Achtzigjährige mit dem Gedächtnis eines jungen Erwachsenen und den Nervenzellen eines Kindes. Das ist die spektakuläre Entdeckung eines amerikanischen Forscherteams: Unser Gehirn kann in jedem Alter neue Nervenzellen bilden. Dies untermauert die Hypothese, dass der Prozess der Neurogenese nicht auf Kindheit oder Jugend beschränkt ist. Dieses alte Dogma hatte bereits seit einigen Jahren an Boden verloren, doch diese Studie könnte ihm den Todesstoß versetzen. Zumal diese Studie noch einen Schritt weitergeht und einen Zusammenhang zwischen der Bildung neuer Neuronen und den kognitiven Fähigkeiten herstellt.
Tatsächlich haben die Wissenschaftler zwei Arten von Daten miteinander in Verbindung gebracht: die Ergebnisse kognitiver Tests und die Analyse der Neuronen im Hippocampus. Diese Hirnregion ist entscheidend für das Gedächtnis und das Lernen. Sie führten ihre Messungen an mehreren Personengruppen durch: junge Erwachsene, ältere Menschen mit normaler kognitiver Leistungsfähigkeit sowie Personen, die für die Alzheimer-Krankheit charakteristische Läsionen aufwiesen. Da dies die einzige Möglichkeit war, direkten Zugang zu den Gehirnproben zu erhalten, wurden die anatomischen Untersuchungen post mortem durchgeführt.
Die Forscher konzentrierten sich insbesondere auf eine bestimmte Gruppe: Senioren über 80 Jahre mit einem außergewöhnlichen Gedächtnis, die sogenannten „Super-Ager“. Diese hatten in verschiedenen kognitiven Tests Ergebnisse erzielt, die dem Durchschnitt der 50- bis 60-Jährigen entsprachen oder diesen übertrafen. Die Analyse ihrer Gehirnproben zeigte jedoch, dass ihre Hippocampi doppelt so viele unreife Neuronen enthielten wie die der anderen Gruppen. Somit scheint die Bildung neuer Neuronen mit besseren kognitiven Fähigkeiten verbunden zu sein, während die Personen mit kognitivem Rückgang in dieser Studie weniger dieser Zellen besaßen.
Daraus ergibt sich die entscheidende Frage: Wie wird man ein „Super-Ager“? Ist dies genetisch vorbestimmt oder kann man das Schicksal beeinflussen und durch bestimmte bewährte Praktiken in diesen Kreis aufgenommen werden?
Allen „Super-Agern“ ist ein molekulares Umfeld im Gehirn gemein, das der Neurogenese und der Plastizität des Gehirns besonders zuträglich ist. Bestimmte Gene, die am Nervenwachstum beteiligt sind, werden übermäßig exprimiert. Das Vorkommen von Faktoren, die mit Neuroplastizität in Verbindung stehen, wie beispielsweise das Protein BDNF, welches das Wachstum neuronaler Verbindungen fördert, ist erhöht. Zudem scheinen Astrozyten, jene Zellen, die den Schutz der Neuronen gewährleisten, besonders aktiv zu sein. Solche biologischen Merkmale können jedoch sowohl durch unsere Gene als auch durch unsere Umwelt beeinflusst werden. Dies kann in der Studie nicht unterschieden werden, sodass der Erbanteil nicht quantifiziert werden kann.
Es gibt jedoch auch eine gute Nachricht: Die Studie deutet zudem auf einen erheblichen Einfluss von Hygiene und Lebensweise hin, insbesondere durch den Nachweis epigenetischer Marker. Diese spiegeln den Einfluss nicht-genetischer Faktoren wider. Frühere Forschungen haben bereits gezeigt, dass mehrere gute Gewohnheiten dazu beitragen, die Plastizität des Gehirns und die Neurogenese zu erhalten: regelmäßige körperliche Aktivität, guter Schlaf, anhaltende geistige Anregung durch Lesen oder das Erlernen eines Musikinstruments sowie die Pflege sozialer Beziehungen. Ihre zukünftigen kognitiven Fähigkeiten hängen also weitgehend davon ab, wie du heute lebst und dein Gehirn pflegst.
