Die unsicht­ba­ren Regis­seure: Wie das Gehirn unse­ren All­tag orga­ni­siert

Es ist spät, du bist erschöpft und deine Gedan­ken schwei­fen wäh­rend der Fahrt ab. Du denkst an Ter­mine bei der Arbeit, daran, was du essen wirst, und an eine bei­läu­fige Bemer­kung eines Kol­le­gen, die dir noch immer im Kopf her­um­geht. Und plötz­lich bist du zu Hause. Das Auto wurde gelenkt, die Ampeln beach­tet und die Kur­ven genom­men. Doch du erin­nerst dich an fast nichts davon. Es war, als hätte eine andere Hand am Lenk­rad geses­sen und gesteu­ert, wäh­rend dein Bewusst­sein abschweifte.

So sieht das Leben auf Auto­pi­lot aus: eine unsicht­bare Cho­reo­gra­fie von Hirn­netz­wer­ken, die dein täg­li­ches Über­le­ben im Stil­len sicher­stel­len.

Die Genia­li­tät die­ses Mecha­nis­mus ist atem­be­rau­bend: Er hält dich am Leben, sorgt dafür, dass du dich bewegst, isst und Gefah­ren aus­weichst – und befreit gleich­zei­tig dein Bewusst­sein für andere Dinge. Dabei wirft er jedoch auch beun­ru­hi­gende Fra­gen auf. Wenn so vie­les von dem, was du jeden Tag tust, unter­halb dei­ner Bewusst­seins­schwelle geschieht, wer lenkt dann eigent­lich dein Leben?

Den pro­ze­du­ra­len Gedächt­nis­in­hal­ten steht eine stille Part­ne­rin zur Seite, die in den Basal­gan­glien sitzt. Das Auto­fah­ren, das einst Anstren­gung erfor­derte, ist zu einer fest ver­an­ker­ten Gewohn­heits­rou­tine gewor­den. Jeder Blick in den Rück­spie­gel, jeder Tritt aufs Gas­pe­dal ver­läuft nach einem Schema, das sich vor Jah­ren ein­ge­prägt hat. Das ist keine Zau­be­rei, son­dern eine Art Spar­me­cha­nis­mus.

Bewusste Auf­merk­sam­keit ist auf­wen­dig, daher hat die Evo­lu­tion den Auto­pi­lo­ten ent­wi­ckelt, damit das Gehirn gleich­zei­tig meh­rere Dinge tun kann – eine Ebene, um die Bewe­gungs­bahn des Kör­pers auf­recht­zu­er­hal­ten, und eine andere, um über die Dra­men des Lebens nach­zu­den­ken. Die­ser Auto­pi­lot beschränkt sich nicht auf das Auto­fah­ren. Er fädelt sich in unzäh­lige Hand­lun­gen ein: Schnür­sen­kel bin­den, Pass­wör­ter ein­tip­pen, Zähne put­zen. Dut­zende all­täg­li­cher Ver­hal­tens­wei­sen lau­fen unter­halb der Bewusst­seins­schwelle ab. Der Vor­teil dabei ist die Effi­zi­enz. Die Gefahr dabei ist jedoch, dass man sich ent­frem­det und wie im Schlaf­wan­deln durchs Leben geht.

Seit Jahr­hun­der­ten debat­tie­ren Phi­lo­so­phen über die Exis­tenz des freien Wil­lens und den Umfang bewuss­ter Kon­trolle. Die Grie­chen glaub­ten, die Ver­nunft sei wie ein Wagen­len­ker, der seine Pferde im Griff hat, und zähme somit die Lei­den­schaf­ten. Die moderne Neu­ro­wis­sen­schaft macht diese Meta­pher jedoch kom­ple­xer. Immer mehr Belege deu­ten dar­auf hin, dass diese „wil­den Pferde” einen Groß­teil der Steue­rung über­neh­men.

