Die Psy­cho­lo­gie des Fest­hal­tens an Über­zeu­gun­gen

Es ist offen­sicht­lich, wie all­ge­gen­wär­tig Kon­flikte um Wah­len, öffent­li­che Gesund­heit, Klima, Krieg, Iden­ti­tät und sogar grund­le­gende Fak­ten gewor­den sind. Ein Blick in die Nach­rich­ten-Apps oder die sozia­len Medien genügt, ebenso ein Blick in die Gesprä­che der Fami­lie beim Abend­essen. Dabei wird der rote Faden erkenn­bar, der sich durch all diese The­men zieht, und wie er immer wie­der von poli­ti­schen Gre­mien und Gren­zen in per­sön­li­che Bezie­hun­gen, Arbeits­plätze und Fami­lien hin­ein­wirkt. Zuneh­mend wer­den diese Kon­flikte nicht nur durch Mei­nungs­ver­schie­den­hei­ten über Infor­ma­tio­nen, son­dern auch durch tie­fer­lie­gende Glau­bens­kon­flikte aus­ge­löst. Die Art und Weise, wie Men­schen die­selbe Schlag­zeile inter­pre­tie­ren, kann den Ein­druck erwe­cken, sie leb­ten in völ­lig unter­schied­li­chen Rea­li­tä­ten.

Das liegt daran, dass sich Über­zeu­gun­gen in der Regel nicht wie bewusst gewählte Mei­nun­gen anfüh­len. Sie sind viel­mehr wie das unter­schwel­lige Sum­men des All­tags. Sie sind stän­dig prä­sent, doch wir reflek­tie­ren sel­ten, wel­chen Ein­fluss sie auf unsere Wahr­neh­mung der Welt haben. Viele von uns haben diese Über­zeu­gun­gen und Werte schon ver­in­ner­licht, bevor wir sie arti­ku­lie­ren oder hin­ter­fra­gen kön­nen. Mit der Zeit ver­an­kern sie sich tief in unse­rem Den­ken über Poli­tik, Gesund­heit, Bezie­hun­gen, Werte und sogar über uns selbst.

Warum sich Über­zeu­gun­gen so per­sön­lich anfüh­len und nicht optio­nal sind

Für viele Men­schen ist die Frage, ob sich Über­zeu­gun­gen ändern kön­nen, hoch­bri­sant und von gro­ßer Bedeu­tung. Die psy­cho­lo­gi­sche und kli­ni­sche For­schung lie­fert zahl­rei­che Belege dafür, dass sich Über­zeu­gun­gen ändern kön­nen und auch ändern. Der tat­säch­li­che Ver­än­de­rungs­pro­zess ver­läuft jedoch meist weder linear noch evi­denz­ba­siert. Men­schen fällt es in der Regel schwer, ihre Über­zeu­gun­gen zu ändern, da dies eine Ver­än­de­rung ihrer Iden­ti­tät erfor­dert.

In der Regel ändern Men­schen ihre Über­zeu­gun­gen nicht allein des­halb, weil es stär­kere Argu­mente für eine neue Über­zeu­gung gibt.

Tat­säch­lich ändern Men­schen ihre Über­zeu­gun­gen nicht auf­grund nur eines ein­zi­gen Argu­ments. Ver­än­de­run­gen gesche­hen durch Bezie­hun­gen, Emo­tio­nen, Iden­ti­tät und die Geschich­ten, die Men­schen sich auf­grund ihrer Erfah­run­gen erzäh­len. Die For­schung zum moti­vier­ten Den­ken zeigt, dass Men­schen dazu nei­gen, Infor­ma­tio­nen zu akzep­tie­ren, die ihr Selbst­bild schüt­zen, und Infor­ma­tio­nen abzu­leh­nen, die es bedro­hen – selbst wenn die Beweis­lage erdrü­ckend ist. In sol­chen Momen­ten geht es bei der Ver­tei­di­gung einer Über­zeu­gung also um Selbst­schutz.

Das soziale Leben macht es noch schwie­ri­ger. Viele Über­zeu­gun­gen tei­len wir mit den Men­schen, die uns am nächs­ten ste­hen: Eltern, Part­ner, Freunde, poli­ti­sche Ver­bün­dete und Glau­bens­ge­nos­sen. Sich von einer gemein­sa­men Über­zeu­gung zu lösen, kann sei­nen Preis haben: pein­li­che Stille, beschä­digte Bezie­hun­gen oder ein unter­schwel­li­ges Gefühl der Ent­frem­dung. Stu­dien zur Kon­for­mi­tät legen nahe, dass Men­schen oft die Zuge­hö­rig­keit der Rich­tig­keit vor­zie­hen, vor allem dann, wenn Über­zeu­gun­gen als Zei­chen von Loya­li­tät die­nen. Am Fest­hal­ten an Über­zeu­gun­gen ist nicht immer Unwis­sen­heit schuld. Manch­mal geht es schlicht darum, nicht allein sein zu wol­len.

