Der Fluch der Ver­gleich­bar­keit

Hast du das Gefühl, mit dei­nen aben­teu­er­lus­ti­ge­ren Freun­den nicht mit­hal­ten zu kön­nen? Bist du nei­disch auf Kol­le­gen, die frü­her in Rente gehen kön­nen, wäh­rend du noch arbei­ten musst? Wir alle ver­glei­chen uns mit ande­ren – das ist ein mensch­li­cher Instinkt. Die­ser Ver­gleich ist seit Tau­sen­den von Jah­ren in unse­rer DNA ver­an­kert. Um zu über­le­ben, haben wir gelernt, Dinge zu tun, indem wir andere beob­ach­tet haben. Es ging ums Über­le­ben des Stär­ke­ren.

Heut­zu­tage dient der Ver­gleich mit Gleich­alt­ri­gen als Maß­stab für den mate­ri­el­len Wert, den per­sön­li­chen Erfolg und die Lebens­zu­frie­den­heit. Dies kann zu einem gerin­gen Selbst­wert­ge­fühl, Neid und Depres­sio­nen füh­ren. Es ist wis­sen­schaft­lich erwie­sen, dass wir dazu nei­gen, das Glück und den Erfolg ande­rer zu über­schät­zen, wäh­rend wir die nega­ti­ven Aspekte ihres Lebens aus­blen­den. Daher ist es nicht ver­wun­der­lich, dass sich Men­schen oft schlech­ter füh­len, wenn sie sich mit ande­ren ver­glei­chen.

Das Bedürf­nis nach Ver­gleich

Von der Kul­tur des Ver­glei­chens ist nicht nur die junge Gene­ra­tion betrof­fen. Zwei­fel­los spie­len die sozia­len Medien mit ihren mani­pu­lier­ten Lebens­sti­len und gefil­ter­ten Fotos dabei eine wich­tige Rolle. Doch das Ver­glei­chen mit ande­ren ist kein moder­nes oder digi­ta­les Phä­no­men. Die 1954 von dem Sozi­al­psy­cho­lo­gen Leon Fest­in­ger ent­wi­ckelte Theo­rie des sozia­len Ver­gleichs beschäf­tigt sich mit der Art und Weise, wie wir unsere Fähig­kei­ten und Ein­stel­lun­gen im Ver­gleich zu ande­ren bewer­ten.

Wir ver­glei­chen unsere per­sön­li­chen Eigen­schaf­ten mit den in der Gesell­schaft akzep­tier­ten und nut­zen die­sen Ver­gleich, um her­aus­zu­fin­den, wo wir hin­ge­hö­ren und wel­chen Wert wir für die Gesell­schaft haben. Wenn du dir die neue Küchen­ein­rich­tung dei­nes Nach­barn ansiehst oder durch die Fotos von der Geburts­tags­party eines Freun­des scrollst, kannst du dir Fra­gen zu den Men­schen in dei­nem sozia­len Umfeld stel­len und ana­ly­sie­ren, wel­che Bedeu­tung ihre Situa­tion für dich hat. Viel­leicht fragst du dich: „Wie schafft sie es, ihr Haus so schön zu hal­ten, wäh­rend ich mich mit der Haus­ar­beit abplage?” oder „Warum sieht sie so viel jün­ger aus als ich, obwohl sie in Wirk­lich­keit fünf Jahre älter ist?”.

Zu kurz gekom­men

Bis zu einem gewis­sen Grad ver­glei­chen sich alle Men­schen mit ande­ren, aber man­che sind anfäl­li­ger dafür. Man­geln­des Selbst­ver­trauen, Unsi­cher­heit und Angst kön­nen dazu füh­ren, dass wir uns stär­ker mit ande­ren ver­glei­chen. Wenn wir kei­nen Maß­stab für unse­ren eige­nen Wert oder Erfolg haben, haben wir oft das Gefühl, dass es allen um uns herum gut geht, wäh­rend wir selbst nicht mit­hal­ten kön­nen, was zu Frus­tra­tion und Trau­rig­keit führt.

Wenn wir als Kin­der nicht genü­gend Unter­stüt­zung, Lob oder Aner­ken­nung von unse­ren Bezugs­per­so­nen erhal­ten, kann das im Erwach­se­nen­al­ter zu einem nied­ri­gen Selbst­wert­ge­fühl füh­ren. Die Folge? Wir suchen ver­zwei­felt nach Bestä­ti­gung, sei es durch beruf­li­chen oder per­sön­li­chen Erfolg, und neh­men dabei andere als Maß­stab. In schwie­ri­gen Zei­ten kann die Anzie­hungs­kraft des Ver­gleichs noch zuneh­men. Wenn du zum Bei­spiel gerade dei­nen Job ver­lo­ren hast, kann es sein, dass du den Ein­druck hast, die Kar­rie­ren der ande­ren explo­die­ren gera­dezu.

Sei in die­ser Hin­sicht streng mit dir selbst. Wenn du das, was du gerade ver­lo­ren hast, mit dem ver­gleichst, was andere haben, ist das eine emo­tio­nale Fol­ter, die du dir selbst auf­er­legst.