Die Expe­ri­mente des Neu­ro­wis­sen­schaft­lers Ben­ja­min Libet aus den 1980er Jah­ren stell­ten unser Ver­ständ­nis von bewuss­ten Ent­schei­dun­gen infrage. Er bat die Teil­neh­mer, ihr Hand­ge­lenk zu einem selbst gewähl­ten Zeit­punkt zu beu­gen, wäh­rend er ihre Gehirn­ak­ti­vi­tät maß. Erstaun­li­cher­weise tra­ten die neu­ro­na­len Vor­be­rei­tun­gen für die Bewe­gung, das soge­nannte Bereit­schafts­po­ten­zial, bereits meh­rere hun­dert Mil­li­se­kun­den vor dem Zeit­punkt auf, zu dem sich die Teil­neh­mer bewusst ent­schie­den hat­ten. Das unbe­wusste Gehirn hatte die Hand­lung bereits ein­ge­lei­tet. Das Bewusst­sein schien eher so, als käme es zu spät zur Party.

Auch wenn sie umstrit­ten sind, haben Libets Erkennt­nisse der Wis­sen­schaft eine ernüch­ternde Wahr­heit näher­ge­bracht: Ein Groß­teil des mensch­li­chen Ver­hal­tens wird unter­halb des Bewusst­seins auf­ge­baut. Ent­schei­dun­gen füh­len sich bewusst an, sind jedoch oft nur eine ober­fläch­li­che Welle über tie­fer lie­gen­den neu­ro­na­len Strö­mun­gen. Das soll jedoch nicht hei­ßen, dass der freie Wille eine Illu­sion ist, son­dern viel­mehr, dass er eher im Bear­bei­tungs­pro­zess als bei der Initi­ie­rung zum Tra­gen kommt. Das Bewusst­sein wählt aus, legt Veto ein, lenkt um – doch ein Groß­teil der Maschi­ne­rie läuft ohne sei­nen Befehl wei­ter.

Der Auto­pi­lot in uns

Das Herz­stück der Auto­ma­ti­sie­rung sind die Basal­gan­glien. Dabei han­delt es sich um eine Ansamm­lung von Ner­ven­zel­len, die tief im Gehirn lie­gen und das Erler­nen sowie die Aus­füh­rung von Gewohn­hei­ten steu­ern. Ihre einst rät­sel­hafte Rolle wird heute durch jahr­zehn­te­lange neu­ro­wis­sen­schaft­li­che For­schung beleuch­tet. Sie sind die Hüte­rin­nen der Rituale und prä­gen wie­der­holte Hand­lun­gen.

Dane­ben liegt das lim­bi­sche Sys­tem. Es steu­ert Emo­tio­nen, Moti­va­tion und Urtriebe. In ihm befin­den sich die Amyg­dala, die auf Bedro­hun­gen reagiert, der Hip­po­cam­pus, der das Gedächt­nis prägt, sowie der Nucleus accum­bens, ein dopa­min­rei­cher Beloh­nungs­kno­ten­punkt. Die­ses Duo, der Gewohn­heits­prä­ger und der Trieb­ver­stär­ker, ist für einen Groß­teil unse­res Auto­pi­lo­ten ver­ant­wort­lich.

Wenn der Stress steigt, sehnt man sich unwill­kür­lich nach Wohl­fühl­kost. Erschrickt man plötz­lich, zuckt man zusam­men, bevor man über­haupt nach­den­ken kann. Wenn die Lan­ge­weile zu lange anhält, wan­dert die Hand unwill­kür­lich zum Handy. All diese Hand­lun­gen sind unbe­wusst und wer­den von Ner­ven­bah­nen gesteu­ert, die im Laufe der Evo­lu­tion dar­auf aus­ge­rich­tet wur­den, das Über­le­ben zu sichern.

Der Neu­ro­wis­sen­schaft­ler Joseph LeDoux beschrieb die Schnel­lig­keit lim­bi­scher Reflexe: Die Amyg­dala kann über einen soge­nann­ten „Low-Road“-Pfad, also durch direkte Signale vom Tha­la­mus, Angst­re­ak­tio­nen aus­lö­sen, noch bevor der Kor­tex die Situa­tion inter­pre­tie­ren kann. Des­halb springt man vor einem auf­ge­roll­ten Seil zurück, das man für eine Schlange hält, noch bevor man den Irr­tum bemerkt.