Eine letzte Schwie­rig­keit bei der Ver­brei­tung von Ideen ist die kogni­tive Dis­so­nanz. Wenn jemand über einen lan­gen Zeit­raum an einem Glau­bens­sys­tem gear­bei­tet und dafür Opfer gebracht hat, sind wider­sprüch­li­che Beweise nicht nur ein läs­ti­ges Hin­der­nis, son­dern ein zutiefst erschüt­tern­des Ereig­nis. Stu­dien zur kogni­ti­ven Dis­so­nanz haben gezeigt, dass Men­schen mit wider­sprüch­li­chen Infor­ma­tio­nen durch Ratio­na­li­sie­rung umge­hen. Das bedeu­tet, dass sie die Erklä­run­gen ande­rer bevor­zu­gen, ihre eigene Sicht­weise des Wider­spruchs umdeu­ten und die wider­sprüch­li­chen Infor­ma­tio­nen mei­den. Wenn Men­schen mit gegen­sätz­li­chen Stand­punk­ten kon­fron­tiert wer­den, kön­nen sie sich sogar noch stär­ker in ihren ursprüng­li­chen Über­zeu­gun­gen ver­här­ten.

Emo­tio­nen beein­flus­sen, wie Men­schen mit kogni­ti­ver Dis­so­nanz umge­hen. Über­zeu­gun­gen sind mehr als nur Gedan­ken, denn sie hel­fen uns auch, mit Angst, Sorge, Schuld­ge­füh­len, Trau­rig­keit und ande­ren Gefüh­len umzu­ge­hen. Sie geben Struk­tur, wenn das Leben unge­ord­net erscheint, und Sinn, wenn Dinge will­kür­lich oder unge­recht wir­ken. Emo­tio­nal auf­ge­la­dene Über­zeu­gun­gen wer­den anders ver­ar­bei­tet als neu­trale Infor­ma­tio­nen, das heißt, sie sind schwie­ri­ger zu ver­än­dern. Wird jeman­dem eine emo­tio­nal auf­ge­la­dene Über­zeu­gung genom­men, ohne auf seine emo­tio­na­len Bedürf­nisse ein­zu­ge­hen, kann er sich bloß­ge­stellt und/oder ori­en­tie­rungs­los füh­len. In sol­chen Fäl­len erscheint es siche­rer, im Sta­tus quo zu ver­har­ren, als eine Ver­än­de­rung vor­zu­neh­men.

Wie Ver­än­de­rung tat­säch­lich beginnt

Über­zeu­gun­gen las­sen sich ändern, jedoch meist nur in einem geschütz­ten Umfeld und nicht durch direkte Kon­fron­ta­tion. Emo­tio­nale Sicher­heit ist dabei die Grund­vor­aus­set­zung. Wenn Men­schen sich unter­stützt füh­len – bei­spiels­weise indem sie Respekt erfah­ren und das Gefühl haben, dass man ihnen zuhört, anstatt sie aus­zu­la­chen oder in eine uner­wünschte Aus­ein­an­der­set­zung hin­ein­zu­zie­hen – sind sie eher bereit, ihre Über­zeu­gung zu über­den­ken. Stu­dien zur Über­zeu­gung zei­gen, dass Empa­thie eine Abwehr­hal­tung ver­rin­gert, wäh­rend Spott oder Druck sie ver­stär­ken. Was die Glaub­wür­dig­keit betrifft, also die Gewin­nung von Zuhö­rern für neue oder unge­wöhn­li­che Ideen, reagiert das Publi­kum je nach Bild des Prä­sen­ta­tors (z. B. fair, für­sorg­lich und glaub­wür­dig) unter­schied­lich.

In der Regel braucht es Zeit, um Über­zeu­gun­gen zu ver­än­dern. Dies erfolgt nicht durch eine plötz­li­che Erkennt­nis oder ein ein­schnei­den­des Erleb­nis. Dies ent­spricht der Art und Weise, wie Über­zeu­gun­gen ent­ste­hen, näm­lich durch stän­dige Bestä­ti­gung. So gibt es bei­spiels­weise typi­scher­weise viele kleine Zwei­fel, die sich im Laufe der Zeit anhäu­fen und die Gesamt­über­zeu­gung schwä­chen kön­nen, wie unge­klärte Fra­gen oder Erfah­run­gen, die nicht den Erwar­tun­gen ent­spre­chen.