Die Schat­ten­sei­ten des Ver­gleichs

Wenn wir Ver­glei­che posi­tiv nut­zen, kön­nen sie uns dabei hel­fen, uns zu ver­bes­sern. Im Laufe unse­res Lebens beur­tei­len wir, wo unsere Mit­men­schen im Ver­gleich zu uns ste­hen. Das moti­viert uns, etwas zu ändern, bes­ser zu ler­nen oder neue Dinge aus­zu­pro­bie­ren. Es ist jedoch schäd­lich, wenn wir diese Beur­tei­lung dafür benut­zen, fest­zu­stel­len, in wel­chen Berei­chen wir zurück­blei­ben. Men­schen mit einem nied­ri­gen Selbst­wert­ge­fühl nut­zen den Ver­gleich auf unge­sunde Weise, um Gefühle der Unzu­läng­lich­keit zu schü­ren.

Viel­leicht fra­gen wir uns, warum wir nicht genauso erfolg­reich sein kön­nen wie die­je­ni­gen, die schein­bar alles haben. Oft tra­gen wir eine Maske des Erfolgs und ver­su­chen, mit den ande­ren Schritt zu hal­ten. Das kann zu noch mehr Druck sowie einem Kreis­lauf aus Angst und Selbst­hass füh­ren.

Wie kön­nen Ver­glei­che und Gefühle von Unsi­cher­heit ver­mie­den wer­den?

Hier sind einige Tipps:

  • Bleib auf dei­nem Weg! Kon­zen­triere dich auf deine eige­nen Ziele und arbeite in dei­nem eige­nen Tempo daran, sie zu errei­chen. Erstelle einen Plan, halte dich daran, setze dir rea­lis­ti­sche Fris­ten und bleibe kon­se­quent. Lass dich nicht davon ablen­ken, was andere tun, denn das kann demo­ti­vie­rend wir­ken und die Wahr­schein­lich­keit ver­rin­gern, dass du deine Ziele erreichst.
  • Sprich über deine Gefühle! Wür­dest du dich nach einem Abend mit einem ver­lieb­ten Paar fra­gen, ob deine eigene Bezie­hung in die Brü­che gegan­gen ist? Wenn du sol­che nega­ti­ven Gedan­ken bemerkst, sprich sie laut aus. Was wir von unse­rer inne­ren Stimme erwar­ten, klingt lächer­lich, wenn wir es aus­spre­chen. Die­ser Trick hilft dir, aus dem Grü­beln her­aus­zu­kom­men.
  • Sei neu­gie­rig! Achte auf emo­tio­nale Land­mi­nen. Wenn du starke Emo­tio­nen ver­spürst, wäh­rend du dich mit ande­ren ver­gleichst, sen­det dir dein Gehirn eine wich­tige Bot­schaft. Wenn du das Gefühl hast, dich mit ande­ren zu ver­glei­chen, dann werde dir des­sen bewusst und hin­ter­frage es. Frage dich: „Was fühle ich?” und „Woher kommt das?”. Fast alle Reak­tio­nen die­ser Art haben ihren Ursprung in Angst und einem man­geln­den Selbst­wert­ge­fühl.
  • Übe dich in Authen­ti­zi­tät. Ver­su­che, dir selbst treu zu blei­ben – sowohl im ech­ten Leben als auch online. Das ist wich­tig, denn Ver­glei­che mit ande­ren för­dern das Kon­kur­renz­den­ken. Sei dir dei­ner Rolle in die­sem Kreis­lauf bewusst und ver­su­che, dein Leben so zu leben, wie du bist. Dann wirst du leich­ter erken­nen, wann du dich mit ande­ren ver­gleichst.
  • Folge nicht den hilf­lo­sen sozia­len Medien. Ist es dein sün­di­ges Ver­gnü­gen, alten Schul­freun­den auf Face­book zu schrei­ben? Suchst du oft nach Infor­ma­tio­nen über deine Nach­barn, um zu sehen, wie es ihnen geht? Erkenne die­ses Ver­hal­ten als das, was es ist, und falle nicht in Selbst­mit­leid. Es ist sehr ein­fach, nach Bewei­sen zu suchen, die das Selbst­wert­ge­fühl sabo­tie­ren. Lösche deine Fol­lower oder schalte unnö­tige Social-Media-Kon­ten stumm. Hin­ter­frage außer­dem deine Moti­va­tion, wenn du neu­gie­rig auf andere bist.
  • Sei dein eige­ner Cheer­lea­der! Erstelle eine Liste mit dei­nen Stär­ken und posi­ti­ven Eigen­schaf­ten. Das mag auf den ers­ten Blick selt­sam erschei­nen, denn wir wer­den dazu erzo­gen, beschei­den zu sein. Sich selbst zu fei­ern, fühlt sich viel­leicht wie Prah­le­rei an, ist es aber nicht. Es stärkt dein Selbst­wert­ge­fühl und erin­nert dich daran, was für ein wun­der­ba­rer Mensch du bist und wel­chen Wert du für die Welt hast. Wenn du an dei­nem Wert zwei­felst, weil du dich mit ande­ren ver­gleichst, sieh dir diese Liste an.
  • Sei rea­lis­tisch. Men­schen tei­len oft nur die posi­ti­ven Höhe­punkte ihres Lebens, mit denen du dich viel­leicht ver­gleichst. Wenn du also nei­disch bist oder dich ent­mu­tigt fühlst, weil andere ein so tol­les Leben zu füh­ren schei­nen, dann denke daran, dass du wahr­schein­lich nur eine Moment­auf­nahme oder ein ver­zerr­tes Bild siehst. Jeder hat eine Ver­sion sei­nes Lebens hin­ter den Kulis­sen.

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