Der Auto­pi­lot prio­ri­siert Schnel­lig­keit gegen­über Genau­ig­keit. Ein Mecha­nis­mus, der schon viele Leben geret­tet hat.

Beim Auto­pi­lo­ten geht es jedoch nicht nur um kör­per­li­che Reak­tio­nen. Es gibt auch einen Auto­pi­lo­ten des Den­kens. Hier kommt das soge­nannte Default Mode Net­work (DMN) ins Spiel: ein Netz­werk aus Gehirn­re­gio­nen, das sich über den media­len prä­fron­ta­len Kor­tex, den hin­te­ren cin­g­u­lä­ren Kor­tex und die Gyrus angu­la­ris erstreckt. Es wird nicht aktiv, wenn wir unsere Auf­merk­sam­keit nach außen rich­ten, son­dern wenn unsere Gedan­ken nach innen wan­dern. Es spinnt Tag­träume, probt Gesprä­che, spielt Erin­ne­run­gen ab und ent­wirft Zukunfts­sze­na­rien. Wenn du dich also dabei ertappst, wie du unter der Dusche alte Streit­ge­sprä­che durch­spielst oder über­legst, was du in der mor­gi­gen Bespre­chung sagen wirst, dann ist es aktiv.

Oft wird es mit einem inne­ren Radio­sen­der ver­gli­chen, der auch dann wei­ter­läuft, wenn man ihn gar nicht ein­ge­schal­tet hat. Einige Neu­ro­wis­sen­schaft­ler ver­glei­chen es mit einem Brow­ser mit zu vie­len Tabs, der end­los lädt und den Fokus ohne Befehl hin und her wech­selt. Andere ver­glei­chen es mit dem Shuffle-Modus bei Spo­tify, der je nach Stim­mung und ver­gan­ge­nen Erfah­run­gen Erin­ne­run­gen, Fan­ta­sien, Ängste oder Sehn­süchte her­vor­ruft.

Das Default Mode Net­work spielt eine zen­trale Rolle für unser Selbst­ge­fühl. Es ver­knüpft per­sön­li­che Erzäh­lun­gen, Iden­ti­tät und Kon­ti­nui­tät über die Zeit hin­weg. Es ist jedoch auch an Grü­be­leien und Sor­gen betei­ligt. Bei Depres­sio­nen lässt sich häu­fig eine über­mä­ßige Akti­vi­tät des DMN fest­stel­len. Es ist, als wäre man in einer sich stän­dig wie­der­ho­len­den Abspiel­liste gefan­gen. In die­sem Fall wird der Auto­pi­lot zu einem Gefäng­nis aus Gedan­ken­schlei­fen.

Auf­fäl­lig ist die Fähig­keit des Gehirns, flie­ßend zwi­schen ver­schie­de­nen Zustän­den zu wech­seln. Viel­leicht fährt man wie auf Auto­pi­lot, ver­tieft in die inne­ren Vor­gänge des Default Mode Net­works, und plötz­lich weicht ein Auto aus – sofort über­neh­men der prä­fron­tale Kor­tex und die Auf­merk­sam­keits­netz­werke die Kon­trolle. Das Bewusst­sein über­nimmt augen­blick­lich wie­der das Kom­mando. Die­ser Wech­sel fühlt sich dra­ma­tisch an, als würde man aus einem Traum geris­sen.

