Wie ent­schei­det dein Gehirn, ob es den unbe­kann­ten Weg oder die alt­be­kannte Route wählt?

Wann hast du das letzte Mal bewusst auf dei­nen Arbeits­weg geach­tet? Damit meine ich nicht das Auto, das ein paar Meter vor dir ohne Blin­ker auf deine Spur wech­selt. Ich meine, dass du die Stre­cke, die du fährst, wirk­lich bewusst wahr­ge­nom­men hast.

Hast du die Wahr­zei­chen in der Ferne gese­hen, die die Sky­line der Stadt prä­gen? Bist du direkt an dem Super­markt vor­bei­ge­fah­ren, bei dem du ver­spro­chen hat­test, anzu­hal­ten? Ein Pro­blem, das wohl jedem schon ein­mal pas­siert ist. „Ups! Alte Gewohn­heit“, sagst du dir viel­leicht, wäh­rend du die Abzwei­gung ver­passt und dar­über nach­denkst, wo und wann du wen­den kannst.

Sich auf Ver­traut­heit zu ver­las­sen, kann die Ori­en­tie­rung im All­tag erleich­tern – oder erschwe­ren. Doch was pas­siert, wenn die kogni­ti­ven Mecha­nis­men, die für die Wahl des bes­ten Heim­wegs zustän­dig sind, nach­las­sen, etwa in Stress­si­tua­tio­nen oder im Alter?

Men­schen sind Gewohn­heits­tiere – zumin­dest reden sie sich das ein, wenn sie zögern, etwas Neues aus­zu­pro­bie­ren. Aber was wäre, wenn ein neuer Weg schnel­ler oder siche­rer wäre als der gewohnte? Wür­dest du ihn aus­pro­bie­ren? For­schungs­er­geb­nisse deu­ten dar­auf hin, dass Men­schen bei die­ser Ent­schei­dung zwi­schen Neu­gier und Gewohn­heit abwä­gen, also zwi­schen dem Aus­pro­bie­ren von Neuem und dem Fest­hal­ten am Ver­trau­ten. Wel­che Navi­ga­ti­ons­stra­te­gie jemand wählt, hängt nicht nur von sei­nen räum­li­chen Fähig­kei­ten, son­dern auch von dem Netz­werk der Gehirn­re­gio­nen ab, die die Ori­en­tie­rung unter­stüt­zen.

Ein räum­li­cher Ent­wurf

Unter räum­li­cher Ori­en­tie­rung ver­steht man die kogni­tive Fähig­keit, die es einem ermög­licht, sich von einem Ort zum ande­ren zu bewe­gen. Das mag ein­fach klin­gen, erfor­dert jedoch den Ein­satz ver­schie­de­ner kogni­ti­ver Funk­tio­nen: Gedächt­nis, Auf­merk­sam­keit, Ent­schei­dungs­fin­dung, die Ein­schät­zung poten­zi­el­ler Beloh­nun­gen und nicht zuletzt die Fähig­keit, die Umge­bung selbst wahr­zu­neh­men.

Man könnte sich bei­spiels­weise an eine epi­so­dische Erin­ne­rung an ein bestimm­tes Ereig­nis zurück­er­in­nern, wie etwa an den Umweg, den man vor einer Woche genom­men hat, um ein Paket bei der Post abzu­ge­ben. Dabei könnte man sich auch an die Ver­kehrs- und Wet­ter­lage an die­sem Tag erin­nern.

Viel­leicht rufst du auch eine seman­ti­sche Erin­ne­rung ab, die eher sach­lich und wis­sens­ba­siert ist. Du erin­nerst dich bei­spiels­weise daran, wie viele Häu­ser­blocks die Post vom Park ent­fernt ist und wel­che Abzwei­gun­gen du neh­men musst, um dort­hin zu gelan­gen.

Diese Arten von Erin­ne­run­gen bil­den zusam­men dein räum­li­ches Gedächt­nis. Es ermög­licht dir, Orts­an­ga­ben abzu­ru­fen. Dabei kann es sich bei­spiels­weise um die Lage von Gebäu­den zuein­an­der oder die Posi­tion von Gegen­stän­den in dei­nem Zuhause han­deln. Räum­li­che Erin­ne­run­gen tra­gen zur Bil­dung dei­ner kogni­ti­ven Karte bei. Diese ist für die Ori­en­tie­rung in der Welt uner­läss­lich.

