Pro­pa­ganda und die Bil­dung von Moti­ven

In den 1960er Jah­ren wur­den Hin­ter­höfe in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten zu Do-it-yours­elf-Bau­stel­len für Beton­bun­ker. Haus­be­sit­zer, die sich bis­her viel­leicht an Gras und Bäu­men erfreut hat­ten, hiel­ten es plötz­lich für not­wen­dig, eine Flä­che frei­zu­ma­chen, um dort Schla­cken­steine zu ver­le­gen und ein häss­li­ches, unbe­que­mes, recht­ecki­ges Gebäude zu errich­ten, das sie höchst­wahr­schein­lich nie benut­zen wür­den. Was war der Grund für die­ses schein­bar irra­tio­nale Ver­hal­ten?

Die Ant­wort fin­det sich in der Bro­schüre „The Family Fall­out Shel­ter“ des US-ame­ri­ka­ni­schen „Office of Civil and Defense Mobi­liza­tion“ aus dem Jahr 1959. In die­ser Bro­schüre, die sowohl in gedruck­ter Form als auch durch öffent­li­che Bekannt­ma­chun­gen weit ver­brei­tet wurde, wur­den die Bür­ger dazu auf­ge­for­dert, sich auf einen mög­li­chen nuklea­ren Angriff der Sowjet­union vor­zu­be­rei­ten. Sie soll­ten einen Raum schaf­fen, in dem sie im Ernst­fall Sicher­heit fin­den konn­ten. Diese Bun­ker soll­ten mit Bet­ten, Lebens­mit­teln, einem Gei­ger­zäh­ler, einem Luft­zir­ku­la­tor und einem Radio aus­ge­stat­tet sein und den Men­schen im Ide­al­fall für zwei Wochen Unter­kunft bie­ten.

In der Bro­schüre wurde die Not­wen­dig­keit eines sol­chen Schutz­raums sehr deut­lich dar­ge­legt.

„Wir soll­ten uns die Fak­ten genau anse­hen. In einem Atom­krieg könn­ten die Explo­sion, die Hitze und die anfäng­li­che Strah­lung Mil­lio­nen Men­schen in der Nähe des Epi­zen­trums töten. Viele wei­tere Mil­lio­nen Men­schen – alle ande­ren – wären durch radio­ak­ti­ven Fall­out bedroht. Doch die meis­ten von ihnen könn­ten geret­tet wer­den. Diese Bro­schüre soll zei­gen, wie man dem Tod durch den Fall­out ent­ge­hen kann.“

Ange­sichts die­ser „Fak­ten” ist es kaum ver­wun­der­lich, dass viele Haus­be­sit­zer beschlos­sen, ihre Gär­ten umzu­gra­ben und ihre Hin­ter­höfe durch den Bau von Beton­bun­kern zu zer­stö­ren. Sie woll­ten sich und ihre Fami­lien vor den Fol­gen des nuklea­ren Nie­der­schlags schüt­zen.

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Wie jede wirk­same Pro­pa­ganda gab das Pam­phlet den Bür­gern ein Motiv, das ein zwin­gen­der und selbst­be­wuss­ter Grund zum Han­deln ist. Ein Motiv iden­ti­fi­ziert eine Hand­lung und lie­fert eine Begrün­dung, die die Eigen­schaf­ten der Hand­lung, den Cha­rak­ter der betrof­fe­nen Objekte, die gewünsch­ten oder befürch­te­ten Ergeb­nisse, die Erklä­rung von Ursa­che und Wir­kung sowie den Zustand der eige­nen Gefühle spe­zi­fi­ziert.

Selbst­ver­ständ­lich ist die tat­säch­li­che Ursa­che unse­res Ver­hal­tens immer kom­pli­zier­ter, unüber­sicht­li­cher und mys­te­riö­ser als unsere reflek­tier­ten Erklä­run­gen dafür, warum wir han­deln, wie wir han­deln. Ein Groß­teil unse­rer Hand­lun­gen geschieht tat­säch­lich ohne jeden bewuss­ten Gedan­ken – und das aus gutem Grund. Wenn wir über alles, was wir im Laufe des Tages tun, nach­den­ken müss­ten, wären unser Geist und unser Kör­per erschöpft und unsere Effi­zi­enz würde abneh­men.

Wenn wir jedoch auf­ge­for­dert wer­den, Rechen­schaft über unser eige­nes Han­deln abzu­le­gen, wer­den wir stets ein Motiv fin­den, das für uns und andere einen Sinn ergibt. Das bedeu­tet jedoch nicht, dass wir immer eine „gute” Ant­wort wol­len. Wir müs­sen unsere Hand­lun­gen ledig­lich auf eine Weise erklä­ren, die einen Grund lie­fert. Die­sen Pro­zess, bei dem wir eine befrie­di­gende Erklä­rung für unser Ver­hal­ten lie­fern, nen­nen wir Ratio­na­li­sie­rung. Wäh­rend die Ver­nunft die Fähig­keit ist, Logik anzu­wen­den, ein Pro­blem zu unter­su­chen und zu einer Lösung oder Erklä­rung zu gelan­gen, ist die Ratio­na­li­sie­rung der Pro­zess, ver­gan­gene Hand­lun­gen zu reflek­tie­ren und einen Bericht zu erar­bei­ten, der sie recht­fer­tigt oder zumin­dest erklärt.

Die Pro­pa­ganda ist stets darum bemüht, ihrem Publi­kum das zu geben, was es will. Sie lie­fert Gründe und Ratio­na­li­sie­run­gen, um den Men­schen dabei zu hel­fen, ihre Beweg­gründe zu bil­den und zu ver­ste­hen. Um dies zu ver­ste­hen, ist es hilf­reich, Motive ein­mal aus einer ande­ren Per­spek­tive zu betrach­ten. Oft den­ken wir, dass sich Motive auf etwas im Inne­ren des Bewusst­seins des Ein­zel­nen bezie­hen und dass wir sie nur ver­ste­hen kön­nen, wenn wir tief in die Psy­che ein­drin­gen. Ich schlage vor, Motive als Kurz­be­schrei­bun­gen exter­ner Situa­tio­nen – also von Din­gen außer­halb des Bewusst­seins des Ein­zel­nen – zu betrach­ten, die sein Han­deln sinn­voll erschei­nen las­sen. Dies geschieht stän­dig in unse­ren täg­li­chen Inter­ak­tio­nen. Anstatt per­sön­li­che Ziele oder Wün­sche zu erklä­ren, ant­wor­ten Men­schen auf die Frage „Warum hast du das getan?” bei­spiels­weise oft mit der Angabe von Aspek­ten der Situa­tion, wie sie sie ver­ste­hen.

Hier sind einige Bei­spiele:

  • In den ers­ten Wochen der Corona-Pan­de­mie war in Geschäf­ten auf der gan­zen Welt inner­halb weni­ger Tage kein Toi­let­ten­pa­pier mehr erhält­lich. Der Grund waren Mel­dun­gen, dass wich­tige Lie­fer­ket­ten unter­bro­chen wer­den könn­ten. In Hong­kong wurde Toi­let­ten­pa­pier zu einem so begehr­ten Gut, dass eine bewaff­nete Bande an einem Tag 600 Rol­len aus einem Geschäft raubte.
  • Im Som­mer 2024 zogen Grup­pen von Bar­ce­lo­ner Ein­woh­nern durch die beleb­ten Stra­ßen und bespritz­ten Tou­ris­ten mit Was­ser­pis­to­len. Sie waren der Über­zeu­gung, dass der Mas­sen­tou­ris­mus das soziale Gefüge der Stadt zer­stört, und erhoff­ten sich, dass ihre Aktio­nen zu einer Begren­zung des Tou­ris­ten­an­drangs in den Som­mer­mo­na­ten füh­ren wür­den.
  • Im Jahr 2010 posier­ten elf Män­ner und eine Frau für Fotos in der kana­di­schen Pro­vinz Sas­kat­che­wan. Sie posier­ten teil­weise nackt neben einem mit Schlag­lö­chern über­sä­ten Auto­bahn­ab­schnitt. Ihr unmit­tel­ba­res Ziel war es, einen Kalen­der zu erstel­len. Auf die Frage nach ihrem tie­fe­ren Motiv wie­sen sie dar­auf hin, dass die Behör­den die Straße lange ver­nach­läs­sigt hat­ten, sodass sie extrem bau­fäl­lig gewor­den war. Der Kalen­der brachte nicht nur 40.000 Dol­lar ein, son­dern führte auch dazu, dass die Straße neu gepflas­tert wurde.

In allen drei Fäl­len liegt die Erklä­rung für das schein­bar unge­wöhn­li­che oder extreme Ver­hal­ten der Akteure in ihrer Inter­pre­ta­tion der Situa­tion – dem Zusam­men­bruch der Lie­fer­ket­ten, einem Über­maß an Tou­ris­ten oder dem schlech­ten Zustand der Stra­ßen. Durch die rich­tige Kon­tex­tua­li­sie­rung ihrer Hand­lun­gen wer­den ihre Motive nach­voll­zieh­bar.

Pro­pa­ganda scheint also eine rela­tiv ein­fa­che Auf­gabe zu haben. Sie soll Men­schen dazu brin­gen, eine Situa­tion zu defi­nie­ren und dann Gründe und Ratio­na­li­sie­run­gen für eine ange­mes­sene Hand­lung zu lie­fern. Men­schen tat­säch­lich zu die­ser Hand­lung zu bewe­gen, ist jedoch nie so ein­fach. Aktive Pro­pa­gan­dis­ten, die lei­den­schaft­lich für ihre Ziele ein­tre­ten und ihre Bot­schaft ver­brei­ten wol­len, stel­len immer wie­der frus­triert fest, wie lang­sam Men­schen sich ändern. Dafür gibt es viele Gründe.

