KI kann intel­li­gente Men­schen weni­ger klug machen

Ein Mathe­ma­ti­ker nutzt ChatGPT, um eine Rech­nung zu über­prü­fen, die er pro­blem­los im Kopf lösen könnte. Ein Mana­ger nutzt KI, um eine E‑Mail zu ver­fas­sen, die er schon hun­dert Mal geschrie­ben hat. Ein Pro­fes­sor bit­tet Note­BookLM, eine stu­den­ti­sche Arbeit zusam­men­zu­fas­sen, die er auf­grund sei­ner Fach­kennt­nisse selbst lesen könnte. Gibt es einen Unter­schied zwi­schen dem Spei­chern von Infor­ma­tio­nen und dem Spei­chern der Stelle, an der man sie fin­det? Gibt es einen Unter­schied zwi­schen dem Wis­sen, wie man eine Auf­gabe erle­digt, und dem Wis­sen, wie man sie erle­di­gen lässt?

Das „kogni­tive Off­loa­ding“, also die Ver­la­ge­rung geis­ti­ger Arbeit auf externe Hilfs­mit­tel, sollte jeden beschäf­ti­gen, der Wert auf seine eigene Intel­li­genz legt. Wenn wir die Wahl haben, ein Pro­blem selbst zu durch­den­ken oder es der Tech­no­lo­gie zu über­las­sen, ent­schei­den wir uns dann für das Hilfs­mit­tel, obwohl wir es durch­aus aus eige­ner Kraft lösen könn­ten?

Die meta­ko­gni­tive Falle

Eine Fähig­keit, die man nicht trai­niert, kann man nicht ent­wi­ckeln. Sam Gil­bert stellte in sei­nen Expe­ri­men­ten etwas fest, das er als Erin­ne­rungs-Bias bezeich­net. Dabei han­delt es sich um die Ten­denz, externe Gedächt­nis­stüt­zen zu nut­zen, obwohl das eigene Gedächt­nis aus­rei­chen würde. Die Teil­neh­mer ent­schie­den sich dafür, digi­tale Erin­ne­run­gen für Auf­ga­ben ein­zu­rich­ten, an die sie sich auch ohne Hilfe leicht erin­nern konn­ten. Selbst als ihnen Geld ange­bo­ten wurde, um sie dazu zu bewe­gen, sich auf ihr eige­nes Gedächt­nis zu ver­las­sen, konn­ten sie diese Ten­denz nicht über­win­den.

Die Ursa­che scheint meta­ko­gni­ti­ver Natur zu sein. Men­schen unter­schät­zen ihre eige­nen kogni­ti­ven Fähig­kei­ten. Sie glau­ben, sie wür­den etwas ver­ges­sen, und rich­ten daher eine Erin­ne­rung ein. Sie glau­ben, sie könn­ten ein Pro­blem nicht lösen, und fra­gen daher die KI. Mit der Zeit ent­steht so eine sich selbst erfül­lende Pro­phe­zei­ung. Indem sie sich kon­se­quent für das externe Hilfs­mit­tel ent­schei­den, trai­nie­ren sie ihre inne­ren Fähig­kei­ten nie.

Gil­bert stellte fest, dass sich diese Ver­zer­run­gen zu cha­rak­te­ris­ti­schen Eigen­schaf­ten ent­wi­ckeln. Wer im Alter von 25 Jah­ren gewohn­heits­mä­ßig kogni­tive Auf­ga­ben an andere abgibt, wird dies wahr­schein­lich auch mit 45 noch tun. Die Ner­ven­bah­nen, die im frü­hen Erwach­se­nen­al­ter nicht trai­niert wur­den, ent­wi­ckeln sich mög­li­cher­weise nie voll­stän­dig.

