Das lange Zeit­al­ter des Ver­ges­sens

Stelle dir vor, du wärst der Dru­cker, der die Buch­sta­ben für René Des­car­tes’ „Medi­ta­tio­nen“ setzt – ein Buch, das eine Revo­lu­tion des Den­kens ein­lei­ten und die Gewiss­hei­ten ver­gan­ge­ner Jahr­tau­sende infrage stel­len wird. Hät­test du eine Ahnung davon, dass sich die Welt im Begriff ist, sich zu wan­deln? Oder hät­test du, wie andere auch, ein­fach ein wach­sen­des Gefühl des „Unbe­ha­gens“ ver­spürt? Was läge vor dir? Eine Welt, in der die Wis­sen­schaft über den vor­herr­schen­den Aber­glau­ben tri­um­phiert. Eine Welt, in der das „gött­li­che Recht der Könige” durch die Idee infrage gestellt wird, dass es bes­ser ist, Bür­ger als Unter­tan zu sein. Eine Welt, in der geschützte Volks­wirt­schaf­ten zuneh­mend für den Han­del geöff­net wer­den. Eine Welt vol­ler Zwei­fel.

Wir ste­hen erneut an einem Schei­de­weg. Die gefes­tigte, regel­ba­sierte inter­na­tio­nale Ord­nung ist erneut bedroht. Was für eine Gene­ra­tion noch undenk­bar war, ist nun Rea­li­tät: In Europa und im Iran herrscht Krieg. Die Dyna­mik der Glo­ba­li­sie­rung ist rück­läu­fig. Der Fort­schritt in Wis­sen­schaft und Tech­nik steht kurz davor, die Lebens­be­din­gun­gen der Men­schen ent­we­der zu ver­bes­sern oder zu ver­schlech­tern.

Gerade in einer Zeit, in der wir uns von öffent­li­chen und pri­va­ten Insti­tu­tio­nen Ori­en­tie­rung und Zuver­sicht für eine unge­wisse Zukunft erhof­fen, sind sie geschwächt – in man­chen Fäl­len sogar völ­lig zer­rüt­tet. Was hat die­sen dras­ti­schen Ver­trau­ens­ver­lust ver­ur­sacht? Und wie lässt sich dem abhel­fen?

Die Grund­la­gen des Ver­trau­ens

Der Auf­bau und die Auf­recht­erhal­tung von Ver­trauen hän­gen davon ab, dass zwei Vor­aus­set­zun­gen dau­er­haft erfüllt sind.

  • Ein­zel­per­so­nen und Orga­ni­sa­tio­nen müs­sen öffent­lich dar­le­gen, nach wel­chen Grund­sät­zen sie in der Welt han­deln wer­den. Das heißt, sie müs­sen die Bewer­tungs­maß­stäbe klar benen­nen, an denen ihr Ver­hal­ten gemes­sen wer­den soll.

Der deut­lichste Aus­druck sol­cher Stan­dards fin­det sich in den For­mu­lie­run­gen der Grund­werte und Leit­prin­zi­pien, wie sie bei­spiels­weise im Grund­ge­setz zu fin­den sind. Sind diese ein­mal fest­ge­legt, bie­ten sie einen ver­läss­li­chen Anhalts­punkt für Ent­schei­dun­gen hin­sicht­lich der ange­streb­ten Ziele und der Mit­tel, die zu deren Errei­chung ein­ge­setzt wer­den.

  • Ver­trauen wird ent­we­der auf­ge­baut oder unter­gra­ben – je nach­dem, inwie­weit das, wofür sich eine Per­son oder Orga­ni­sa­tion ein­setzt, mit ihrem tat­säch­li­chen Han­deln über­ein­stimmt.

