Die Ana­to­mie eines Nar­ziss­ten

Um das Trauma zu ver­ste­hen, das Nar­ziss­ten bei ande­ren aus­lö­sen, kon­zen­trie­ren wir uns meist auf ihr äuße­res Ver­hal­ten und des­sen Aus­wir­kun­gen auf ihre Mit­men­schen. Doch was geht wirk­lich in einem Nar­ziss­ten vor? Neh­men wir einen tie­fen Ein­blick in die Ana­to­mie der nar­ziss­ti­schen Per­sön­lich­keit, der über die im DSM, dem Dia­gnos­ti­schen und Sta­tis­ti­schen Hand­buch Psy­chi­scher Stö­run­gen, auf­ge­führ­ten ober­fläch­li­chen Merk­male hin­aus­geht.

Ana­to­mie eines Nar­ziss­ten

Eine nar­ziss­ti­sche Per­sön­lich­keits­stö­rung ist eine psy­chi­sche Erkran­kung, die durch eine insta­bile Iden­ti­tät und ein insta­bi­les Selbst­wert­ge­fühl gekenn­zeich­net ist. Sie resul­tiert in ers­ter Linie aus einer unsi­che­ren Bin­dung zu Bezugs­per­so­nen im Säug­lings- und Kin­des­al­ter. Es gibt gene­ti­sche Ver­an­la­gun­gen für nar­ziss­ti­sche Abwehr­me­cha­nis­men, die bei Kin­dern durch ent­frem­dende Erfah­run­gen akti­viert wer­den kön­nen.

Bei genaue­rer Betrach­tung nar­ziss­ti­scher Per­sön­lich­kei­ten fin­den sich zahl­rei­che Ent­wick­lungs­de­fi­zite und defen­sive Kom­pen­sa­ti­ons­me­cha­nis­men. Dazu zäh­len unter ande­rem emo­tio­nale Spal­tung, ver­zerrte Objekt­be­zie­hun­gen, man­gelnde Indi­vi­dua­tion, emo­tio­nale Ent­frem­dung, Grö­ßen­wahn, Neid, eine Opfer­hal­tung, die Abhän­gig­keit von exter­nen Quel­len des Selbst­wert­ge­fühls, Reak­ti­vi­tät, Selbst­be­zo­gen­heit, kogni­tive Ver­zer­run­gen, vor­sätz­li­che Ver­leug­nung und Pro­jek­tion, Unmo­ral, Bezie­hungs­ant­ago­nis­mus sowie Mas­kie­rung.

Innere Spal­tung
Im Kern des Nar­ziss­mus steht die emo­tio­nale Spal­tung des Selbst in zwei ver­zerrte Extreme: das wert­lose, min­der­wer­tige Selbst und das beson­dere, über­le­gene Selbst. Eine Mög­lich­keit, Nar­ziss­mus zu ver­ste­hen, besteht darin, ihn als Min­der­wer­tig­keits­kom­plex zu betrach­ten, der durch einen kom­pen­sa­to­ri­schen Über­le­gen­heits­kom­plex aus­ge­gli­chen wird. Betrof­fene arbei­ten stän­dig daran, das Bewusst­sein für das min­der­wer­tige Selbst zu unter­drü­cken und das über­le­gene Selbst auf­zu­blä­hen. Sie lei­den unter inne­ren Schwan­kun­gen zwi­schen die­sen bei­den Zustän­den, ins­be­son­dere unter Stress, und set­zen andere den­sel­ben Schwan­kun­gen zwi­schen Idea­li­sie­rung und Abwer­tung aus.

Unrea­lis­ti­sche bzw. nicht inte­grierte Objekt­be­zie­hun­gen
Nar­ziss­ti­sche Kin­der, die in emo­tio­na­ler Spal­tung ste­cken blei­ben, sind nicht in der Lage, ganz­heit­li­che Objekt­be­zie­hun­gen und Objekt­kon­stanz zu errei­chen. Dabei han­delt es sich um psy­cho­lo­gi­sche Mei­len­steine, die die Inte­gra­tion und Auf­recht­erhal­tung des Bewusst­seins für rea­lis­ti­sche posi­tive und nega­tive Aspekte des Selbst und ande­rer beinhal­ten. Infol­ge­des­sen sehen Nar­ziss­ten sich selbst und ihre Mit­men­schen in binä­ren Kate­go­rien als ent­we­der ganz gut oder ganz schlecht und erle­ben in ihren Bezie­hun­gen eine Unbe­stän­dig­keit nach dem Motto „aus den Augen, aus dem Sinn“.