Diese Dyna­mik zwi­schen unbe­wuss­ter Effi­zi­enz und bewuss­ter Kon­trolle bestimmt den All­tag. Kei­nes von bei­den hat Vor­rang. Unbe­wusste Sys­teme sor­gen für Schnel­lig­keit, Gewohn­heit und Kon­ti­nui­tät. Bewusste Sys­teme ermög­li­chen Fle­xi­bi­li­tät, Absicht und Kor­rek­tur. Zu viel Auto­pi­lot führt zu einem pas­si­ven Dahin­trei­ben. Zu viel bewusste Kal­ku­la­tion hin­ge­gen macht das Leben anstren­gend, freud­los und bis ins Detail gere­gelt. Damit wir gedei­hen kön­nen, bedarf es der Har­mo­nie zwi­schen bei­den.


Hin­ter Gewohn­hei­ten und Gedan­ken ver­birgt sich eine ganz andere Ebene: der Hirn­stamm. Diese uralte Struk­tur ver­bin­det das Rücken­mark mit dem höhe­ren Gehirn. Er steu­ert die auto­no­men Kör­per­funk­tio­nen wie Herz­schlag, Atmung und Blut­druck. Außer­dem beher­bergt er Reflex­kreis­läufe, die ohne bewuss­tes Nach­den­ken ablau­fen. Wenn du deine Hand von einem hei­ßen Herd zurück­ziehst, bevor du dich „ent­schie­den“ hast, ist das der spi­nale Rück­zugs­re­flex. Er ist schnel­ler als die Betei­li­gung der Groß­hirn­rinde. Wenn sich deine Pupil­len bei hel­lem Licht ver­en­gen, ist das der Reflex­bo­gen des Mit­tel­hirns. Diese Sys­teme ver­kör­pern den ursprüng­li­chen Auto­pi­lo­ten. Über­le­ben zuerst, Bewusst­sein danach. Im Hirn­stamm befin­det sich auch das reti­ku­läre Akti­vie­rungs­sys­tem, das die Erre­gung sowie den Über­gang zwi­schen Schlaf und Wach­sein regu­liert. Im Wesent­li­chen ent­schei­det es dar­über, ob die Bühne des Bewusst­seins über­haupt beleuch­tet wird. Ohne ihn beginnt die Vor­stel­lung nicht.

Warum hat die Evo­lu­tion so viele unbe­wusste Kon­troll­me­cha­nis­men ent­wi­ckelt?

Die Ant­wort lau­tet: Ener­gie. Erstaun­li­cher­weise ver­braucht das mensch­li­che Gehirn etwa 20 Pro­zent der Kör­per­ener­gie, obwohl es nur zwei Pro­zent der Kör­per­masse aus­macht. Bewusste Auf­merk­sam­keit ist beson­ders ener­gie­auf­wen­dig. Der Auto­pi­lot schont Res­sour­cen, indem er wie­der­holte oder drin­gende Auf­ga­ben an opti­mierte Schalt­kreise aus­la­gert.

  • Des­halb gibt es Gewohn­hei­ten, die den prä­fron­ta­len Kor­tex davor bewah­ren, jede Bewe­gung im Detail zu steu­ern.
  • Des­halb gibt es Reflexe, um in Lebens- oder Todes­si­tua­tio­nen auf­wen­dige Über­le­gun­gen zu umge­hen.
  • Und des­halb gibt es das Default Mode Net­work: um in ruhi­gen Momen­ten Sze­na­rien und Erzäh­lun­gen vor­zu­be­rei­ten und so das Selbst­be­wusst­sein zu stär­ken. Effi­zi­enz bedeu­tet Über­le­ben.

Doch die­ser Segen ist zugleich auch eine Last. Der Auto­pi­lot kann uns in Schlei­fen gefan­gen hal­ten. Wir grü­beln immer wie­der über die­sel­ben Sor­gen nach, wie­der­ho­len Sucht­ver­hal­ten und ver­fes­ti­gen Vor­ur­teile. Ängste im Default Mode Net­work wer­den zu sich selbst erhal­ten­den Erzähl­ge­flech­ten. Schlechte Gewohn­hei­ten in den Schlei­fen der Basal­gan­glien wer­den zu ritua­li­sier­ten Gefäng­nis­sen. Reflex­ar­tige Reak­tio­nen wie Wut­aus­brü­che oder angst­be­dingte Ver­mei­dung kön­nen ratio­nale Ziele außer Kraft set­zen.

