sonst noch in der Höhle befin­det. Er muss ver­su­chen, anhand der Licht- und Schat­ten­mus­ter, die vor ihm an der Wand tan­zen, zu ergrün­den, was vor sich geht. Dies ver­an­schau­licht die Vor­stel­lung, dass wir stets ver­su­chen, anhand der Infor­ma­ti­ons­mus­ter, die wir über unsere Sinne auf­neh­men, zu ergrün­den, was geschieht.

Die Schluss­fol­ge­rung aus Pla­tons Höh­len­gleich­nis lau­tet: Da wir uns alle in unse­ren eige­nen Höh­len befin­den und die Welt unter­schied­lich wahr­neh­men, muss sich unsere Sicht auf die Welt von der Sicht­weise ande­rer unter­schei­den. Geht man noch einen Schritt wei­ter, stellt sich die Frage:

Wenn wir alle die Welt unter­schied­lich sehen, wie kön­nen wir dann wis­sen, was wirk­lich wahr oder falsch ist?

Neh­men wir an, wir dis­ku­tie­ren am Ess­tisch, ob wir alle die­sel­ben Far­ben sehen. Ist die Farbe Rot für alle gleich? Die Wis­sen­schaft­ler sind der Mei­nung, dass dies der Fall ist. Päd­ago­gen hin­ge­gen ver­tre­ten die Ansicht, dass wir alle nur „Rot“ sagen, weil wir das so gelernt haben. Das bedeu­tet, dass es mög­lich ist, dass wir alle unter­schied­li­che Dinge sehen.

Nie­mand schien diese Tisch­dis­kus­sion jemals für sich zu ent­schei­den und ähn­li­che Fra­gen haben offen­bar auch Phi­lo­so­phen und Phy­sio­lo­gen vor ein Rät­sel gestellt. Der berühmte Phi­lo­soph Tho­mas Nagel hat sich ein­mal gefragt, wie es wohl wäre, eine Fle­der­maus zu sein. Wir kön­nen uns nicht genau vor­stel­len, wie eine bewusste Erfah­rung als Fle­der­maus wäre, sagt er. Und wir kön­nen auch die bewusste Erfah­rung eines ande­ren Men­schen nicht voll­stän­dig ver­ste­hen, denn wir haben keine Mög­lich­keit, genau zu erfah­ren, wie es ist, ein ande­res Wesen zu sein.

Keh­ren wir also zu Pla­tons Höhle zurück. Wie geht unser Gehirn vor, um das, was wir in den Schat­ten wahr­neh­men, zu ver­ste­hen? Und wie kommt es damit zurecht in einer Welt, in der es heute mehr Infor­ma­tio­nen – oder Schat­ten – gibt als je zuvor?

In sol­chen Fäl­len muss das Gehirn her­aus­fin­den, wie es eine best­mög­li­che Ein­schät­zung vor­neh­men oder sich auf eine Inter­pre­ta­tion fest­le­gen kann, wenn kon­kur­rie­rende Infor­ma­ti­ons­quel­len vor­lie­gen. Da wir in jedem ein­zel­nen Augen­blick nur eine Rea­li­tät bewusst wahr­neh­men kön­nen, müs­sen wir alles zu einer ein­zi­gen schlüs­si­gen Erfah­rung zusam­men­fas­sen und alle ande­ren Alter­na­ti­ven aus­schlie­ßen.

Es wird davon aus­ge­gan­gen, dass es ein Netz­werk gibt, an dem der parie­tale und der fron­tale Kor­tex betei­ligt sind. Dar­über hin­aus gibt es ein weit­rei­chen­des Netz­werk wei­te­rer Hirn­areale, das im Wesent­li­chen ver­sucht, ver­schie­dene Infor­ma­ti­ons­quel­len – unsere Sinne, unsere Über­zeu­gun­gen und unsere Erin­ne­run­gen – so lange zu inte­grie­ren, bis eine bestimmte Beweis­kraft erreicht ist. Erst dann sind wir in der Lage, mit Zuver­sicht zu sagen: „Ich treffe jetzt diese Ent­schei­dung und werde sie auch umset­zen.”