Das Gehirn in dei­ner Tasche

Wenn das Pro­blem nur das Gedächt­nis betref­fen würde, wäre es viel­leicht nicht wei­ter schlimm. Schließ­lich spricht nichts dage­gen, sich eine Erin­ne­rung auf dem Handy ein­zu­stel­len. Doch For­schungs­er­geb­nisse deu­ten dar­auf hin, dass die kogni­ti­ven Kos­ten weit über das Mer­ken von Ter­mi­nen hin­aus­ge­hen. Stu­dien haben gezeigt, dass Per­so­nen, die beim „Cogni­tive Reflec­tion Test“ (einem Test zur Mes­sung des Ver­hält­nis­ses von ana­ly­ti­schem und intui­ti­vem Den­ken) schlech­ter abschnei­den, bei der Infor­ma­ti­ons­be­schaf­fung stär­ker auf ihr Smart­phone ange­wie­sen sind. Das sind Men­schen, die bei einem Pro­blem instink­tiv nach der schnells­ten Lösung suchen.

Diese Ten­denz wurde nicht durch die KI ver­ur­sacht. Men­schen nei­gen schon immer dazu, gedank­li­che Abkür­zun­gen zu neh­men. Doch die KI hat fast alle Hin­der­nisse besei­tigt. Man muss nicht mehr in die Biblio­thek gehen oder auch nur eine Such­an­frage ein­ge­ben. Man fragt ein­fach, und die Ant­wort erscheint genau so, wie man sie braucht.

Ich befürchte, dass Men­schen KI auf eine Weise nut­zen könn­ten, wel­che die Ent­wick­lung ana­ly­ti­scher Fähig­kei­ten behin­dert. Wenn Schü­ler oder Stu­den­ten durch­gän­gig KI nut­zen, um Auf­ga­ben zu lösen, frage ich mich, ob sie sich damit die Grund­la­gen aneig­nen, um ähn­li­che Pro­bleme spä­ter im Leben selbst­stän­dig zu bewäl­ti­gen.

Was geschieht mit Wis­sen ohne Erin­ne­rung?

Das klas­si­sche Argu­ment für das Aus­la­gern kogni­ti­ver Auf­ga­ben ist ganz ein­fach: Warum sollte man sich Fak­ten mer­ken, wenn man sie sofort nach­schla­gen kann? Man sollte seine geis­tige Ener­gie schließ­lich für kom­ple­xe­res Den­ken auf­spa­ren. Doch ich beginne zu den­ken, dass diese Argu­men­ta­tion die Funk­ti­ons­weise des Gehirns miss­ver­steht.

Wis­sen ist nicht von Den­ken getrennt. Es ist die Grund­lage, die Den­ken erfor­dert.

In jedem Fach­ge­biet scheint Fach­kom­pe­tenz davon abzu­hän­gen, dass große Men­gen an Infor­ma­tio­nen im Arbeits­ge­dächt­nis unmit­tel­bar ver­füg­bar sind. Diese Infor­ma­tio­nen sind nicht theo­re­tisch über eine Google-Suche abruf­bar, son­dern unmit­tel­bar im Kopf prä­sent. Ein Arzt, der einen Pati­en­ten dia­gnos­ti­ziert, ein Anwalt, der eine Argu­men­ta­tion auf­baut, oder ein Leh­rer, der eine Frage beant­wor­tet – sie alle sind auf die sofor­tige Ver­füg­bar­keit des rele­van­ten Fach­wis­sens ange­wie­sen.

Wenn man sich nur daran erin­nert, wo Infor­ma­tio­nen zu fin­den sind, sie aber nicht wirk­lich kennt, hat man die Illu­sion von Wis­sen ohne Sub­stanz. Meine Sorge ist, dass uns KI das Gefühl ver­mit­telt, sach­kun­dig zu sein, nur weil wir Infor­ma­tio­nen schnell abru­fen kön­nen. Das ermög­licht es uns jedoch nicht, das ver­in­ner­lichte Ver­ständ­nis zu ent­wi­ckeln, das echte Fach­kom­pe­tenz aus­macht.