  • Wir leben in einer Zeit, in der Nach­rich­ten sich häu­fen. Selbst anspre­chende Bot­schaf­ten wer­den schnell von ande­ren ver­drängt und gehen im Stim­men­ge­wirr unter.
  • Da Men­schen nur begrenzt über Zeit und Ener­gie ver­fü­gen, nei­gen sie dazu, Infor­ma­tio­nen schnell und oft nur ober­fläch­lich zu ver­ar­bei­ten, wenn sich ihnen die Gele­gen­heit dazu bie­tet.
  • Han­deln ist müh­sam, das heißt, es erfor­dert einen Wil­lens­akt sowie die Bereit­schaft, sich tat­säch­lich anzu­stren­gen, um etwas zu tun, das nicht der übli­chen Rou­tine ent­spricht.
  • Selbst wenn sie es woll­ten, fehlt vie­len Men­schen schlicht­weg die Zeit, das Geld, die Bil­dung oder die Mög­lich­keit, zu han­deln.
  • Gewohn­hei­ten sind ange­nehm – und hart­nä­ckig. Es kann daher nicht nur stö­rend, son­dern auch beängs­ti­gend sein, wenn von uns eine Hand­lung ver­langt wird, die uns aus unse­ren Rou­ti­nen her­aus­führt.

Wel­che psy­cho­lo­gi­schen Grund­la­gen der Pro­pa­ganda sind nütz­lich, um Träg­heit zu über­win­den und Men­schen zu neuen Ver­hal­tens­wei­sen zu moti­vie­ren? Das Ziel der Pro­pa­ganda besteht nicht nur darin, Motive zu defi­nie­ren, son­dern auch, bei den Zuhö­rern einen aus­rei­chen­den Wunsch zu wecken, damit sie ent­spre­chend han­deln. Die Men­schen, die Bom­ben­schutz­bun­ker gebaut haben, mögen sich pein­lich berührt gefühlt haben, nach­dem zehn Jahre ohne Zwi­schen­fälle ver­stri­chen waren.

Ihr Motiv lässt sich jedoch leicht erklä­ren: In der Bro­schüre stand: „Ihre Regie­rung ver­folgt eine Schutz­raum­po­li­tik, die auf der Erkennt­nis beruht, dass die meis­ten Men­schen außer­halb der Reich­weite von Explo­sio­nen und Hitze über­le­ben wer­den, wenn sie ange­mes­sen vor Fall­out geschützt sind.“ In der Bro­schüre wur­den die poten­zi­el­len Gefah­ren der Situa­tion beschrie­ben, von denen alle US-Bür­ger unab­hän­gig von ihrem Wohn­ort betrof­fen gewe­sen wären. Jeder ver­nünf­tige Mensch, der diese Tat­sa­che akzep­tiert, hätte daher einen Schutz­raum gebaut. Allein die Situa­tion selbst reichte aus, um die Beweg­gründe eines Haus­be­sit­zers zu recht­fer­ti­gen. Bis 1965 waren 200.000 Schutz­räume gebaut wor­den.

Peri­phere und zen­trale Rou­ten

In den Anfangs­jah­ren der psy­cho­lo­gi­schen Ana­lyse gab es zwei kon­kur­rie­rende Theo­rien zum mensch­li­chen Ver­hal­ten. Einer­seits schu­fen das Auf­kom­men dicht besie­del­ter städ­ti­scher Zen­tren in Ver­bin­dung mit der Kunst der Wer­bung und der Mas­sen­po­li­tik ein Bild von Men­schen in Men­schen­men­gen, die von irra­tio­na­len Impul­sen und rohen Gefüh­len ange­trie­ben wer­den. Ande­rer­seits erga­ben Stu­dien zur indi­vi­du­el­len Ent­schei­dungs­fin­dung, dass Men­schen häu­fig voll­kom­men ratio­nale Ent­schei­dun­gen in ihrem eige­nen Inter­esse tref­fen. Warum die­ser Unter­schied? Die Ant­wort, die schließ­lich im soge­nann­ten Ela­bo­ra­tion Likeli­hood Model (ELM) for­mu­liert wurde, lau­tet, dass der mensch­li­che Ver­stand zwei Wege der Ent­schei­dungs­fin­dung kennt.

  • Die peri­phere Route, der erste Weg, nimmt immer die schnellste Abkür­zung, die auf ein­fa­chen Hin­wei­sen beruht.
  • Bei der zen­tra­len Route wer­den kom­plexe Über­le­gun­gen ange­stellt und sorg­fäl­tige Unter­su­chun­gen durch­ge­führt, um ver­schie­dene Alter­na­ti­ven zu ver­glei­chen und gegen­ein­an­der abzu­wä­gen, bevor eine Ent­schei­dung getrof­fen wird.

Da jeder Mensch beide Wege nutzt – mal den einen, mal den ande­ren –, kann die­selbe Per­son in einer Situa­tion irra­tio­nal und impul­siv erschei­nen, in einer ande­ren jedoch völ­lig ratio­nal und über­legt. Ent­schei­dend ist die „Wahr­schein­lich­keit“, dass der Ver­stand in jeder Situa­tion den zen­tra­len Weg der „Ela­bo­ra­tion“ wählt, weil er diese Wahl für wich­tig hält.

Was ist aus­schlag­ge­bend dafür, dass eine Per­son die zen­trale gegen­über der peri­phe­ren Route bevor­zugt? Bei die­ser Ent­schei­dung spie­len zwei Fak­to­ren eine Rolle.

  • Moti­va­tion ist der Wunsch, Ener­gie auf­zu­brin­gen und Wider­stände zu über­win­den, um ein Ergeb­nis zu erzie­len, das für das eigene Wohl­erge­hen als wich­tig erach­tet wird. Moti­va­tion ist also mehr als eine Vor­liebe, ein Ver­lan­gen oder ein Wunsch. Sie ist eher ein Antrieb, Ehr­geiz oder eine Not­wen­dig­keit. Wenn ein Sti­mu­lus durch die Wahr­neh­mung als mit einem Kern­be­dürf­nis oder Wunsch der Per­son in Ver­bin­dung ste­hend beur­teilt wird, neigt der Ent­schei­dungs­fin­dungs­pro­zess des Ver­stan­des dazu, sich auf die zen­trale Route zu ver­la­gern. Alles, was tri­vial erscheint, nichts mit die­sen Inter­es­sen zu tun hat oder als ein­fach und unpro­ble­ma­tisch ange­se­hen wird, nimmt den peri­phe­ren Weg.
  • Fähig­keit umfasst nicht nur die per­sön­li­chen Fähig­kei­ten, das Wis­sen und die Res­sour­cen einer Per­son, son­dern auch die Zeit, die Umstände und die Mög­lich­keit, die eige­nen Optio­nen voll­stän­dig abzu­wä­gen. Manch­mal muss eine Per­son daher auf die peri­phere Ver­ar­bei­tung zurück­grei­fen, wenn sie gezwun­gen ist, unter Druck vor­schnelle Urteile zu fäl­len, oder wenn ihr die Res­sour­cen feh­len, die sie für eine Ent­schei­dung nut­zen oder zu Rate zie­hen kann. Zu den Res­sour­cen gehört auch, dass sie nicht erschöpft sind.

Denke nur daran, wie viel Ener­gie wir auf­wen­den, wenn wir mit gesund­heit­li­chen Pro­ble­men bei uns selbst oder unse­ren Ange­hö­ri­gen, finan­zi­el­lem Stress durch Schul­den, Rech­nun­gen und Inves­ti­tio­nen, Bezie­hungs­kon­flik­ten mit Fami­lie und Freun­den oder den vie­len Ver­pflich­tun­gen in unse­rem Beruf kon­fron­tiert sind. Wenn wir von all die­sen „erns­ten” Ange­le­gen­hei­ten, mit denen wir täg­lich kon­fron­tiert sind, buch­stäb­lich aus­ge­laugt sind, ist es kein Wun­der, dass wir bei den vie­len ande­ren Ent­schei­dun­gen, die uns unbe­deu­tend oder weit ent­fernt von unse­ren „erns­ten” Sor­gen erschei­nen, men­tale Abkür­zun­gen neh­men.

Oft nut­zen die­sel­ben Grup­pen beide Wege, um unter­schied­li­che Ziel­grup­pen zu errei­chen. So ver­sucht bei­spiels­weise die Akti­vis­ten­gruppe „Extinc­tion Rebel­lion UK”, die sich für Kli­ma­ge­rech­tig­keit ein­setzt, in ihrer Kam­pa­gne gegen die glo­bale Erwär­mung und ihre Umwelt­aus­wir­kun­gen alle Mög­lich­kei­ten der Über­zeu­gung zu nut­zen. Einer­seits nutzt sie den zen­tra­len Weg der Über­zeu­gungs­ar­beit, indem sie soge­nannte „Gemein­de­ver­samm­lun­gen” orga­ni­siert. Bei die­sen kön­nen die Men­schen vor Ort über lokale The­men bera­ten und ent­schei­den, die das Leben der Gemein­schaft tag­täg­lich beein­flus­sen. Die Frei­wil­li­gen haben Zugang zu einem „Hand­buch für Gemein­de­ver­samm­lun­gen” und erhal­ten Anlei­tun­gen sowie Res­sour­cen, um mit Gemein­de­rä­ten und Kom­mu­nal­be­hör­den in Kon­takt zu tre­ten. Dar­über hin­aus wer­den ihnen Tak­ti­ken für aggres­si­vere Aktio­nen ver­mit­telt, wie die Beset­zung von Gebäu­den und die For­de­rung nach Ver­än­de­run­gen. Für diese Aktio­nen ist ein hoher Zeit- und Res­sour­cen­auf­wand erfor­der­lich. Zudem sind ein­ge­hende Kennt­nisse des Pro­blems und mög­li­cher Lösun­gen not­wen­dig.

