Epilepsie ist eine Erkrankung des Gehirns, unseres komplexesten Organs, und jeder Mensch erlebt sie anders. Da Ursachen, Symptome, Behandlungen und Krankheitsverläufe stark variieren können, erscheint die Erkrankung unberechenbar und belastend. Doch was genau steckt dahinter? Werfen wir einen genaueren Blick auf eine Erkrankung, die weit mehr Menschen betrifft bzw. betreffen wird, als man denkt, und die doch weitgehend unbekannt ist.
Ein epileptischer Anfall ist mit einem Gewitter vergleichbar: Die normalen elektrischen Signale im Gehirn werden plötzlich so intensiv, rhythmisch und häufig, dass sie die normale Hirnfunktion unterbrechen. Epilepsie bezeichnet die Neigung des Gehirns, wiederholt Anfälle zu erleiden. Innerhalb der Epilepsie gibt es verschiedene Subtypen, die sich in Aussehen und Empfindung der Anfälle unterscheiden.
Definition und Unterscheidung
Epilepsie ist eine neurologische Erkrankung, die sich durch wiederkehrende, spontane Anfälle äußert. Diese entstehen durch abnorme elektrische Aktivität im Gehirn. Man kann sich das Gehirn wie ein elektrisches System aus Milliarden von Neuronen vorstellen, die ständig Signale austauschen. Bei Epilepsie kommt es in diesem System gelegentlich zu Fehlfunktionen, die einen Anfall auslösen.
Anfälle sind plötzliche und vorübergehende Störungen der normalen elektrischen Aktivität des Gehirns. Während eines Anfalls feuern Gruppen von Neuronen gleichzeitig und übermäßig, was einen elektrischen Sturm auslöst. Dieser kann Bewusstsein, Bewegung, Empfindung oder Verhalten beeinträchtigen. Ein solcher elektrischer Sturm im Gehirn kann daher je nach betroffenem Hirnareal unterschiedliche Symptome hervorrufen.
- Manche Anfälle gehen mit heftigem Zittern und Bewusstlosigkeit einher. Die meisten Menschen stellen sich bei dem Begriff „Krampfanfälle” genau diese Art von Anfällen vor.
- Viele Anfälle verlaufen mit deutlich weniger dramatischen Symptomen. Betroffene starren möglicherweise einige Sekunden lang ins Leere, führen wiederholte Bewegungen wie Schmatzen aus oder erleben seltsame Empfindungen, beispielsweise ungewöhnliche Gerüche oder Déjà-vu-Erlebnisse. Letztere bezeichnen das Gefühl, etwas bereits einmal genau auf dieselbe Weise erlebt zu haben.
Epilepsie oder Krampfanfälle?
Oft werden Krampfanfälle und Epilepsie verwechselt. Ein Krampfanfall bedeutet jedoch nicht automatisch, dass man an Epilepsie erkrankt ist. Obwohl die Begriffe häufig synonym verwendet werden, sind Epilepsie und Krampfanfälle nicht dasselbe.
Ein epileptischer Anfall ist ein einzelnes Ereignis und ein Symptom einer zugrunde liegenden Störung der Gehirnfunktion in diesem Moment. Epilepsie hingegen ist eine Erkrankung, die wiederkehrende Anfälle verursacht. Man kann sich den Unterschied wie folgt vorstellen: Husten ist ein Symptom einer bestehenden Erkrankung, eine Lungenentzündung hingegen ist eine Krankheit, die Husten verursacht. Ähnlich verhält es sich mit einem epileptischen Anfall: Er ist ein Symptom, Epilepsie hingegen ist die Erkrankung, die die Anfälle auslöst.
Nicht jeder, der einen Krampfanfall hat, leidet an Epilepsie. Obwohl rund ein Drittel der Menschen im Laufe ihres Lebens einen Krampfanfall erleidet, entwickeln nur etwa ein Prozent von ihnen Epilepsie.
