Acht Gründe, warum Men­schen sich wei­gern, ins Bett zu gehen

Das ken­nen wir alle: Es ist spät, wir soll­ten eigent­lich zur Ruhe kom­men, aber irgend­wie scrol­len wir doch wie­der durch unsere Han­dys, schauen noch eine Folge unse­rer Lieb­lings­se­rie, erle­di­gen letzte Arbei­ten oder las­sen uns von ande­ren Din­gen ablen­ken. Der Wunsch nach mehr Zeit für sich selbst oder der Druck, noch ein paar Minu­ten für die Arbeit zu nut­zen, führt oft zu Schlaf­pro­kras­ti­na­tion, also dem bewuss­ten Hin­aus­zö­gern des Schlafs, obwohl einem die nega­ti­ven Fol­gen bekannt sind. Diese Art, das Zubett­ge­hen hin­aus­zu­zö­gern, wird auch „Revenge Bedtime Pro­cras­ti­na­tion” genannt, was so viel wie „Zubet­tauf­schub aus Rache” bedeu­tet.

Wir nei­gen dazu, die­ses Ver­hal­ten auf man­gelnde Selbst­dis­zi­plin zurück­zu­füh­ren, und das Wort „Rache“ sug­ge­riert einen Akt des Trot­zes. Doch es spie­len tie­fer­lie­gende Fak­to­ren eine Rolle, die in den Berei­chen Kogni­tion, Ver­hal­ten, Bio­lo­gie, Psy­cho­lo­gie, Sozio­lo­gie und Gene­tik ver­wur­zelt sind. Sie alle prä­gen gemein­sam unsere Nei­gung, gegen unse­ren natür­li­chen Schlaf­rhyth­mus zu rebel­lie­ren.

Was sind die Ursa­chen für das Auf­schie­ben des Schlafs?

Die Ten­denz, den Schlaf auf­zu­schie­ben, wird häu­fig durch die fol­gen­den Fak­to­ren ver­stärkt:

  • Der Wunsch nach Auto­no­mie. Unser Leben wird oft von äuße­ren Ver­pflich­tun­gen wie Arbeit, Fami­lie und sozia­len Kon­tak­ten bestimmt. Das kann zu dem unbe­wuss­ten Wunsch füh­ren, die Kon­trolle über die eigene Zeit zurück­zu­ge­win­nen. Das erzeugt ein Gefühl der Wahl­frei­heit und eine Abnei­gung gegen den nächs­ten Tag. Die Zeit, die wir mit Auf­schie­ben ver­brin­gen, kann einen Moment der Rebel­lion gegen die Belas­tun­gen des Tages dar­stel­len.
  • Das Stre­ben nach kurz­fris­ti­gem Gewinn. Kurz­fris­ti­ger Gewinn wird lang­fris­ti­gem Ver­lust vor­ge­zo­gen. Ein wei­te­rer wich­ti­ger psy­cho­lo­gi­scher Mecha­nis­mus, der zum Auf­schie­ben von Schlaf bei­trägt, ist die Beloh­nungs­auf­schie­bung, also die Bevor­zu­gung unmit­tel­ba­rer, gerin­ge­rer Beloh­nun­gen gegen­über ver­zö­ger­ten, grö­ße­ren Gewin­nen. Es han­delt sich um eine Form kogni­ti­ver Impul­si­vi­tät, die uns davon abhält, der Ver­su­chung zu wider­ste­hen, lange wach zu blei­ben – sei es für Arbeit oder Frei­zeit –, um den lang­fris­ti­gen Vor­teil von gutem Schlaf und Gesund­heit zu genie­ßen. Dies spie­gelt wider, dass zukünf­tige Ereig­nisse kei­nen Ein­fluss auf gegen­wär­tige Ent­schei­dun­gen haben. Hät­ten wir die Wahl, wür­den die meis­ten von uns eine unmit­tel­bare und grö­ßere Beloh­nung bevor­zu­gen. Doch Ent­schei­dun­gen sind weni­ger ein­fach – und wohl auch inter­es­san­ter –, wenn ein Span­nungs­ver­hält­nis besteht.
  • Gefan­gen im Para­do­xon der Schlaf­auf­schie­be­ri­tis. Das Auf­schie­ben des Zubett­ge­hens tritt aus­ge­rech­net zu einer Tages­zeit auf, zu der unsere Selbst­re­gu­la­ti­ons­res­sour­cen ohne­hin gering sind. Schlaf­man­gel kann die Selbst­re­gu­la­ti­ons­fä­hig­keit beein­träch­ti­gen, die not­wen­dig ist, um dem Drang, die Schla­fens­zeit zu über­schrei­ten, zu wider­ste­hen. In die­sem Zusam­men­hang wird die anfäng­li­che Ent­schei­dung, den Schlaf hin­aus­zu­zö­gern, zu einem sich selbst ver­stär­ken­den Pro­blem: Ohne aus­rei­chende Erho­lung wer­den wir impul­si­ver, was die Wahr­schein­lich­keit erhöht, dass wir erneut auf Schlaf ver­zich­ten. Dies wie­derum schwächt unsere kogni­ti­ven Res­sour­cen und unsere Wil­lens­kraft – und der Kreis­lauf setzt sich fort.
  • Müde – und doch hell­wach. Stress spielt eine ent­schei­dende Rolle dabei, den Schlaf auf­zu­schie­ben, da er die kogni­ti­ven Funk­tio­nen beein­träch­tigt. Anstatt abends ent­spannt zu sein, füh­len wir uns oft geis­tig über­reizt, was das Abschal­ten erschwert. Stress wirkt sich bekann­ter­ma­ßen nega­tiv auf den Schlaf aus, indem er ins­be­son­dere das Ein­schla­fen und den Ein­tritt in die erhol­sa­men Schlaf­pha­sen ver­zö­gert. Der Wunsch, Stress zu ver­mei­den, kann eben­falls dazu füh­ren, dass Men­schen den Schlaf hin­aus­zö­gern – vor allem, wenn sie mit Gedan­ken an uner­le­digte Auf­ga­ben oder bevor­ste­hende Her­aus­for­de­run­gen beschäf­tigt sind. Die­ses stän­dige Grü­beln führt oft dazu, dass Betrof­fene ihre Schla­fens­zeit immer wei­ter hin­aus­zö­gern, um den Ängs­ten des Tages zu ent­flie­hen.
  • Das Dopa­min-Dilemma. Das Beloh­nungs­sys­tem des Gehirns spielt eine wich­tige Rolle dabei, den Schlaf auf­zu­schie­ben. Das ven­trale Stria­tum, ein Schlüs­sel­be­reich der Beloh­nungs­ver­ar­bei­tung, wird akti­viert, wenn Men­schen Akti­vi­tä­ten nach­ge­hen, die unmit­tel­bare Befrie­di­gung bie­ten, wie bei­spiels­weise Fern­se­hen, Com­pu­ter­spiele oder das Scrol­len durch soziale Medien. Diese Akti­vi­tä­ten lösen die Aus­schüt­tung von Dopa­min aus, ver­stär­ken das Ver­hal­ten und ver­lei­ten uns zum Wach­blei­ben. Diese dopa­min­ge­trie­bene Moti­va­tion über­wiegt oft die Vor­teile eines erhol­sa­men Schlafs in der Zukunft.
  • Der zir­ka­diane Rhyth­mus gerät aus dem Takt. Unser Kör­per folgt einem zir­ka­dia­nen Rhyth­mus, einer inne­ren Uhr, die unse­ren Schlaf-Wach-Rhyth­mus regu­liert. Der Zeit­punkt die­ses Zyklus wird von äuße­ren Rei­zen wie Licht und Dun­kel­heit sowie von sozia­len Fak­to­ren beein­flusst. Stö­run­gen die­ses natür­li­chen Rhyth­mus kön­nen zu einer inne­ren Fehl­aus­rich­tung füh­ren, die den Drang ver­stärkt, das Zubett­ge­hen hin­aus­zu­zö­gern. Ein Haupt­grund dafür ist das blaue Licht elek­tro­ni­scher Geräte. Es hemmt die Pro­duk­tion von Mela­to­nin, dem Hor­mon, das die Schlaf­be­reit­schaft signa­li­siert, und ver­län­gert somit die Wach­phase des zir­ka­dia­nen Zyklus.
  • Der Wen­de­punkt. Im Laufe des Tages rei­chert sich der Neu­ro­trans­mit­ter Ade­no­sin im Kör­per an und signa­li­siert dem Gehirn, dass es Zeit zum Schla­fen ist. Die­ser täg­li­che Pro­zess des Druck­auf­baus und ‑abbaus wie­der­holt sich zyklisch durch unser gan­zes Leben. Der vor­herr­schende Anreiz, wach zu blei­ben, kann die­ses bio­lo­gi­sche Signal jedoch über­la­gern. Ent­zie­hen wir uns dem Schlaf, baut sich Druck auf und der Kör­per „zahlt den Preis”, indem er nach dem Ein­schla­fen einen tie­fen, erhol­sa­men Schlaf sucht. Die­ser Pro­zess kann den Schlaf­ver­lust und die kumu­la­ti­ven nega­ti­ven Aus­wir­kun­gen des Schlaf­man­gels auf die Gesund­heit jedoch nicht aus­glei­chen.
  • Früh­auf­ste­her und Nacht­eu­len. Unser Chro­no­typ beein­flusst, wie schnell wir im Laufe des Tages Schlaf­druck auf­bauen und wie stark wir unser Schlaf­de­fi­zit erle­ben. Früh­auf­ste­her bauen tags­über rasch Schlaf­druck auf, was abends zu einem stär­ke­ren Schlaf­be­dürf­nis führt. Nacht­eu­len hin­ge­gen bauen die­sen Druck lang­sa­mer auf und sind abends beson­ders wach. Bei ihnen stellt sich das Schlaf­be­dürf­nis spä­ter ein und sie haben Schwie­rig­kei­ten, früh auf­zu­wa­chen. In die­sem Fall wird die Pro­kras­ti­na­tion durch eine bio­lo­gi­sche Dis­kre­panz der Wach­pha­sen ver­stärkt, die den natür­li­chen Schlaf­prä­fe­ren­zen von Mor­gen­men­schen wider­spricht – ein Phä­no­men, das als „sozia­ler Jet­lag“ bekannt ist.