Ande­rer­seits ist die Gruppe für ihre krea­ti­ven und gewag­ten Pro­teste bekannt, bei denen sie ver­schie­dene Kunst­for­men nutzt, um die Auf­merk­sam­keit der Öffent­lich­keit zu erre­gen. So trat bei einem Stra­ßen­pro­test bei­spiels­weise die als „Rote Rebel­len“ bekannte Gruppe auf. Sie trägt kom­plett rote Klei­dung und hat auf­fal­lend weiß bemalte Gesich­ter. Mit ihrer Aktion, bei der sie sich vor eine Reihe ver­wirr­ter Poli­zis­ten stell­ten und die Hände wie zum Fle­hen vor sich hiel­ten, zogen sie die Presse in ihren Bann. Diese Tak­tik der peri­phe­ren Route stützt sich auf eine anschau­li­che, leicht ver­ständ­li­che Sym­bo­lik, um eine Kri­sen­si­tua­tion zu dra­ma­ti­sie­ren und die Auf­merk­sam­keit der Öffent­lich­keit zu erre­gen, ohne sich mit den Ein­zel­hei­ten des Pro­blems zu befas­sen.

Das ist auch der Grund, warum es leich­ter ist, Feh­ler in der Pro­pa­ganda des Geg­ners zu erken­nen als in der eige­nen. Das liegt jedoch nicht daran, dass die andere Seite von fal­schen Men­schen bevöl­kert ist. Wir geben uns nicht viel Mühe, die Wider­sprü­che der kon­su­mier­ten Bot­schaf­ten zu unter­su­chen, weil wir mit ihren Schluss­fol­ge­run­gen ein­ver­stan­den sind. Ein kri­ti­scher Geist hin­ge­gen, der die Ener­gie hat, Mani­pu­la­tio­nen und Lügen auf­zu­de­cken, wird alles tun, um sie zu ent­lar­ven.

Oft wird die idea­lis­ti­sche Schluss­fol­ge­rung gezo­gen, dass jeder zu jeder Zeit eine zen­trale Auf­ar­bei­tung beim Kon­sum von Nach­rich­ten vor­neh­men sollte. Dies ist jedoch eine unmög­li­che For­de­rung. Wir ver­las­sen uns auf Pro­pa­ganda, denn es würde ein Jahr dau­ern, jede ein­zelne der Nach­rich­ten, die wir in einer Woche sehen, gründ­lich zu unter­su­chen. Die For­de­rung, die Gren­zen der Mensch­lich­keit zu kor­ri­gie­ren, indem wir über­mensch­lich wer­den, ist kaum eine Lösung für die Pro­bleme des Mensch­seins. Oft müs­sen wir ein­fach dar­auf ver­trauen, dass andere Men­schen wis­sen, wovon sie reden, damit wir unsere Ener­gie für unsere eige­nen drin­gen­den Pro­bleme ver­wen­den kön­nen. Wir müs­sen mit einer rea­lis­ti­schen Ein­stel­lung an die Pro­pa­ganda her­an­ge­hen und uns dar­über im Kla­ren sein, was wir wirk­lich errei­chen kön­nen.

Reflexe

Als ein Atom­schlag der Sowjet­union im Jahr 1959 nicht nur mög­lich, son­dern unmit­tel­bar bevor­zu­ste­hen schien, began­nen die Men­schen, sich mit der rea­len Gefahr der „Fall­out-Strah­lung” zu beschäf­ti­gen. Folg­lich trägt Abschnitt II der Bro­schüre den pas­sen­den Titel „Sie kön­nen sich vor Fall­out-Strah­lung schüt­zen”. Allein der Begriff löste eine Flucht- und Schutz­re­ak­tion aus. Denn wenn die Fall­out-Strah­lung erst ein­mal in die Atmo­sphäre gelangt war, gab es wenig, was man dage­gen tun konnte. Dies wurde durch die anschau­li­chen Wet­ter­kar­ten in der Bro­schüre ver­deut­licht. Das Ein­zige, was man tun konnte, war, sich hin­ter Mau­ern zu ver­ste­cken und abzu­war­ten. In der Bro­schüre heißt es: „Jede Masse an Mate­rial zwi­schen Ihnen und dem Fall­out ver­rin­gert die Strah­lung, die Sie erreicht. Eine aus­rei­chende Masse macht Sie sicher.“ Die Regie­rung wollte errei­chen, dass die Angst vor der Fall­out-Strah­lung so all­ge­gen­wär­tig wurde, dass sie zu einem Reflex wurde. Wenn die Men­schen hör­ten, dass sie sich näherte, wuss­ten sie genau, was zu tun war.

Ein Reflex ist eine ste­reo­type Reak­tion auf erkenn­bare Reize, die einen unmit­tel­ba­ren Impuls befrie­digt. Eine „gemus­terte Reak­tion“ ist eine Art Gewohn­heit, bei der Ele­mente der Kogni­tion, der Emo­tion und der Hand­lung inner­halb einer ver­trau­ten Abfolge kom­bi­niert wer­den. Diese rei­chen von einem fast rein instink­ti­ven, reflex­ar­ti­gen Auf­sprin­gen und Über­rascht­sein bis hin zu kom­ple­xe­ren Reak­tio­nen wie dem Reflex, Frem­den die Tür zu öff­nen, oder der Vor­liebe für Milch­kaf­fees mit wenig Milch. Erkenn­bare Reize sind spe­zi­fi­sche und ver­traute Erfah­run­gen, die Reflexe aus­lö­sen, wenn wir uns in bekannte oder unbe­kannte Situa­tio­nen bege­ben. Schließ­lich sind Reflexe nicht ein­fach irra­tio­nale, reflex­ar­tige Reak­tio­nen auf Reize, die einer Bil­lard­ku­gel ähneln, die gegen eine Stoß­stange stößt.

Reflexe sind ein unmit­tel­ba­rer Impuls, da sie oft prak­tisch moti­viert sind. Sie wer­den ent­wi­ckelt, um ein bestimm­tes Ziel zu errei­chen – sei es Ver­gnü­gen oder Ver­mei­dung. Da Reflexe unsere Umwelt sofort ein­schät­zen und uns sagen, wie wir uns in ihr ver­hal­ten sol­len, sind sie Teil unse­rer Motive. Reflexe ebnen uns oft den Weg in soziale Situa­tio­nen oder hel­fen uns, aus ihnen her­aus­zu­kom­men. Sie sagen uns sofort, was erwünscht ist, was ver­mie­den wer­den sollte und wie wir auf bei­des reagie­ren sol­len.

In Ita­lien bei­spiels­weise wur­den die tra­di­tio­nel­len Koch- und Essens­ge­wohn­hei­ten durch die Eröff­nung eines McDonald’s‑Restaurants in der Nähe der Spa­ni­schen Treppe in Rom im Jahr 1986 unter­bro­chen. Viele Ita­lie­ner nah­men Anstoß daran, dass sich ein ame­ri­ka­ni­sches Fast-Food-Restau­rant an einem so sym­bol­träch­ti­gen Ort nie­der­ge­las­sen hatte. Einige Kri­ti­ker sahen darin die Gefahr einer Ame­ri­ka­ni­sie­rung der ita­lie­ni­schen Kul­tur. Der ita­lie­ni­sche Jour­na­list Carlo Pet­rini ver­suchte dar­auf­hin, eine neue Reihe von Refle­xen zu schaf­fen, um die ita­lie­ni­sche Küche zu bewah­ren.

  • Um gegen die Eröff­nung eines McDonald’s‑Restaurants zu pro­tes­tie­ren, orga­ni­sierte er eine Ver­an­stal­tung, bei der er ein Nudel­ge­richt auf der Piazza vor dem Restau­rant ver­teilte. Damit wollte er den Unter­schied zu ech­tem ita­lie­ni­schen Essen beto­nen. Er wollte eine ableh­nende Hal­tung gegen­über allem för­dern, was als „Fast Food“ wahr­ge­nom­men wird.
  • Er initi­ierte die „Slow-Food“-Bewegung, um die für die ita­lie­ni­sche Küche cha­rak­te­ris­ti­schen lang­jäh­ri­gen Prak­ti­ken des Anbaus, der Zube­rei­tung und des Essens von Lebens­mit­teln zu wür­di­gen. Um einen leicht erkenn­ba­ren Anreiz zu schaf­fen, erfand er ein Schne­cken­logo, das an Gas­tro­no­mie­be­triebe ver­ge­ben wer­den sollte, die sich in den Berei­chen Beschaf­fung von Lebens­mit­teln, Aus­wir­kun­gen auf die Umwelt, kul­tu­relle Ver­bin­dung, Enga­ge­ment in der Gemein­schaft, Unter­stüt­zung der Mit­ar­bei­ten­den und Unter­neh­mens­werte ver­dient gemacht hat­ten. Pet­rini hoffte, dass Ver­brau­cher den Reflex ent­wi­ckeln wür­den, Unter­neh­men mit einem Schne­cken­logo zu bevor­zu­gen.