Kategorisierung von Anfällen
Es gibt zwei verschiedene Anfallstypen, anhand derer sich beschreiben lässt, wie ein Anfall aussieht, sich anfühlt und wo er im Gehirn beginnt. Entspricht die Epilepsie einer Person keinem spezifischen Syndrom, beschreiben Ärzte ihren Zustand anhand des Anfallstyps.
Krampfanfälle scheinen zufällig aufzutreten. Es gibt jedoch Auslöser, die das Auftreten von Anfällen wahrscheinlicher machen, wie beispielsweise das Vergessen der Einnahme von Antiepileptika oder Krankheit. Man unterscheidet zwei Hauptgruppen von Krampfanfällen:
Fokale Anfälle beginnen in einem bestimmten Hirnareal und können je nach Ursprungsort unterschiedliche Symptome hervorrufen. Die drei Arten fokaler Anfälle führen bei den Betroffenen zu unterschiedlichen Erfahrungen.
- In manchen Fällen bist du dir deiner Umgebung zwar vollkommen bewusst, hast aber ein seltsames Gefühl, das nicht „real“ ist. Ein Beispiel hierfür ist der Geruch von verbranntem Gummi, obwohl nichts brennt.
- Eine andere Art von fokalen Anfällen kann dazu führen, dass man verwirrt ist, seine Umgebung weniger wahrnimmt und nicht auf andere Menschen reagieren kann.
- Anfälle können sich auf andere Bereiche des Gehirns ausbreiten und zu generalisierten Anfällen werden.
Bei generalisierten epileptischen Anfällen sind von Beginn an beide Hirnhälften betroffen. Da so große Teile des Gehirns betroffen sind, bemerken die Betroffenen in der Regel nicht, was geschieht, und haben während des Anfalls keine Kontrolle über ihren Körper. Sie können plötzlich zusammenbrechen und zittern. Die meisten erinnern sich später nicht mehr an den Anfall.
Neben den verschiedenen Anfallsarten gibt es auch Epilepsiesyndrome. Das bedeutet, dass die Anfälle bei vielen Menschen mit Epilepsie nicht völlig zufällig auftreten, sondern bestimmten Mustern folgen. Einige dieser Muster zeigen sich bei Menschen, die
- immer denselben Anfallstyp haben, der auf dieselbe Weise beginnt und etwa gleich lang dauert
- zwei oder drei verschiedene Arten von Anfällen erleben. Diese treten zu unvorhersehbaren Zeiten auf, beispielsweise nur im Schlaf oder direkt nach dem Aufwachen
- mit zunehmendem Alter seltener oder weniger schwerwiegende Anfälle bekommen
- ihr ganzes Leben lang die gleichen Anfälle haben
Die Kenntnis des jeweiligen Syndroms ist hilfreich, um vorherzusagen, wie sich Anfälle im Laufe der Zeit verändern – ob sie anhalten, aufhören oder eine andere Form annehmen – und um das am besten geeignete Medikament auszuwählen. Manche Syndrome sprechen gut auf bestimmte Behandlungen an und die Betroffenen können ein völlig normales Leben führen. Andere sind komplexer und erfordern unter Umständen das Ausprobieren verschiedener Therapieansätze, um die optimale Behandlung zu finden.
Was ist richtig, was ist falsch?
Es gibt zahlreiche Mythen rund um die Erkrankung Epilepsie. Ich möchte damit heute ein für alle Mal aufräumen.
Mythos 1: Während eines Anfalls kann man die Zunge verschlucken.
Das ist unmöglich. Stecken niemals etwas in den Mund einer Person, die einen Anfall hat! Früher glaubte man, man müsse Betroffenen etwas zwischen die Zähne schieben (zum Beispiel einen Löffel oder einen Beißkeil), um ein Verschlucken zu verhindern. Mach das niemals! Es besteht Verletzungsgefahr durch Kieferbrüche oder Zahnverletzungen und sogar die Gefahr, dass die Person keine Luft mehr bekommt.
Mythos 2: Epilepsie ist ansteckend.
