Die KI ent­schei­det dar­über, was wir online sehen

Wenn du unter einer Infor­ma­ti­ons­flut lei­dest oder dir nicht sicher bist, wel­chen Online-Inhal­ten du ver­trauen kannst, bist du nicht allein. In ganz Europa wen­den sich die Men­schen zuneh­mend von tra­di­tio­nel­len Nach­rich­ten ab und nut­zen statt­des­sen soziale Medien, Influen­cer und seit Kur­zem auch gene­ra­tive KI-Chat­bots und ‑Zusam­men­fas­sun­gen.

Es ist eine undurch­sich­tige Welt, in der undurch­sich­tige Algo­rith­men dar­über ent­schei­den, wel­che Inhalte man zu sehen bekommt. Es ist bekannt, dass sie wenig Wert auf Genau­ig­keit und die Qua­li­tät fak­ten­ba­sier­ter Bericht­erstat­tung legen. Doch genau diese ist für eine sichere und blü­hende Gemein­schaft uner­läss­lich.

Gleich­zei­tig ver­schwin­det der lokale Jour­na­lis­mus zuneh­mend. Das Miss­trauen gegen­über den Main­stream-Medien wächst. Die­ses Pro­blem hat sich durch KI-Such­ergeb­nisse ohne Links rapide ver­schärft. Anstatt Links anzu­zei­gen, wer­den die Infor­ma­tio­nen direkt im Such­ergeb­nis prä­sen­tiert. Dadurch sin­ken die Besu­cher­zah­len auf Nach­rich­ten­web­sites, was wie­derum die Leser­schaft, die Abon­ne­ment­chan­cen und die Ein­nah­men schmä­lert.

Die rasante Ver­brei­tung von KI hat das ohne­hin schon fra­gile Nach­rich­ten­öko­sys­tem noch näher an den Kol­laps gebracht. Die Undurch­sich­tig­keit der Algo­rith­men in sozia­len Medien, Such­ma­schi­nen und KI-Platt­for­men, die ohne nen­nens­werte Rechen­schafts­pflicht dar­über ent­schei­den, wel­che Inhalte ange­zeigt, bewer­tet oder aus­ge­las­sen wer­den, stellt eine zen­trale Bedro­hung für den Jour­na­lis­mus und das Ver­trauen der Öffent­lich­keit dar. Infol­ge­des­sen hat sich ein Para­dig­men­wech­sel voll­zo­gen, wie wir Jour­na­lis­mus unter­stüt­zen und defi­nie­ren.

Fehl­in­for­ma­tio­nen neh­men zu

Fehl­in­for­ma­tio­nen ver­brei­ten sich, wenn die Nach­frage nach Infor­ma­tio­nen hoch ist, es aber an veri­fi­zier­ten Bele­gen man­gelt. Ein reich­hal­ti­ges und gut sicht­ba­res Ange­bot an hoch­wer­ti­gen Nach­rich­ten und Infor­ma­tio­nen kann dem ent­ge­gen­wir­ken. Unter­su­chun­gen zei­gen einen star­ken Zusam­men­hang zwi­schen dem Nach­rich­ten­kon­sum und der Fähig­keit der Men­schen, Fehl­in­for­ma­tio­nen zu erken­nen.

Gesetze und poli­ti­sche Bil­dung haben für die Ver­brau­cher nicht mit KI-Inhal­ten wie Deepf­akes Schritt gehal­ten. Es gibt keine kla­ren Stan­dards dafür, woher Online-Inhalte stam­men, und keine ein­heit­li­chen Richt­li­nien, um ihre Echt­heit zu über­prü­fen. Da viele KI-Sys­teme wie Black­bo­xen funk­tio­nie­ren, ist es zudem schwer zu sagen, wer ver­ant­wort­lich ist, wenn sie Feh­ler machen oder Vor­ein­ge­nom­men­heit zei­gen.

Die Europäer:innen haben bereits sehr wenig Ver­trauen in ihre Fähig­keit, Falsch­in­for­ma­tio­nen zu über­prü­fen. So sind nur etwa 40 % zuver­sicht­lich, dass sie über­prü­fen kön­nen, ob eine Web­site oder ein Bei­trag in den sozia­len Medien ver­trau­ens­wür­dig ist. Nur 43 % sind zudem der Mei­nung, dass sie über­prü­fen kön­nen, ob Infor­ma­tio­nen, die sie online fin­den, wahr sind.

Die­ses Pro­blem wird durch die zuneh­mende Ver­brei­tung von KI-Müll und Hal­lu­zi­na­tio­nen – also min­der­wer­ti­gen und feh­ler­haf­ten Inhal­ten – noch ver­schärft. Tat­säch­lich gehö­ren die Euro­päer zu den Men­schen, die sich welt­weit am meis­ten Sor­gen über Falsch­in­for­ma­tio­nen im Inter­net machen.

Die Leute wis­sen nicht, wem sie ver­trauen kön­nen

Exper­ten sind besorgt über die geringe Medien- und KI-Kom­pe­tenz der Bür­ger. Viele Euro­päer haben Pro­bleme damit, Infor­ma­tio­nen im Inter­net zu über­prü­fen, und wis­sen oft nicht, wo sie ver­trau­ens­wür­dige Quel­len fin­den kön­nen. Wenn alles unzu­ver­läs­sig erscheint, kann es am sichers­ten erschei­nen, ein­fach abzu­schal­ten – und genau das tun viele Men­schen: 68 % mei­den Nach­rich­ten oft, manch­mal oder gele­gent­lich.