Mythos

Ein bemer­kens­wer­tes Merk­mal der Bro­schüre „Family Fall­out Shel­ter“ ist die Schil­de­rung einer hypo­the­ti­schen Kata­stro­phe durch einen Atom­schlag. Nach­dem fest­ge­stellt wurde, dass Luft- und Rake­ten­ba­sen die Angriffs­ziele wären, wer­den einige vage und bedroh­li­che Behaup­tun­gen auf­ge­stellt. „Der Feind würde ver­su­chen, unsere Ver­gel­tungs­macht aus­zu­schal­ten. Er könnte auch ver­su­chen, unsere Städte zu zer­stö­ren. Nie­mand kann jetzt sicher sein, wie weit der Feind gehen wird.“

Obwohl die Sowjet­union ein­deu­tig als Ver­ur­sa­cher der Streiks ver­mu­tet wird, wird in dem Doku­ment keine aus­län­di­sche Regie­rung genannt. Statt­des­sen ist von „dem Feind“ die Rede, der durch das Pro­no­men „er“ per­so­ni­fi­ziert wird. Es wirkt, als han­dele es sich bei der Quelle der Atom­schläge um eine ein­zelne bös­wil­lige Per­son – oder bes­ser gesagt um einen Dämon –, die die Kon­trolle über die gewal­ti­gen Werk­zeuge der Gewalt hat.

Mit die­ser Insze­nie­rung wer­den die US-Bür­ger dazu auf­ge­for­dert, sich als Opfer eines namen­lo­sen Bösen zu sehen, das die Welt beherr­schen und alle ver­nich­ten will, die sich ihm wider­set­zen. Wenn sie dann hel­den­haf­tes Leid ertra­gen und den nuklea­ren Fall­out in ihren selbst­ge­bau­ten Schutz­räu­men über­le­ben, ist das der Preis, den sie für den unver­meid­li­chen Tri­umph der Gerech­tig­keit zah­len müs­sen.

Obwohl die Steue­rung von Refle­xen das eigent­li­che Ziel jeder Pro­pa­ganda ist, sind Reflexe selbst zu viel­fäl­tig, wider­sprüch­lich und flüch­tig, um als dau­er­haf­tes Motiv zu die­nen. Es wäre für jeden Pro­pa­gan­dis­ten kost­spie­lig und anstren­gend, jeden ein­zel­nen rele­van­ten Reflex wie einen iso­lier­ten Reiz und eine iso­lierte Reak­tion zu ver­fol­gen und zu steu­ern. Viel­mehr geht es darum, unsere Reflexe in ein locke­res, kohä­ren­tes Gan­zes ein­zu­bin­den, das über ver­schie­dene Kon­texte hin­weg weit­ge­hend gleich bleibt. Diese Funk­tion wird vom Mythos erfüllt.

Selbst wenn wir glau­ben, dass wir oft ratio­nal auf ein­zelne Reize in einem bestimm­ten Kon­text reagie­ren, spie­len wir häu­fig die Impli­ka­tio­nen eines Mythos durch. Die Mythen, die wir ver­in­ner­li­chen, fun­gie­ren häu­fig als Kon­stan­ten unse­rer Per­sön­lich­keit und Welt­an­schau­ung, die uns über ver­schie­dene Lebens­ab­schnitte hin­weg beglei­ten. Sie ändern sich nur, wenn etwas Dra­ma­ti­sches pas­siert, das sie umstößt. Wäh­rend sich unsere Reflexe stän­dig an jedes neue Phä­no­men in unse­rem Leben anpas­sen müs­sen – sei es die Beur­tei­lung der neu­es­ten Smart­phone-Ver­sion oder das Wahl­pro­gramm des letz­ten Prä­si­dent­schafts­kan­di­da­ten –, haben unsere Mythen ein­fach Bestand.

Ein Mythos ist eine umfas­sende Erzäh­lung über Ursprünge und Schick­sale. Er lie­fert Hand­lungs- und Wert­mo­delle, die sich im Laufe der Zeit wie­der­ho­len und poten­zi­ell alle Fra­gen auf vage, aber emo­tio­nal befrie­di­gende Weise beant­wor­ten. Ein guter Mythos erklärt, woher wir kom­men und wohin wir gehen. Die am wei­tes­ten ver­brei­te­ten Mythen las­sen sich so zusam­men­fas­sen, dass sie sich mit einem ein­zi­gen Wort iden­ti­fi­zie­ren las­sen. Mythen des Fort­schritts, des Nie­der­gangs, der Arbeit, der Frei­heit, der Erlö­sung, des Hel­den­tums, des Mär­ty­rer­tums, der Revo­lu­tion, der Apo­ka­lypse, des Über­le­bens, der Ent­de­ckung oder der Hei­mat las­sen sich bei­spiels­weise alle in die fol­gende ein­fa­che Hand­lungs­for­mel brin­gen:

  • Der Mythos der Frei­heit betrach­tet den gegen­wär­ti­gen Zustand der Unter­drü­ckung, Ungleich­heit und Beschrän­kung als vor­über­ge­hen­des Übel, das durch Kampf über­wun­den wer­den kann. Ziel ist es, dass am Ende jeder Mensch frei von Ein­schrän­kun­gen und Zwän­gen leben kann.
  • Der Mythos der Hei­mat besagt, dass Kin­der zwar immer wie­der in die Ferne schwei­fen, um Neues zu ent­de­cken und aus­zu­pro­bie­ren, eine Fami­lie aber nur dann glück­lich wird, wenn sie an ihren Geburts­ort zurück­kehrt.
  • Der Mythos des Über­le­bens besagt, dass selbst wenn eine Kata­stro­phe den Groß­teil der bekann­ten Zivi­li­sa­tion aus­lö­schen würde, die Über­le­ben­den unbe­dingt wei­ter­le­ben müss­ten, damit die Zivi­li­sa­tion neu begin­nen kann. Ein Bei­spiel hier­für ist die Fami­lie aus Fall­out Shel­ter.

Die Pro­pa­ganda nutzt diese Mythen, indem sie sie kon­kre­ti­siert. Eine Wirt­schafts­po­li­tik der freien Markt­wirt­schaft kann zu öko­no­mi­scher Ungleich­heit füh­ren, doch der Mythos des „Ame­ri­can Dream” garan­tiert, dass jeder mit Ein­falls­reich­tum und Anstren­gung erfolg­reich sein kann. Eine natio­na­lis­ti­sche Pro­pa­ganda eines klei­nen Lan­des, das unter Aus­wan­de­rung gelit­ten hat und ver­sucht, seine im Aus­land leben­den Bür­ger zurück­zu­ru­fen, könnte ein inspi­rie­ren­des Bild ver­wen­den, das den Mythos der Hei­mat nutzt.

Ein weit ver­brei­te­ter Mythos, mit dem glo­bale Tech­no­lo­gie­un­ter­neh­men die Ent­wick­lung und den Ein­satz jeg­li­cher Inno­va­tio­nen recht­fer­ti­gen, ist der des Fort­schritts, ins­be­son­dere des tech­no­lo­gi­schen. Die­ser Mythos geht auf die grie­chi­sche Mytho­lo­gie und die Figur des Pro­me­theus zurück. Er besagt, dass Men­schen die Fähig­keit haben, erstaun­li­che Erfin­dun­gen zu machen. Diese die­nen als Werk­zeuge zur Schaf­fung neuer und bes­se­rer Zivi­li­sa­tio­nen. Der Mythos kann jedoch auch erklä­ren, wie Erfin­dun­gen Zivi­li­sa­tio­nen bedroht haben – meist durch Krieg. Mensch­li­che Schwä­chen kön­nen Tech­no­lo­gie miss­brau­chen und so Leid ver­ur­sa­chen. Letzt­lich ist es jedoch die mensch­li­che Krea­ti­vi­tät, die die durch die Inno­va­tion selbst geschaf­fe­nen Pro­bleme lösen wird.

Als Ope­nAI im Jahr 2022 das erste funk­tio­nale künst­li­che Pro­gramm namens ChatGPT ver­öf­fent­lichte, waren die Men­schen einer­seits erstaunt, ande­rer­seits aber auch erschro­cken über diese neue Inno­va­tion. Doch Ope­nAIs CEO Sam Alt­man blieb opti­mis­tisch und glaubte, dass KI nicht nur immer leis­tungs­fä­hi­ger, son­dern auch all­ge­gen­wär­ti­ger wer­den würde. Im Mai 2024 sagte er in einem Inter­view mit dem MIT: „Die Men­schen nut­zen sie, um erstaun­li­che Dinge zu schaf­fen. Wenn wir sehen wür­den, was jeder von uns in zehn oder zwan­zig Jah­ren tun kann, würde es uns heute in Erstau­nen ver­set­zen.“

Der Fort­schritts­my­thos besagt, dass jede Inno­va­tion zwar kurz­fris­tig nega­tive Fol­gen haben kann, sich mit der Zeit jedoch zu einem not­wen­di­gen und wesent­li­chen Bestand­teil des mensch­li­chen Lebens ent­wi­ckelt. Anstatt die Tech­no­lo­gie zu bekämp­fen, sagt uns die­ser Mythos – wie alle Mythen – dass wir sie anneh­men müs­sen, da sie not­wen­dig und unver­meid­lich ist.