Nein, Epilepsie ist nicht ansteckend. Man kann sie weder durch Berührung noch durch Speichel, Schweiß oder die Luft von anderen Menschen bekommen. Es handelt sich um eine chronische, nicht übertragbare neurologische Erkrankung, die durch abnormale elektrische Aktivität im Gehirn verursacht wird.
Mythos 3: Menschen mit Epilepsie können kein normales Leben führen.
Ja, die meisten Menschen mit Epilepsie führen ein völlig normales Leben. Dank moderner Medizin und Therapiemöglichkeiten stellt die Diagnose heute kein Hindernis mehr für eine erfolgreiche Karriere, Sport, Reisen oder die Gründung einer Familie dar.
Mythos 4: Alle epileptischen Anfälle sehen gleich aus.
Nein, epileptische Anfälle sehen nicht alle gleich aus. Tatsächlich wurden über 30 verschiedene Anfallsarten identifiziert. Während die meisten Menschen unter „Krämpfen“ Zittern und Umfallen verstehen, sind viele Anfälle so subtil, dass sie von Außenstehenden unbemerkt bleiben. Wie ein Anfall aussieht, hängt ausschließlich davon ab, wo im Gehirn die elektrische Fehlfunktion auftritt und wie weit sie sich ausbreitet.
Darüber hinaus können verschiedene Erkrankungen sowohl Patienten als auch Ärzte täuschen, da ihre Symptome epileptischen Anfällen ähneln. Der entscheidende Unterschied liegt in den zugrunde liegenden Vorgängen im Gehirn. Epileptische Anfälle sind spezifisch durch abnorme elektrische Entladungen im Gehirn gekennzeichnet. Andere Erkrankungen haben andere Ursachen für Anfälle, beispielsweise Störungen der Körperchemie oder Veränderungen der Gehirnstruktur.
Es gibt weitere medizinische Zustände, die Krampfanfälle auslösen können.
- Ohnmachtsanfälle (Synkopen) können dazu führen, dass Menschen stürzen und manchmal kurz zucken. Dies kann wie ein epileptischer Anfall aussehen.
- Bei einer Panikattacke können sich intensive körperliche Symptome und Bewusstseinsveränderungen einstellen.
- Psychische (oder psychogene) Anfälle können epileptischen Anfällen zum Verwechseln ähnlich sein. Sie werden jedoch nicht durch elektrische Probleme im Gehirn, sondern durch emotionalen Stress verursacht.
- Herzprobleme können plötzlichen Bewusstseinsverlust verursachen.
- Schwere Migräneanfälle können zu Verwirrtheit und seltsamen Empfindungen führen.
- Bei bestimmten Schlafstörungen können Bewegungen und Verhaltensweisen auftreten, die wie Anfälle aussehen.
Für eine korrekte Diagnose sind diagnostische Tests, einschließlich Elektroenzephalogrammen (EEG) zur Messung der Hirnströme und einer ausführlichen Anamnese, unerlässlich. Ärzte stützen sich zudem stark auf detaillierte Beschreibungen der Vorgänge vor, während und nach anfallsartigen Episoden. Diese können zwar Anfälle sein, sind aber nicht zwangsläufig auf Epilepsie zurückzuführen.
Sei aufmerksam und notiere dir die Details rund um anfallsartige Episoden. Das Symptommuster, die Häufigkeit des Auftretens und die Auslöser können wichtige Hinweise für die Diagnose liefern, ob eine Person an Epilepsie oder einer anderen Erkrankung leidet.
Die Ausprägung der Epilepsie
Epilepsie kann jeden Menschen jederzeit und überall im Leben treffen. Dabei spielen Geschlecht, Alter, wirtschaftlicher Status und Wohnort keine Rolle. Diese Erkrankung betrifft Menschen aller Ethnien, Nationalitäten und sozialen Schichten. Statistiken zeigen jedoch, dass manche Bevölkerungsgruppen ein höheres Risiko haben, an Epilepsie zu erkranken, als andere. Das Wissen um die am stärksten betroffenen Gruppen hilft Ärzten, ihre Aufmerksamkeit und Ressourcen gezielt einzusetzen.
