Das Zeit­al­ter des per­ma­nen­ten Alarms

Die größ­ten Bedro­hun­gen für die moderne Gesell­schaft sind nicht greif­bar oder unmit­tel­bar, son­dern viel­mehr zukünf­tige, vor­her­seh­bare Kata­stro­phen­er­eig­nisse. Diese moder­nen Risi­ken sind glo­ba­ler Natur, wäh­rend Risi­ken frü­her auf lokale, kon­trol­lierte Umge­bun­gen beschränkt waren. Diese ver­än­derte Risi­ko­wahr­neh­mung lenkt die gesell­schaft­li­che Ener­gie auf die Anti­zi­pa­tion und Prä­ven­tion zukünf­ti­ger Kata­stro­phen und erzeugt einen Zustand stän­di­ger erhöh­ter Wach­sam­keit. Angst ist für viele Men­schen in der heu­ti­gen west­li­chen Kul­tur zum Nor­mal­zu­stand gewor­den. Die­ses Phä­no­men wird durch aktu­elle Kri­sen wie die Corona-Pan­de­mie noch ver­stärkt. Folg­lich befin­den sich die Men­schen in einem kol­lek­ti­ven Zustand der Unruhe.

Von der Angst zur chro­ni­schen Angst­stö­rung

Ein kul­tu­rel­ler Wan­del hat in der heu­ti­gen Gesell­schaft zu einer all­ge­gen­wär­ti­gen Angst vor Krieg geführt, die sich bei den Men­schen frü­her eher spo­ra­disch ein­ge­stellt hat. Ein wesent­li­cher Fak­tor hier­für ist die Medi­en­flut. Durch den stän­di­gen Medi­en­kon­sum ist unser Bewusst­sein für Pro­bleme, die uns alle betref­fen, wie Ter­ro­ris­mus und Natur­ka­ta­stro­phen, geschärft wor­den.

Ein ent­schei­den­der Punkt ist, dass das Wis­sen um Ter­ro­ris­mus oder Natur­ka­ta­stro­phen – unab­hän­gig davon, ob man diese Ereig­nisse direkt erlebt hat – die eigene Wahr­neh­mung der eige­nen Ver­letz­lich­keit gegen­über zukünf­ti­gen Gefah­ren beein­flusst. Die Sorge besteht nicht darin, ob Gefahr besteht, son­dern wann sie einen selbst tref­fen wird. Ein wei­te­rer Fak­tor, der unsere Ängste ver­stärkt hat, ist die digi­tale Medi­en­re­vo­lu­tion. In die­ser kon­su­mie­ren und tei­len wir Infor­ma­tio­nen über neue Tech­no­lo­gien.

Medi­en­sät­ti­gung und ver­stärkte Bedro­hung

Der Ein­satz tech­no­lo­gi­scher Inno­va­tio­nen zur Bericht­erstat­tung über eine Viel­zahl risi­kore­le­van­ter Ereig­nisse welt­weit führt zu einer zuneh­men­den Ver­brei­tung digi­ta­ler Tech­no­lo­gien und beein­flusst unsere Emo­tio­nen sowie unsere Ent­schei­dungs­pro­zesse. Stu­dien haben gezeigt, dass das Risi­ko­be­wusst­sein – bei­spiels­weise durch Medi­en­prä­senz – einen tief­grei­fen­den Ein­fluss dar­auf hat, wie wir Risi­ken wahr­neh­men und dar­auf reagie­ren.

Die ver­stärkte Medi­en­nut­zung wäh­rend der Corona-Pan­de­mie hat bei­spiels­weise zu einem Anstieg all­ge­mei­ner Angst­zu­stände bei vie­len Men­schen im Ver­gleich zu vor­her geführt. Dar­über hin­aus wurde fest­ge­stellt, dass Men­schen, die ver­schie­de­nen Medien aus­ge­setzt waren, oft allein auf­grund die­ser Medi­en­in­halte die Wahr­schein­lich­keit eines Angriffs höher ein­schät­zen. Dies traf ins­be­son­dere auf Per­so­nen zu, die anfäl­lig für Umwelt­stress waren.