Eine enge Über­ein­stim­mung schafft Ver­trauen. Unei­nig­keit hin­ge­gen wird als Heu­che­lei emp­fun­den und führt zu anhal­ten­der Skep­sis – und letzt­lich zu Zynis­mus. Letz­te­rer wirkt wie eine Säure, die die Bin­dun­gen jeder mensch­li­chen Gemein­schaft zer­frisst. Wenn diese Bin­dun­gen zer­fal­len, wer­den gemein­same Ziele zuguns­ten der Vor­lie­ben des Ein­zel­nen oder klei­ner Grup­pen zurück­ge­stellt. Die Gemein­schaft wird schwä­cher und ist weit­aus anfäl­li­ger für Kor­rup­tion in all ihren For­men.

In den letz­ten Jah­ren wurde das spek­ta­ku­lärste Bei­spiel für diese Dis­kre­panz und ihre Aus­wir­kun­gen durch die Reak­tion einer Reihe christ­li­cher Kir­chen auf den sexu­el­len Miss­brauch von Kin­dern und ande­ren schutz­be­dürf­ti­gen Men­schen durch Geist­li­che und andere Per­so­nen ver­deut­licht. Mir ist bewusst, dass es viele andere pas­sende Bei­spiele gibt, doch der Fall der genann­ten Kir­chen ist beson­ders auf­schluss­reich. Seit über 2000 Jah­ren pre­di­gen diese Kir­chen, dass „Liebe wich­ti­ger ist als das Gesetz“, „Men­schen wich­ti­ger sind als Eigen­tum“ und dass „man für die Wahr­heit ein­ste­hen und ihr ins Auge sehen sollte“. Doch wie reagier­ten diese Kir­chen, als sie mit Bewei­sen für Miss­brauch kon­fron­tiert wur­den?

Mit eini­gen wich­ti­gen Aus­nah­men ent­schie­den sich zu viele für „das Gesetz vor der Liebe“, „Besitz vor Men­schen“ und dafür, den eige­nen Rücken vor Skan­da­len zu schüt­zen, anstatt sich der Wahr­heit zu stel­len. Der Miss­brauch hat den Opfern und Über­le­ben­den schreck­li­chen Scha­den zuge­fügt, doch die ver­kehrte Reak­tion hat die Lage für die grö­ßere Gruppe der Gläu­bi­gen noch viel schlim­mer gemacht. Wenn Kir­chen­füh­rer nicht an das glau­ben, was sie pre­di­gen, und es auch nicht umset­zen, warum sollte dann irgend­je­mand ande­res Ver­trauen in das haben, was ver­kün­det wird?

Dies ist der Kern des­sen, warum Inte­gri­tät in ihren bei­den Haupt­for­men so hoch geschätzt wird. Die erste davon kommt in der bekann­ten Aus­sage zum Aus­druck: „Ich bin der, für den ich mich halte. Ich werde tun, was ich ver­spre­che.“ Es gibt jedoch noch eine zweite Bedeu­tung von Inte­gri­tät, die am ehes­ten durch den Begriff der kör­per­li­chen Unver­sehrt­heit erfasst wird. Dabei steht jeder Teil in einer gesun­den Bezie­hung zum Gan­zen.

Diese zweite Bedeu­tung von Inte­gri­tät wurde bereits vor über drei­ßig Jah­ren von dem bekann­ten aus­tra­li­schen Sozi­al­for­scher und Autor Hugh Mackay erkannt. Bei der Unter­su­chung des The­mas Ver­trauen berich­tete Mackay, dass sich die Men­schen nicht mehr auf ihre unmit­tel­bare Erfah­rung als aus­rei­chen­den Hin­weis dar­auf ver­lie­ßen, wem (oder was) sie ver­trauen soll­ten. Diese Infor­ma­tio­nen waren not­wen­dig, aber nicht aus­rei­chend. Dar­über hin­aus leg­ten die Men­schen Wert dar­auf, wie andere behan­delt wur­den, das heißt, die ver­tre­te­nen Grund­werte und Prin­zi­pien muss­ten kon­se­quent auf das gesamte Spek­trum der Bezie­hun­gen ange­wen­det wer­den. Eine selek­tive Anwen­dung wurde als Heu­che­lei und als Ver­such ver­stan­den, Ver­trauen durch Mani­pu­la­tion statt durch Inte­gri­tät auf­zu­bauen.