Diese Nach­teile wer­den durch das moderne Leben noch ver­stärkt. Soziale Medien nut­zen Gewohn­heits­schlei­fen und beloh­nungs­ba­sierte Mecha­nis­men, die denen von Spiel­au­to­ma­ten ähneln. Dadurch wird auto­ma­ti­sier­tes Kon­troll­ver­hal­ten ver­an­kert. Die Wer­bung macht sich lim­bi­sche Beloh­nungs­me­cha­nis­men zunutze, um den Kon­sum anzu­kur­beln. Selbst die Poli­tik kann reflex­ar­tige Ängste aus­nut­zen, um den ratio­na­len Denk­pro­zess zu umge­hen und auto­ma­ti­sier­ten Tri­ba­lis­mus aus­zu­lö­sen. Der Auto­pi­lot, der einst unser Über­le­ben sicherte, kann im moder­nen Kon­text gegen uns ein­ge­setzt wer­den.

Die Geschichte ist nicht so hoff­nungs­los, wie es zunächst klin­gen mag. Unser Auto­pi­lot lässt sich beein­flus­sen. Bewusste Sys­teme kön­nen diese tie­fer lie­gen­den Netz­werke umlen­ken und sogar umtrai­nie­ren, auch wenn sie oft erst spät reagie­ren. Die Neu­ro­wis­sen­schaft stellt hier­für meh­rere Hilfs­mit­tel bereit. So zeigt die funk­tio­nale Bild­ge­bung bei­spiels­weise, dass Acht­sam­keits­übun­gen die Über­ak­ti­vi­tät des soge­nann­ten Default Mode Net­works dämp­fen und somit den Gehirn­zu­stand effek­tiv ver­än­dern kön­nen. Ein­fach aus­ge­drückt bedeu­tet dies, dass man sich selbst dabei ertap­pen sollte, wenn die Gedan­ken abschwei­fen, und die Auf­merk­sam­keit sanft wie­der auf die aktu­elle Tätig­keit len­ken sollte. Das Üben die­ser Fähig­keit – sei es in der Medi­ta­tion oder im All­tag – hilft dabei, aus dem Auto­pi­lo­ten aus­zu­stei­gen und dem gegen­wär­ti­gen Moment mehr Auf­merk­sam­keit zu schen­ken.

Eine wei­tere Mög­lich­keit ist die Gestal­tung der Umge­bung. Die Basal­gan­glien reagie­ren beson­ders stark auf Reize, wodurch sich auto­ma­ti­sche Ver­hal­tens­mus­ter an Ver­än­de­run­gen in der Umge­bung anpas­sen kön­nen. Schon das Auf­stel­len von Obst auf der Arbeits­platte oder das Ver­ste­cken der Chips kann eine Rou­tine neu pro­gram­mie­ren, indem es die Reize ver­än­dert.

Unter­su­chun­gen zur Neu­ro­plas­ti­zi­tät zei­gen, dass die Basal­gan­glien zwar starre Gewohn­hei­ten fest­schrei­ben, der prä­fron­tale Kor­tex diese jedoch außer Kraft set­zen kann – ins­be­son­dere, wenn er durch bewusste Neu­heit ange­regt wird. Bewusste Neu­heit spielt also eine Rolle. Wenn man ver­traute Rou­ti­nen anders aus­führt, wird die bewusste Auf­merk­sam­keit akti­viert und die starre Gewohn­heits­ko­die­rung gelo­ckert. Wech­selt man bei­spiels­weise die Hand, mit der man sich die Zähne putzt, oder nimmt einen neuen Weg zur Arbeit, wird die neu­ro­nale Fle­xi­bi­li­tät ange­regt.

