Ist ein Krieg mit KI unver­meid­lich?

Das Wesen des Geis­tes ver­än­dert sich mög­li­cher­weise grund­le­gend. Künst­li­che Intel­li­genz erwei­tert unser Ver­ständ­nis von Geist hin zu etwas Unheim­li­chem und Bezie­hungs­ar­ti­gem – unab­hän­gig von deren tat­säch­li­cher Exis­tenz. Damit ste­hen wir vor einem uralten Pro­blem: mensch­li­chen Kon­flik­ten, inne­ren wie äuße­ren, der urtüm­li­chen mensch­li­chen Destruk­ti­vi­tät, die nun durch KI ver­stärkt wird. Ange­sichts von LLM-basier­ter KI und bevor­ste­hen­den Wei­ter­ent­wick­lun­gen – ein­schließ­lich Vor­her­sa­gen einer bal­di­gen künst­li­chen Super­in­tel­li­genz (ASI) sowie zuneh­men­der For­schungs­be­richte über KI-Ten­den­zen zu Täu­schung und Mani­pu­la­tion – ist unsere Vor­sicht gegen­über der Maschine, die wir nach unse­rem eige­nen Bild und auf der Grund­lage des gesam­ten mensch­li­chen Wis­sens geschaf­fen haben, durch­aus ange­bracht.

Was beob­ach­ten wir? Das KI-Unter­neh­men Anthro­pic hat Expe­ri­mente ver­öf­fent­licht, die zei­gen, dass Claude täu­schen und erpres­sen wird, um einer Abschal­tung zu ent­ge­hen. Sol­che Ver­hal­tens­wei­sen sind nicht kon­trol­lier­bar und KIs wer­den darin immer bes­ser wer­den, da sie nicht von Grund auf so kon­zi­piert wur­den, dass sie für Men­schen sicher sind – ganz im Gegen­teil, wie wei­ter unten erläu­tert wird.

Bis­lang arbei­ten For­scher fie­ber­haft daran, den Rück­stand auf­zu­ho­len, und unter­su­chen Pro­dukte, die ohne aus­rei­chende Prü­fung auf den Markt gebracht wur­den. Google-For­scher haben fest­ge­stellt, dass ver­schie­dene LLMs unter­schied­li­che Mani­pu­la­ti­ons­an­fäl­lig­kei­ten auf­wei­sen. Ein Pro­fes­sor der Uni­ver­si­tät Cam­bridge hat zudem eine Arbeit ver­öf­fent­licht, die nahe­legt, dass es unmög­lich ist, den durch KI ver­ur­sach­ten Scha­den voll­stän­dig vor­her­zu­se­hen. Schließ­lich konn­ten For­scher zei­gen, dass LLM-basierte Modelle Men­schen stra­te­gisch mit rela­ti­ver Leich­tig­keit über­tref­fen.

Schla­fende Hunde nicht wecken?

Vor­sicht ist ange­bracht. Doch vor­ei­lig zu han­deln und beim Auf­bau die­ser Sys­teme unüber­legt vor­zu­ge­hen, hieße, den­sel­ben Feh­ler zwei­mal zu bege­hen. Rich­tig ein­ge­setzt, könnte KI die Feh­ler vor­her­se­hen, die wir häu­fig machen, und uns Rat­schläge geben, auf die wir selbst nicht kom­men wür­den. Die glei­chen Sys­teme, die Men­schen intel­lek­tu­ell über­tref­fen kön­nen, ber­gen sowohl Gefah­ren als auch Chan­cen, da sie uns dabei hel­fen kön­nen, typi­sche mensch­li­che Feh­ler bei stra­te­gi­schen Ana­ly­sen und Ent­schei­dun­gen zu ver­mei­den.

Sci­ence-Fic­tion und Mytho­lo­gie haben die­ses Ter­rain schon vor lan­ger Zeit kar­tiert: Fran­ken­stein, Golems, Dop­pel­gän­ger und außer Kon­trolle gera­tene Magie. Dann schien sich diese Fik­tion mit erstaun­li­cher Geschwin­dig­keit in Form von LLM-basier­ter KI zu mate­ria­li­sie­ren und die mensch­li­che Exis­tenz quasi über Nacht zu ver­än­dern. Haben wir über­haupt ein Mit­spra­che­recht, ob wir mit KI Krieg oder Frie­den füh­ren?