Nun gehen man­che Men­schen davon aus, dass Fälle von ethi­schem Ver­sa­gen, die zu einem Ver­trau­ens­ver­lust füh­ren, größ­ten­teils Aus­druck bewuss­ter Heu­che­lei sind, die in Las­tern wie Gier, Arro­ganz und Gleich­gül­tig­keit ver­wur­zelt ist. Allzu oft wird ange­nom­men, dass hin­ter jeder „schlech­ten” Tat ein „schlech­ter” Mensch steckt. So nei­gen wir bei­spiels­weise dazu, die Füh­rungs­kräfte öffent­li­cher und pri­va­ter Insti­tu­tio­nen zu ver­teu­feln, da wir davon aus­ge­hen, dass sie absicht­lich Böses woll­ten. Zwar tra­gen sol­che Füh­rungs­kräfte letzt­end­lich die Ver­ant­wor­tung und müs­sen dafür zur Rechen­schaft gezo­gen wer­den – egal wie kom­plex ihr Umfeld ist –, doch ist es wahr­schein­li­cher, dass es sich bei den betrof­fe­nen Per­so­nen um „gute“ Men­schen han­delt, die „schlechte“ Ent­schei­dun­gen getrof­fen (oder ermög­licht) haben.

Mit ande­ren Wor­ten: Um den Groß­teil des Leids in der Welt zu erklä­ren, muss man nicht nach einem Böse­wicht mit schwar­zem Hut suchen. Wenn man die­je­ni­gen, die am unmit­tel­bars­ten in Fälle ethi­schen Ver­sa­gens ver­wi­ckelt waren, fragt, was sie zum Zeit­punkt ihres akti­ven Han­delns gedacht haben, lau­tet die häu­figste Ant­wort: „Ich weiß es nicht. Ich habe es damals ein­fach nicht gese­hen.“

Bei eini­gen Befrag­ten han­delt es sich hier­bei um eine unauf­rich­tige Ant­wort. Wenn sie es damals nicht „gese­hen“ haben, dann lag das ent­we­der an ihrer vor­sätz­li­chen Blind­heit oder daran, dass sie die Augen vor einem Ver­hal­ten ver­schlos­sen haben, von dem sie wuss­ten, dass es „falsch“ war – selbst nach ihren eige­nen Maß­stä­ben. Dies betrifft jedoch nur eine Min­der­heit der Men­schen. Weit­aus häu­fi­ger sind die­je­ni­gen, die auf die Frage, warum sie die Dinge damals nicht so gese­hen haben wie heute, ant­wor­ten: „Weil es doch alle so gemacht haben. So lief das damals eben.“

So scho­ckie­rend und unent­schuld­bar dies auch sein mag: Der Ver­trau­ens­ver­lust ist die Folge von Heu­che­lei, die weni­ger das Ergeb­nis sorg­fäl­ti­ger Über­le­gun­gen als viel­mehr völ­li­ger Gedan­ken­lo­sig­keit ist. Die­ses Phä­no­men ist nicht nur bei Ein­zel­per­so­nen zu beob­ach­ten. Es unter­gräbt auch die Grund­la­gen unse­rer Insti­tu­tio­nen. Die Welt ist in ihre der­zei­tige miss­li­che Lage gera­ten, weil sie die ursprüng­li­chen Ziele ver­ges­sen hat, für die diese Insti­tu­tio­nen geschaf­fen wur­den und auf­recht­erhal­ten wer­den.