Die Bedeu­tung von Erzäh­lun­gen im Zusam­men­hang mit Über­zeu­gun­gen ist offen­sicht­lich. Über­zeu­gun­gen sind Teil umfas­sen­de­rer Erzäh­lun­gen dar­über, wer wir sind und wie unsere Lebens­er­fah­run­gen Sinn erge­ben. Stu­dien zei­gen, dass lang­fris­tige Ver­än­de­run­gen der eige­nen Erfah­rung im All­ge­mei­nen eine Anpas­sung der eige­nen Erzäh­lung erfor­dern. Diese Anpas­sung ermög­licht es der Erzäh­lung, die neue Per­spek­tive in ein kohä­ren­tes Gan­zes zu inte­grie­ren.

Warum Bil­dung nur bedingt hilft

Bil­dung und kri­ti­sches Den­ken wer­den oft als Lösung für schäd­li­che oder starre Über­zeu­gun­gen ange­se­hen. Zwar sind sie hilf­reich, aber kein All­heil­mit­tel. Stu­dien zei­gen, dass selbst Men­schen mit aus­ge­präg­ten ana­ly­ti­schen Fähig­kei­ten nicht immun gegen Vor­ur­teile sind. In man­chen Fäl­len ver­tei­di­gen sie ihre bestehen­den Über­zeu­gun­gen ledig­lich bes­ser. Nur weil jemand den­ken kann, heißt das nicht, dass er offen für neue Ansich­ten ist. Wenn man Men­schen lehrt oder sie ander­wei­tig dabei unter­stützt, ihre Denk- und Lern­fä­hig­keit zu ver­bes­sern, muss man beden­ken, dass dies neben der Logik am bes­ten durch Emo­tio­nen und soziale Ein­flüsse gelingt.

Es kann bei­spiels­weise genauso wich­tig sein, jeman­dem das Kon­zept der intel­lek­tu­el­len Beschei­den­heit und die Aus­wir­kun­gen von Unsi­cher­heit bzw. vor­ein­ge­nom­me­ner Ent­schei­dungs­fin­dung zu ver­mit­teln, wie ihm die eigent­li­che Tat­sa­che (die rich­tige Ant­wort) bei­zu­brin­gen. Oft ist es genauso wich­tig, zu ler­nen, Mehr­deu­tig­keit zu akzep­tie­ren oder ihr gegen­über tole­rant zu sein, wie etwas Neues zu ler­nen.

Es ist wich­tig zu beach­ten, dass Ver­än­de­run­gen von Über­zeu­gun­gen an ethi­sche Gren­zen gebun­den sind. Nicht jede Über­zeu­gung muss kor­ri­giert wer­den, selbst wenn sie unbe­wie­sen ist. Einige Über­zeu­gun­gen, bei­spiels­weise zu Resi­li­enz, Sinn und Zweck sowie Mit­ge­fühl, kön­nen posi­tive Erfah­run­gen ermög­li­chen und erfor­dern keine Kor­rek­tur, solange sie keine nega­ti­ven Fol­gen für die betref­fende Per­son haben oder deren All­tag beein­träch­ti­gen. Letzt­end­lich geht es nicht darum, dem Leben eines Men­schen den Sinn zu neh­men, son­dern ihm genü­gend Fle­xi­bi­li­tät zu geben, um auf seine Erfah­run­gen reagie­ren zu kön­nen.

In einer Zeit, in der die Nach­rich­ten von empö­ren­den Geschich­ten geprägt sind und unsere zwi­schen­mensch­li­chen Bezie­hun­gen einem Kriegs­ge­biet glei­chen, müs­sen wir uns daran erin­nern, dass Men­schen ihre Über­zeu­gun­gen nicht ein­fach so ändern, nur weil sie wider­legt wer­den. Es ist viel­mehr ein lan­ger, mensch­li­cher Pro­zess, der auf Emo­tio­nen, Iden­ti­tät, Bezie­hun­gen und den Geschich­ten basiert, die wir uns alle geschaf­fen haben, um in ihnen zu leben. Der Wan­del von Über­zeu­gun­gen im öffent­li­chen Leben wird nicht durch lau­tere Aus­ein­an­der­set­zun­gen und ver­meint­lich schär­fere Fak­ten gesche­hen, son­dern dadurch, dass wir ein Umfeld schaf­fen, das Wan­del ermög­licht.

Wir müs­sen den Men­schen einen siche­ren und ver­trau­ens­vol­len Raum bie­ten, einen Ort der Geduld und des emo­tio­na­len Ver­ständ­nis­ses, an dem sie eine neue Per­spek­tive auf ihre Welt gewin­nen kön­nen, ohne sich in die­sem Pro­zess selbst zu ver­lie­ren. In sol­chen Momen­ten begin­nen sich Über­zeu­gun­gen zu ver­än­dern, weil die Men­schen nun die Chance bekom­men, sich zu ent­fal­ten.

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