Das „Du”

Die Wahr­heit besteht also zum Teil aus dem, was ich aus mei­ner Umge­bung wahr­nehme. Aber auch du spielst eine große Rolle bei mei­nem Stre­ben nach der Wahr­heit, denn durch unsere Inter­ak­tio­nen prä­gen wir die Wel­ten des ande­ren. Dies geschieht vor allem durch Spra­che, unser wich­tigs­tes Werk­zeug, um Wis­sen und Erfah­run­gen aus­zu­tau­schen. Und genau das prägt und ver­zerrt zugleich unsere Vor­stel­lung von der Wahr­heit.

Das Pro­blem mit Spra­che ist, dass Wör­ter Bedeu­tun­gen haben und somit ver­schie­dene Impli­ka­tio­nen mit sich brin­gen. Sie len­ken die Auf­merk­sam­keit auf bestimmte Aspekte des­sen, was man sieht, und blen­den andere aus. Ein Bei­spiel hier­für sind die unter­schied­li­chen Arten, wie wir die Begriffe „Kämp­fer“, „Frei­heits­kämp­fer“ oder „Ter­ro­rist“ ver­wen­den. Doch auch die Art und Weise, wie wir über einen Hund spre­chen, kann Aus­wir­kun­gen haben. Der Wech­sel zwi­schen den Begrif­fen „Hund“, „Köter“, „Haus­tier“, „Misch­ling“ oder „mein bra­ver Junge“ kann wie­derum die Wahr­neh­mung die­ses Bei­spiels ver­än­dern.

Eine wirk­lich neu­trale Art zu spre­chen gibt es nicht. Das liegt in der Natur der Spra­che. Man trifft immer eine Ent­schei­dung dar­über, wie man etwas for­mu­liert. Psy­cho­lo­gisch gese­hen lenkt man damit die Auf­merk­sam­keit des Gesprächs­part­ners auf bestimmte Dinge und von ande­ren ab. Das ist eine unver­meid­bare Tat­sa­che der Spra­che.

Die Wahr­heit ist also mehr als das, was ich in Pla­tons Höhle wahr­nehme. Sie ist auch die Sicht­weise von dei­nem Stand­punkt aus sowie die Art und Weise, wie du sie mir beschreibst. Das Pro­blem ist: Wenn du mir etwas Fal­sches erzählst oder ich dir das­selbe antue, ver­zer­ren wir unsere Sicht auf die Wahr­heit und unser Han­deln wird mög­li­cher­weise beein­flusst. Dies ist ein Pro­blem, das so alt ist wie die Spra­che selbst, und es beglei­tet uns auf unse­rer Suche nach der Wahr­heit.

Wie kön­nen wir uns vor Unwahr­hei­ten schüt­zen, wenn die­ses sprach­li­che Mit­tel sei­nem Wesen nach doch unzu­ver­läs­sig ist? Wir sind dar­auf ange­wie­sen, dass andere es nicht miss­brau­chen. Das Pro­blem von Unwahr­hei­ten und Fehl­in­for­ma­tio­nen ist uralt, wird aber durch das Aus­maß und die Art unse­rer Kom­mu­ni­ka­tion in der heu­ti­gen Zeit noch ver­schärft. Unwahr­hei­ten sind uner­wünscht. Wenn sie jedoch Anlass zum Han­deln geben, sind sie beson­ders gefähr­lich.

Genau darin liegt heut­zu­tage das große Pro­blem. Wenn man sich auf Ver­schwö­rungs­theo­rien ein­lässt und ent­spre­chend han­delt, bei­spiels­weise indem man sich mit jeman­dem strei­tet oder sich mit Fami­li­en­mit­glie­dern zer­stritt, weil man eine bestimmte Über­zeu­gung ver­tritt, dann zei­gen sich die Kon­se­quen­zen in der rea­len Welt.