Feh­lende indi­vi­du­elle Identität/Leere
Nar­ziss­ten fehlt ein indi­vi­du­el­les Iden­ti­täts­ge­fühl. Sie kämp­fen mit desta­bi­li­sie­ren­den Gefüh­len von Selbst­zwei­feln und Leere. Dies ist in der Regel die Folge emo­tio­na­ler Ver­nach­läs­si­gung sowie der Behand­lung als Erwei­te­rung der idea­li­sier­ten oder abge­wer­te­ten Pro­jek­tio­nen nar­ziss­ti­scher Eltern. Nar­ziss­ti­sche Men­schen ver­brin­gen ihr Leben oft damit, ver­schie­dene Iden­ti­tä­ten aus­zu­pro­bie­ren und/oder sich starr an äußere For­men der Iden­ti­fi­ka­tion zu klam­mern.

Emo­tio­nale Entfremdung/Mangel an Empa­thie
Da ihnen ein sta­bi­les Selbst­be­wusst­sein sowie eine empa­thi­sche Ver­bin­dung zu ihren Mit­men­schen feh­len, sind Nar­ziss­ten emo­tio­nal von sich selbst und ande­ren ent­frem­det. Auf­grund ihres grund­le­gen­den Miss­trau­ens ver­mei­den sie Ver­letz­lich­keit, da sie diese als Schwä­che betrach­ten. Sie sehen Bezie­hun­gen eher als Kampf um Domi­nanz und Kon­trolle denn als Chance für zwi­schen­mensch­li­ches Wachs­tum und Inti­mi­tät.

Grö­ßen­wahn
Die Kehr­seite der nar­ziss­ti­schen Leere und Min­der­wer­tig­keit sind Wahn­vor­stel­lun­gen von Über­le­gen­heit und beson­de­ren Ansprü­chen. Am eher sozio­pa­thi­schen Ende des nar­ziss­ti­schen Spek­trums kom­men zudem Wahn­vor­stel­lun­gen von all­mäch­ti­ger Macht und Kon­trolle hinzu. Wäh­rend Außen­ste­hende die Gran­dio­si­tät des Nar­ziss­ten als Wahn­vor­stel­lung erken­nen, fühlt es sich für den Nar­ziss­ten wie psy­chi­sches Über­le­ben an. Des­halb reagie­ren Nar­ziss­ten wütend (offen oder pas­siv-aggres­siv), wenn andere nicht das wider­spie­geln, was sie über sich selbst glau­ben möch­ten.

Neid und Opfer­rolle
Eine Dimen­sion nar­ziss­ti­scher Gran­dio­si­tät ist die Über­zeu­gung von Nar­ziss­ten, dass sie nie genug von dem bekom­men, was ihnen zusteht. Die­ses Gefühl der Unge­rech­tig­keit und Benach­tei­li­gung kann zu Neid und einem Opfer­ge­fühl füh­ren, die dann zu zen­tra­len Aspek­ten der nar­ziss­ti­schen Iden­ti­tät wer­den kön­nen – ins­be­son­dere bei der eher ver­deck­ten, ver­letz­li­chen Form des Nar­ziss­mus.

Exter­na­li­sier­tes Selbst­wert­ge­fühl
Nar­ziss­ten fehlt die innere Stärke, um ein bestän­di­ges Selbst­wert­ge­fühl auf­recht­zu­er­hal­ten. Sie benö­ti­gen über­mä­ßige Unter­stüt­zung für ihr über­trie­be­nes Selbst­be­wusst­sein. Das macht sie sehr abhän­gig von ande­ren Men­schen und sta­tus­ver­stär­ken­den äuße­ren Ein­flüs­sen, um ihre Emo­tio­nen zu ver­ar­bei­ten und sich gut zu füh­len. Ihr Bedürf­nis nach einem exter­nen Selbst­wert­ge­fühl führt zu über­mä­ßi­gen For­de­run­gen nach Auf­merk­sam­keit, Bewun­de­rung, beson­de­ren Pri­vi­le­gien, Sta­tus, Für­sorge und/oder Kon­trolle in ihren Bezie­hun­gen.

Dys­re­gu­la­tion und Reak­ti­vi­tät
Die Kom­bi­na­tion aus ver­letz­li­chem Selbst­wert­ge­fühl und wahn­haf­ter Gran­dio­si­tät ist bei Nar­ziss­ten per­fekt für emo­tio­nale Dys­re­gu­la­tion und Reak­ti­vi­tät gegen­über Ent­täu­schun­gen, Ver­lus­ten, Krän­kun­gen und Kon­flik­ten geeig­net.

Selbst­re­fe­ren­zia­li­tät
Nar­ziss­ti­sche Men­schen sind emo­tio­nal von ande­ren distan­ziert und stän­dig damit beschäf­tigt, ihr Selbst­wert­ge­fühl zu stär­ken. Sie sind extrem auf sich selbst fixiert, neh­men ihre Erfah­run­gen und Bezie­hun­gen aus­schließ­lich aus ihrer eige­nen Per­spek­tive wahr und inter­pre­tie­ren sie auch so.