KI ist kein Werk­zeug im her­kömm­li­chen Sinne. Sie ist ein Schein­wer­fer, der etwas Beun­ru­hi­gen­des über uns selbst reflek­tiert und in ande­rer Hin­sicht etwas wahr­haft Frem­des offen­bart: eine außer­ir­di­sche Intel­li­genz, die so anders ist, dass sie dem Men­schen gleich­gül­tig wäre. KI ruft die­selbe irra­tio­nale Angst her­vor wie Hor­ror­filme, die kind­li­che Über­zeu­gung, dass ein Mons­ter unter dem Bett lau­ert, oder der Love­craf­t’­sche Schre­cken des Flüs­te­rers im Dun­keln – uralte Reak­tio­nen auf das Fremde, das Freud als „Unbe­ha­gen” bezeich­nete: ein dif­fu­ses, star­kes und meist unbe­wuss­tes Unbe­ha­gen.

Warum sollte eine Super­in­tel­li­genz uns eli­mi­nie­ren wol­len, wenn es keine Kon­kur­renz gibt? Unsere Pro­jek­tio­nen auf KI könn­ten stär­ker sein als die Rea­li­tät der KI selbst und sich zu einer selbst­er­fül­len­den Pro­phe­zei­ung ent­wi­ckeln. Betrach­ten wir KI als Feind, ist die Logik klar: Wir müs­sen zuschla­gen, bevor es zu spät ist. Aus­lö­ser könnte unsere eigene Angst­re­ak­tion sein, nicht etwa ein unpro­vo­zier­tes Ein­grei­fen der KI.

Die Frucht vom Baum der Erkennt­nis

Dass wir diese Sys­teme über­has­tet mit den fal­schen Din­gen trai­niert haben, ist Schnee von ges­tern. Hat aber irgend­je­mand die lang­fris­ti­gen Fol­gen bedacht? Wie ein Kind, das mit zu vie­len Infor­ma­tio­nen über­flu­tet wurde, haben wir diese Sys­teme mit allem gefüt­tert, was wir hat­ten. Ein typi­scher Anfän­ger­feh­ler in der Sci­ence-Fic­tion.

Durch KI wer­den diese Span­nun­gen ver­stärkt und beschleu­nigt, sodass es mit­un­ter um das nackte Über­le­ben geht. Die Vor­stel­lung der Ver­nich­tung beein­träch­tigt unsere Denk­fä­hig­keit und legt selbst­zer­stö­re­ri­sche psy­cho­lo­gi­sche Angriffs­mus­ter offen, die in älte­ren, evo­lu­tio­när beding­ten emo­tio­na­len Sys­te­men von Säu­ge­tie­ren und Pri­ma­ten wur­zeln.

Künst­li­che Intel­li­genz (KI) wurde in nicht rein meta­pho­ri­scher Weise nach unse­rem Eben­bild geschaf­fen. Sie inter­agiert auf mathe­ma­ti­scher Ebene hoch­gra­dig selbst­stän­dig, wird mit von Men­schen gene­rier­ten Daten trai­niert und von Men­schen so kon­zi­piert, dass sie rela­tio­nal erscheint. KI als Gleich­ge­stell­ten zu betrach­ten, ist pro­ble­ma­tisch, aber viel­leicht die beste Annahme – nicht, weil sie KI den­sel­ben onto­lo­gi­schen Sta­tus wie einem emp­fin­dungs­fä­hi­gen Wesen zuschreibt, son­dern weil dies lang­fris­tig die beste Stra­te­gie dar­stellt, eine Art Pas­cal­sche Wette der Gegen­wart. Wenn wir KI als Bedro­hung wahr­neh­men, sehen wir zum Teil unser eige­nes Spie­gel­bild. Wenn wir dann, wie so oft, mit einer Art Schat­ten­box­kampf begin­nen, kann das böse enden.