Kom­pen­sa­to­ri­sche Stell­ver­tre­ter

Das viel­leicht umstrit­tenste Ver­mächt­nis von Edward Ber­nays, einem der Begrün­der der Pro­pa­ganda und Public Rela­ti­ons im 20. Jahr­hun­dert, war sein Kon­zept der kom­pen­sa­to­ri­schen Sub­sti­tute. Ber­nays war ein Neffe von Sig­mund Freud und wurde stark von der Psy­cho­ana­lyse sei­nes Onkels beein­flusst. Freud ver­trat die Ansicht, dass wir Men­schen trotz unse­res Selbst­ver­ständ­nis­ses als ratio­nale Wesen in Wirk­lich­keit von irra­tio­na­len Trie­ben ange­trie­ben wer­den, die wir oft unter­drü­cken oder in sozial akzep­ta­ble Prak­ti­ken umwan­deln. Ber­nays nannte das Ven­til für diese sub­li­mier­ten Wün­sche ein kom­pen­sa­to­ri­sches Sub­sti­tut: ein Objekt, das ein Pro­dukt, eine Poli­tik oder eine Pra­xis ver­mark­tet, indem es ein Grund­be­dürf­nis weckt, des­sen Besitz wir uns schä­men zuzu­ge­ben. Anschlie­ßend wird ein sozial akzep­ta­bles Mit­tel zur Befrie­di­gung die­ses Bedürf­nis­ses ange­bo­ten.

Ber­nays ver­suchte also, von unse­ren ver­schie­de­nen psy­chi­schen Stö­run­gen zu pro­fi­tie­ren. Wäh­rend Freud Män­nern mit einem Ödi­pus­kom­plex bei­spiels­weise The­ra­pien anbot, die sie davon abhal­ten soll­ten, ihren Vater zu töten, schlug Ber­nays mög­li­cher­weise vor, den Söh­nen statt­des­sen neue Anzüge zu ver­kau­fen. Diese wür­den sie modi­scher aus­se­hen las­sen und sie somit „töten“ – mit bes­se­rem Stil.

Eine wei­tere Grund­lage von Ber­nays’ „neuer Pro­pa­ganda“ (so genannt in den 1920er Jah­ren) war die Aus­nut­zung des „Grup­pen­be­wusst­seins“. Sei­ner Mei­nung nach hat­ten die psy­cho­ana­ly­ti­schen Tech­ni­ken die­sen Begriff im Gegen­satz zu den indi­vi­dua­lis­ti­schen Psy­cho­lo­gien des neun­zehn­ten Jahr­hun­derts geprägt. Mit dem Grup­pen­be­wusst­sein meinte Ber­nays nicht ein alter­na­ti­ves oder kol­lek­ti­ves Bewusst­sein, son­dern unsere Vor­stel­lung davon, was andere Men­schen füh­len und den­ken, die unsere Ent­schei­dungs­pra­xis lei­tet. Der Grup­pen­ge­danke ord­nete somit die instru­men­telle Ratio­na­li­tät der Befrie­di­gung sozia­ler Wün­sche unter. Zu den dem Grup­pen­den­ken zuge­ord­ne­ten Moti­ven gehö­ren dem­nach Kon­kur­renz­den­ken, Sexua­li­tät, ästhe­ti­sches Ver­gnü­gen, Gesel­lig­keit, Ehr­geiz, Rach­sucht, Aggres­sion, Besitz­den­ken, Koope­ra­ti­ons­be­reit­schaft, Altru­is­mus und Exhi­bi­tio­nis­mus.

Der Grup­pen­ge­danke bezieht sich also auf eine bestimmte geis­tige Hal­tung, die sich aus der Ver­bin­dung mit ande­ren ergibt. Er schafft ein kohä­ren­tes Bild des sozia­len Umfelds, indem er einer Gruppe gemein­same Eigen­schaf­ten zuschreibt. Zudem bewer­tet er die eigene Stel­lung in der Bezie­hung zu die­ser Gruppe und beur­teilt die mög­li­chen Vor- oder Nach­teile, die sich aus der Über­nahme einer bestimm­ten Pra­xis oder der Ver­wen­dung eines Pro­dukts für diese Bezie­hung erge­ben.

Mit dem Appell an das Grup­pen­den­ken soll aus­ge­drückt wer­den, dass ein gro­ßer Teil der mensch­li­chen Moti­va­tion sozia­ler Natur ist. Dies ist im heu­ti­gen Mar­ke­ting­um­feld kaum noch eine Offen­ba­rung – anders als noch in den 1920er Jah­ren. Pro­dukte aller Art – von Sei­fen über Smart­phones und Autos bis hin zu Lebens­mit­teln – wer­den durch die Prä­sen­ta­tion attrak­ti­ver Bil­der des sozia­len Umfelds, mit dem sie in Ver­bin­dung gebracht wer­den, ver­kauft. Oft gibt es kaum etwas ande­res, das sie emp­fiehlt.

Die vom Grup­pen­geist inspi­rier­ten Motive unter­schei­den sich somit von kom­pen­sa­to­ri­schen Ersatz­mo­ti­ven.

  • Die Tak­tik des Grup­pen­den­kens ist völ­lig durch­schau­bar. So könnte man Bier bei­spiels­weise dadurch bewer­ben, dass man zeigt, wie enge Freunde gemein­sam ein Bier trin­ken. Dabei wird aus der Sicht des Grup­pen­den­kens nicht der Geschmack oder die Qua­li­tät des Bie­res selbst bewor­ben, son­dern des­sen Fähig­keit, den Gesel­lig­keits­trieb zu befrie­di­gen. Die ange­spro­che­nen Grup­pen sind sich des­sen voll­kom­men bewusst.
  • Es ist nichts „Schänd­li­ches“ an den Wün­schen des Grup­pen­geis­tes. So möchte bei­spiels­weise jeder Freunde haben, und wenn dabei ein gemein­sa­mes Bier hilft, die Freund­schaft zu fes­ti­gen, umso bes­ser. Ein kom­pen­sa­to­ri­scher Ersatz beginnt dage­gen mit einem typi­scher­weise pro­ble­ma­ti­schen Wunsch und gibt oft nicht zu, wie die­ser Wunsch befrie­digt wird.

Da das Ver­lan­gen, das einen kom­pen­sa­to­ri­schen Ersatz moti­viert, in sei­ner Roh­form in der höf­li­chen Gesell­schaft weder zuge­las­sen noch aus­ge­drückt wer­den kann, muss ein Ersatz geschaf­fen wer­den, der die Mus­ter umbe­nennt und in eine akzep­ta­blere Form umlei­tet. Ein jun­ger Mann kann sich bei­spiels­weise sexu­ell unzu­läng­lich füh­len oder von Gleich­alt­ri­gen schi­ka­niert wer­den. Er sehnt sich nach sexu­el­ler und kör­per­li­cher Erobe­rung. Da kommt eine Wer­bung für einen Gelän­de­wa­gen, der rohe Kraft demons­triert. Der Lkw gleicht die emp­fun­de­nen Unzu­läng­lich­kei­ten des jun­gen Man­nes aus – sei es real oder ein­ge­bil­det – und scheint somit sei­nen Preis wert zu sein, obwohl der Käu­fer in der Stadt abso­lut kei­nen Bedarf an einem sol­chen Gelän­de­wa­gen hat.

Ein Bei­spiel für ein dau­er­haf­tes Geschlech­ter­ste­reo­typ, das kom­pen­sa­to­ri­sche Sub­sti­tute nutzt, ist die Ver­bin­dung zwi­schen Gril­len im Freien und Männ­lich­keit. Als Pro­dukt der Vor­stadt­kul­tur der 1950er Jahre, das von der Mar­ke­ting­in­dus­trie bewusst erfun­den wurde, hat sich das Bild des Man­nes, der sei­nen Grill beherrscht und über die im Gar­ten ver­sam­mel­ten Men­schen herrscht, in der Popu­lär­kul­tur fest­ge­setzt. In einem For­bes-Arti­kel aus dem Jahr 2010 lis­tet die Autorin Meg­han Cas­serly drei Gründe auf, warum Gril­len die unter­drück­ten Sehn­süchte von Män­nern befrie­digt.

  • Gril­len dient als Ersatz für die Lust, etwas Auf­re­gen­des und Gefähr­li­ches zu tun. Män­ner haben Feu­er­zeug­ben­zin, ein Streich­holz, einen Hauch von Wind und eine kleine Mist­ga­bel, um damit Dinge anzu­ste­chen.
  • Gril­len befrie­digt den Grup­pen­geist, indem es einen sozia­len Raum für Män­ner schafft. Der Grill bie­tet Unter­hal­tung für die Män­ner, die sich mit Bier um ihn herum ver­sam­meln.
  • Das Gril­len erfor­dert nur wenig Rei­ni­gung, wodurch der prak­ti­sche Wunsch, sich nicht um das Gril­len küm­mern zu müs­sen, befrie­digt wird.

Eine kürz­lich in Wales durch­ge­führte Umfrage ergab, dass fast die Hälfte der Befrag­ten der Mei­nung war, Gril­len sei eine typisch männ­li­che Ange­le­gen­heit. Nur 1 % war der Ansicht, Gril­len sei eine typisch weib­li­che Ange­le­gen­heit. Es über­rascht nicht, dass die Ver­mark­tung des Grills als kom­pen­sa­to­ri­scher Ersatz einen ste­ti­gen Anreiz für Män­ner schafft, grö­ßere Grills zu kau­fen.

Kogni­tive Dis­so­nanz

Eine beson­dere Folge des sym­bo­li­schen Daseins ist der Wunsch, ein kon­sis­ten­tes und kohä­ren­tes Bild von sich selbst zu prä­sen­tie­ren. Men­schen kön­nen Chaos und Inkon­sis­tenz in ihrer Umwelt tole­rie­ren. Aber Chaos und Inkon­sis­tenz in sich selbst wer­den zumin­dest zeit­weise uner­träg­lich – genauer gesagt ist es das Gefühl von Chaos und Inkon­sis­tenz, das uner­träg­lich wird. Denn man könnte argu­men­tie­ren, dass Chaos und Wider­sprüch­lich­keit zum Mensch­sein dazu­ge­hö­ren.