Eine lange Zeit des Ver­ges­sens

Es ist leicht nach­voll­zieh­bar, wie grund­le­gende Ziele mit der Zeit in Ver­ges­sen­heit gera­ten kön­nen. Wie Werte und Prin­zi­pien sind sie die Bau­steine von Insti­tu­tio­nen. Wir kön­nen uns diese Insti­tu­tio­nen in Form gro­ßer Gebäude vor­stel­len: Kathe­dra­len, Par­la­mente, Uni­ver­si­tä­ten oder Büro­ge­bäude. Ihre Fun­da­mente lie­gen ver­bor­gen und gera­ten so aus dem Blick­feld. Statt­des­sen rich­tet sich das Inter­esse auf die ein­zel­nen hoch­ra­gen­den Bau­werke. Spä­ter üben die viel­schich­ti­gen Bedeu­tun­gen und Prak­ti­ken eine end­lose Fas­zi­na­tion aus. Sie glän­zen. Sie ver­zau­bern. Mit der Zeit zer­fal­len die Fun­da­mente schlicht­weg durch Ver­nach­läs­si­gung.

In ruhi­gen Zei­ten ste­hen diese groß­ar­ti­gen Gebäude hoch auf­ge­rich­tet da. Soll­ten jedoch die Kräfte des Wan­dels den Boden erschüt­tern – sei es auch nur ein wenig –, dann kön­nen die stol­zen Türme ein­stür­zen. Die­je­ni­gen, die im Zen­trum einer schei­tern­den Insti­tu­tion ste­hen, sind oft rat­los, wenn es darum geht, den Zusam­men­bruch zu erklä­ren. Doch fast immer liegt die Ursa­che darin, dass sie ihre grund­le­gen­den Ziele ver­ges­sen und dann unbe­wusst ver­ra­ten haben. Dadurch ver­lie­ren Insti­tu­tio­nen nach und nach das Ver­trauen der Gemein­schaft und sogar ihrer eige­nen Anhän­ger. Die Wahr­neh­mung von Heu­che­lei erzeugt Zynis­mus – jene Säure, die, wie zuvor beschrie­ben, die Bin­dun­gen der Gemein­schaft zer­frisst und letzt­end­lich die sozia­len Insti­tu­tio­nen zer­stört, auf denen sie beru­hen.

So haben die Insti­tu­tio­nen des „Mark­tes“ bei­spiels­weise kei­nen inne­ren Wert. Dazu gehö­ren Kon­strukte wie das Recht auf Grün­dung nicht-natür­li­cher, juris­ti­scher „Per­so­nen“, das Pri­vi­leg der „beschränk­ten Haf­tung“ für Aktio­näre und Eigen­tü­mer, glo­bale Han­dels­ab­kom­men, Ban­ken­sys­teme usw. Das ursprüng­li­che Ideal des Mark­tes spie­gelt sich jedoch in dem Bild zweier Men­schen wider, die sich an einer Fluss­kreu­zung begeg­nen. Der eine hat Wolle, der andere Wei­zen. Der eine ist hung­rig, der andere friert. Sie tau­schen frei, offen und ehr­lich zum Wohle bei­der. Der Markt hat kei­nen inne­ren Wert. Er ist ledig­lich ein Werk­zeug, um das Gemein­wohl zu meh­ren. Wenn er die­ses Ziel nicht erreicht, ver­fehlt er sei­nen eigent­li­chen Zweck.

Adam Smith erkannte, dass ein Markt nur dann als „frei“ bezeich­net wer­den kann, wenn er auf einem soli­den ethi­schen Fun­da­ment ruht. Die­ses Fun­da­ment ver­bie­tet Lügen, Betrug und skru­pel­lo­sen Macht­miss­brauch zum Nach­teil ande­rer. All diese Ver­hal­tens­wei­sen ver­zer­ren einen ansons­ten freien Markt. Wer den eigent­li­chen Zweck des Mark­tes aus den Augen ver­liert oder des­sen Grund­werte und Prin­zi­pien als bloße Neben­sa­che betrach­tet, sorgt dafür, dass das Ver­spre­chen des Mark­tes hohl klingt.

Als Reak­tion dar­auf wächst die Zahl der Men­schen, die den „Frei­han­del” ableh­nen, die Rolle der Ban­ken hin­ter­fra­gen und der Mei­nung sind, dass Unter­neh­men mehr neh­men als sie geben. Man­che könn­ten ver­sucht sein, diese Vor­würfe als naiv und ver­ein­fa­chend abzu­tun. Damit würde man jedoch die Tiefe der zugrunde lie­gen­den Gefühle, ins­be­son­dere der Angst, igno­rie­ren.