Oft wir­ken diese ver­schie­de­nen Arten des Erin­nerns zusam­men und man kann das eine Gedächt­nis nut­zen, um das andere zu beein­flus­sen. Du hast dich bei­spiels­weise an dei­nen Arbeits­weg gewöhnt und weißt, dass er rela­tiv kurz ist (seman­ti­sches Gedächt­nis). In den letz­ten drei Tagen bist du jedoch wegen des star­ken Ver­kehrs zu spät gekom­men (epi­so­di­sches Gedächt­nis). Des­halb ent­schei­dest du dich, das nächste Mal eine andere Route zu neh­men.

Unter­su­chun­gen haben gezeigt, dass es im Gehirn zu Mei­nungs­ver­schie­den­hei­ten über mög­li­che Vor­ge­hens­wei­sen kom­men kann. Ver­schie­dene Arten des Gedächt­nis­ses kön­nen unter­schied­li­che Lösungs­vor­schläge unter­brei­ten, wel­chen Weg man ein­schla­gen könnte. Die­ser Kon­flikt spielt eine große Rolle dabei, wie stark das Gehirn bei der Ori­en­tie­rung in einer Umge­bung bean­sprucht wird.

Auf neue und ver­traute Erin­ne­run­gen reagie­ren

Gewohn­hei­ten ent­ste­hen durch soge­nannte Reiz-Reak­ti­ons-Erin­ne­run­gen. Dazu gehört auch die auto­ma­ti­sche Reak­tion auf bekannte Ori­en­tie­rungs­punkte: Wenn man diese Orte wahr­nimmt, signa­li­siert das Gehirn, dass man auf dem Weg zur Arbeit abbie­gen muss – ohne dass man bewusst dar­über nach­den­ken muss.

Gewohn­hei­ten sind zwar fest­ge­fah­ren, kön­nen aber auch von Vor­teil sein. Indem sie dir die Ori­en­tie­rung abneh­men, geben sie dei­nem Gehirn die Frei­heit, sich auf andere Dinge zu kon­zen­trie­ren, bei­spiels­weise auf ein Gespräch oder die Über­le­gung, was du zu Abend essen möch­test, wenn du nach Hause kommst.

Wenn man sich auf weni­ger ver­trau­ten Wegen oder in unbe­kann­ten Umge­bun­gen bewegt, in denen Gewohn­hei­ten nicht auto­ma­tisch zum Tra­gen kom­men, dann stützt man sich auf Gehirn­re­gio­nen wie den Hip­po­cam­pus. So kann man sich detail­lierte Erin­ne­run­gen an jüngste Erleb­nisse abru­fen und sich den Weg bah­nen.

Stell dir vor, du bist in einem neuen Super­markt ein­kau­fen. Die meis­ten Dinge ste­hen dort, wo du sie erwar­test, obwohl du noch nie zuvor in die­sem Laden warst. Was pas­siert in dei­nem Gehirn, wenn es sowohl etwas Neues als auch etwas Ver­trau­tes wahr­nimmt?

Unter­su­chun­gen haben gezeigt, dass die prä­fron­ta­len Regio­nen des Gehirns, die für exe­ku­tive Funk­tio­nen wie die Ent­schei­dungs­fin­dung zustän­dig sind, akti­ver wer­den, wenn etwas in einer Umge­bung ver­traut ist und mit den eige­nen bis­he­ri­gen Erfah­run­gen über­ein­stimmt. Sie kön­nen die Fähig­keit des Hip­po­cam­pus, neue Erin­ne­run­gen an bestimmte Ereig­nisse zu bil­den, umge­hen oder sogar hem­men.

Mit ande­ren Wor­ten: Dein Gehirn kann Infor­ma­tio­nen über eine neue Erfah­rung in deine bestehende Wis­sens­da­ten­bank inte­grie­ren, anstatt sie als völ­lig neue Infor­ma­tio­nen zu spei­chern, die kaum einen Bezug zur Ver­gan­gen­heit haben. Die­ser Pro­zess trägt dazu bei, dass du neue Erfah­run­gen schnel­ler ver­stehst.

Aktua­li­sie­rung kogni­ti­ver Land­kar­ten

Einige For­schungs­er­geb­nisse legen nahe, dass kogni­tive Kar­ten der Umge­bung vom Hip­po­cam­pus und des­sen Daten­bank mit Erin­ne­run­gen an spe­zi­fi­sche Ereig­nisse abhän­gig sind. Andere Stu­dien zei­gen jedoch, dass diese Kar­ten auch als Schema fun­gie­ren kön­nen, also als eine Samm­lung von Erin­ne­run­gen, die aus Asso­zia­tio­nen zwi­schen Details der Umge­bung bestehen. Die­sen Samm­lun­gen kön­nen neue Infor­ma­tio­nen hin­zu­ge­fügt wer­den, die dann dazu genutzt wer­den kön­nen, auf neue Zusam­men­hänge zu schlie­ßen.