Ver­schie­dene euro­pa­weite Stu­dien bele­gen einen deut­li­chen Zusam­men­hang zwi­schen Medi­en­nut­zung und der wahr­ge­nom­me­nen Bedro­hung durch die Corona-Pan­de­mie sowie einen Anstieg des Angst­ni­veaus. So zeigte sich bei­spiels­weise, dass ein hoher Medi­en­kon­sum die Sor­gen ver­stärkte und die Wahr­schein­lich­keit für die Anwen­dung von Schutz­maß­nah­men beein­flusste. Die Risi­ko­wahr­neh­mung wäh­rend des Aus­bruchs stand jedoch auch im Zusam­men­hang mit einem umfas­sen­de­ren Gefühl psy­chi­scher Belas­tung, das über die bloße Angst vor einer Infek­tion mit dem Coro­na­vi­rus hin­aus­ging.

Zudem besteht ein Zusam­men­hang zwi­schen der media­len Dar­stel­lung von Angst­zu­stän­den und gesund­heits­be­zo­ge­nen Ent­schei­dun­gen. Ins­be­son­dere zeigt sich, dass indi­rekte Medi­en­be­richt­erstat­tung ähn­li­che soziale und psy­cho­lo­gi­sche Aus­wir­kun­gen haben kann wie direkte Erfah­run­gen. Die Öffent­lich­keit gerät zwar nicht leicht in Panik, ihre Bedro­hungs­wahr­neh­mung wird jedoch wei­ter­hin von den Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ka­nä­len beein­flusst. Wie­der­holte Bil­der von hohen Bedro­hungs­la­gen und zeit­kri­ti­sche For­mu­lie­run­gen ver­stär­ken trotz sta­tis­tisch gerin­ger objek­ti­ver Risi­ken das indi­vi­du­elle Gefühl der Ver­letz­lich­keit.

In der heu­ti­gen Zeit der all­ge­gen­wär­ti­gen Infor­ma­tion ist das Sicher­heits­ge­fühl zuneh­mend brü­chig gewor­den. Nähe spielt keine Rolle mehr, da sowohl Bom­ben­an­schläge in ande­ren Län­dern als auch ver­hee­rende Wald­brände auf ande­ren Kon­ti­nen­ten zu unmit­tel­ba­ren und per­sön­li­chen Ereig­nis­sen gewor­den sind. Unser Ner­ven­sys­tem kann nicht mehr zwi­schen dem, was wir als nah wahr­neh­men, und Pro­jek­tio­nen von Distanz unter­schei­den. In den letz­ten zwei Jahr­zehn­ten sahen wir uns mit meh­re­ren Kri­sen gleich­zei­tig kon­fron­tiert, allen voran dem glo­ba­len Krieg gegen den Ter­ror, der in den frü­hen 2000er Jah­ren begann.

Dies eta­blierte neue objek­tive und sub­jek­tive Indi­ka­to­ren dafür, was „Sicher­heit” im Hin­blick auf unsere natio­na­len Sicher­heits­po­li­ti­ken und unser Selbst­ver­ständ­nis als Bür­ger bedeu­tet. In den dar­auf­fol­gen­den Jah­ren desta­bi­li­sier­ten meh­rere Finanz­kri­sen und Bör­sen­crashs unsere wirt­schaft­li­chen Annah­men über unsere Rolle als Bür­ger in einer demo­kra­ti­schen Gesell­schaft. In den Jah­ren danach rückte der Kli­ma­wan­del von der wis­sen­schaft­li­chen Debatte in unse­ren All­tag, als extreme Wet­ter­ereig­nisse an ver­schie­de­nen Orten der Welt auf­tra­ten. Dann kam die Corona-Pan­de­mie – man­che wür­den sagen, das erste wirk­lich glo­bale Ereig­nis, das nicht geplant war, son­dern auf­grund sei­ner unmit­tel­ba­ren Nähe zu uns allen ein­trat –, die unsere Rou­ti­nen, unsere Wirt­schaft und unsere Bezie­hun­gen ver­än­derte.

Angst, Poli­tik und demo­kra­ti­sche Ver­wund­bar­keit

In feind­se­li­gen Umge­bun­gen sind wir zwar ten­den­zi­ell wach­sa­mer gegen­über Bedro­hun­gen, las­sen uns aber auch leich­ter von emo­tio­nal auf­ge­la­de­nen Bot­schaf­ten beein­flus­sen. In Zei­ten weit ver­brei­te­ter Unsi­cher­heit kön­nen extre­mis­ti­sche Grup­pen ihre Gefah­ren­sze­na­rien zudem noch stär­ker in den poli­ti­schen Dis­kurs ein­bet­ten.