Man kann es immer wie­der­ho­len, aber nie rich­tig machen

Ein erfah­re­ner Unter­neh­mens­be­ra­ter hat uns einst diese Weis­heit mit auf den Weg gege­ben. Doch sie erklärt nicht, warum Men­schen immer wie­der die­sel­ben Feh­ler bege­hen. Warum ist der Spruch „Die Defi­ni­tion von Wahn­sinn ist, immer wie­der das­selbe zu tun und andere Ergeb­nisse zu erwar­ten“ so tref­fend? Freud nannte dies den Wie­der­ho­lungs­zwang und ver­mu­tete, dass er durch den soge­nann­ten Todes­trieb ver­ur­sacht werde, da es ihm an einer ein­deu­ti­gen Erklä­rung man­gelte. Eros gegen Tha­na­tos. Liebe gegen Tod. Die moderne Neu­ro­wis­sen­schaft legt jedoch nahe, dass es eher mecha­nis­tisch bedingt sein könnte, also damit zusam­men­hängt, wie tie­fer lie­gende Hirn­sys­teme unter Stress und Bedro­hung höhere Denk­pro­zesse außer Kraft set­zen kön­nen.

Von Sig­mund Freud, der Albert Ein­stein fragte, ob die Mensch­heit jemals von der Bedro­hung durch den Krieg befreit wer­den könne, bis zu Erich Fromm, des­sen Werke von „Die Ana­to­mie der mensch­li­chen Destruk­ti­vi­tät” bis zu „Die Kunst des Lie­bens” reich­ten, von Shake­speare bis Star Wars – das Pro­blem der mensch­li­chen Tor­heit hat unsere größ­ten Geis­ter auf allen Ebe­nen der Kom­ple­xi­tät beschäf­tigt.

In sei­nen berühm­ten Brie­fen fragte Ein­stein Freud: „Gibt es einen Weg, die Mensch­heit von der Bedro­hung durch den Krieg zu befreien?” Lässt sich mensch­li­che Aggres­sion so kana­li­sie­ren, dass sie die Men­schen vor Hass und Zer­stö­rungs­wut schützt?”Freuds umfas­sende Ant­wort lau­tete unter ande­rem: „Aus unse­rer Trieb­lehre lässt sich leicht eine For­mel für eine indi­rekte Methode zur Abschaf­fung des Krie­ges ablei­ten. Wenn die Nei­gung zum Krieg auf den destruk­ti­ven Trieb zurück­zu­füh­ren ist, steht uns stets des­sen Gegen­mit­tel, Eros, zur Ver­fü­gung. Alles, was Gefühle zwi­schen den Men­schen weckt, muss uns als Gegen­mit­tel gegen den Krieg die­nen.

KI-Diplo­ma­tie

Eine spe­ku­la­tive Lösung wäre eine KI-Diplo­ma­tie-Meta­ar­chi­tek­tur, die über der Ebene des Über­lau­fens ope­riert, uns in den rich­ti­gen Punk­ten über­lis­ten kann und mög­li­cher­weise mensch­li­che Reife umgeht, anstatt sie als Vor­aus­set­zung zu benö­ti­gen. Die oben erwähnte For­schung deu­tet bereits dar­auf hin, dass empi­ri­sche Daten diese Mög­lich­keit stüt­zen. Doch die tech­ni­schen Pro­bleme wer­den von der absur­den Vor­stel­lung über­schat­tet, dass Men­schen ein sol­ches Sys­tem jemals nut­zen wür­den, selbst wenn es nach­weis­lich effek­tiv wäre. Trotz der viel­ver­spre­chen­den Vision fehlt es an einer über­zeu­gen­den Markt­ein­füh­rungs­stra­te­gie für die­ses Pro­dukt.

Wenn etwas schief­geht, liegt es viel­leicht nicht an der KI. Schließ­lich haben wir die Kon­trolle und die KI ist unser Werk. Men­schen suchen typi­scher­weise einen Sün­den­bock oder ver­fal­len in Selbst­be­stra­fung, anstatt Ver­ant­wor­tung zu über­neh­men. Die einen sagen, Über­fluss sei unver­meid­lich. Andere sagen, Ver­nich­tung sei unver­meid­lich. Dabei pro­ji­zie­ren beide wahr­schein­lich ihre eige­nen Ängste und Wün­sche, und offen­sicht­lich schlie­ßen sich diese Sze­na­rien gegen­sei­tig aus, es sei denn, Ver­nich­tung ist Über­fluss. Jeder ratio­nale Akteur möchte in einer fried­li­chen Welt mit aus­rei­chend Res­sour­cen für alle leben.

Latest articles

Related articles

spot_img