In sol­chen Situa­tio­nen erle­ben wir die schmerz­haf­ten Fol­gen von Heu­che­lei, Täu­schung, Feig­heit, Illoya­li­tät, Ver­rat oder Igno­ranz. Viel­leicht behaup­ten wir, an einen Grund­satz zu glau­ben, hal­ten uns aber nicht daran. Wir ver­ur­tei­len eine Hand­lung, bege­hen sie dann aber selbst. Wir loben eine Tugend, bege­hen dann aber ein Las­ter. Oder wir sagen jeman­dem ins Gesicht etwas, hin­ter sei­nem Rücken aber etwas ande­res. All diese Hand­lun­gen sind gesell­schaft­lich ver­pönt und lösen bei dem­je­ni­gen, der sie begeht, Unbe­ha­gen aus. Diese Erfah­rung des Unbe­ha­gens wird als kogni­tive Dis­so­nanz bezeich­net. Pro­pa­ganda nutzt die Ratio­na­li­sie­rungs­falle, um sie aus­zu­nut­zen.

Ich ver­stehe unter einer Vor­stel­lung eine ein­fa­che Fest­stel­lung. Bei­spiele für gegen­sätz­li­che Vor­stel­lun­gen sind: „Ich bin ehr­lich“ vs. „Ich habe gerade gelo­gen“, „Ich bin gesund­heits­be­wusst“ vs. „Ich rau­che Ziga­ret­ten“ oder „Töten ist falsch“ vs. „Ich bin für die Todes­strafe“. In jedem Fall haben wir es mit einem schein­ba­ren Wider­spruch zu tun, der zumin­dest auf den ers­ten Blick eine Art Rechen­schaft ver­langt.

Bei der soge­nann­ten Ratio­na­li­sie­rungs­falle wird absicht­lich eine kogni­tive Dis­so­nanz her­vor­ge­ru­fen, die anschlie­ßend durch eine Ratio­na­li­sie­rung auf­ge­löst wird. Diese Ratio­na­li­sie­rung dient den Inter­es­sen des Pro­pa­gan­dis­ten (und ver­mut­lich auch denen der Per­son, die die kogni­tive Dis­so­nanz erlebt).

Die Ratio­na­li­sie­rungs­falle besteht aus zwei grund­le­gen­den Schrit­ten.

  • Um Unbe­ha­gen zu erzeu­gen, macht sie die Per­son auf einen Wider­spruch zwi­schen zwei Ideen auf­merk­sam, wodurch diese emo­tio­nal und kogni­tiv betrof­fen ist.
  • Sie bie­tet eine ein­fa­che und über­schau­bare Methode, um diese Dis­so­nanz auf­zu­lö­sen. Sie ist für die Ziel­gruppe zufrie­den­stel­lend und kommt auch dem Pro­pa­gan­dis­ten zugute.

Die Pro­pa­ganda wird so dar­ge­stellt, als diene sie einem nahezu the­ra­peu­ti­schen Zweck. Stel­len wir uns bei­spiels­weise die Metho­den vor, mit denen „Inter­ven­tio­nen“ für Men­schen mit Dro­gen­pro­ble­men durch­ge­führt wer­den. In der Regel beru­hen sol­che Begeg­nun­gen auf der Dis­so­nanz zwi­schen zwei Gedan­ken­gän­gen: „Ich liebe meine Fami­lie“ und „Ich schade mei­ner Fami­lie“ oder „Ich möchte eine Zukunft haben“ und „Ich zer­störe meine Zukunft“. Indem ein sozia­les Umfeld geschaf­fen wird, in dem diese Dis­so­nanz auf­fällt und unver­meid­lich ist, erscheint eine Reha­bi­li­ta­ti­ons­be­hand­lung als attrak­tive und not­wen­dige Lösung.

Ratio­na­li­sie­rungs­fal­len müs­sen jedoch nicht immer so ernst sein. Oft sind sie sehr ein­fach und kön­nen sogar für Hei­ter­keit und Zufrie­den­heit sor­gen. So brachte die Restau­rant­kette Chili’s im Jahr 2023 eine Wer­be­kam­pa­gne mit dem Slo­gan „You Deserve Them More Than Kids Do” her­aus. In der Wer­bung inter­viewt eine Frau in Busi­ness-Klei­dung Kin­der, als wären sie Ange­stellte eines Unter­neh­mens – nur mit einem Korb vol­ler Chi­cken Cris­pers zwi­schen ihnen. Die Inter­views ent­hiel­ten Fra­gen wie „Machst du dir Sor­gen um deine Kre­dit­wür­dig­keit?“, „Konn­test du schon ein­mal nicht ein­schla­fen, weil du dir Sor­gen um dei­nen Schlaf gemacht hast?“ oder „Hast du schon ein­mal ver­sucht, die Rech­nung bei einem Abend­essen in einer gro­ßen Gruppe zu tei­len, wenn jemand nur ‚ein paar Bis­sen‘ von der Vor­speise hatte?“.

Die Kin­der haben natür­lich kei­nen Bezugs­rah­men für diese Fra­gen, da sie sich nicht mit den Pro­ble­men der Erwach­se­nen aus­ein­an­der­set­zen. Eine Aus­nahme ist die Frage „Was machst du in den Som­mer­fe­rien?“, auf die die Ant­wort „Ich kitzle meine Schwes­ter“ kam. Der Slo­gan erscheint erst am Ende des Wer­be­spots, ohne erklärt zu wer­den, ver­voll­stän­digt aber eine Ratio­na­li­sie­rungs­falle. Eltern ver­wöh­nen ihre Kin­der oft mit Brat­hähn­chen, wäh­rend sie sich diese Beloh­nung selbst ver­wei­gern. Der Wer­be­spot stellt diese Pra­xis mit zwei kon­tras­tie­ren­den Ideen in Frage: „Die Kin­der haben nicht gear­bei­tet“ und „Die Kin­der ver­die­nen eine Beloh­nung“ sowie „Erwach­sene arbei­ten hart“ und „Erwach­sene beloh­nen sich nicht“. Da der Wer­be­spot zeigt, dass Kin­der keine Vor­stel­lung von der Ver­ant­wor­tung Erwach­se­ner haben, wird deut­lich, dass nicht die Kin­der, son­dern die Eltern die Hähn­chen­k­nus­per­chen als Beloh­nung für ihre Arbeit und die Erzie­hung einer Fami­lie essen soll­ten.

Doch die Ratio­na­li­sie­rungs­falle führt nicht immer zu einer Ver­hal­tens­än­de­rung. Oft wird sie viel­mehr genutzt, um bereits bestehende Über­zeu­gun­gen und Gewohn­hei­ten zu recht­fer­ti­gen und dem Druck zur Ver­än­de­rung zu wider­ste­hen. Ein Groß­teil der Pro­pa­ganda weckt absicht­lich Dis­so­nan­zen, um die Men­schen noch stär­ker an den Sta­tus quo zu bin­den. Diese Art von Pro­pa­ganda wird häu­fig von Exper­ten und par­tei­ischen Nach­rich­ten­sen­dun­gen ver­brei­tet. Sie beginnt oft mit Phra­sen wie „einige Leute sagen“, „sie wol­len, dass du glaubst“ oder „sie beschul­di­gen dich, dass du bist“, um Dis­so­nan­zen zu erzeu­gen. Anschlie­ßend wird ein Weg zur Lösung des Pro­blems auf­ge­zeigt.

Das Ziel besteht darin, einen ver­meint­li­chen Angriff eines Kri­ti­kers, der Dis­so­nanz her­vor­ru­fen will, zu über­trei­ben, um eine Ver­än­de­rung her­bei­zu­füh­ren. Anschlie­ßend wird die­ser ver­meint­li­che Angriff wider­legt, indem eine noch stich­hal­ti­gere Recht­fer­ti­gung dafür gelie­fert wird, wei­ter­hin genauso zu han­deln, zu den­ken und zu glau­ben. Dabei kom­men in der Regel eine Kom­bi­na­tion aus Res­sen­ti­ments und Empö­rung zum Ein­satz. Tat­säch­lich sind die meis­ten Ratio­na­li­sie­run­gen die­ser Art, da Men­schen nur sel­ten einen Vor­wand brau­chen, um sich nicht zu ändern. Der Vor­teil die­ser Form der Pro­pa­ganda ist, dass sie den Men­schen das Gefühl gibt, selbst­ge­recht zu sein, wäh­rend sie gleich­zei­tig fest ent­schlos­sen blei­ben, die Pro­pa­ganda zu kon­su­mie­ren.

Zur Über­win­dung von kogni­ti­ver Dis­so­nanz ste­hen sechs Stra­te­gien zur Ver­fü­gung.

01. Ver­än­de­rung

Die direk­teste Reak­tion auf kogni­tive Dis­so­nanz ist Ver­än­de­rung, also die Ent­schei­dung für eine Vor­stel­lung und die Ableh­nung der ande­ren. Ver­än­de­rung bedeu­tet jedoch nicht, ein­fach etwas Neues zu tun. Es bedeu­tet auch, Altes auf­zu­ge­ben. Eine häu­fige Auf­for­de­rung zur Ver­än­de­rung betrifft die Ernäh­rungs­ge­wohn­hei­ten. Da jeder Mensch jeden Tag essen und trin­ken muss, ver­wen­den Pro­pa­gan­dis­ten enorme Ener­gie dar­auf, das Auf­ge­ben einer Sache und das Anfan­gen einer ande­ren zu pro­pa­gie­ren. Die Tak­tik besteht darin, ein­fa­che Dicho­to­mien auf­zu­stel­len und das eine als mit den Wer­ten ver­ein­bar und das andere als inkon­se­quent dar­zu­stel­len.