Wenn man seine Über­zeu­gun­gen zum Aus­druck bringt, geht es nicht unbe­dingt darum, ob man wirk­lich daran glaubt und ent­spre­chend han­delt, son­dern viel­mehr darum, dass diese Über­zeu­gung Teil der eige­nen Iden­ti­tät ist. Zwi­schen dem tat­säch­li­chen Glau­ben an etwas und der Aus­sage, man glaube daran, weil man nun ein­mal so ist, gibt es eine große Grau­zone.

Das „Wir“

Nun haben wir also min­des­tens zwei Fak­to­ren, die unsere Suche nach sub­jek­ti­ver Wahr­heit prä­gen. Einer­seits ist es das, was wir durch die Beob­ach­tung der Welt erken­nen kön­nen, ande­rer­seits wird sie stark davon beein­flusst, wie die Men­schen um uns herum die Welt inter­pre­tie­ren und beschrei­ben. Es gibt jedoch noch einen wei­te­ren Fak­tor, den wir bei unse­rer Suche nach der Wahr­heit ein­brin­gen: unsere Vor­stel­lung davon, wer wir sind.

Um zu ver­ste­hen, wie Men­schen die­sel­ben Infor­ma­tio­nen auf unter­schied­li­che, ja sogar sehr dyna­mi­sche Weise wahr­neh­men kön­nen, ist es hilf­reich, sich das Ganze wie eine Linse vor­zu­stel­len. Genauer gesagt sind wir alle ein­zig­ar­tig und betrach­ten das, was wir wahr­neh­men, durch eine andere Linse.

Wenn wir dar­über nach­den­ken, wie wir eine Ent­schei­dung über die Wahr­heit tref­fen, wenn wir auf Infor­ma­tio­nen sto­ßen oder uns an Infor­ma­tio­nen erin­nern, dann bewer­ten wir die Infor­ma­tio­nen, die uns in den Sinn kom­men, sub­jek­tiv. In die­sen Pro­zess flie­ßen ver­schie­dene rele­vante Fak­to­ren ein. Die Gewich­tung der Beweise, die ich in einer bestimm­ten Ange­le­gen­heit vor­nehme, wird von mei­nen Ein­stel­lun­gen, Über­zeu­gun­gen und Erfah­run­gen beein­flusst. Somit prägt sie meine Sicht­weise auf diese Ange­le­gen­heit.

Inwie­fern beein­flusst die jewei­lige Sicht­weise die sub­jek­tive Ein­schät­zung der Wahr­heit? Haben Men­schen mit ähn­li­chem Hin­ter­grund und ähn­li­chen Erfah­run­gen viel­leicht ein gemein­sa­mes Ver­ständ­nis von der Wahr­heit? Nun, es stellt sich her­aus, dass da etwas Wah­res dran ist, aber unsere Indi­vi­dua­li­tät wirkt dem ent­ge­gen. Jeder von uns bringt seine eige­nen, kom­ple­xen Erfah­run­gen in die Infor­ma­tio­nen ein, die uns umge­ben. Diese Erfah­run­gen wur­den durch die Inter­ak­tio­nen geprägt, die wir im Laufe unse­res Lebens mit­ein­an­der hat­ten.