Das Dilemma des klu­gen Men­schen

Intel­li­gente Men­schen ste­hen vor einem Para­do­xon. Einer­seits sind sie am bes­ten in der Lage, das Poten­zial der KI zu erken­nen und sie in ihre Arbeits­ab­läufe zu inte­grie­ren. Gleich­zei­tig sind sie aber mög­li­cher­weise auch am anfäl­ligs­ten für die damit ein­her­ge­hen­den kogni­ti­ven Belas­tun­gen. KI wird ihre Fähig­kei­ten zwar nicht beein­träch­ti­gen, sie könnte sie jedoch daran hin­dern, bestimmte Fähig­kei­ten zu ent­wi­ckeln.

Eine begabte Stu­den­tin, die ihre Refe­rate mit­hilfe von KI ver­fasst, kann zwar wei­ter­hin her­vor­ra­gende Arbei­ten ablie­fern. Doch sie wird nie­mals ihre eigene Stimme ent­wi­ckeln, die erst durch das Durch­ar­bei­ten Dut­zen­der Ent­würfe ent­steht. Ein talen­tier­ter Pro­gram­mie­rer, der Code mit­hilfe von KI gene­riert, kann Pro­dukte zwar schnel­ler auf den Markt brin­gen. Er erlangt jedoch nie­mals das tiefe struk­tu­relle Ver­ständ­nis, das ent­steht, wenn man jede Funk­tion selbst schreibt.

Das Ergeb­nis sieht genauso aus. Der Pro­zess bleibt unsicht­bar. Die nicht statt­ge­fun­dene kogni­tive Ent­wick­lung lässt sich erst viel spä­ter mes­sen, wenn diese Per­son mit einem Pro­blem kon­fron­tiert wird, das eine KI nicht lösen kann.

Die Frage, der wir aus­wei­chen

Das Pro­blem dabei ist, dass die­ses Wis­sen zu spät kommt, um noch prä­ven­tiv wir­ken zu kön­nen. Die Gene­ra­tion, die mit Smart­phones auf­ge­wach­sen ist, steht bereits im Berufs­le­ben. Die Schüler:innen, die der­zeit für jede Haus­auf­gabe ChatGPT nut­zen, ent­wi­ckeln kogni­tive Gewohn­hei­ten, die sich mög­li­cher­weise nur schwer wie­der umkeh­ren las­sen.

Ob diese Aus­wir­kun­gen dau­er­haft sind oder durch geziel­tes Trai­ning im spä­te­ren Leben gemil­dert wer­den kön­nen, ist noch unklar. Wir wis­sen auch nicht, inwie­weit KI-Unter­stüt­zung eher nütz­lich oder schäd­lich ist. Selbst über geeig­nete Metho­den zur Mes­sung kogni­ti­ver Fähig­kei­ten, die mög­li­cher­weise nach­las­sen, ver­fü­gen wir nicht, da stan­dar­di­sierte Tests nicht zwi­schen Per­so­nen, die gut den­ken, und Per­so­nen, die gut recher­chie­ren, unter­schei­den kön­nen.

Was wir jedoch fest­stel­len, ist ein Trend in der For­schung, der immer schwe­rer zu igno­rie­ren ist. Kogni­tive Ent­las­tung scheint süch­tig zu machen. Sie ist vor allem für Men­schen attrak­tiv, die ohne­hin schon gerne men­tale Abkür­zun­gen nut­zen. Mög­li­cher­weise ver­hin­dert sie sogar die Ent­wick­lung jener Fähig­kei­ten, die sie eigent­lich för­dern soll.

Für kluge Men­schen bedeu­tet dies, dass sie durch die Aus­la­ge­rung jener kogni­ti­ven Arbeit, die sie klug gemacht hat, still und leise ihre Fähig­keit zum eigen­stän­di­gen Den­ken ver­lie­ren wer­den – eine Fähig­keit, die KI noch immer nicht nach­ah­men kann. Die­ser Ver­fall wird sich nicht ankün­di­gen. Er wird ein­fach der Unter­schied sein zwi­schen der Per­son, die du hät­test wer­den kön­nen, und der Per­son, die du bist – eine Lücke, die du nie­mals mes­sen kannst, weil die alter­na­tive Ver­sion nie exis­tiert hat.

Möch­test du es her­aus­fin­den?

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