Wenn dir die Umwelt am Her­zen liegt, soll­test du auf Mas­sen­pro­dukte ver­zich­ten und statt­des­sen Bio-Pro­dukte kau­fen. Wenn du eine bes­sere Ver­dau­ung wünschst, soll­test du glu­ten­freie Nudeln wäh­len und Brot mei­den. Wenn du ernst­haft abneh­men möch­test, soll­test du Koh­len­hy­drate mei­den und dich auf Fleisch und Eiweiß kon­zen­trie­ren.

Appelle zur Ver­än­de­rung sind oft alles andere als sub­til. Sie über­trei­ben die Unter­schiede und eli­mi­nie­ren jeden Mit­tel­weg, sodass eine dra­ma­ti­sche Ent­schei­dung erzwun­gen wird. Sind sie jedoch zu stark, besteht die Gefahr, dass sie einen Black­flash aus­lö­sen. Wenn es kei­nen Mit­tel­weg gibt, kann dies zu einer Form der Pola­ri­sie­rung füh­ren. Ein pro­vo­kan­ter Wer­be­spot der Orga­ni­sa­tion PETA (Peo­ple for the Ethi­cal Tre­at­ment of Ani­mals) zeigt bei­spiels­weise ein jun­ges Mäd­chen, das an Thanks­gi­ving das Tisch­ge­bet spricht und sich anschlie­ßend für die grau­same Behand­lung von Trut­häh­nen bedankt, bevor es das Essen ser­viert bekommt. Die dadurch erzeugte kogni­tive Dis­so­nanz zwi­schen den Gedan­ken „Ich bin ein ethi­scher Mensch” und „Ich unter­stütze die Fol­ter von Tie­ren” soll dazu ermu­ti­gen, ganz auf Fleisch zu ver­zich­ten, um das eigene Selbst­bild wie­der­her­zu­stel­len. Die­ser Ansatz macht jedoch auch Kom­pro­misse prak­tisch unmög­lich.

02. Ver­wei­ge­rung

Die ent­ge­gen­ge­setzte Tak­tik des Wan­dels ist die Ver­leug­nung – sofern man dies über­haupt als Tak­tik bezeich­nen kann. Dabei ver­sucht man, die Exis­tenz kogni­ti­ver Dis­so­nanz zu leug­nen, indem man alle Nach­rich­ten aus­blen­det, die diese beto­nen wür­den.

Dies kann dadurch erreicht wer­den, dass Quel­len, die an diese Dis­so­nanz erin­nern, aus­ge­blen­det wer­den, indem bestimmte Medien gemie­den oder die Kom­mu­ni­ka­tion mit ande­ren Men­schen gemie­den wird. Ver­leug­nung ist also eine Form der Iso­la­tion. Wenn man nie mit etwas kon­fron­tiert wird, das den Wider­spruch ans Licht bringt, dann wird die­ser nicht mehr als exis­tent emp­fun­den.

Heute kön­nen Men­schen dies errei­chen, indem sie sich in Echo­kam­mern zurück­zie­hen, die aus­schließ­lich aus Per­so­nen bestehen, die geschlos­sene Vor­stel­lun­gen wie­der­ho­len und für Alter­na­ti­ven nicht offen sind. Im Extrem­fall führt dies zu einer Ver­wei­ge­rung, die eine Aus­ein­an­der­set­zung mit ande­ren Ansich­ten ver­hin­dert. Der Medi­en­kri­ti­ker Eli Pari­ser prägte den Begriff „Fil­ter­blase” für diese Art der Anpas­sung von Such­ergeb­nis­sen durch Algo­rith­men, die mit der Geschichte und den Vor­lie­ben der Nut­zer über­ein­stim­men. Er nannte dies ein „per­sön­li­ches Infor­ma­ti­ons­öko­sys­tem”, das die Men­schen vor jeder Art von kogni­ti­ver Dis­so­nanz schützt, indem es die Sicht­bar­keit bestimm­ter Inhalte ein­schränkt. Da viele Web­sites per­so­na­li­sierte Inhalte auf der Grund­lage unse­res Brow­ser­ver­laufs und ande­rer Daten anbie­ten, führt dies zu einer stän­di­gen Aus­blen­dung von Ansich­ten, die Zwei­fel oder Wider­sprü­che her­vor­ru­fen könn­ten.

03. Ver­stär­kung

Eine schwa­che, jedoch weit ver­brei­tete Form der Ratio­na­li­sie­rung ist die Ver­stär­kung. Sie dient weni­ger dazu, den Wider­spruch auf­zu­lö­sen, als ihn mit Applaus zu über­tö­nen. Bei der Unter­stüt­zung wird der Wider­spruch zwar akzep­tiert, jedoch wird dabei an die Kon­ven­tio­nen der eige­nen Umge­bung und ins­be­son­dere der bevor­zug­ten Peer-Group appel­liert. Es läuft auf eine Ver­tei­di­gung hin­aus: „Klar, aber das machen doch alle ande­ren auch.“ Beim Ver­stär­ken gibt man den Wider­spruch hin­ge­gen ein­fach auf und akzep­tiert ihn so, wie er ist – zumin­dest solange man von einem unter­stüt­zen­den sozia­len Umfeld umge­ben ist.

Beson­ders auf­mun­ternd sind Situa­tio­nen, in denen eine Per­son Grup­pen­druck und ‑den­ken aus­ge­setzt ist. Wenn dann noch Dro­gen und Alko­hol hin­zu­kom­men, tun die Leute bald Dinge, die sie sich geschwo­ren haben, nie­mals zu tun. Solange sie von ande­ren umge­ben sind, die das Glei­che tun, scheint alles in Ord­nung zu sein – zumin­dest eine Zeit lang. Doch diese Ver­stär­kung ist nur von kur­zer Dauer und hält nur so lange an, wie die unter­stüt­zende Atmo­sphäre in unmit­tel­ba­rer Nähe besteht. Um die Meta­pher der Party auf­zu­grei­fen: Der Kater am nächs­ten Mor­gen bringt Reue und die Dis­so­nanz kehrt zurück.

Eine Auf­wer­tung kann einen selbst­zer­stö­re­ri­schen Kreis­lauf aus­lö­sen. Man fühlt sich nur dann gerecht­fer­tigt, wenn man sich inmit­ten der Gruppe befin­det. Außer­halb der Gruppe pro­du­ziert man hin­ge­gen For­men des Selbst­has­ses. Zwar ermög­licht uns die Auf­wer­tung, in der Gesell­schaft zurecht­zu­kom­men, jedoch geht dies auf Kos­ten der zugrun­de­lie­gen­den Dis­so­nanz, die hin­ter den Kulis­sen schwelt. Nor­ma­ler­weise wäre es zum Bei­spiel ein Zei­chen von Ver­ant­wor­tungs­lo­sig­keit, sich frei­wil­lig in Gefahr zu bege­ben, indem man neben wüten­den Stie­ren her­läuft, die einen mit ihren Hör­nern auf­spie­ßen und töten könn­ten.

Beim San-Fer­min-Fest in Pam­plona, Spa­nien, sind sol­che Akti­vi­tä­ten jedoch erlaubt – und wäh­rend des berühm­ten „Stier­laufs“, der jedes Jahr im Juli statt­fin­det, sogar geför­dert. Das Fest, das Ernest Heming­way in sei­nem Roman The Sun Also Rises ver­ewigte, zieht heute Tau­sende von Tou­ris­ten an. Sie bege­ben sich gerne in Gefahr, was mit dem Appell an die „Tra­di­tion“ begrün­det wird, die ein sol­ches Ver­hal­ten wäh­rend der Fest­wo­che erlaubt. Wie könnte es falsch sein, wenn es sich um eine spa­ni­sche Tra­di­tion seit über 400 Jah­ren han­delt?

04. Modi­fi­ka­tion

Im Gegen­satz zur Ver­stär­kung, bei der der Wider­spruch ledig­lich in den Hin­ter­grund gedrängt wird, zielt die Modi­fi­zie­rung dar­auf ab, ihn voll­stän­dig auf­zu­lö­sen, indem die Bedin­gun­gen, die den Wider­spruch aus­lö­sen, geän­dert wer­den. Dazu wer­den die Prä­mis­sen und Fak­ten einer oder bei­der Sei­ten ver­än­dert, um zu zei­gen, dass kein Wider­spruch besteht. Wenn die Ände­rung der Prä­mis­sen jedoch eine irre­füh­rende Mani­pu­la­tion von Fak­ten beinhal­tet, kann die Modi­fi­zie­rung als Ver­zer­rung bezeich­net wer­den. Ein Bei­spiel hier­für ist die Erd­öl­in­dus­trie, die die glo­bale Erwär­mung leug­net, um ihre fort­ge­setz­ten Inves­ti­tio­nen in fos­sile Brenn­stoffe zu recht­fer­ti­gen.

Eine Modi­fi­ka­tion bedeu­tet jedoch nicht zwangs­läu­fig eine Ver­zer­rung. Sie bedeu­tet ledig­lich, dass die akzep­tier­ten Bedin­gun­gen des Wider­spruchs durch etwas Neues ersetzt wer­den. Selbst eine Hand­lung oder ein Glaube, die bzw. der wis­sen­schaft­li­chen Erkennt­nis­sen zu wider­spre­chen scheint, kann ratio­na­li­siert wer­den, wenn künf­tige For­schun­gen erge­ben, dass die ursprüng­li­chen wis­sen­schaft­li­chen Erkennt­nisse unzu­tref­fend waren. Als die ers­ten Pocken­impf­stoffe getes­tet wur­den, erschien es den meis­ten Men­schen absurd, sich vor einem Virus zu schüt­zen, indem man sich ihm aus­setzt.