Einer­seits gibt es das im Laufe der Zeit erwor­bene All­ge­mein­wis­sen. Ande­rer­seits gibt es die Erfah­run­gen, die wir im Laufe unse­res Lebens machen. Sie kön­nen sich dar­auf aus­wir­ken, wie wir Ereig­nisse und Infor­ma­tio­nen um uns herum ver­ar­bei­ten und wie wir diese Ereig­nisse letzt­end­lich inter­pre­tie­ren. Sozi­al­psy­cho­lo­gen haben gezeigt, dass wir ver­schie­dene soziale Iden­ti­tä­ten haben und je nach Situa­tion Urteile durch die Brille einer bestimm­ten sozia­len Iden­ti­tät fäl­len. So kann bei­spiels­weise meine Iden­ti­tät als Euro­päe­rin beim Fuß­ball­schauen im Vor­der­grund ste­hen und beein­flus­sen, wie fair ich den Schieds­rich­ter wäh­rend eines Spiels wahr­nehme. In ande­ren Situa­tio­nen betrachte ich Dinge viel­leicht jedoch durch die Brille mei­ner Iden­ti­tät als Mut­ter, was eben­falls die Art und Weise beein­flus­sen kann, wie ich Infor­ma­tio­nen in die­sem Kon­text inter­pre­tiere.

Das Ver­ständ­nis der ver­schie­de­nen kogni­ti­ven und sozia­len Fak­to­ren, die unsere Wahr­neh­mung von Infor­ma­ti­ons­um­ge­bun­gen beein­flus­sen, hilft uns zu ver­ste­hen, warum wir nach dem Betrach­ten ähn­li­cher Inhalte zu unter­schied­li­chen Schluss­fol­ge­run­gen gelan­gen kön­nen – unab­hän­gig davon, ob wir einen ähn­li­chen Hin­ter­grund haben oder nicht.

Es gibt noch einen wei­te­ren Aspekt, auf den näher ein­ge­gan­gen wer­den sollte: das Zusam­men­spiel zwi­schen Spra­che und unse­ren Sicht­wei­sen. Die Worte, mit denen wir Wis­sen mit­ein­an­der tei­len, ver­zer­ren unsere sub­jek­tive Ein­schät­zung der Wahr­heit. Eine Lüge ist ein extre­mes Bei­spiel dafür, wie wir durch unsere Worte Unwahr­hei­ten erschaf­fen. Doch auch in jedes Gespräch brin­gen wir eine bestimmte Sicht­weise ein, die unsere Wahr­neh­mung von Infor­ma­tio­nen zusätz­lich ver­kom­pli­ziert. Psy­cho­lo­gen haben einige ein­fa­che Tests ent­wi­ckelt, um dies zu ver­an­schau­li­chen.

Ich gebe einer Per­son einen Text, der ein Haus beschreibt, und sage: „Lies die­sen Text aus der Per­spek­tive eines poten­zi­el­len Haus­käu­fers.“ Eine andere Per­son soll den Text aus der Per­spek­tive eines Ein­bre­chers lesen. Anschlie­ßend teste ich das Gedächt­nis bei­der Per­so­nen. Je nach­dem, ob sie sich in die Rolle des Haus­käu­fers oder des Ein­bre­chers hin­ein­ver­setzt haben, erin­nern sie sich an unter­schied­li­che Merk­male des Hau­ses.

Das ist ein wirk­lich schö­nes, ein­fa­ches Bei­spiel aus der Psy­cho­lo­gie. Es ver­deut­licht, dass die Per­spek­tive, die man in eine bestimmte Situa­tion mit­bringt oder ein­nimmt, nicht nur beein­flusst, wie man Infor­ma­tio­nen ver­ar­bei­tet, son­dern auch, auf wel­che Infor­ma­tio­nen man ach­tet und woran man sich spä­ter erin­nert.

Das „Uns“

Die Wahr­heit ist das, was ich beob­ach­ten kann. Sie ist das, was du mir durch Spra­che mit­teilst. Sie wird durch meine Sicht­weise beein­flusst, die wie­derum aus mei­nen Erin­ne­run­gen und Über­zeu­gun­gen besteht. Sie ist kom­plex, kom­pli­ziert und sub­jek­tiv. Um die Wahr­heit zu fin­den, ver­las­sen wir uns nicht nur auf uns selbst, son­dern auch auf­ein­an­der. Es gibt sogar wis­sen­schaft­li­che Unter­su­chun­gen, die bele­gen, dass unser Gehirn so anpas­sungs­fä­hig ist, dass es sich im Laufe der Zeit je nach auf­ge­nom­me­nen Infor­ma­tio­nen phy­sisch ver­än­dert.

