Warum wir uns gegen­sei­tig weh­tun

Grau­sam­keit erscheint oft sinn­los. Wenn in Ber­lin bei einem will­kür­li­chen Gewalt­akt fünf Men­schen ster­ben, sind Ent­set­zen und Ver­wir­rung die natür­li­che Reak­tion. Doch wie kann eine Spe­zies, die zu Liebe, Empa­thie und Krea­ti­vi­tät fähig ist, gleich­zei­tig Völ­ker­mord, Fol­ter und Mas­sen­er­schie­ßun­gen her­vor­brin­gen?

Sol­che Gewalt­ta­ten sind leicht als Sys­tem­feh­ler abzu­tun, als etwas, das im Geist ein­zel­ner Men­schen nicht stimmt. Ein Teil der Wahr­heit ist jedoch, dass diese dunk­len Triebe nichts Neues sind. Sie ent­ste­hen nicht immer zufäl­lig. Und sie ste­hen nicht zwangs­läu­fig in kei­nem Zusam­men­hang mit unse­rer evo­lu­tio­nä­ren Ver­gan­gen­heit.

Den­noch lässt sich nicht alles allein mit der Evo­lu­tion erklä­ren. Mög­li­che wei­tere Fak­to­ren sind neu­ro­lo­gi­sche Trau­mata, soziale Iso­la­tion und psy­chi­sche Erkran­kun­gen. Die Evo­lu­ti­ons­psy­cho­lo­gie bie­tet eine Per­spek­tive, aber nicht das voll­stän­dige Bild. Sie hilft uns jedoch, uns mit einem Teil von uns selbst aus­ein­an­der­zu­set­zen, den wir oft lie­ber igno­rie­ren.

Über­lie­ferte Über­le­bens­stra­te­gien und ihre moder­nen Fol­gen

Über weite Teile der Mensch­heits­ge­schichte hin­weg hatte Gewalt einen Zweck. Sie war ein häss­li­ches, aber wirk­sa­mes Mit­tel. Unsere Vor­fah­ren leb­ten in rauen Umge­bun­gen, in denen die Ver­tei­di­gung des Ter­ri­to­ri­ums, der Schutz der Fami­lie oder die Durch­set­zung von Domi­nanz oft über Leben und Tod ent­schie­den. Aggres­sion war eine prak­ti­sche Reak­tion auf Bedro­hun­gen. Die­je­ni­gen, die sich behaup­ten oder wirk­sam zurück­schla­gen konn­ten, hat­ten eine grö­ßere Chance, ihre Gene wei­ter­zu­ge­ben.

Selbst so schreck­li­che Bräu­che wie Ehren­morde oder Blut­feh­den erfüll­ten in ihrem ursprüng­li­chen Kon­text bestimmte Funk­tio­nen. Diese Gewalt­ta­ten waren nicht sinn­los, son­dern dien­ten dazu, in eng ver­bun­de­nen Gemein­schaf­ten die Ord­nung auf­recht­zu­er­hal­ten, Grup­pen­nor­men durch­zu­set­zen und künf­tige Angriffe abzu­schre­cken. Beun­ru­hi­gend ist, dass diese Logik das Ver­hal­ten auch heute noch prägt.

Diese Instinkte kön­nen zum Vor­schein kom­men, wenn Men­schen sich in die Enge getrie­ben oder miss­ach­tet füh­len. Rache erfüllte eine evo­lu­tio­näre Funk­tion, näm­lich die Bestra­fung von Übel­tä­tern, wenn es keine offi­zi­elle Jus­tiz gab. Viele Men­schen, die Gewalt aus­üben, sind auf­rich­tig davon über­zeugt, etwas Recht­fer­tig­ba­res zu tun. Oft sehen sie sich nicht als Böse­wichte, son­dern als gerechte Kämp­fer. Genau das macht ein sol­ches Ver­hal­ten umso gefähr­li­cher. Das Böse tarnt sich meist als mora­li­sche Gewiss­heit.

Diese Span­nung in uns wird als das Dai­mo­ni­sche bezeich­net. Es ist die rohe Ener­gie, die sowohl Schöp­fung als auch Zer­stö­rung antreibt. Sie kann uns zum Genie oder zum Wahn­sinn trei­ben. Wenn wir sie unter­drü­cken, ist sie nicht besei­tigt. Wenn wir sie igno­rie­ren, baut sie sich auf und bricht schließ­lich her­vor.

Wenn Instinkt auf Tech­no­lo­gie trifft

Unsere alten Instinkte haben sich kaum ver­än­dert. Was sich jedoch ver­än­dert hat, ist das Aus­maß der Mit­tel, über die wir heute ver­fü­gen. So ermög­licht das Inter­net bei­spiels­weise Ein­zel­per­so­nen, Fremde auf der gan­zen Welt zu radi­ka­li­sie­ren. Dank hoch­leis­tungs­fä­hi­ger Waf­fen kann eine ein­zelne Per­son inner­halb von Sekun­den Gewalt in gro­ßem Aus­maß aus­üben. Und unsere stam­mes­be­zo­gene Ver­an­la­gung, die einst dem Schutz von Ver­wandt­schafts­grup­pen diente, schürt heute glo­bale Kon­flikte, Natio­na­lis­mus und sys­te­mi­schen Scha­den.

Gefühle wie Schuld und Scham haben sich ursprüng­lich ent­wi­ckelt, um uns mit ande­ren zu ver­bin­den. Doch heute wir­ken sie oft destruk­tiv. In einer hyper­ver­netz­ten und vom Ver­gleich getrie­be­nen Gesell­schaft hal­ten sie uns nicht immer im Zaum. Sie kön­nen dazu füh­ren, dass sich Men­schen unsicht­bar, wert­los und ver­lo­ren füh­len. Und diese Ver­zweif­lung bleibt nicht immer im Inne­ren. Manch­mal bricht sie nach außen her­vor.

Vom Instinkt zur Ent­schei­dung

Den­noch ist Gewalt kein unab­wend­ba­res Schick­sal. Die meis­ten Men­schen han­deln nicht ihren dunk­len Impul­sen ent­spre­chend. Es ist jedoch ent­schei­dend, diese zu ver­ste­hen. Wir sind nicht nur gewalt­tä­tig, son­dern auch koope­ra­tiv, ein­fühl­sam und zur Selbst­be­herr­schung fähig. Diese Eigen­schaf­ten sind ebenso tief in uns ver­wur­zelt. Wenn wir die nächste Welle der Gewalt stop­pen wol­len, die durch Trau­mata, Ideo­lo­gie oder Iso­la­tion aus­ge­löst wird, müs­sen wir diese bes­se­ren Instinkte bewusst för­dern.

Das bedeu­tet, Sys­teme zu schaf­fen, die psy­chi­sche Gesund­heit, emo­tio­nale Bil­dung, ethi­sche Ent­schei­dungs­fin­dung sowie zwi­schen­mensch­li­che Bezie­hun­gen in den Vor­der­grund stel­len. Es bedeu­tet, anzu­er­ken­nen, dass die­selbe Spe­zies, die zu Grau­sam­keit fähig ist, auch zu Für­sorge fähig ist. Die Frage ist nicht, ob wir unsere dunk­lere Seite aus­lö­schen kön­nen. Die Frage ist, ob wir ler­nen kön­nen, wirk­sam zu ver­hin­dern, dass sie die Ober­hand gewinnt – ins­be­son­dere in stres­si­gen Zei­ten.

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