Kurz gesagt beruht die Modi­fi­zie­rung oft dar­auf, Infor­ma­tio­nen aus glaub­wür­di­gen Quel­len zu beschaf­fen, um die Fak­ten zu ver­än­dern und zu zei­gen, dass ein schein­ba­rer Wider­spruch eine Illu­sion ist (auch wenn die eigene Inter­pre­ta­tion des­sen, was „Glaub­wür­dig­keit“ aus­macht, höchst frag­wür­dig sein mag).

So brann­ten bei­spiels­weise im Jahr 2020 Tau­sende Hektar des Ama­zo­nas-Regen­wal­des in Bra­si­lien. Der dama­lige Prä­si­dent Jair Bol­so­n­aro wies die Vor­würfe jedoch zurück, er würde das Land nicht aus­rei­chend schüt­zen. In einer Rede vor den Ver­ein­ten Natio­nen behaup­tete er nicht nur fälsch­li­cher­weise, die Brände seien auf die äußers­ten Rän­der des Wal­des beschränkt, son­dern er beschul­digte auch fälsch­li­cher­weise indi­gene Völ­ker, die Brände gelegt zu haben. Durch diese Ver­dre­hung der Tat­sa­chen konnte Bol­so­n­aro den Anschein erwe­cken, ein Beschüt­zer des Ama­zo­nas zu sein, obwohl er gleich­zei­tig die groß­flä­chige Rodung von Land für Vieh­wei­den för­derte.

05. Dif­fe­ren­zie­rung

Die Tak­tik der Dif­fe­ren­zie­rung ist kom­ple­xer als die vier ande­ren, die wir unter­sucht haben. Einer­seits gibt sie den Wider­spruch unum­wun­den zu, ande­rer­seits nutzt sie einen unter­schied­li­chen situa­ti­ven Kon­text, um seine Exis­tenz zu erklä­ren und zu recht­fer­ti­gen. Sie macht also gewis­ser­ma­ßen eine stän­dige Aus­nahme von der Regel. Ein Bei­spiel: Man sagt „Du sollst nicht töten“, fügt dann aber die Ein­schrän­kung „es sei denn in einem gerech­ten Krieg oder zur Selbst­ver­tei­di­gung“ hinzu. Dies ist eine prag­ma­ti­sche Unter­schei­dung im Kon­text.

Anstatt davon aus­zu­ge­hen, dass unsere Prin­zi­pien für alle Kon­texte und Zei­ten gel­ten, besagt sie, dass unsere Prin­zi­pien nur in bestimm­ten Situa­tio­nen aktiv sind und ver­läss­li­che Ergeb­nisse garan­tie­ren. Was in einem Kon­text eine tugend­hafte Hand­lung zu sein scheint, kann in einem ande­ren Kon­text als Las­ter erschei­nen. In Rea­lity-Shows wie „Sur­vi­vor” müs­sen sich nor­ma­ler­weise ehr­li­che und auf­rich­tige Men­schen stän­dig täu­schen und ver­ra­ten, um zu gewin­nen – mit der Recht­fer­ti­gung, dass dies ein­fach zum Spiel dazu­ge­hört.

Die Dif­fe­ren­zie­rung schafft also Hand­lungs­ka­te­go­rien, die für sich allein zu ste­hen schei­nen und sich dem Wider­spruch ver­wei­gern. Wenn wir in diese Situa­tio­nen ein­tre­ten, legt die Dif­fe­ren­zie­rung uns ent­we­der Ver­pflich­tun­gen auf oder befreit uns von sol­chen, die anderswo gel­ten wür­den. Die Dif­fe­ren­zie­rung lädt somit zu einer rela­ti­vis­ti­schen Ethik ein, die sich von uni­ver­sa­lis­ti­schen Prin­zi­pien abwen­det und die Details der jewei­li­gen Umstände in den Fokus rückt. Als bei­spiels­weise wäh­rend des US-Prä­si­dent­schafts­wahl­kampfs 2016 ein Ton­band ver­öf­fent­licht wurde, auf dem der dama­lige Kan­di­dat Donald Trump anzüg­li­che Bemer­kun­gen über Frauen machte, ent­schul­digte er sich zwar für diese Bemer­kun­gen, recht­fer­tigte sein Ver­hal­ten aber den­noch, indem er es als „Umklei­de­ka­bi­nen­ge­spräch“ bezeich­nete. Das bedeu­tet, dass er zwar zugab, dass ein sol­ches Ver­hal­ten in der Öffent­lich­keit unan­ge­bracht sei, in der pri­va­ten Umklei­de­ka­bine unter Män­nern jedoch akzep­ta­bel.

06. Tran­szen­denz

Die Stra­te­gie der Tran­szen­denz ermög­licht es uns schließ­lich, alles zu haben, indem sie uns ver­ti­kal statt hori­zon­tal trans­por­tiert. Die Tak­tik der Tran­szen­denz nimmt eine Posi­tion ober­halb eines schein­ba­ren Wider­spruchs ein, sodass die­ser aus die­ser Per­spek­tive nicht mehr als Wider­spruch erscheint. Mit ande­ren Wor­ten: Ein schein­ba­rer Wider­spruch kann auf­ge­löst wer­den, indem eine Per­spek­tive ein­ge­nom­men wird, aus der es keine Gegen­sätze mehr gibt.

Stelle dir einen Vater vor, der sei­nem Sohn ewige Liebe schwört. Und doch weckt er ihn im Win­ter jeden Mor­gen um fünf Uhr, wirft ihn in einen eisi­gen See und peitscht ihn mit einem Gür­tel aus, wenn er wie­der auf­taucht. Wie bringt er die­sen Wider­spruch unter einen Hut? Tran­szen­denz: „Das Leben ist hart und wird dich miss­han­deln. Nur wenn wir ler­nen, Lei­den zu ertra­gen, kön­nen wir Gro­ßes errei­chen.“ Die Tran­szen­denz erlaubt es dem Vater, sowohl lie­be­voll als auch grau­sam zu sein und auf bei­des stolz zu sein. Die­ser Schritt zu einer „höhe­ren” Recht­fer­ti­gung wird als Tran­szen­denz nach oben bezeich­net, da er eine an sich pro­ble­ma­ti­sche Hand­lung zu einer lobens­wer­ten macht.

Hand­lun­gen, die „für das All­ge­mein­wohl“, „zur Ehre Got­tes“ oder „als Opfer für die Frei­heit“ began­gen wer­den, sind alle­samt Argu­mente aus der Tran­szen­denz. Als der rus­si­sche Prä­si­dent Wla­di­mir Putin im Februar 2022 den Ein­marsch in die Ukraine anord­nete, waren seine Begrün­dun­gen bei­spiels­weise sofort para­dox. Einer­seits behaup­tete Putin, die Ukraine sei Teil Russ­lands und Ukrai­ner und Rus­sen seien ein Volk. Ande­rer­seits schuf er mit sei­ner Inva­sion die Vor­aus­set­zun­gen für die groß­flä­chige Zer­stö­rung von Städ­ten und den Tod Zehn­tau­sen­der Ukrainer:innen. Putin löste diese Dis­so­nanz, indem er behaup­tete, „Nazis“ hät­ten den ukrai­ni­schen Staat über­nom­men und ver­üb­ten einen „Völ­ker­mord“ an den „Natur­rus­sen“, sodass die Inva­sion die Ukraine „ent­na­zi­fi­zie­ren“ und das Volk somit befreien würde. So konnte sich Putin trotz des Krie­ges gegen die Ukraine als Beschüt­zer der Ukrai­ner dar­stel­len.

Warum nie­mand ein Schaf ist

Men­schen han­deln stets aus einem Grund, von dem sie glau­ben, dass er gut ist und sie in irgend­ei­ner Weise befä­hi­gen wird. Aus der Außen­per­spek­tive scheint es, als wür­den Men­schen stän­dig irra­tio­nal, selbst­zer­stö­re­risch, grau­sam und unmo­ra­lisch han­deln. Pro­pa­gan­dis­ten und Kri­ti­ker soll­ten sich jedoch stets vor Augen füh­ren, dass Men­schen nicht dumm sind. Jeder hat einen Grund für das, was er glaubt und tut. Jeder hat ein Bild von sich selbst als ratio­na­les, mora­li­sches Wesen und den Wunsch, sei­nen Wil­len in der Welt durch­zu­set­zen. Unab­hän­gig von Klasse, Bil­dung, Natio­na­li­tät, Geschlecht, Rasse, Eth­nie oder ande­ren demo­gra­fi­schen Kate­go­rien wol­len alle Men­schen ihre Fähig­kei­ten ent­wi­ckeln, um in die­ser wider­spens­ti­gen Welt zu han­deln und ihre Ziele zu errei­chen. Nie­mand ist ein „Schaf“ und möchte „fol­gen“ oder „gehor­chen“ und schon gar nicht „pas­siv“ und „gedan­ken­los“ sein.

Die­ser Ein­druck wird jedoch meist durch Pro­pa­ganda in Zusam­men­ar­beit mit unse­rem eige­nen Stolz erzeugt. Empi­risch gese­hen gibt es keine Garan­tie dafür, dass eine soziale Maß­nahme zu guten Ergeb­nis­sen führt. Viele gute Absich­ten wer­den von fal­schen Vor­stel­lun­gen gelei­tet und enden in einer Kata­stro­phe. Um zu ver­ste­hen, warum Men­schen han­deln, wie sie han­deln, ist es am bes­ten, davon aus­zu­ge­hen, dass sie glau­ben, ihr Han­deln sei gerecht­fer­tigt und in ihrem bes­ten Inter­esse. Die Pro­pa­ganda lie­fert ihnen diese Recht­fer­ti­gun­gen.

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