Schät­zun­gen zufolge sind inzwi­schen mehr als 95 Pro­zent aller ver­füg­ba­ren schrift­li­chen Infor­ma­tio­nen im Inter­net zu fin­den. Es gibt über 200 Mil­lio­nen aktive Web­sites und wir füh­ren welt­weit täg­lich 3,5 Mil­li­ar­den Such­an­fra­gen bei Google durch. Wir ver­brin­gen schät­zungs­weise sechs Stun­den und fünf­und­drei­ßig Minu­ten pro Tag online.

Pro­gno­sen zufolge gab es bis Ende 2024 so viele Daten im Inter­net, dass man damit 222 Mal die Erde mit alt­mo­di­schen DVDs umrun­den könnte. Das ent­spricht 175 Zett­abyte – eine Zahl, die den meis­ten von uns wohl abso­lut nichts sagt, die aber auf jeden Fall beein­dru­ckend klingt.

Kein Wun­der, dass so viele von uns unter einer Infor­ma­ti­ons­flut lei­den. Die Menge der Infor­ma­tio­nen, die wir erhal­ten, und ihre Geschwin­dig­keit über­stei­gen die Auf­nah­me­fä­hig­keit unse­res Gehirns bei Wei­tem.

Men­schen sind von Natur aus auf eine sehr anpas­sungs­fä­hige Weise faul. Wir ver­su­chen, unse­ren Auf­wand so weit wie mög­lich zu mini­mie­ren. Alle Tiere ver­hal­ten sich so, da sie ver­su­chen, keine Ener­gie zu ver­schwen­den. Es ist also mög­lich, dass es in der heu­ti­gen Gesell­schaft so auf­wen­dig ist, Fak­ten zu über­prü­fen oder die Wahr­heit her­aus­zu­fin­den, dass es ein­fa­cher ist, die Dinge so zu las­sen, wie sie sind, und nicht zu beur­tei­len, ob etwas rich­tig ist oder nicht. Dar­über hin­aus ist unser Gehirn durch all die Infor­ma­tio­nen und Erfah­run­gen geprägt, die wir jemals gemacht haben. Sobald wir bestimmte Ansich­ten und Über­zeu­gun­gen ver­tre­ten, las­sen diese sich oft nur sehr schwer wie­der los­wer­den. Das macht die Suche nach der Wahr­heit noch schwie­ri­ger.

Ein Aspekt der Wahr­heits­be­ur­tei­lung ist, dass Men­schen den Inhal­ten, mit denen sie kon­fron­tiert wer­den, nicht immer kri­tisch gegen­über­ste­hen. Vor allem im Inter­net fehlt uns die Zeit, um uns ein­ge­hend mit den Inhal­ten zu befas­sen, die Fak­ten zu über­prü­fen oder Quer­ver­bin­dun­gen her­zu­stel­len. Oft ver­las­sen wir uns daher auf unser Bauch­ge­fühl, um zu beur­tei­len, ob etwas rich­tig erscheint. Und wie sich her­aus­stellt, lässt sich diese gefühls­ba­sierte Beur­tei­lung der Wahr­heit nur sehr schwer außer Kraft set­zen.

Der berühmte Aus­spruch von Donald Trumps Ex-Bera­ter Ste­ven Ban­non lau­tete: „Die Zone mit Scheiße über­schwem­men.“ Das bedeu­tet: Je mehr man die Lage ver­ne­belt, desto schwie­ri­ger wird es, zu erken­nen, was eigent­lich vor sich geht. Ihnen geht es nicht darum, dass man ihnen glaubt, son­dern darum, das eigene Welt­bild zu erschüt­tern, sodass man nicht mehr weiß, was man glau­ben soll. Das ist wirk­lich ver­trau­ens­zer­stö­rend.