Kogni­tive Ver­zer­run­gen
Neben der Selbst­über­hö­hung nei­gen Nar­ziss­ten zu kogni­ti­ven Ver­zer­run­gen, zu denen bei­spiels­weise das Kata­stro­phi­sie­ren, das Ver­harm­lo­sen, das Per­so­na­li­sie­ren und das magi­sche Den­ken gehö­ren.

Ver­leug­nung und Pro­jek­tion
Das Leug­nen von Aspek­ten der Rea­li­tät sowie das Pro­ji­zie­ren unan­ge­neh­mer Gefühle und Ver­hal­tens­wei­sen auf andere sind nor­male emo­tio­nale Abwehr­me­cha­nis­men in der Kind­heit. Nar­ziss­ten frö­nen auch als Erwach­sene noch in hohem Maße daran. Im Gegen­satz zu psy­cho­ti­schen Per­sön­lich­kei­ten kön­nen Men­schen mit einer nar­ziss­ti­schen Per­sön­lich­keits­stö­rung zwi­schen Fak­ten und Fan­ta­sien sowie zwi­schen Wahr­heit und Lügen unter­schei­den. Ihre Leug­nung und Pro­jek­tion sind somit eine bewusste Ent­schei­dung und eine Form der ratio­na­li­sier­ten Recht­fer­ti­gung.

Unmo­ral
Das Selbst­be­wusst­sein von Nar­ziss­ten ist fra­gil und ähnelt einem Kar­ten­haus, das auf inne­rer Spal­tung, wahn­haf­ten Selbst­über­zeu­gun­gen und pri­mi­ti­ven Abwehr­me­cha­nis­men auf­ge­baut ist. Um nicht zusam­men­zu­bre­chen, hal­ten Nar­ziss­ten die Rea­li­tät auf Distanz, indem sie Selbst­re­fle­xion ver­mei­den und Ver­ant­wor­tung scheuen. Da ihnen alles bis auf ein rudi­men­tä­res kor­ri­gie­ren­des Beob­ach­tungs-Ego (Gewis­sen) fehlt, agie­ren Nar­ziss­ten außer­halb der nor­ma­ti­ven Stan­dards von Fair­ness, Ethik und Moral.

Bezie­hungs­ant­ago­nis­mus
Nar­ziss­ti­sche Per­sön­lich­kei­ten ver­hal­ten sich in ihren Bezie­hun­gen ant­ago­nis­tisch. Sie agie­ren eher kon­kur­rie­rend und aus­beu­te­risch als koope­ra­tiv und ver­ant­wor­tungs­be­wusst. Da ihnen der hem­mende Ein­fluss emo­tio­na­ler Empa­thie fehlt und sie sich in ihren Anspruchs­vor­stel­lun­gen ver­lie­ren, beu­ten Nar­ziss­ten andere gewohn­heits­mä­ßig für phy­si­sche und emo­tio­nale Res­sour­cen aus. Sie ent­wer­ten, demü­ti­gen und ver­let­zen andere, um ihr Selbst­wert­ge­fühl zu stei­gern.

Mas­kie­rung
Das zwang­hafte Bedürf­nis von Nar­ziss­ten nach Auf­merk­sam­keit und Bestä­ti­gung durch andere treibt sie oft dazu, eine sozial erfolg­rei­che öffent­li­che Per­sön­lich­keit zu kul­ti­vie­ren. Mit Aus­nahme der extrem unso­zia­len Nar­ziss­ten möch­ten alle glau­ben, dass sie „gut” sind und fähig zu lie­ben, und man­che unter­neh­men große Anstren­gun­gen, um die­ses Bild nach außen zu ver­mit­teln. Doch egal, ob die Maske des Nar­ziss­ten auf mate­ri­el­lem Reich­tum, Fröm­mig­keit, Ruhm, gutem Aus­se­hen, Charme oder beruf­li­chem Sta­tus basiert – sie ist nur ober­fläch­lich. Denn unter der Maske ist die nar­ziss­ti­sche Per­sön­lich­keit insta­bil, ent­frem­det, ver­blen­det, feind­se­lig und mora­lisch unver­ant­wort­lich.

Schluss­fol­ge­rung

Nar­ziss­mus ist eine schwere psy­chi­sche Erkran­kung, die dem Betrof­fe­nen gro­ßes Leid ver­ur­sacht und Fami­li­en­mit­glie­der, soziale Grup­pen und die Gesell­schaft ins­ge­samt trau­ma­tisch beein­träch­tigt. Da Nar­ziss­mus oft gut mas­kiert ist, nar­ziss­ti­sche Men­schen häu­fig Macht­po­si­tio­nen anstre­ben und diese miss­brau­chen, ist es beson­ders wich­tig, dass Psy­cho­lo­gen, Päd­ago­gen, Jus­tiz­be­hör­den sowie Men­schen aus allen Gesell­schafts­schich­ten die Anzei­chen erken­nen, dar­auf auf­merk­sam machen und die Opfer schüt­zen und unter­stüt­zen.

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