Das Pro­blem ist, dass digi­tale Platt­for­men eine unzu­ver­läs­sige Schnitt­stelle für Nach­rich­ten dar­stel­len. Mit­hilfe von Algo­rith­men tref­fen sie Ent­schei­dun­gen, die für die Öffent­lich­keit unsicht­bar und nicht nach­voll­zieh­bar sind und den Zugang zu Infor­ma­tio­nen neu gestal­ten. Bei der Aus­wahl der Infor­ma­ti­ons­quel­len kön­nen diese digi­ta­len Ver­mitt­ler „Gewin­ner“ und „Ver­lie­rer“ schaf­fen, indem sie bestimmte Inhalte gegen­über ande­ren bevor­zu­gen, ohne dabei Qua­li­tät oder Genau­ig­keit ange­mes­sen zu berück­sich­ti­gen.

Es gibt jedoch kei­nen Anreiz für Platt­for­men, ihre Algo­rith­men offen­zu­le­gen, zu erklä­ren, wann diese geän­dert wer­den, wie Nach­rich­ten prio­ri­siert (oder zurück­ge­stuft) wer­den oder wie KI-gene­rierte Infor­ma­tio­nen ent­ste­hen.

Es besteht drin­gen­der Bedarf an Trans­pa­renz bei der algo­rith­mi­schen Kura­tie­rung sowie an einer ver­pflich­ten­den Kenn­zeich­nung von KI-gene­rier­ten Inhal­ten.

Wie geht es jetzt wei­ter?

Es gibt fünf Schwer­punkte, die unser Infor­ma­ti­ons­öko­sys­tem gemein­sam dras­tisch ver­bes­sern könn­ten. Drei davon zie­len spe­zi­ell auf KI ab.

  • Es braucht mehr Trans­pa­renz von­sei­ten der gro­ßen Tech­no­lo­gie­platt­for­men. Die Euro­päer haben ein Recht zu erfah­ren, wie Algo­rith­men Nach­rich­ten in Such­ma­schi­nen, sozia­len Medien und KI-Chat­bots zusam­men­stel­len. Außer­dem müs­sen sie dar­über infor­miert wer­den, wann KI an der Erstel­lung von Inhal­ten betei­ligt ist. Klare Kenn­zeich­nungs- und Offen­le­gungs­vor­schrif­ten wür­den dazu bei­tra­gen, das Ver­trauen wie­der­her­zu­stel­len und den Nut­zern mehr Kon­trolle zu geben.
  • Es braucht faire Regeln für die Nut­zung von Nach­rich­ten durch KI. KI-Unter­neh­men soll­ten nicht in der Lage sein, jour­na­lis­ti­sche Inhalte kos­ten­los zu nut­zen. Durch bran­chen­weite Lizenz­ver­ein­ba­run­gen, eine Reform des Urhe­ber­rechts und ein stren­ge­res Wett­be­werbs­recht könnte sicher­ge­stellt wer­den, dass Nach­rich­ten­or­ga­ni­sa­tio­nen eine Ver­gü­tung erhal­ten, wenn ihre Inhalte zum Trai­nie­ren gene­ra­ti­ver KI-Tools ver­wen­det wer­den.
  • Die För­de­rung der Medien- und KI-Kom­pe­tenz hat oberste Prio­ri­tät. Eine der schnells­ten und kos­ten­güns­tigs­ten Maß­nah­men ist die Auf­klä­rung der Men­schen dar­über, wie Algo­rith­men funk­tio­nie­ren und wie man Vor­ein­ge­nom­men­heit und Fehl­in­for­ma­tio­nen erkennt. Und das gilt nicht nur für Schu­len: Auch Erwach­sene benö­ti­gen kon­ti­nu­ier­li­che Mög­lich­kei­ten zur Wei­ter­bil­dung.
  • Die Finan­zie­rung des Jour­na­lis­mus sollte des­sen Rolle als öffent­li­ches Gut wider­spie­geln. Ein­ma­lige Zuschüsse rei­chen hier­für nicht aus. Eine nach­hal­tige Alter­na­tive, die Redak­tio­nen – ins­be­son­dere kleine und regio­nale Medien – direkt unter­stützt und gleich­zei­tig die Rechen­schafts­pflicht wahrt, wäre bei­spiels­weise eine Steu­er­ver­güns­ti­gung für Jour­na­lis­ten­ge­häl­ter.
  • Es wer­den Jour­na­lis­mus-Schu­lun­gen für Nach­rich­ten-Influen­cer, Con­tent-Erstel­ler und digi­tal ori­en­tierte Medien ange­bo­ten. Um die Qua­li­tät des gesam­ten Nach­rich­ten­öko­sys­tems zu gewähr­leis­ten, ist ein gemein­sa­mer Bran­chen­de­ko­dex erfor­der­lich, an dem die Bran­che gemein­sam arbei­ten muss.

Die Gesell­schaft kann es sich nicht leis­ten, ein Infor­ma­ti­ons­um­feld zu haben, in dem unsicht­bare KI bestimmt, was wir sehen. Ohne Gegen­maß­nah­men wird der Jour­na­lis­mus im öffent­li­chen Inter­esse, der die Grund­lage für Demo­kra­tie und sozia­len Zusam­men­halt bil­det, wei­ter zer­fal­len.

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