Neh­men wir an, zwi­schen dem Park und der Post wird eine neue Fuß­gän­ger­brü­cke gebaut. Dann fällt es dei­nem Gehirn leich­ter, diese neue Rou­ten­in­for­ma­tion in deine bestehen­den Erin­ne­run­gen ein­zu­flech­ten, als eine neue Umge­bung völ­lig neu zu erler­nen. Wenn du hin­ge­gen gerade erst in eine neue Stadt gezo­gen bist und nur wenig über deren räum­li­che Struk­tur weißt, ver­lässt du dich mög­li­cher­weise auf deine frü­he­ren Erfah­run­gen mit Städ­ten, um abzu­lei­ten, wo sich etwas befin­det.

Mit­hilfe von Neu­ro­ima­ging-Tech­ni­ken und Vir­tual-Rea­lity-Pro­gram­men, die dar­auf aus­ge­legt sind, die Fähig­keit der Teil­neh­mer zu tes­ten, ver­schie­dene Rou­ten zu navi­gie­ren, zeigte sich, dass wahr­schein­lich eine wech­sel­sei­tige Bezie­hung zwi­schen den Hirn­area­len besteht, die spe­zi­fi­sche Ereig­nis­er­in­ne­run­gen spei­chern, und den Area­len, die über­grei­fende Infor­ma­tio­nen aus ver­schie­de­nen Erin­ne­run­gen spei­chern – und zwar bei der Pla­nung der Navi­ga­tion an weni­ger ver­trau­ten Orten.

Neue Rou­ten sind schwie­ri­ger zu ver­fol­gen, wenn sie von dei­nen frü­he­ren Erfah­run­gen abwei­chen. Ein stär­ke­res Schema hilft dabei, das Wis­sen über die räum­li­chen Bezie­hun­gen zwi­schen Orten und Ori­en­tie­rungs­punk­ten – etwa die Ent­fer­nung zwi­schen Post und Park – mit all­ge­mei­ne­rem Wis­sen, etwa der Schwie­rig­keit frü­he­rer Rou­ten, zu ver­knüp­fen. All dies hat Ein­fluss auf die Art und Weise, wie du dich ori­en­tierst.

Den All­tag meis­tern

Diese Gedächt­nis­prin­zi­pien hel­fen dabei, zu erklä­ren, warum Inkon­sis­ten­zen mit frü­he­ren Erfah­run­gen es so schwer machen kön­nen, viele Aspekte des täg­li­chen Lebens zu bewäl­ti­gen.

Stelle dir vor, du wür­dest mor­gen auf­wa­chen und das GPS auf dei­nem Smart­phone stünde dir nicht mehr zur Ver­fü­gung. Wie wür­dest du deine Route pla­nen, um an dein Ziel zu gelan­gen? Viel­leicht bist du es gewohnt, von zu Hause aus in Rich­tung Nor­den zum Super­markt zu navi­gie­ren. Hast du aber schon ein­mal ver­sucht, die­sen Super­markt von einem ande­ren Stand­ort aus anzu­steu­ern? Das ist weit­aus schwie­ri­ger.

Fak­to­ren wie Stress, das Altern und ein all­ge­mei­ner kogni­ti­ver Abbau kön­nen die Gehirn­funk­tion und das Ver­hal­ten eines Men­schen beein­träch­ti­gen. Stelle dir vor, wie viel schwie­ri­ger der neue Weg zum Super­markt für einen älte­ren Men­schen ist.

Wenn du neue Infor­ma­tio­nen mit dei­nen frü­he­ren Erfah­run­gen in Ver­bin­dung bringst, kann das dazu bei­tra­gen, dein Schema zu fes­ti­gen und dir die Ori­en­tie­rung zu erleich­tern. Wenn du ver­stehst, wel­che Pro­zesse das Gehirn durch­lau­fen muss, um diese Navi­ga­ti­ons­pro­bleme zu lösen, kannst du nach­voll­zie­hen, warum es mit­un­ter eine Her­aus­for­de­rung sein kann, sich zurecht­zu­fin­den.

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