Epilepsie betrifft mehr Menschen als Multiple Sklerose, Zerebralparese, Muskeldystrophie und Parkinson zusammen. Jährlich werden weltweit etwa 2,4 Millionen neue Epilepsiefälle diagnostiziert.
Demografische Gegebenheiten
Epilepsie macht zwar keinen Unterschied zwischen Menschen, aber bestimmte Gruppen sind stärker betroffen als andere.
Geschlechtsunterschiede
Insgesamt erkranken Männer und Frauen etwa gleich häufig an Epilepsie. Bestimmte Epilepsieformen treten jedoch bei einem Geschlecht häufiger auf als beim anderen. So sind einige Epilepsiesyndrome bei Jungen häufiger, während andere Mädchen oder Frauen häufiger betreffen. Diese Unterschiede hängen in der Regel mit spezifischen genetischen Ursachen oder hormonellen Faktoren zusammen, beispielsweise mit Anfällen im Zusammenhang mit dem Menstruationszyklus.
Altersunterschiede
Das Alter spielt die größte Rolle bei der Entstehung von Epilepsie. Am häufigsten tritt die Erkrankung bei zwei Gruppen auf: bei sehr jungen Kindern und bei älteren Erwachsenen über 65 Jahren. Etwa die Hälfte aller Menschen, die an Epilepsie erkranken, erleidet ihren ersten Anfall vor dem zehnten Lebensjahr.
- Das höchste Risiko, an Epilepsie zu erkranken, haben Säuglinge und Kleinkinder unter zwei Jahren. Ihr junges Gehirn ist noch in der Entwicklung und reagiert empfindlicher auf Faktoren, die Anfälle auslösen können. Geburtsverletzungen, Infektionen, genetische Erkrankungen und Störungen der Gehirnentwicklung können in dieser Altersgruppe die Wahrscheinlichkeit für Epilepsie erhöhen.
- Ab dem 65. Lebensjahr beginnt eine zweite Phase, in der das Risiko, an Epilepsie zu erkranken, erhöht ist. Mit zunehmendem Alter treten vermehrt gesundheitliche Probleme auf, die das Gehirn schädigen und Epilepsie auslösen können. Schlaganfälle kommen bei älteren Erwachsenen häufiger vor und können Hirnschäden hinterlassen, die Krampfanfälle verursachen. Auch Hirntumore sowie andere altersbedingte Erkrankungen wie Alzheimer oder andere Formen von Demenz können das Risiko erhöhen, im späteren Leben an Epilepsie zu erkranken.
Behandlungslücke und wirtschaftliche Auswirkungen
Das größte Problem bei Epilepsie ist weltweit die Behandlung. In wohlhabenden Ländern können Ärzte bei etwa 70 von 100 Epilepsiepatienten die Anfälle mithilfe von Medikamenten kontrollieren. Diese Menschen können ein normales Leben führen, zur Schule gehen, arbeiten und an den meisten Aktivitäten teilnehmen. Weltweit erhalten jedoch etwa 75 von 100 Epilepsiepatienten überhaupt keine Behandlung.
Diese Versorgungslücke besteht vor allem in armen Ländern, in denen Antiepileptika entweder zu teuer sind oder gar nicht verfügbar sind. Zudem haben viele Menschen in diesen Ländern keinen Zugang zu Ärzten, die Epilepsie richtig diagnostizieren und behandeln können. Manche Familien wenden sich daher an traditionelle Heiler, was jedoch nicht immer eine wirksame Behandlung gewährleistet.
Epilepsie stellt weltweit eine erhebliche soziale und wirtschaftliche Belastung dar. In Entwicklungsländern ist sie für etwa ein Prozent aller Gesundheitsprobleme verantwortlich, die zu Behinderung oder Tod führen. Die Erkrankung betrifft nicht nur die betroffene Person, sondern auch deren Familie. In Ländern mit niedrigem Einkommen können viele Menschen mit Epilepsie aufgrund ihrer Anfälle und der damit verbundenen Stigmatisierung nicht arbeiten oder zur Schule gehen.