Die Men­schen befürch­ten, dass sie durch den Ein­satz von Robo­tern und Exper­ten­sys­te­men bald aus ihren Arbeits­plät­zen ver­drängt wer­den könn­ten. Sie spü­ren, dass tief­grei­fende gesell­schaft­li­che Ver­än­de­run­gen unmit­tel­bar bevor­ste­hen, die durch den demo­gra­fi­schen Wan­del, neue For­men der Inter­ak­tion und Ähn­li­ches vor­an­ge­trie­ben wer­den. Anstatt opti­mis­tisch auf die trans­for­ma­tive Kraft von Wis­sen­schaft und Tech­no­lo­gie zu bli­cken, nei­gen die Men­schen dazu, eine dys­to­pi­sche Zukunft zu erwar­ten. Dadurch lau­fen Inno­va­tio­nen, die sich als enor­mer Segen für die Mensch­heit erwei­sen könn­ten, Gefahr, blo­ckiert zu wer­den – ebenso wie sol­che, die bes­ser bei­sei­te­ge­las­sen wer­den soll­ten. Diese undif­fe­ren­zierte Ableh­nung droht auf Kos­ten aller zu gehen.

Der wie­der­ent­deckte Sinn und die Öko­lo­gie der Bedeu­tung

Wenn alles in Ver­ges­sen­heit gera­ten ist und Insti­tu­tio­nen unge­wollt ihre eige­nen Ziele ver­ra­ten, führt das doch unwei­ger­lich zu einem Abglei­ten in den Sumpf des Zynis­mus, oder nicht? Nein, sage ich, ein kla­res Nein.

Dies ist eine Zeit vol­ler außer­ge­wöhn­li­cher Chan­cen – wir müs­sen sie nur ergrei­fen. Zum ers­ten Mal seit Jahr­hun­der­ten, viel­leicht sogar seit Jahr­tau­sen­den, haben wir die Mög­lich­keit, die Grund­la­gen unse­rer Gesell­schaft neu zu über­den­ken. Wozu die­nen ein Par­la­ment, eine Uni­ver­si­tät, ein Berufs­stand, ein Markt, ein Unter­neh­men, eine Gewerk­schaft, eine poli­ti­sche Par­tei, eine Thea­ter­gruppe, ein Ethik­zen­trum oder ein öffent­lich-recht­li­cher Rund­funk­sen­der?

Selbst wenn wir nach reif­li­cher Über­le­gung zu den­sel­ben Ant­wor­ten gelan­gen wie die­je­ni­gen, die sich diese Fra­gen zuerst gestellt haben, wird es einen ent­schei­den­den Unter­schied geben: Die Ant­wor­ten wer­den unsere eige­nen sein. Sie wer­den mit neuem Leben erfüllt sein. Anstatt dass die tote Hand der Geschichte mit ihrem Erbe aus unre­flek­tier­ten Bräu­chen und Prak­ti­ken auf unse­ren Schul­tern las­tet, wer­den wir in der Lage sein, Insti­tu­tio­nen auf­zu­bauen und zu erhal­ten, die erneu­ert und leben­dig sind. Da ihre zugrunde lie­gen­den Ziele, Werte und Prin­zi­pien so weit wie­der­her­ge­stellt wur­den, dass sie das Erreichte aktiv unter­stüt­zen, wer­den unsere Insti­tu­tio­nen gegen Kor­rup­tion gewapp­net sein – sei sie nun vor­sätz­lich oder ander­wei­tig began­gen.

