Vor einigen Jahren war ich mit Freunden wandern, als sich für meine beste Freundin plötzlich alles um sie herum veränderte. Sie erzählte, der Boden habe sich unsicher angefühlt und sie sei sich sicher gewesen, jeden Moment zu stürzen. Es folgten unzählige Besuche bei Spezialisten und eine Reihe unangenehmer Untersuchungen, bis sie schließlich die Diagnose „vestibuläre Migräne” erhielt. Doch damit war es noch nicht vorbei, denn es begann eine Suche nach Lösungen: Was half, was nicht und wie kann man mit den Symptomen leben, die nie ganz verschwinden?
Was ist vestibuläre Migräne?
Bei der vestibulären Migräne, einer Form der Migräne, treten Schwindelgefühle auf. Der Begriff „Migräne” kann jedoch irreführend sein. Die Erkrankung geht nicht immer mit Kopfschmerzen einher. Stattdessen verspüren viele Betroffene ein Druck- oder Völlegefühl in den Ohren, begleitet von einer Reihe weiterer Symptome: Licht‑, Geräusch- oder Bewegungsempfindlichkeit, Sehstörungen (Auren), Konzentrationsschwierigkeiten, Müdigkeit und Ohrgeräusche (Tinnitus). Das Hauptsymptom ist jedoch eine Gleichgewichtsstörung. Diese kann sich wie Schwindel, Benommenheit oder ein Schwanken und Drehen anfühlen, als ob sich die Welt bewegt, obwohl sie stillsteht. Diese Episoden können Sekunden, Stunden oder in manchen Fällen sogar Tage oder länger andauern.
Bis zu drei Prozent der Bevölkerung sind von vestibulärer Migräne betroffen. Die Erkrankung wird jedoch häufig fehldiagnostiziert und ist wahrscheinlich unterdiagnostiziert. Sie tritt häufiger bei Frauen als bei Männern auf und kommt mit zunehmendem Alter häufiger vor. Viele Betroffene zeigen bereits seit ihrer Kindheit frühe Warnzeichen wie eine Neigung zu Reisekrankheit.
Die Erkrankung selbst ist komplex und hat keine eindeutige Ursache. Mögliche Auslöser sind genetische Veranlagung, Ohrenentzündungen, Kopfverletzungen oder andere vestibuläre Störungen wie Morbus Menière und gutartiger Lagerungsschwindel (BPPV). Auch die Auslöser spielen eine wichtige Rolle. Stress, Schlafmangel, hormonelle Schwankungen, Dehydrierung sowie Wetterumschwünge oder Ernährungsumstellungen können eine Episode auslösen.
Wenn die Welt nicht stillsteht
Vestibuläre Migräne ist eine neurologische Erkrankung, deren Auswirkungen jedoch weit über das Körperliche hinausgehen. Sie wird oft als „unsichtbare Behinderung“ bezeichnet. Betroffene können äußerlich gesund wirken, obwohl sie sich alles andere als wohlfühlen. Die Symptome sind real, chronisch und unvorhersehbar. Die ständige Anstrengung, das Gleichgewicht zu halten, ist mental und physisch sehr belastend. Die Welt selbst kann instabil erscheinen. Viele Betroffene beschreiben das Gefühl, als seien sie auf einem Boot oder als liefen sie auf Marshmallows.
Diese Symptome können selbst alltägliche Aktivitäten wie Autofahren, Surfen im Internet, Einkaufen oder Reisen zur Belastung machen und machen manchmal sogar das Verlassen des Hauses unmöglich. Mit der Zeit kann vestibuläre Migräne die Lebensqualität und das Selbstwertgefühl eines Menschen erheblich beeinträchtigen. Beruf, Freundschaften und Beziehungen können darunter leiden. Viele Betroffene beschreiben einen Identitätsverlust, da sie ihren Verpflichtungen nur schwer nachkommen können und ihren gewohnten Tagesablauf kaum noch aufrechterhalten können.
Die seelischen Folgen können gravierend sein. Depressionen, Angstzustände, Panikattacken sowie Agoraphobie oder posttraumatische Belastungsstörungen sind keine Seltenheit. Auch ein instabiler Körper kann zu seelischer Instabilität führen.
Das Gleichgewicht wiederfinden
Die Diagnose von vestibulärer Migräne kann schwierig sein. In der Regel ist ein Team aus einem Hausarzt und Spezialisten wie einem Hals-Nasen-Ohren-Arzt, einem Augenarzt oder einem Neurologen erforderlich. Vestibuläre Migräne ist selbst unter Medizinern noch immer wenig bekannt und verstanden. Viele Betroffene suchen daher lange nach Antworten, bevor sie eine Diagnose erhalten. Die Behandlung ist oft ebenso komplex, da sie sich eher auf die Linderung der Symptome als auf die Heilung konzentriert und meist ein gewisses Maß an Ausprobieren erfordert.
Häufig umfasst die Erstbehandlung eine vestibuläre Rehabilitationstherapie. Dabei werden Übungen vermittelt, die das Gehirn trainieren, das Gleichgewicht verbessern und die Augen dabei unterstützen, Instabilitäten auszugleichen. Auch Medikamente können eine Rolle spielen, darunter Akut- und Präventivmaßnahmen wie Antiemetika oder Betablocker. Einige Patienten berichten von positiven Erfahrungen mit Nahrungsergänzungsmitteln wie Magnesium (insbesondere in Form von Threonat und Glycinat), Vitamin B2 (Riboflavin), Coenzym Q10 und Ingwer.
Die psychische Komponente ist genauso wichtig. Eine Therapie kann Betroffenen dabei helfen, die emotionale Belastung durch chronische Symptome besser zu bewältigen. Stressmanagement, ausreichender Schlaf, Achtsamkeitsübungen und eine gesunde Ernährung können einen Unterschied machen. Auch die Unterstützung durch Freunde und Familie, die geduldig und verständnisvoll sind, sowie durch andere Betroffene ist hilfreich.
Die Genesung kann langsam und ungleichmäßig verlaufen, aber es ist möglich, einen stabileren Zustand zu erreichen. Mit der richtigen Kombination aus Behandlung, Unterstützung und Selbstfürsorge lernen viele Menschen, mit vestibulärer Migräne umzugehen und trotz dieser Erkrankung ein gutes Leben zu führen.