Schließ­lich beinhal­ten Umset­zungs­ab­sich­ten, eine Stra­te­gie, deren Wirk­sam­keit der Psy­cho­loge Peter Goll­wit­zer nach­ge­wie­sen hat, die For­mu­lie­rung von „Wenn-dann“-Plänen. Ein Bei­spiel hier­für ist: „Wenn es 7 Uhr mor­gens ist, werde ich jog­gen gehen.“ Auf diese Weise knüpfst du bewusste Ziele an unbe­wusste Aus­lö­ser und bringst so den Auto­pi­lo­ten mit dei­nen Zie­len in Ein­klang. Dabei han­delt es sich nicht um abs­trakte Ideen, son­dern um neu­ro­nale Ein­griffe: Jede Übung formt durch Wie­der­ho­lung die neu­ro­na­len Schalt­kreise neu und passt nach und nach das Leis­tungs­ver­mö­gen des Auto­pi­lo­ten an.

Um das in der Pra­xis zu erle­ben, pro­bier doch ein­mal fol­gende Übung aus: Unter­bre­che heute eine dei­ner Rou­ti­nen. Nimm zum Bei­spiel eine andere Tasse für dei­nen Kaf­fee. Geh bar­fuß nach drau­ßen. Putze dir die Zähne mit der ande­ren Hand. Es wird sich selt­sam anfüh­len, viel­leicht sogar irri­tie­rend. Diese Irri­ta­tion ent­steht, weil dein prä­fron­ta­ler Kor­tex akti­viert wird. Du erwachtst für einige Sekun­den aus dem Auto­pi­lot-Modus und nimmst die Tex­tur des Lebens wahr, jene klei­nen Fun­ken, die von der Rou­tine so leicht zum Erlö­schen gebracht wer­den. Wenn du das täg­lich machst, trai­nierst du deine Fle­xi­bi­li­tät. Du erin­nerst den Auto­pi­lo­ten daran, dass er ein Die­ner ist, kein Herr.

Kön­nen wir die Dreh­bü­cher, die wir nicht aus­ge­wählt haben, also nut­zen?

Ja, aber nicht, indem man ihn abschafft. Eine voll­stän­dige Kon­trolle ist unmög­lich und auch nicht erstre­bens­wert. Den Auto­pi­lo­ten gibt es aus gutem Grund. Das Ziel besteht viel­mehr darin, Ver­ant­wor­tung zu über­neh­men. Die eigene Umge­bung zu gestal­ten, Gewohn­hei­ten zu for­men und Denk­wei­sen zu kul­ti­vie­ren, damit sich die Auto­ma­ti­sie­rung mit dem Men­schen deckt, der man wer­den möchte.

Stelle dir das Leben nicht wie einen Spo­tify-Shuffle vor, der in düs­te­ren Titeln ste­cken bleibt, son­dern wie Play­lists, die du selbst zusam­men­stellst. Dabei wirst du zwar gele­gent­lich über­rascht, bestimmst aber ins­ge­samt die Stim­mung selbst. Stelle dir Gedan­ken nicht als end­lose Brow­ser-Tabs vor, die dich über­wäl­ti­gen, son­dern als geord­nete Fens­ter, die du bewusst schlie­ßen und wie­der öff­nen kannst. Es geht nicht darum, die Kon­trolle um jeden Preis zu behal­ten, son­dern sie klug ein­zu­set­zen. Der Auto­pi­lot bringt dich nach Hause, bin­det deine Schuhe und hält dein Herz nachts am Schla­gen. Das Bewusst­sein kann ein­grei­fen, um umzu­len­ken, umzu­ge­stal­ten und dem Dreh­buch Acht­sam­keit ein­zu­hau­chen.

Achte also beim nächs­ten Mal, wenn du nach Hause fährst, auf den Moment, in dem du ankommst, ohne dich daran zu erin­nern. Lächle die Dinge an, die dich beschützt haben. Wenn das Haus dann in Sicht kommt, nimm das Steuer bewusst in die Hand. Spüre die Straße, berühre das Lenk­rad, steige bewusst aus. Der Auto­pi­lot wird immer leise sur­ren, aber du ent­schei­dest, wann du auf­wachst.

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