Gemein­same Wahr­heit

Wel­che Bedeu­tung haben die Kom­ple­xi­tä­ten, die mit der Art und Weise ver­bun­den sind, wie wir nach Wahr­heit suchen und sie fin­den, für unsere Gesell­schaft und unser Ver­trauen? Ohne ein gemein­sa­mes Ver­ständ­nis von Wahr­heit kön­nen wir zwar Zwei­fel hegen, aber kein Ver­trauen. Wir brau­chen Wahr­heit und Ver­trauen, um gemein­sam an der Lösung der schwie­ri­gen Pro­bleme zu arbei­ten, mit denen unsere Gesell­schaf­ten kon­fron­tiert sind.

Es haben sich zwei klare Denk­an­sätze her­aus­kris­tal­li­siert, wie man die­ses Pro­blem ange­hen könnte:

  • Unter­su­chung des gesam­ten Infor­ma­ti­ons­um­felds. Dabei geht es darum, darin ent­hal­tene Unwahr­hei­ten und Des­in­for­ma­tio­nen auf­zu­de­cken. Dabei spricht man von der Schaf­fung eines gesün­de­ren Online-Umfelds. Das bedeu­tet, sich aktiv um die regel­mä­ßige Ent­lar­vung von Falsch­mel­dun­gen und die Über­prü­fung von Fak­ten im Inter­net zu küm­mern, um das Ver­trauen in Online-Infor­ma­tio­nen zu stär­ken.

Das ist keine neue Idee. Die Fak­ten­prü­fung ist das Herz­stück der meis­ten tra­di­tio­nel­len Medi­en­un­ter­neh­men. In den letz­ten Jah­ren wurde jedoch ver­stärkt dar­auf geach­tet, dem Publi­kum deut­li­cher zu ver­mit­teln, wel­che Rolle Fak­ten­prü­fungs- oder Veri­fi­zie­rungs­teams bei der Erstel­lung von Bei­trä­gen spie­len. Wenn es pro­ble­ma­ti­sche Inhalte gibt, kön­nen wir wirk­same Kor­rek­tu­ren ent­wi­ckeln, um deren Aus­wir­kun­gen abzu­schwä­chen. Das ist die Kunst der Ent­lar­vung.

Es ist jedoch frag­lich, ob diese Art der fall­wei­sen Ent­lar­vung von Fehl­in­for­ma­tio­nen und Des­in­for­ma­tio­nen grund­sätz­lich eine nen­nens­werte Wir­kung erzie­len kann. Das Pro­blem ist, dass sich das nicht im gro­ßen Maß­stab umset­zen lässt. Ange­sichts der Menge an Infor­ma­tio­nen, die im Umlauf sind, ist es unmög­lich, alles abzu­ar­bei­ten.

  • Ver­bes­se­rung des Infor­ma­ti­ons­um­felds durch staat­li­che Regu­lie­rung. So hat die Euro­päi­sche Union (EU) bei­spiels­weise im Jahr 2018 einen Ver­hal­tens­ko­dex gegen Des­in­for­ma­tion ein­ge­führt.

In die­sem Kodex wird der Scha­den her­vor­ge­ho­ben, den Des­in­for­ma­tio­nen der Gesell­schaft zufü­gen kön­nen, indem sie „das Ver­trauen in Insti­tu­tio­nen und Medien unter­gra­ben, Wah­len gefähr­den, die Fähig­keit der Bür­ger ein­schrän­ken, fun­dierte Ent­schei­dun­gen zu tref­fen, und die Mei­nungs­frei­heit beschrän­ken“. Bei einer Aktua­li­sie­rung des Kodex vor drei Jah­ren fügte die EU Maß­nah­men hinzu, die dar­auf abzie­len, die Trans­pa­renz poli­ti­scher Wer­bung zu erhö­hen, For­schern im Bereich Des­in­for­ma­tion mehr Daten zur Ver­fü­gung zu stel­len und die Fak­ten­prü­fung in allen EU-Län­dern zu unter­stüt­zen.