Der Kli­ma­wan­del trägt zu einem lang anhal­ten­den Unbe­ha­gen bei. Die gebün­del­ten Aus­wir­kun­gen von über 20 Jah­ren gemel­de­ter Kri­sen haben eine Ket­ten­re­ak­tion aus­ge­löst. Da immer wie­der neue Kri­sen auf­tre­ten, bleibt der psy­cho­lo­gi­sche Ein­fluss der vor­he­ri­gen Kri­sen bestehen. Die Men­schen tra­gen unge­löste Span­nun­gen mit sich herum und ent­wi­ckeln mit der Zeit chro­ni­sche Hyper­vi­gi­lanz.

Es wäre jedoch irre­füh­rend, anzu­neh­men, dass sich nie­mand sicher fühlt. Stu­dien haben gezeigt, dass Resi­li­enz exis­tiert. Zwar vari­iert die Risi­ko­wahr­neh­mung von Per­son zu Per­son, sie scheint sich jedoch zu sta­bi­li­sie­ren, wenn sich die Men­schen an den Ter­ror­an­schlag gewöh­nen. Sicher­heit ist dem­nach nicht ein­deu­tig defi­niert, son­dern erfor­dert einen gewis­sen Grad an Prä­zi­sion und ent­steht durch Aus­hand­lung. Jeder Mensch hat sein eige­nes Kon­zept von Nor­ma­li­tät, das durch seine indi­vi­du­elle Wahr­neh­mung von Unsi­cher­heit geprägt ist.

Das Fort­be­stehen der wahr­ge­nom­me­nen Bedro­hung

Es ist unbe­streit­bar, dass sich die­ser Trend fort­setzt. In den letz­ten Jah­ren war die Welt Zeuge zahl­rei­cher Bedro­hun­gen und Ereig­nisse glo­ba­len Aus­ma­ßes. Dies hat zu einer erhöh­ten Alarm­be­reit­schaft geführt. Im Laufe der Evo­lu­tion wur­den wir Men­schen so pro­gram­miert, dass wir bei unmit­tel­bar wahr­ge­nom­me­nen Bedro­hun­gen han­deln. Doch durch den per­ma­nen­ten Zustand der Alarm­be­reit­schaft ohne abseh­ba­res Ende erle­ben wir eine kol­lek­tive Form chro­ni­scher Angst.

Obwohl die Welt gemes­sen an eini­gen Indi­ka­to­ren sta­tis­tisch gese­hen nicht gefähr­li­cher gewor­den ist und der glo­bale Trend zu Gewalt und Pan­de­mien im Ver­gleich zu ande­ren Zeit­räu­men sogar rück­läu­fig ist, erle­ben wir eine kol­lek­tive Form chro­ni­scher Angst. Unsere Risi­ko­wahr­neh­mung hat sich jedoch stark erhöht, sodass sich jeder Ein­zelne einer all­ge­gen­wär­ti­gen, per­sön­lich erleb­ten Gefahr aus­ge­setzt fühlt.

Die stän­dige Alarm­be­reit­schaft ist unter ande­rem eine Folge der Wech­sel­wir­kun­gen zwi­schen glo­ba­len Gefah­ren, poli­ti­scher Kom­mu­ni­ka­tion und Medien. Füh­len sich die Men­schen noch sicher? Mög­li­cher­weise müs­sen wir unsere Risi­ko­wahr­neh­mung ver­än­dern, statt Risi­ken zu eli­mi­nie­ren. Wenn wir ver­ste­hen, wie gesell­schaft­li­che Struk­tu­ren, unsere Kom­mu­ni­ka­tion und die Art und Weise, wie unsere Regie­rung Angst schürt, mit­ein­an­der inter­agie­ren, kön­nen wir das Gleich­ge­wicht wie­der­erlan­gen. In der moder­nen Welt ist es mög­li­cher­weise wich­ti­ger, dem Leben Sinn zu geben, als Risi­ken zu eli­mi­nie­ren, selbst wenn man in einem Zustand des Risi­kos lebt.

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