Dar­über hin­aus müs­sen unsere neu beleb­ten Insti­tu­tio­nen (öffent­li­che wie pri­vate) nicht in einer ein­heit­li­chen, bei­gen Mono­to­nie gestal­tet wer­den. Die moderne Welt ver­langt nach authen­ti­scher Dif­fe­ren­zie­rung. Die Her­aus­for­de­rung besteht nicht darin, mehr oder weni­ger wie jemand ande­res zu sein, son­dern dem eige­nen Cha­rak­ter treu zu blei­ben. In der Welt, in der wir leben, wird nicht mehr danach unter­schie­den, was Indi­vi­duen und Insti­tu­tio­nen tun, son­dern wofür sie ste­hen.

Dank moder­ner Tech­no­lo­gie ist es für jeden ein Leich­tes, die phy­si­schen und tech­ni­schen Merk­male ande­rer – nicht zuletzt die von Kon­kur­ren­ten um Res­sour­cen (wie auch immer diese defi­niert sein mögen) – zu erken­nen, zu kopie­ren und nach­zu­ah­men. Was sich jedoch nicht so leicht kopie­ren lässt, ist die Kul­tur einer Orga­ni­sa­tion, die ihrer­seits ein Pro­dukt der tie­fe­ren Struk­tur ist, die wie­derum durch Grund­werte und Prin­zi­pien bestimmt wird.

Es ist zu erwar­ten, dass sich eine neue Öko­lo­gie der Bedeu­tung her­aus­bil­det. In die­ser wer­den ver­schie­dene Arten von Orga­ni­sa­tio­nen ent­spre­chend ihres jewei­li­gen Leit­bilds eine eigene Nische defi­nie­ren und beset­zen. Diese wer­den wie­derum wich­tige Inter­es­sen­grup­pen anzie­hen, die eine all­ge­meine Sym­pa­thie für ihren Ansatz hegen. Wie in der Natur wer­den einige auf­grund der Qua­li­tät, des Cha­rak­ters und der Attrak­ti­vi­tät ihres Ange­bots flo­rie­ren, wäh­rend andere schei­tern wer­den, weil sie sich keine Nische sichern kön­nen, die andere mit ihnen tei­len möch­ten.

In allen Fäl­len, in denen es um Erfolg geht, liegt der Schlüs­sel dazu in einem Leben vol­ler Inte­gri­tät – in bei­den oben genann­ten Bedeu­tun­gen – sowie in dem dadurch ent­ste­hen­den Ver­trauen.

Die Rolle der Ethik in unsi­che­ren Zei­ten

Sokra­tes wurde der bei­den Ver­bre­chen der Gott­lo­sig­keit und der Ver­füh­rung der Jugend Athens ange­klagt und zum Tode ver­ur­teilt. Er lehnte es ab, ins Exil zu flie­hen und so sein Leben zu ret­ten. Statt­des­sen bestand er dar­auf, dass das Urteil voll­streckt werde, und ent­schied sich für einen exem­pla­ri­schen Tod durch das Trin­ken von Schier­ling.

Stelle dir nun vor, du hät­test am Abend vor sei­nem Tod bei Sokra­tes sit­zen kön­nen. Wie hätte er sein Leben bewer­tet, da er sein Schick­sal kannte? Sokra­tes konnte mit Sicher­heit nur eines wis­sen: dass er am nächs­ten Tag ster­ben würde. Soweit er wusste, beruhte sein Ein­fluss auf der Welt auf dem Schei­tern.

Das heißt, Sokra­tes konnte nicht wis­sen, dass er zu den ein­fluss­reichs­ten Per­sön­lich­kei­ten der Mensch­heits­ge­schichte gehö­ren würde. Er konnte nicht ahnen, dass sein Leben und sein Den­ken die Welt noch Tau­sende von Jah­ren nach sei­nem Tod prä­gen wür­den. Tat­säch­lich wurde Sokra­tes vom Ora­kel von Del­phi zum wei­ses­ten Mann Grie­chen­lands erklärt, weil er wusste, wie wenig er wusste.