Eine aktu­elle Stu­die hat erge­ben, dass die meis­ten Erwach­se­nen nicht in der Lage sind, fal­sche oder irre­füh­rende Online-Infor­ma­tio­nen zu erken­nen, obwohl sie immer häu­fi­ger damit kon­fron­tiert wer­den. Zudem hat sich gezeigt, dass Men­schen auch mit ande­ren gän­gi­gen Online-Auf­ga­ben zu kämp­fen haben. Die­je­ni­gen, die damit keine Schwie­rig­kei­ten haben, ver­fü­gen in der Regel über Medi­en­kom­pe­tenz.

In der­sel­ben Stu­die wird Medi­en­kom­pe­tenz als die Fähig­keit, sich in allen Lebens­be­rei­chen kri­tisch mit Medien aus­ein­an­der­zu­set­zen defi­niert. Es han­delt sich um eine Form lebens­lan­gen Ler­nens, die für eine unein­ge­schränkte Teil­habe am gesell­schaft­li­chen Leben uner­läss­lich ist. Viele von uns ver­fü­gen jedoch nicht über diese Kom­pe­tenz, ins­be­son­dere die­je­ni­gen unter uns, die zu den älte­ren und ärme­ren Bevöl­ke­rungs­grup­pen gehö­ren.

Einige Län­der ver­fü­gen zwar über Stra­te­gien zur Medi­en­kom­pe­tenz, die auf die Bil­dung von Erwach­se­nen abzie­len, wir soll­ten jedoch noch einen Schritt wei­ter­ge­hen. Was wir brau­chen, ist eine neue Art von Kom­pe­tenz, die auch das Bewusst­sein für die eige­nen Gren­zen umfasst. Also eine kogni­tive Kom­pe­tenz in Bezug dar­auf, was Spra­che ist und wie vor­ein­ge­nom­men sie tat­säch­lich ist.

Wir soll­ten alle zu Wahr­heits­su­chen­den wer­den und auf­hö­ren, das zu ver­tei­di­gen, was wir bereits zu wis­sen glau­ben. Du soll­test deine eige­nen Denk­mus­ter gut ken­nen, da dein Sys­tem der Wis­sens­ge­win­nung und ‑ver­ar­bei­tung unvoll­kom­men ist.

„Ich bekenne mich zu den grund­le­gen­den Wer­ten der Erleuch­tung.“ Dem­nach ist die Selbst­kor­rek­tur und die Offen­heit dafür, sich zu irren, wahr­schein­lich der höchste Wert. Es geht nicht darum, ande­ren zu bewei­sen, dass sie Unrecht haben, son­dern sich selbst zu bewei­sen, dass man Unrecht hat. Es geht auch nicht darum, das, was andere dir sagen, zu hin­ter­fra­gen, son­dern das, was du selbst für wahr­schein­lich wahr hältst.

Wenn es so ist, dass wir ohne Wahr­heit kein Ver­trauen wie­der­fin­den kön­nen, dann besteht der erste Schritt viel­leicht darin, mehr zu tun, um uns selbst zu ent­de­cken. Wir könn­ten damit begin­nen, uns zu fra­gen, wie wir nach sub­jek­ti­ver Wahr­heit suchen. Was und wie beob­ach­ten wir und wie nut­zen und inter­pre­tie­ren wir Spra­che? Wie über­win­den wir unsere eige­nen Vor­ur­teile und Über­zeu­gun­gen? Wie tre­ten wir aus der Dun­kel­heit von Pla­tons Höhle her­aus, um die Welt um uns herum wirk­lich zu sehen?

Wenn wir ver­ste­hen, wie wir den­ken, wie wir zur Wahr­heit gelan­gen und wie wir unse­ren Geist für andere Ideen öff­nen kön­nen, dann sind wir sicher­lich bes­ser gerüs­tet, ande­ren dabei zu hel­fen, das­selbe zu tun.

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