Wie man die Auf­schie­be­ri­tis beim Ein­schla­fen über­win­det

Auch wenn es im Moment befrie­di­gend erscheint, lange auf­zu­blei­ben, sind die lang­fris­ti­gen Fol­gen erheb­lich. Was kann man also tun?

  • Führe eine digi­tale Sperr­stunde ein. Begrenze die Bild­schirm­zeit und halte dabei min­des­tens eine Stunde Abstand zum Schla­fen­ge­hen ein.
  • Ent­wickle ein ent­span­nen­des Abend­ri­tual. Gehe beru­hi­gen­den Akti­vi­tä­ten nach, um dei­nem Kör­per zu signa­li­sie­ren, dass es Zeit zum Schla­fen ist.
  • Achte auf eine gute Schlaf­hy­giene. Das Schlaf­zim­mer sollte kühl, dun­kel, ruhig und arbeits­frei sein.
  • Setze klare Gren­zen zwi­schen Arbeit und Frei­zeit. Feste Arbeits­zei­ten hel­fen dabei.
  • Nutze Schlaf­tra­cker mit Bedacht. Ver­trauen nicht blind den Schlaf­da­ten, son­dern den natür­li­chen Rhyth­men dei­nes Kör­pers.
  • Achte auf den rich­ti­gen Zeit­punkt für den Kon­sum. Ver­meide Kof­fein und schwere Mahl­zei­ten min­des­tens sechs Stun­den vor dem Schla­fen­ge­hen.
  • Beschränke die Nut­zung sozia­ler Medien. Um der FOMO-Falle zu ent­ge­hen, soll­test du die Nut­zung sozia­ler Medien auf bestimmte Tages­zei­ten, am bes­ten auf die frü­hen Nach­mit­tags­stun­den, beschrän­ken.
  • Übe gutes Zeit­ma­nage­ment. Ver­teile deine Auf­ga­ben bes­ser über den Tag, um nächt­li­chen Stress zu ver­mei­den.
  • Sorge für einen regel­mä­ßi­gen Schlaf­rhyth­mus. Halte dich sie­ben Tage die Woche an die glei­chen Schlaf- und Wach­zei­ten.
  • Passe deine Schla­fens­zeit an. Ver­su­che jeden Abend 15 Minu­ten frü­her ins Bett zu gehen, bis du deine ideale Schla­fens­zeit erreicht hast.

Sei nach­sich­tig mit dir selbst, wenn nicht alles wie geplant klappt. Es ist ganz nor­mal, dass es einige Wochen dau­ert, bis man sich an neue Gewohn­hei­ten und einen neuen Schlaf­rhyth­mus gewöhnt hat. Mach ein­fach wei­ter!

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