Wir alle befin­den uns in der­sel­ben Lage wie Sokra­tes. Selbst in den bes­ten Zei­ten ist die Zukunft unge­wiss. Zwar mögen die Fol­gen unse­rer Ent­schei­dun­gen mit einer gewis­sen Wahr­schein­lich­keit ein­tre­ten, doch das ist etwas ande­res als „Gewiss­heit“. Da Sokra­tes keine Gewiss­heit haben konnte, konnte er die blei­ben­den Aus­wir­kun­gen sei­nes Lebens nicht ein­schät­zen. Er hätte keine andere Wahl gehabt, als dar­auf hin­zu­wei­sen, dass sein Leben nicht nach den Ergeb­nis­sen, son­dern nach der inne­ren Qua­li­tät der von ihm getrof­fe­nen Ent­schei­dun­gen beur­teilt wer­den sollte. Mit ande­ren Wor­ten: Er hätte argu­men­tiert, dass er ein „gutes“ Leben geführt habe – an und für sich.

Das ist die große Stärke der Ethik: Sie hilft uns, auch unter Bedin­gun­gen radi­ka­ler Unsi­cher­heit gute Ent­schei­dun­gen zu tref­fen. Eines der Instru­mente, die sie uns dafür an die Hand gibt, betrifft die Telos (Ziele oder Zwe­cke), für die wir han­deln. Der Zweck eines Mes­sers ist es bei­spiels­weise, zu schnei­den. Dar­aus folgt, dass ein „gutes“ Mes­ser eines ist, das gut schnei­den kann. Diese Vor­stel­lung beinhal­tet, dass ein „gutes“ Mes­ser eine scharfe Klinge und einen Griff haben wird, der gut in der Hand liegt. Ein sol­ches Mes­ser wird jedoch nicht auf­grund eines erziel­ten Ergeb­nis­ses als „gut“ ange­se­hen, denn es kann bei­spiels­weise sein, dass es noch nie zum Schnei­den ver­wen­det wurde. Den­noch reicht es aus, dass es für sei­nen Zweck geeig­net ist.

Dies führt uns zurück zur Frage, wie wir dem lan­gen Zeit­al­ter des Ver­ges­sens Abhilfe schaf­fen kön­nen, indem wir den Zweck unse­rer öffent­li­chen und pri­va­ten Insti­tu­tio­nen wie­der ins Gedächt­nis rufen. Es geht auch um das Ver­trauen, das auf einer Art von Inte­gri­tät beruht, die nur mög­lich ist, wenn man über ein „mora­li­sches Leben“ hin­aus­geht, in dem blinde Gewohn­heit herr­schen kann – selbst bei den schein­bar Tugend­haf­ten –, um statt­des­sen ein „ethi­sches Leben“ zu füh­ren. Die­ses „geprüfte Leben“ eines reflek­tier­ten Prak­ti­kers wurde von Sokra­tes defi­niert.

Die Fak­ten spre­chen eine klare Spra­che. Ein gestärk­tes Ver­trauen in der Gesell­schaft führt zu einem stär­ke­ren sozia­len Zusam­men­halt – einer Form defen­si­ver „Soft Power“, die die Bestre­bun­gen von Per­so­nen und Grup­pen, die die Gesell­schaft spal­ten und beherr­schen wol­len, neu­tra­li­sie­ren kann. Zudem wird ein för­der­li­ches wirt­schaft­li­ches Umfeld geschaf­fen, in dem Refor­men aller Art (auch im Ener­gie­sek­tor) mög­lich wer­den, da die Gemein­schaft an einen Trans­for­ma­ti­ons- und Über­gangs­pro­zess glaubt, der im Kern sowohl gerecht als auch geord­net ist.

Des­halb ist Ethik so wich­tig. Sie ist das beste Mit­tel der Mensch­heit, um kata­stro­phale Fehl­ent­schei­dun­gen und die dar­aus ent­ste­hen­den Alb­traum­wel­ten zu ver­mei­den. Opti­mis­ti­scher betrach­tet ver­setzt uns die Ethik in die Lage, bril­lante Ent­schei­dun­gen zu tref­fen und die sich dar­aus erge­ben­den wun­der­ba­ren Mög­lich­kei­ten zu nut­zen.

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